| Library 2.0 – eine Sammelrezension
von Monika Bargmann (info)
und Susanne Tremml (info)
„Library 2.0“ – ein Begriff, der
von Michael Casey vor zwei Jahren in seinem Weblog geprägt
wurde, in Anlehnung an „Web 2.0“ – bezeichnet
nicht nur die Anwendung von sozialer Software in Bibliotheken, sondern
auch einen neuen Ansatz, die BenutzerInnen in die Bibliotheksarbeit
mit einzubeziehen. Die Diskussion um eine so genannte „Bibliothek
2.0“ wird beileibe nicht nur in Weblogs, Wikis und Online-Communities
geführt – für renommierte Bibliotheksverlage aus
dem anglo-amerikanischen Raum scheint es Pflicht zu sein, auch ein
Buch zu diesem Thema zu publizieren. Vier der bisher erschienenen
Bände werden im Folgenden rezensiert.
Casey, Michael E.; Savastinuk, Laura
C.: Library 2.0. A Guide to Participatory Library Service. Medford,
NJ: Information Today, 2007. 197 S., $ 29,50 (rezensiert von S.
Tremml)
In „Library 2.0. A Guide to Participatory
Library Service” stellen Michael Casey und Laura Savastinuk
den Begriff „Library 2.0” vor und zeigen, wie man Web
2.0-Anwendungen in Bibliotheken einsetzen kann. Beide Autoren gehören
zu den ersten, die den Begriff „Library 2.0“ bzw. „Bibliothek
2.0“ verwendet haben. Michael Casey ist Abteilungsleiter des
technischen Services an der Gwinnett County Public Library in Lawrenceville,
Georgia. Laura Savastinuk ist dessen stellvertretende Filialleiterin.
Casey ist außerdem Autor des Weblog „LibraryCrunch”
(http://librarycrunch.com)
und schreibt gemeinsam mit Michael Stephens die Kolumne “The
Transparent Library” im Library Journal, zu dem es ein Weblog
(/www.librarychange.com)
gibt.
Casey und Savastinuk haben mit „Bibliothek 2.0“
ein informatives und lehrreiches Buch herausgebracht. Einem Neuling
auf diesem Gebiet hilft dieses Buch zu definieren, was unter diesem
Begriff verstanden werden kann und warum es für Bibliotheken
wichtig ist, sich mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen.
Interessant ist, dass die beiden Autoren nicht einfach die einzelnen
Anwendungen wie interne und externe Blogs, Wikis, Instant Messaging
und Chat, sowie Podcasting und Social Networking aufzählen,
sondern ein wesentliches Augenmerk auf das Management und die Mitarbeiter
der Bibliothek legen.
Die Autoren stellen klar, dass es ohne Mission
Statement nicht geht. Die Bibliothek muss sich zunächst
im Klaren sein, wo sie gerade steht, welche Kundengruppen sie anspricht
und wie sie in Zukunft sein möchte. Erst wenn klar ist, welches
Ziel die Bibliothek verfolgt, kann überlegt werden, welche
Erneuerungen geplant werden sollen. Dabei bekräftigen die Autoren
immer wieder, dass Offenheit gegenüber Veränderungen eine
wichtige Voraussetzung dafür ist. Dies schadet der Bibliothek
nicht, da sie somit für ihre Nutzer interessant bleibt. Die
Bibliothek muss wie jedes andere Dienstleistungsunternehmen um die
Aufmerksamkeit ihrer Nutzer werben, so die Autoren. Veränderung
sollte daher immer Teil der Strategie sein. Außerdem heben
Casey und Savastinuk den Wert von Mitarbeitern hervor, den “Librarians
2.0“. Diese wissen besonders um die Wünsche, Bedürfnisse
und Probleme der Nutzer. Gerade die Mitarbeiter sollen in den Diskussions-
und Entscheidungsprozess der neuen Services miteinbezogen werden,
da sie schließlich diejenigen sind, die diese dann den Nutzern
vermitteln sollen. Werden Mitarbeiter in die Veränderungen
miteinbezogen, nimmt es ihnen auch die Angst davor.
