| Lasciate ogni speranza –
il giornalismo delle biblioteche non esiste...?
von Rainer Strzolka (info)
und Nicola Volckmann (info)

„Lasciate ogni speranza,
voi ch' entrate”[Fn1]
(Dante, Divina Commedia, Inferno 3, 9)
„Journalismus”: Das klingt nach leicht dahingeschriebenen
und oft blöden Texten. Tatsächlich steckt aber meistens
Mühe dahinter. Die Texte sind trotzdem oft blöd und nur
manchmal gut.
(Sibylle Hoffmann, Journalistin)
Warum und weshalb schreibt jemand
über Bibliotheken?
Bibliotheken sind übervoll mit Geschriebenem.
Weshalb schreibt dann noch jemand über Bibliotheken? Nun, zunächst
einmal tut es jedem Schreibenden gut, Geschriebenes zu mehren und
als Bibliothekar zu schreiben, ist ein besonders schönes Gefühl,
weil man um die Überflüssigkeit des eigenen Tuns Bescheid
weiß wie niemand sonst auf der Welt. Zu Schreiben ist, wie
Kinder zu zeugen. Wachstum vermittelt ein schönes Gefühl,
zumindest auf den ersten Blick. Nur wenige schauen genau hin, was
da wächst. Es ist gewiss, dass vieles geschrieben wird, was
besser nicht für die Nachwelt konserviert worden wäre;
und es ist sehr wahrscheinlich, dass vieles vom Besten, was je gedacht
wurde, niemals in einer Bibliothek Aufnahme fand.
Nur wenige, die über Bibliotheken schrieben,
können den Rang, ein Dichter oder zumindest ein Schriftsteller
zu sein, für sich beanspruchen. Jorge Luis Borges, Victor von
Scheffel, Karl August Barack, Umberto Eco, Erhart Kästner oder
Euphorion werden von schreibenden Bibliothekaren gerne als Kollegen
auf Parties erwähnt, um zu zeigen, aus welchem Holze sie geschnitzt
sind. Gottfried Wilhelm Leibniz gehört natürlich auch
dazu, er wird zwischen zwei L.-Keksen, nach dem vierten Cocktail
gerne als Kollege vorgestellt. Und Lessing. Und Casanova. Und Friedrich
Engels. Und der Schmidt. Der Schmidt ist ein Fachjournalist.[Fn2]
Die meisten Menschen, die über Bibliotheken schreiben,
sind lediglich Autoren, also die gleiche Kategorie von Schreibenden,
die Ratgeber („Wie organisiere ich mein Leben und nehme dabei
schnell ab“), Trivialromane und Gedichte im Stil der Allert-Wybranietz
und Gebrauchsanleitungen für Zahnbürsten oder elektronische
Dampfbügeleisen verfassen und Texte schreiben, wie ich sie
bei meinen neugekauften Geräten so liebe, beispielsweise: „CS2Exchange
Hülfen Sie, die CompuServe übergaben, E-mail legt zu Microsoft
Exchange, beim so Ausschließen Ihres Bedürfnisses, CompuServe
weichware zu benutzen, ab.“
Das sind die Autoren, die ich am liebsten lese. Sie
sind mit einem Diplom für Technisches Schreiben von einer Fachhochschule
ausgestattet und deshalb nicht für das Schreiben von Bibliotheksjournalismus
geeignet.
Unser Beitrag steht in einer Tradition investigativen
Journalismus’: 1976 stellte Hans Limburg seine klassische
Frage, die er auch gleich selbst beantwortete, weil es sonst niemand
tun wollte: „Die Bibliothekswissenschaft kam auf leisen Sohlen.
Ist sie nun wirklich da?“[Fn3]
Allein Limburgs Frage war bemerkenswert, denn: Wenn die Bibliothekswissenschaft
auf leisen Sohlen kam, dann muss sie zwingenderweise auch wirklich
dagewesen sein, und zwar schon zu Limburgs Lebzeiten. Ein Einbrecher,
der auf leisen Sohlen kam, ist da gewesen, was nach dem Erwachen
jeder erkennen kann, der nicht verstockt ist. Für Verstockte
schreibt der kultivierte Einbrecher, bevor er geht, „hic fuit“
auf den Badezimmerspiegel.
Warum steht so wenig von dem Dasein der Bibliothekswissenschaft
in unseren Zeitungen? Weshalb keine Titelseiten mit „Bibliothekswissenschaft
bricht orkanartig über Dudenbostel herein“?
Nicht mal in den USA, home of the
brave and the free und Paradies der Bibliothekswissenschaft, findet
man Kulturzeitschriften mit Überschriften wie „It was
a hot August night with sultry weather, when library science came
to us like an earthquake; whoam! broaaam!! zooom!!!“; mit
Bildern von schneidigen investigativen Bibliothekswissenschaftlern,
die jedes Jahr zum Weihnachtsgeschäft mit Pulitzerpreisen überhäuft
werden. In Deutschland kommen Bibliotheken nicht mal im Fernsehen
vor.
Bibliothekszeitschriften haben kleine Auflagen und werden von wenigen
gelesen. Sie schreiben über nichts anderes als über Bibliotheken.
Was schreiben Zeitungen in Millionenauflagen über Bibliotheken?
Sie schreiben wenig. Bibliotheken erscheinen dort, wenn vor ihrer
Tür jemand ermordet wird – meist nicht von einem Bibliothekar
– oder wenn eine Gefängnisbücherei einen Preis für
die kleinste Altpapiersammlung erhält. Das Gefängnis,
nicht die Bibliothek, ist das tragende Element der Meldung. Was
erzeugt in den Medien Interesse? Prominenz, Nähe, Gefühl,
Sex, Fortschritt, Folgenschwere und Wichtigkeit, Konflikt und Kampf,
Dramatik, Kuriosität[Fn4].
Bibliotheken haben von diesen Eigenschaften nur wenige. Seit Bibliotheken
sich als moderne Dienstleistungsbetriebe geben, sind sie nicht einmal
mehr kurios. Gibt es keinen Bibliotheksjournalismus, weil Bibliotheken
Kommunikationszentren sind, und Journalismus eine kommunikative
Einbahnstraße ist?
Andere Fächer wie die Astrologie finden
Raum in unseren Medien und gebären Stars, die nur mit der Kraft
ihres Geistes Löffel verbiegen und den Weltuntergang sekundengenau
vorhersagen können. Vielleicht gebiert die Bibliothekswissenschaft
keine kommerziellen Giganten, weil es an einem professionellen Bibliotheksjournalismus
fehlt, und wir Bibliothekare eine ruhmvolle Fachliteratur haben,
aber keinen Journalismus, wie wir ihn verdient hätten.
Limburgs Beitrag war Journalismus, denn er erforschte
wenig. Wir modifizieren sein Vorbild, und fragen, ob es so etwas
wie Bibliotheksjournalismus in Deutschland überhaupt gibt.
Andere europäische Länder haben mittlerweile auf jedem
Gebiet Vorsprung. Es gibt dort gelungene Beispiele für massenmediale
Kampagnen für Bibliotheken, auch wenn solche Beispiele rar
sind. Bibliotheken haben anderswo in Europa aber eine stärkere
Lobby als bei uns.[Fn5]
Kaum jemand in Deutschland interessiert sich
für Bibliotheken. Sie sind ein Mikro-Thema. Wer über Bibliotheken
schreibt, muss sich entschließen, gratis zu arbeiten. Die
bestbezahlten Journalisten Deutschlands arbeiten bei BILD. Sie dichten
Überschriften wie „Kaum gestohlen – schon in Polen“,
„Endlich Merkel Kanzler“, „Wir sind Papst“
oder „Killer Kometen schießen zurück“. Aber
was reimt der Gratisjournalist auf „Bibliothek“, damit
sich verkauft, was er schrieb? Reimt man Beleg? Glyptothek? Hypothek?
Kartothek? Privileg? Sakrileg? Gar „Steak“? Bibliotheken
und Medien passen zusammen. Medium bedeutet für die meisten
Menschen soviel wie „Steak, mittelmäßig durchgebraten“
– im Zeitalter von Rinderwahn ein zugkräftiges Thema
für die Presse.
Unser Thema erfordert einen anderen, BSE-freien Zugang.
Fangen wir bei uns selbst an: Welche Eigenschaften sollte ein Bibliotheksjournalist
haben? Komplexe Themen verlangen vielschichtige Persönlichkeiten.
Der perfekte Bibliotheksjournalist ist Aktivist. Er ist Alchimist,
weil er aus dem Nichts an öffentlichem Interesse eine Meldung
machen kann (vgl. opus magnum). Wenn er die Schließungen von
Bibliotheken für die öffentliche Meinung schön färbt
(politische Niedertracht wird gerne „Sachzwang“ genannt),
ist er Anästhesist. Weil Schreiben ein einsames Geschäft
ist, ist er Autist. Er „journalistet“ befristet als
Volontär bei kostenlosen Reklameblättern: „Die Stadtbibliothek
Marzahn begrüßte ihren 100. Besucher seit der Wende.
Die Redaktion gratuliert.“
Ein Kennzeichen des Bibliotheksjournalisten ist oft
Anonymität – wer über sehr brisante oder sehr langweilige
Themen schreibt, verweilt gerne im Clandestinen. Er geht auf die
Geselligen Abende der Ortsliga von Anonymous Library Journalists
(ALJ) und spricht mit Leidensgenossen über seinen Beruf. Berauschende
Getränke sind dort Pflicht.
Was für Menschen sind Bibliotheksjournalisten?
Journalisten, die eine Bibliothek das letzte Mal in
ihrem Studium aufgesucht haben? Oder Bibliothekare, die ihr karges
Salär am Feierabend aufbessern, und dabei dann aber nichts
über Bibliotheken schreiben, weil man mit Texten über
Bibliotheken eine Familie genauso wenig ernähren kann wie als
Bibliothekar? Sie schreiben dann historische Romane, oder Groschenhefte
wie der Unterzeichnete („Nur die Sterne schauen zu“).
Oder Erotika unter Pseudonym. Es gibt gute Journalisten, die hauptberuflich
als Bibliothekare arbeiten, in der Bibliothek geistig überwintern
und denen ein Endorphinrausch durch das Vas sanguineum braust, sowie
sie die Stempeluhr hinter sich gelassen haben und sich der Kunst
des Schreibens hingeben. Die besten solcher Freizeitjournalisten
sind jene, die in ihrem Amt nicht mal einen Anschlag verfassen dürfen,
ohne dass er von Vorgesetzten genehmigt werden muss:
Solche Leute schreiben dann Bestseller, ohne dass
der Vorgesetzte dies auch nur ahnt. Freud nannte so etwas Sublimation;
zweifellos gelungen, wenn anstelle eines zu genehmigenden Aushangs
500 Seiten Bestseller entstehen, die der Vorgesetzte gar nicht genehmigen
darf, weil sich der Autor selbst autorisiert, denken zu dürfen.