Dieses Buch hilft all denen, die einen Eindruck davon
haben möchten, was „Bibliothek 2.0“ heißen
könnte, welche Möglichkeiten sich für die Bibliotheken
dadurch ergeben. Abschließend stellen Casey und Stastinuk
fest, dass Bibliotheken sich nicht um ihre Zukunft sorgen müssen.
Entscheidend sei, so die Autoren, an der Zukunft teilzunehmen, und
für Veränderungen und die Bedürfnisse der Nutzer
offen zu sein.
Der „Guide to a participatory library service“
wird mit einem ausführlichen Appendix abgerundet, der zahlreiche
Links und Quellen sowie die Studie „Libraries, Librarians
and Change“ aus dem Jahr 2006 enthält..
Farkas, Meredith: Social Software
in Libraries. Building Collaboration, Communication, and Community
Online. Medford: Information today, 2007. 344 S., $39,50 (rezensiert
von M. Bargmann)
Der Verlag hätte kaum eine überzeugendere
Autorin für eine „Library 2.0“-Publikation finden
können als Meredith Farkas. Sie sprang nicht auf einen Zug
auf, sondern „lebt“ den Einsatz von sozialer Software
– als Mitgestalterin des Online-Kurses „Five weeks to
a social library“ (www.sociallibraries.com/course/)
und Gründerin des „Library Success“-Wikis (www.libsuccess.org/)
ebenso als Autorin des Weblogs „Information wants to be free“
(http://meredith.wolfwater.com/wordpress/index.php).
Für die vorliegende Publikation sammelte Meredith Farkas sogar
Cover-Vorschläge in der Photo-Community Flickr (www.flickr.com/groups/sociallibraries/).
Dennoch ist Farkas keine Fanatikerin, sondern bedenkt
auch Hindernisse und Schwierigkeiten bei der Einführung von
sozialer Software in Bibliotheken mit. Sie bietet gleich mehrere
Möglichkeiten an, um zu überprüfen, ob das jeweilige
Tool auch tatsächlich für den jeweiligen Einsatzbereich,
die Belegschaft oder die jeweilige Institution geeignet ist. Dem
widmet sie das Kapitel „What will work @ your library“
ebenso wie die besonders nützlichen Checklisten mit den wichtigsten
Fragen, die sich Anwender stellen sollten, bevor sie sich für
den Einsatz einer bestimmten Software oder Applikation entscheidet
(Abschnitte „practical considerations“). Leider sind
diese nicht in jedem Kapitel vorhanden.
Die einzelnen Kapitel werden durch Kurzinterviews
mit Personen, die das jeweilige Tool bereits erfolgreich einsetzen
und somit aus der Praxis berichten können, ergänzt.
Farkas behandelt die Bereiche Weblogs, Wikis, Online
Communities, Social Networking, Social Bookmarking und Podcasting,
aber auch virtuelle Auskunft, Benutzerkontakt per Mobiltelefon,
Computerspiele und Screencasts. Somit gibt das Buch einen umfassenden
Überblick über Software, mit denen Kommunikation, Kollaboration
und Interaktion mit Personen innerhalb und außerhalb der jeweiligen
Bibliothek gefördert werden kann. Teilweise geht das natürlich
auf Kosten der Details, so fehlt der Rezensentin beim kurzen Kapitel
über RSS eine konkretere Erklärung, wie das Erstellen
eines RSS-Feeds genau funktioniert; auch für Fragen wie „Wie
lege ich ein Wiki an?“ oder „Wie mache ich einen Podcast?“
wird man zusätzlich spezialisierte Literatur konsultieren müssen.
Ein eigenes Kapitel widmet sich der Frage, wie sich
Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit und/oder über Social
Software auf dem Laufenden halten können: Besonders nützlich
dabei ist „Lesson 7: Keep up while keeping sane“, in
der sich jede/r wiederfinden wird, der verzweifelt versucht, alle
neuen Entwicklungen auf diesem Gebiet zu verfolgen.
Den Abschluss bildet das Kapitel „Future trends
of social software“, das mit dem Rat schließt:
„Most importantly, try to keep up with your
patrons and be willing to change. Social software offers unprecedented
possibilities for communicating, collaborating, and building community
with your patrons online, but these technologies are only tools.