Das ist eine Spielart von Bibliotheksjournalismus. Und es gibt Journalisten,
die sich lieber von Hooligans verprügeln lassen, anstatt eine
Bibliothek zu betreten, um über die neue Ausleihverbuchungsanlage
in einem Vierzeiler zu berichten. Das Feld des Bibliotheksjournalismus
ist schwerer zu beschreiben als das des Kriegsreporters oder des
Paparazzo, denn es ist vage.
Was wäre typisch für Bibliotheksjournalismus?
Typisch für Journalismus ist die Arbeit
mit verschiedenen Darstellungsformen: Er informiert, ist allgemeinem
Interesse verpflichtet. Er ist verständlich, bemüht sich
um Objektivität. Er arbeitet mit Bericht, Reportage, Feature,
Interview, Umfrage, mit analysierenden Beiträgen und Korrespondentenberichten.
Er bietet den Kommentar, die Glosse, die Kritik, die Rezension.[Fn6]
Was hat Bibliotheksjournalismus von all dem?
Bibliotheksjournalismus beginnt bei der Gestaltung
der eigenen Katalog-Startseite.
Das Fixieren der Idee, die Pointierung eines Zustandes
eher als eines Umstandes, die Suche nach der richtigen Formulierung.
Ein Kriterium für guten Journalismus ist Verständlichkeit.
Es gibt Arbeiten an der Grenze zwischen Fachliteratur
und Journalismus, in denen wimmelt es von Begriffen wie Aufstellungssystematik,
Bandkatalog, Document Delivery, Inkunabel,
Lieferungswerk, Trunkierung, Mechanische Aufstellung,
Mikroform, Monographie, Chrestomathie,
Numerus Currens, Akzessionsjournal, Rara,
Sekundärliteratur, Sigel, Sonderstandort,
Fehlertoleranter Suchprozess, AACR, Lernsystem
Information Retrieval etc.) hat nichts mit alkoholisch bedingtem
Delirium zu tun; jedenfalls nicht immer. Es ist unerforscht, wie
sich der Alkoholismus bei den Berufsgruppen Bibliothek, Journalist
und Bibliotheksjournalist verteilt. Es bieten sich hier Themen für
Bachelorarbeiten an ehrwürdigen Fachhochschulen, an denen man
Professor für Informationswissenschaft wird, weil man außer
Google noch Yahoo kennt.
Das oben geschilderte Terminologieaufkommen
ist eine Form von schlechtem Bibliotheksjournalismus, die ihrerseits
Sekundärjournalismus zur Folge hat und sich damit potenziert.[Fn7]
Der Sekundärjournalismus, der sich die Kritik an der Unverständlichkeit
bibliothekarischer Websites auf die Fahne schrieb, schrieb seinerzeit
Sätze wie „Die unzureichende Accessibility und damit
verbunden die Usability resultiert zum Großteil aus der Objektorientierung
der bibliothekarischen Websites.“[Fn8]
So etwas las auch die bibliothekarische Kundschaft
solcher Autoren nicht, nachdem erst einmal klar geworden war, dass
die Öffentlichkeit OPAC-Texte nicht versteht, die die Bibliothekare
dichten. Das ist nichts für Leser, sondern es ist kritische
Fachliteratur. Es tut so, als wäre es wissenschaftliches Schreiben.
Es ist gut gemeint. Es ist an der Grenze zur unbeabsichtigten Satire.
Beabsichtigte Satire wird gar nicht als solche wahrgenommen in der
Welt der Bibliotheken.[Fn9]
Ist das wirklich kritische Fachliteratur? Ist das
Bibliotheksjournalismus? Oder sein Gegenbild? Was ist in dieser
Situation, wo man so etwas lesen muss, das Abstrakte, also der Journalismus
und was das Konkrete? Fällt beim Bibliotheksjournalismus das
Abstrakte und das Konkrete zusammen? Damit wäre er einmalig
in der Schöpfungsgeschichte. Oder ist die Bibliothek das Abstrakte
und der Journalismus darüber das Konkrete?
Dass es so etwas wie bibliothekarische Fachliteratur
gibt, ist unbestritten, auch wenn einer meiner akademischen Lehrer,
Frank Heidtmann, einmal sagte, sie bestünde in der Regel aus
„How-we-do-it“-Texten und seien deshalb der niedrigsten
Kategorie zuzurechnen. Fachliteratur zeichnet sich bekanntermaßen
durch einige Merkmale aus, die sie von der Schönen Literatur,
die Sie gerade lesen, unterscheidet.
Schöne Literatur gibt es also. Fachliteratur
gibt es auch. Es gibt zahllose Formen von Bindestrich-Journalismen.
Es gibt Online-Journalismus (Bibliotheken sind online); Fernseh-Journalismus
(Bibliotheken sind reizvoller als Fernsehen), politischen Journalismus
(Bibliotheken sind als Bildungsinstitutionen politisch); –
der Beispiele wären endlos mehr. Aber: Einen Einwohnermeldeamts-Journalismus
gibt es nicht; ebenso gibt es keine Forderung nach einer Einwohnermeldeamts-Wissenschaft.
Es gibt aber eine Bibliothekswissenschaft. Schlussfolgerung wäre,
dass es dann auch einen Bibliotheksjournalismus geben wird.
Betrachtet man den Istzustand, so könnte
man leicht meinen, Bibliotheksjournalismus sei ein Fabelwesen.
Wie das Ungeheuer von Loch Ness taucht die Diskussion
um seine Existenz alle paar Jahre auf und versiegt dann wieder.