Your primary focus should always be on your patrons and how to
provide them with the best services possible” (S. 282)
Die Publikation verfügt insgesamt über
35 Screenshots, einen ausführlichen Index sowie über Literaturangaben
am Ende jedes Kapitels. Auf der begleitenden Website www.sociallibraries.com
werden unter anderem Inhaltsverzeichnis, Rezensionen und aktuelle
Links angeführt.
Fazit: Das Buch ist mit viel Hintergrundwissen geschrieben
und bietet eine ausgezeichnete Einführung.
Bradley, Phil: How
to Use Web 2.0 in Your Library. London: Facet, 2007. 223 S., £39.95
(rezensiert von S. Tremml)
Phil Bradley ist ein Information Professional, der
aus dem Bibliothekswesen kommt. Seit 1996 ist er „Internet
Consultant“, hält Vorträge zum Thema Internet, beschäftigt
sich mit Suchmaschinenoptimierung und hat mehrere Bücher zum
Thema Informationsrecherche veröffentlicht.
„How to Use Web 2.0 in Your Library”
(http://www.zimbio.com/How+to+use+Web+2.0+in+your+library)
gibt einen guten und informativen Überblick darüber, welche
„Web 2.0“-Anwendungen es momentan am Markt gibt. Dabei
beschreibt er zunächst den Begriff „Web 2.0“ und
behandelt dann in einzelnen Kapiteln RSS Feeds, Weblogs, Podcasts,
Start Pages, Bookmarking Services, eigene Suchmaschinen, Websites,
Instant Messaging, Photograph Sharing Utilities, sowie einige andere
Anwendungen. Schließlich widmet er ein Kapitel der Implementierung
von „Web 2.0“.
Diesem Buch ist schnell anzumerken, dass sich dahinter
ein begeisterter „Web 2.0“-Anwender verbirgt. Verständlich
und übersichtlich erklärt Bradley die einzelnen Anwendungen,
beschreibt, wie man diese im Bibliotheksbereich umsetzen kann, und
liefert dazu zahlreiche Links, um dem Leser selbst in die Welt des
„Web 2.0“ eintauchen zu lassen. Dabei stellt er nicht
nur Dienste vor, die dem Bibliotheksnutzer nützlich sind, sondern
viele Anwendungen, die die Bibliotheksarbeit erleichtern können
(Bsp. Document Sharing-Programme).
Pro Kapitel wendet sich der Autor meist einem oder
zwei Produkten zu, die er ausführlicher beschreibt, sodass
dem Leser gleich ein Einblick in die Bedienung gewährt wird.
Viele Produkte sind so reizvoll, dass die Motivation, sich während
des Lesens selbst einen Account zuzulegen und durchzustarten, kontinuierlich
steigt.
Phil Bradley liefert eine wunderbare Sammlung an
hilfreichen und interessanten Links für all jene, die bisher
nur wenige „Web 2.0“-Anwendungen kennen. Aber auch jene,
die glauben, schon alles zu kennen, werden überrascht sein,
welche Möglichkeiten es außerdem noch gibt. Ein Besuch
auf der Website zum Buch lohnt sich allemal, da hier alle Links
verzeichnet sind und die Entdeckungsreise von hier aus schnell zu
starten ist.
Sauers, Michael P.: Blogging and RSS.
A Librarian's Guide. Medford: Information Today, 2006. 284 S., $29,50
(rezensiert von M. Bargmann)
Sauers bietet mit „Blogging and RSS“ eine
gelungene Einführung in Technik und Funktionsweisen von Weblogs
und RSS bzw. Atom. Auf eine kurze Einleitung in das Phänomen
Weblog folgen in den Kapiteln 2 und 3 Kurzvorstellungen bibliothekarischer
Weblogs mit ausgewählten Einträgen und Interviews mit
Bloggern aus dem US-amerikanischen Bibliotheksbereich. Diese berichten
von ihrer eigenen Motivation, mit dem Bloggen zu starten, benennen
Vor- und Nachteile und geben wertvolle Tipps.