Die Library Information Science and Technology Abstracts,
LISTA, kennen im Juni 2007 für die gesamte Berichtszeit seit
Mitte der sechziger Jahre ganze acht Artikel über Bibliotheksjournalismus.
Anders als bei dem Ungeheuer von Loch Ness ist die Existenz dieser
acht Artikel belegt.
Bibliotheksjournalismus ist den seltenen Berufen zuzurechnen.
Möglicherweise ist er eine sehr geheime Disziplin. Zu Bibliotheken
und Freimaurerei, einer anderen geheimen Disziplin, hat LISTA für
den gleichen Zeitraum ganze neun Nachweise. Da es die Freimaurerei
tatsächlich gibt, ist es glaubwürdig, dass es auch den
Bibliotheksjournalismus gibt. Es ist zu vermuten, dass er noch geheimer
als diese ist – es gibt einen „Freimaurerischen Bibliotheksverein“,
einen Verein der Bibliotheksjournalisten aber kann man nirgendwo
finden. Eventuell werden es künftig mehr Bibliotheksjournalisten
werden, weil die Bibliotheken verschwinden; so wie die Geländewagen
bei stetig schwindendem Gelände auch immer mehr werden.
In einer Zeit, in der Bibliotheken zunehmend
an Stellenwert verlieren, wäre es fast ehrenrührig, „Bibliotheksjournalist“
auf seiner Visitenkarte stehen zu haben. Genauso gut könnte
man „Anthropophage“ dorthin schreiben.[Fn10]
Deshalb gibt es auch noch keinen akkreditierten Studiengang für
Bibliotheksjournalisten. Journalismus und Bibliothek nähren
jeweils für sich die für sie Arbeitenden nur kärglich.
Die Addition der Berufsfelder führte direkt ins finanzielle
Nichts. Außer bei bibliothekarischen Fachzeitschriften gähnt
jeder Redaktionsleiter, wenn jemand einen Beitrag über Bibliotheken
zum Druck anbietet. Innerhalb der Bibliotheken sind schreibende
Bibliothekare noch verdächtiger als Leser.
Bibliothekare sammeln, ordnen und klassifizieren Wissen,
verändern sich dabei aber stetig. Über Bibliotheken zu
schreiben bedeutet, ein wenig von der Arbeit in ihnen statisch zu
überliefern. Das Schreiben über Bibliotheken ist seinerseits
Veränderungen unterworfen: Vor zwanzig Jahren hatten wir Bibliotheksleiter,
die sich ihre Stellen erschrieben: nach zehn Aufsätzen und
zwei Büchern war die Karriere gesichert; ein akademischer Selbstläufer.
Heute schreiben nur noch wenige Direktoren, weil sie Manager geworden
sind. Und Manager schreiben wenig. Schreiben über Bibliotheken
ist eine Domäne des Nachwuchses geworden, der seine kreativen
Inputs für die Ernte durch andere zur Verfügung stellt.
Kreative Inputs gehören nicht unbedingt zu dem, was bei Personalchefs
als positiv gilt. Wer schreibt, gilt als autonom, und so etwas kommt
nicht gut an.
Stellenausschreibungen sind eine Form bibliothekarischen
Journalismus, oft mit der Freiheit des Regenbogens formuliert: „Erwünscht
wird Eigeninitiative, Kreativität und soziale Kompetenz.“
Wehe dem, der auf diese Form von Journalismus hereingefallen ist
und seine Kreativität in den Berufsstand einbringen möchte.
Die so frisch gedichteten Eigenschaften sorgen für jede Menge
Ärger in der bibliothekarischen Praxis. Wer kreativ ist, werde
nicht Bibliothekar, sondern Journalist und schreibe nie über
Bibliotheken.
Kreatives bibliothekarisches Schreiben führt
nie zu einer Arbeit in einer Bibliothek. Es kann gelingen, obwohl
man in einer Bibliothek arbeitet. Die Existenz Auge in Auge mit
der Realität kann sogar für fast klassisch werdende Texte
sorgen. Die erste Veröffentlichung eines unbekannten Verfassers,
„Katalogzettels Traum – ein bibliothekarischer Karriereführer“
kursiert noch heute unter den Bänken aller bibliothekarischen
Ausbildungsstätten.
Seine umfassende Präsenz und sein Wahrheitsgehalt
haben allerdings alle Karriereversuche des Verfassers sabotiert.
Solche Erfahrungen zeigen, dass bibliothekarisches Schreiben entgegen
aller Behauptungen Wirkung zeigt. Bibliothekarisches Schreiben ist
trotzdem noch kein Journalismus. Bibliothekarisches Schreiben ist
auch die Abfassung einer Titelaufnahme; eine unentbehrliche Tätigkeit
für die Existenz einer Bibliothek, über die man bibliotheksjournalistisch
reflektieren könnte als bescheidener Versuch, die Welt zu erklären.
Während der Bibliotheksjournalist noch gar nicht
wirklich existiert, sind die Tage des klassischen Bibliotheksautors
gezählt. Wir haben den Anblick einer aussterbenden Spezies
vor uns. Jeden Tag sterben hunderte von Tier- und Pflanzenarten
aus. Irgendwann ist auch er dran. Aussterben ist vornehm, wusste
schon der alte Graf Keyserling. Warum wird der Bibliotheksautor
aussterben? Weil das Web 2.0 Myriaden von Amateuren hervorbringt,
welche zwanghaft und dilettantisch alle nur denkbaren Inhalte und
Pseudo-Inhalte katalogisieren, sortieren, kommentieren und verderben
und die Erinnerung an solide bibliothekarische Arbeit derartig mit
Unrat überziehen, dass es bald nichts mehr geben wird, worüber
ein Bibliotheksautor wird schreiben können, weil der Unsinn,
das Internet sei die größte Bibliothek der Welt zum allgemeinen
Glaubenssatz mutiert sein wird.
Die Frage, die die Bibliothekare meiner Generation
so oft gehört haben, „Was, Sie sind Bibliothekar? Das
kann ich auch, ich lese so gerne!“ wird ersetzt werden durch
„Was, Sie sind Fachreferent? Ach, ich bin auch im Web 2.0
und lese im Google.“ In einem solchen gesellschaftlichen Umfeld
wird es in einer Generation nichts mehr über Bibliotheken zu
schreiben geben. Über den Zerstörungsvorgang der Bibliotheken
durch Politiker gälte es für eine Weile noch zu schreiben,
solange sich noch ein paar Leser und pensionierte Bibliothekare
an die Existenz solcher Einrichtungen erinnern können und niemand
mehr zu Wahl geht, um Demonteure sozialer Errungenschaften zu wählen.
Bibliothekarische Arbeit ist nicht spektakulär.
Sie ist im Idealfall einmal auf Langzeiträume hin orientiert
gewesen, als kulturelles Gedächtnis einer humanen Gesellschaft
angelegt.
Bibliotheksjournalismus ist, wo es ihn gibt, immer
auf das Aktuelle beschränkt, er berichtete von der Eröffnung
einer Jugendbibliothek oder der Abwicklung einer Stadtbibliothek.
Seine Texte sind schnell vergessen. Moderne bibliothekarische Arbeit
hat von diesem Journalismus die Schnellebigkeit übernommen.
Bibliotheken verstehen sich kaum noch als kulturelle Instanz, sondern
als dem Aktuellen verhaftete, hektische Dienstleistungsbetriebe,
bei denen die Erfüllung auch absurdester Wünsche der zahlenden
Kunden Priorität hat. Diese Veränderung des Aufgabenspektrums
hat wiederum eine Veränderung des Bibliotheksjournalismus zur
Folge gehabt, der sich immer weiter in Diskussionsforen zurückzieht,
in Mailinglisten und Newsgroups, auf eine Medienoberfläche,
die noch viel schnellebiger ist als der traditionelle Journalismus.
Auch bei den Online-Zeitschriften des Faches weiß
niemand, wie lange sie existieren werden. Werden sie vom Netz genommen,
ist der gesamte in ihnen gespeicherte Fundus an Wissen binnen kürzester
Zeit vergessen.
Bei aller Flüchtigkeit bibliothekarischen Journalismus
gibt es aber immer wieder auch bei ihm Texte, die einen in eine
andere Welt befördern. Bei all dem Gerede vom Ende der Lesekultur
gibt es Sätze, die einen zum Verstummen bringen. Niemand, der
bibliothekarische Fachliteratur schreibt, ist wirklich dazu bereit,
den Unkenrufen vom Verschwinden der Lesekultur wirklich zu glauben.
Täte er dies, würde er Texte schreiben, von denen wahrscheinlicher
ist, dass sie dauerhaft sind; beispielsweise Lyrik für Gesangbücher.
Jeder der bibliothekarische Texte schreibt, träumt insgeheim
davon, wenigstens einen Satz von zeitloser Schönheit zu dichten,
der nicht klingt wie:
„Variante Herausforderung wäre die borderline
zwischen den Methoden der Informationsorganisation in User-Intermediary-gestützten
environments und Bibliothekskatalogen einerseits und genuinen
WWW-basierten Informationsressourcenenvironments um einige der
fundamentalen Differenzen outzuworken sei es im Bereich der Information-user-intermediary-environmentsunits
selbst und des styles, wie diese konzeptualisiert sind,
hinsichtlich der Methoden, mit denen diese identifiziert und referenziert
werden, oder unterschiedlichen Formen der Zusammenarbeit und der
sozialen Interaktion in beiden Welten.“
Das ist Sozialpädagogengeschwätz und kein
Bibliotheksjournalismus. Solche Prosa ist wie jene des sozialistischen
Realismus.
Was hat man von bibliothekarischem Schreiben?
Nun, sofern man Bibliothekar ist, zum Einen Selbstreferenzierung
innerhalb des Berufsstandes. Wenn man kein Bibliothekar ist, wird
man eines Tages den Publizistenpreis des Deutschen Bibliotheksverbandes
bekommen, weil nur wenige außerhalb der Bibliotheken über
Bibliotheken schreiben. Zur Erlangung dieses Preises genügt
es grundsätzlich, einen Beitrag über Bibliotheken veröffentlicht
zu haben. Dass dieser Beitrag fundiert recherchiert und anregend
sein soll, ist eine schöne Forderung des Deutschen Bibliotheksverbandes,
der von Weltniveau zeugt.
Investigativer Bibliotheksjournalismus?
Investigativer Journalismus braucht einen Gegner
von Gewicht. Ein Literaturkritiker wird sich nicht an Agnes Miegel
reiben, sondern sie schlicht ignorieren. Wo aber sind die Gegner
der Bibliotheken? Die Bibliothekare sind es zweifellos nicht. Die
Bibliotheksdirektoren sind es auch nicht. Auch nicht die Bibliotheksmanager.
Sie sind keine bösen Menschen, und sie haben wenig Macht im
Vergleich mit anderen Managern. Investigativer Journalismus richtet
sich aber traditionell gegen Macht und sollte sich gegen Politiker
richten. Da er aber viel zu spät entstehen wird, haben diese
dann längst abgewickelt, wofür zu kämpfen sich gelohnt
hätte. Und wenn man gegen Politiker schreibt, so ist zu bedenken:
In der Politik ist geistiges Gewicht selten. Wie aber schreibt man
gegen das pure Mittelmaß an? Mittelmaß ist zerstörerisch,
weil es so sanft die Substanz des Wertvollen erodiert, ohne dass
es jemand bemerkt. Es ist leicht, gegen Direktoren anzuschreiben,
die mittelalterliche Zimelien tonnenweise in das Altpapier werfen
oder ins Antiquariat schleppen. Aber es ist schwer, sich journalistisch
mit dem Mittelmaß auseinanderzusetzen, welches in Rara-Kommissionen
sitzt und nicht die geringsten Kenntnisse von Papierarten, Raumtemperaturen
oder Luftfeuchtigkeit und deren Zusammenspiel hat.
Vielleicht gibt es Hoffnung oder gar eine zweite
Kulturrevolution. Bei der ersten deutschen Kulturrevolution ist
das ganze Land von der Currywurst zum Döner konvertiert. Vielleicht
lesen die Deutschen irgendwann auch lieber Bibliotheks-, als Regenbogenjournalismus.
Es würde dem Land auf dem Weg der Entwicklung hin zu einer
wahren Kulturnation gut tun.
Wie ist die Präsenz von Bibliotheken
in den Veröffentlichungen auflagenstarker Medien?
Gemeint sind hier nicht die Fachpublikationen, sondern
überregionale Tageszeitungen und Zeitschriften, die den Markt
bestimmen. Für das Stichwort „Bibliothek“ gibt
es Treffer. In den meisten Fällen sind allerdings 95 Prozent
ebenso irrelevant wie rein zufällig und tragen Titel wie „Teuerer
Sport: im Fitness-Club der Millionäre“, „SMS Bibliothek:
tipp dich reich!“ oder „2000 Jahre Medizingeschichte:
Schatzkiste der Anatomie“. Ist das Bibliotheksjournalismus?
Wohl kaum. Aber die Tatsache, dass der Anteil relevanter Artikel
derartig gering ausfällt, wirft ein Licht auf die Bedeutung
des Themas in der aktuellen Medienlandschaft. Sie ist gering. Verschwindend
gering. Dennoch gibt es, wenn auch nur zum Bruchteil, relevante
Veröffentlichungen.
Der Berliner Tagesspiegel hat in den letzten Jahren
rund 750 Mal in irgendeiner Form über Bibliotheken berichtet;
überwiegend davon allerdings in einem Satz wie „Stadtbibliothek
Schöneberg-Süd soziales Problemzentrum“. Ist so
etwas Bibliotheksjournalismus? Und ich erinnere mich an einen Artikel
in der taz, der davon handelte, dass eine nette Bibliothekarin einem
Benutzer wünschte, er möge wiederkommen, was dieser zu
tun beteuerte. Ob er jemals wiederkam, stand aber nicht in der taz,
die doch sonst allen Trivia auf den Grund und ihren Lesern auf den
Nerv geht.
Fündiger wird man zum Beispiel in der ZEIT, die
im Laufe der letzten Jahre 2264 Artikel zum Thema veröffentlicht
hat. Darunter finden sich Themen, die dem Stichwort „spektakulär“
zuzuordnen sind, wie etwa der Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
in Weimar oder die Büchervernichtung in der Bibliothek Ingolstadt-Eichstätt.
Dem widmen sich auch andere Medien, wie etwa die Süddeutsche.
Unter den 424 Treffern zum Stichwort „Bibliothek“ befasst
sich eine Vielzahl der Autoren mit „Anna Amalia“ aber
auch dem Fall Eichstätt.
Die Tatsache der 424 Treffer der Süddeutschen
ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass es die Buchreihe
der „Jungen Bibliothek“ der Zeitung gibt, die mit Bibliotheksjournalismus
gar nichts zu tun hat.
Im FAZ-Archiv gibt es über 3800 Artikel, die
sich neben den spektakulären Themen auch mit kleinen Bibliotheken
befassen, Porträts schreiben, Qualität beurteilen und
auch mal nach verschwundenen Büchern suchen. Die Trefferquote
nach wirklich relevanten Artikeln fällt jedoch gering aus.
Aber in der FAZ ist sie immer noch höher als im Stern mit 366
irrelevanten Treffern, hinter denen sich unter dem Stichwort „Bibliothek“
Artikel wie „Oops, we did it!“ mit Kinderkriminalität
oder „Whoop! Bamm! Flamm!“ mit Osama Bin Laden als Comic-Figur
befassen. Bibliotheken sind für den Stern offensichtlich kein
Thema.
Und auch in der taz finden sich ausschließlich
irrelevante Treffer, bei denen Bibliotheken irgendwie im Zusammenhang
mit „Ferienhäusern und Freizeitbooten“ stehen.
Es sollte noch erwähnt werden, dass selbst in der Bild-Zeitung
107 Bibliotheks-Treffer verzeichnet werden können, die allerdings
vornehmlich mit „Der erotischen Bibliothek“ der Bild
in Zusammenhang stehen.
Wie aber setzen sich die Medien mit dem Thema „Bibliothek“
auseinander? Was muss eine Bibliothek haben, damit sie für
einen Journalisten interessant wird? Sie muss zum Beispiel abbrennen.
Der Fall „Anna Amalia“ brachte das Thema in alle relevanten
Medien. Ganze Serien wurden zum Thema verfasst. Die Zerstörung
einer renommierten Einrichtung, herrlich, zumindest für den
Reporter. Journalisten suchen Geschichten, hier hatten sie eine.
Nicht ganz so spektakulär, aber immerhin ein Skandal, war die
Büchervernichtung von Werken der Kapuziner Bibliothek in Eichstätt-Ingolstadt.
So schrieb die ZEIT („Rettet die Bücher!“, 7.3.2007):
„Weil Klöster und Orden sparen müssen,
verkaufen sie ihre kulturhistorisch wertvollen Büchersammlungen.
So manches Exemplar landet bei eBay. Die Katholische Universität
(KU) Eichstätt-Ingolstadt warf kürzlich sogar über
100.000 wertvolle Bücher in den Müll. Sie gehörten
zu einem Bestand von etwa 420.000 Bänden, welche der KU vor
Jahren von der Zentralbibliothek der Kapuziner in Altötting
überlassen worden waren.“
Die Aufregung, die durch die gesamte Presselandschaft
ging. Vernichtung von Kulturgut und menschliches Versagen sind also
ein ergiebiges Thema. Skandal-Themen wie diese zogen sich durch
die Presse und beweisen, dass die Verknüpfung von Bibliothek
und Spektakulärem funktionieren kann. Die Süddeutsche
befasst sich mit Bibliotheken ausschließlich im Zusammenhang
mit Spektakulärem. Hört das jedoch auf, lichtet sich plötzlich
die Berichterstattung. Hier wird es merklich stiller, die Süddeutsche
behilft sich dann mit einem weiteren Kriterium: große Namen.
Renommierte Institutionen, wie zum Beispiel das Berliner Humboldt-Forum,
das umgebaut wurde, Bibliotheken in großen Metropolen oder
die Bibliothek im Vatikan. Berichtenswert ist also das große
Vorzeigeobjekt. Bibliotheken im Ausland, wie etwa die Kennedy-Bibliothek
in den USA, die mit JFK-Dokumenten online gehen will.
„Online gehen“ und Digitalisierung scheinen
weitere Themen zu sein, die Bibliotheken für Medien interessant
machen. Sobald ein Dokument oder ein Katalog online erscheint, ist
die Bibliothek der Gegenwart wieder angepasst und berichtenswert.
Die ZEIT schrieb bereits in den 1990ern:
„Es trifft sich also gut, daß im Bereich
der Schriftlichkeit zur Zeit die dramatischste Umwälzung
nicht seit Gutenberg, sondern seit Sumer im Gange ist: daß
Text sich in einem anderen, unmateriellen Aggregatzustand aufbewahren,
weitergeben und erschließen läßt, dem elektronisch-digitalen.
Die Bibliothek der Zukunft wird zu einem großen und sich
rasch ausweitenden Teil eine digitale sein.“
„Online gehen“ scheint besonders für
das Nachrichtenmagazin Spiegel ein Kriterium für Bibliotheken-Berichterstattung
zu sein, etwa in „Öffentliche Konkurrenz für Google“
(Spiegel, 6.4.2007), wo über die Digitalisierung deutscher
Bibliotheken berichtet wird. Des Weiteren taucht das Suchwort „Bibliothek“
im Spiegel vor allem als „Internet-Bibliothek“, „SMS-Bibliothek“
oder unter dem Titel „Web-Nutzer füttern die digitale
Bibliothek“ auf. Eine Bibliothek ist nur dann gut, sobald
sie digital bzw. online ist, ist das das Credo der Journalisten?
Nicht ganz.
Kritisiert wird zum Beispiel auch der Umgang mit Kulturgütern
wie in „Landesherren einst und jetzt“ über das
Haus Baden (ZEIT online 2.10.2006). Robert Leicht schreibt:
„Gewiss, die Frage, wie mit den Bibliotheksbeständen
aus dem Hause Baden umzugehen ist, bleibt rein juristisch überaus
kompliziert. Dass wichtige Bestände dieser Kulturgüter
einfach verkloppt werden sollen, um eine private Familie und deren
überdimensionierten Familiensitz zu sanieren, bleibt aber
dennoch ein Skandal.“
Aber auch die FAZ sorgt sich immer wieder um Kulturgüter
und die Schließung von Bibliotheken.
So schreibt Hans Riebsamen in „Schulbibliotheken:
Mangelhaft“:
„Büchereien sind eine freiwillige
Leistung der Kommunen – und genau deswegen sind die Frankfurter
Lokalpolitiker während der Haushaltskrise vor vier Jahren mit
dem Messer auf die städtischen Bibliotheken losgegangen. Zum
Glück haben sie nicht das Allerschlimmste anrichten können,
„nur“ zwei Stadtteilbüchereien mussten geschlossen
werden, und der Exitus einer weiteren steht noch aus.“ (FAZ
17.7.2007)
Vor allem in der ZEIT setzen sich Autoren immer wieder
kritisch mit dem auseinander, was Bibliotheken und Büchern
drohen könnte. So etwa in dem Artikel „Bibliotheks-Schließungen
- Bibliotheken funken S.O.S.“ (ZEIT, 19/1995). Rolf Michaelis
schreibt:
„Wehe, ein armes, kleines Kultur-Institut,
ein Haus voll Bücher etwa, fügt sich nicht in das Kosten-Nutzen-Korsett.
Da zeigen sie mannhaft Stärke, unsere Verschwendungs-Politiker
als Sparkommissare.“
Es fällt auf: Berichtenswert ist, wenn es den
Bibliotheken schlecht geht. Sei es durch Unglücke oder Sparpolitik.
Demnach müsste Bibliotheksjournalismus eigentlich Konjunktur
haben. Ganz so ist es nicht.
Im Jahr 2001 berichtete die Süddeutsche über
ein Phänomen: Schlafen in Bibliotheken. Ein Franzose hatte
die zwölf beliebtesten Schlummerecken im New Yorker Gebäude
der Vereinten Nationen aufgedeckt. Weit oben auf der Liste stand
die Bibliothek. Das Phänomen des Bibliothekenschlafs war so
ergiebig, dass noch eine weitere Veröffentlichung hinzukam.
So gibt es einen Artikel über einen amerikanischen, armen Studenten,
der in einer Bibliothek übernachtete, die Uni-Bibliothek, die
als liebster Schlummerplatz gilt. Unter dem Titel „Armer Student
schläft in Uni-Bibliothek“ (Süddeutsche 28.04.2004)
stand folgende Geschichte:
„Steve Stanzak, Student im Fach "Kreatives
Schreiben’, hat seine Zwangslage zum Thema gemacht: Aus
Geldmangel schlief er in der Bibliothek der New Yorker Uni - und
berichtete darüber im Internet. Acht Monate kostenloses Wohnen
in der Hochschul-Bibliothek haben einem Studenten der New Yorker
Universität eine reguläre Gratis-Unterkunft und landesweite
Berühmtheit beschert.“
Die New York Times hievte die Lebensweise von Sophomore
Steve Stanzak sogar auf ihre Titelseite. Wenn es der Bibliothekenschlaf
sogar bis auf die Titelseite der Times schafft, sollte man das Thema
„Kurioses“ im Zusammenhang mit Bibliotheken nicht unterschätzen.
Zusammenfassend lässt sich also sagen: Damit
Bibliotheken interessant werden, muss es ihnen schlecht gehen, durch
Brände, menschliches Versagen oder Sparpolitik. Oder sie müssen
einen großen Namen haben, ein Renommier-Objekt, das möglichst
online geht. Hilft das alles nichts, gibt es noch die kleinen bunten
Geschichten. Das ist alles. So jedenfalls stellt es sich dar, wenn
man die Veröffentlichungen der letzten Jahre vergleicht. Die
eben genannten Kriterien treffen übrigens nicht nur auf Bibliotheken
zu, sondern auf jedes journalistische Ressort.
Gibt es nun einen Bibliotheksjournalismus und wie
sieht er in der Medienlandschaft aus? Politik und Wirtschaft nehmen
den weitaus größten Teil der überregionalen Berichterstattung
ein. Es folgt mit einem Bruchteil das Feuilleton. Ein weiterer Bruchteil
davon ist das Thema „Literatur und Wissenschaft“, davon
ein Extrakt sind schließlich Bibliotheken. Daraus ein eigenes
Ressort und einen ganzen Berufsstand folgern zu wollen, wäre
schlicht vermessen. Ein Beispiel: Das FAZ-Online-Archiv umfasst
1,75 Millionen Artikel. Davon haben 3800 das Stichwort „Bibliothek“.
Wie bereits anfangs erwähnt, sind etwa davon nur etwa 50 relevant.
Die Gesamtheit aller relevanten Bibliotheksartikel bildet also 0,0029
Prozent aller Veröffentlichungen. Würde man die Zeilenzahl
an Veröffentlichungen dieses vermeintlichen Ressorts auf eine
Tagesausgabe beziehen, wären das 3,5 Zeilen. Das ist die Relevanz
des Bibliotheksjournalismus, wie sie derzeit herrscht. Rein rechnerisch.
Abschließend stellt sich eine Frage, die
die Journalistin Sibylle Hoffmann formulierte: „Wieviel Journalismus
tut dem Bibliothekswesen gut. Will es wirklich in diese Mühlen...?
Bewahrt es nicht abseits der Presse, in der Nische, seine Würde
und Ruhe...?“
Fußnoten
[Fn 1] Dt.
„Laßt jede Hoffnung hinter euch, ihr, die ihr eintretet“
(zurück)
[Fn
2] Gerd Schmidt: Poeta bibliothecarius.
Vortrag vom 24. November 1998 in der Badischen Landesbibliothek.
Karlsruhe: Badische Bibliotheksgesellschaft 1999 (Vorträge.
Badische Landesbibliothek; 48) (zurück)
[Fn
3] Hans Limburg: Die Bibliothekswissenschaft
kam auf leisen Sohlen. Ist sie nun wirklich da? In: Mitteilungsblatt.
Verband der Bibliotheken des. Landes Nordrhein-Westfalen. N.F, 27.
1977. S. 126-137 (zurück)
[Fn
4] nach La Roche 1988 (zurück)
[Fn 5] Marian
Koren: Welche Kampagnen für öffentliche Bibliotheken haben
wir in den Niederlanden durchgeführt? Vortrag auf dem Kooperationsseminar
der EKZ mit der Fachkonferenz der Bibliotheksfachstellen in Deutschland,
Reutlingen, 14.-16. November 2006, „Lobbying für Bibliotheken
– wodurch wird das Bibliothekswesen kampagnenfähig?“.
URL: www.ekz.de/files/08_Dr._Marian_Koren_Referattext.pdf
(zurück)
[Fn
6] Nach Walther von LaRoche (1975) Einführung in den praktischen
Journalismus. 11., neubearb. Aufl. München 1975 (zurück)
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