Am Beispiel des Webservices „Blogger“
zeigt Sauers, mit Unterstützung von Screenshots, wie man ein
Weblog anlegt (Kapitel 4). Durch die nachvollziehbare Schritt-für-Schritt-Erklärung
sollten auch Einsteiger damit kein Problem mehr haben. Kritikpunkt:
Blogger gibt es inzwischen in einer völlig neuen Version mit
mehr Gestaltungsmöglichkeiten als bisher, und dafür benötigt
man auch einen Google-Account, von dem in diesem Buch noch nicht
die Rede ist – in diesem Abschnitt ist das Buch praktisch
schon beim Erscheinen überholt, was bei der Schnelllebigkeit
von „Web 2.0“ nicht verwundert. Andererseits kann man
das hier Gelesene durchaus auch auf das neue Blogger und auf andere
Tools umlegen, die im Wesentlichen ähnlich funktionieren.
In Kapitel 5 dreht sich alles um RSS. Hier bietet
Sauers einen kurzen geschichtlichen Abriss, definiert Typen von
Feeds und stellt Features der verschiedenen RSS- und Atom-Versionen
einander gegenüber. Erst Kapitel 8 widmet sich dann der Frage,
wie man selbst RSS-Feeds generieren und externe Feeds in die eigene
Website einbauen kann. Diese zwei Seiten einer Medaille wären
besser in einem gemeinsamen Kapitel besprochen worden.
Das sechste Kapitel ist den Aggregatoren und Feedreadern
gewidmet. Hier werden verschiedene Arten vorgestellt und die Funktionsweise
detailliert am gängigen Aggregator „Bloglines“
demonstriert. „Noteworthy feeds“ für Bibliothekare
werden in Kapitel 7 zusammengestellt. Eine gute Abrundung des Buches,
allerdings sind manche Screenshots eher unnötig - muss denn
wirklich jedes besprochene Weblog abgebildet werden oder ging es
hier etwa darum, die Seitenzahl aufzufetten (was das Buch nicht
nötig gehabt hätte)?
Auf der dazugehörigen Website www.travelinlibrarian.info/writing/blogging&rss/
findet sich bisher nur ein einsamer Errata-Eintrag, hier hätte
man sich beispielsweise zumindest eine Kommentarfunktion oder ein
Update der im Buch nicht mehr aktuellen Bereiche erwartet.
Fazit: Trotz der erwähnten Schwächen ein
empfehlenswertes Buch, das auch komplizierte Abläufe nachvollziehbar
darstellt und auch für Einsteiger gut geeignet ist. Hier ist
wohl Sauers’ langjährige Erfahrung als Internet-Trainer
spürbar. Die einzelnen Kapitel sind in sich abgeschlossen,
es empfiehlt sich aber auch für Personen, die bereits Erfahrung
mit Weblogs haben, das gesamte Buch – in welcher Reihenfolge
auch immer – durchzuarbeiten, da sich dabei durchaus neue
Aspekte auftun. Das Buch ist mit einem Glossar von „Aggregator“
bis „XML“, einem Anhang mit Beispielen für „Feed
Code“, einer Liste empfohlener Literatur und einem Index ausgestattet.
Mit unter $ 30 preislich fair angesetzt.
Angekündigt
Die folgenden Bände konnten nicht für die
vorliegende Rezension berücksichtigt werden, da sie noch nicht
erschienen sind bzw. nicht mehr rechtzeitig vor Redaktionsschluss
beschafft werden konnten:
Braun, Linda W.: Listen Up! Podcasting for Schools
and Libraries. Medford: Information today, 2007. 120 S., $ 29.50
(angekündigt für August 2007)
Courtney, Nancy (Hrsg.): Library 2.0 and Beyond. Innovative
Technologies and Tomorrow's User. Westport: Libraries Unlimited,
2007. 164 S., $45 (angekündigt für Juni 2007).
[Nancy Courtney hat 2005 – ebenfalls bei Libraries
Unlimited – den empfehlenswerten Band „Technology for
the Rest of us. A Primer on Computer Technologies for the Low-tech
Librarian” herausgegeben, in dem auch ein Kapitel über
Weblogs und RSS von Darlene Fichter und H. Frank Cervone aufgenommen
wurde. So darf man auch auf das neue von Courtney herausgegebene
Buch gespannt sein.]
Kroski, Ellyssa: Web 2.0 for Librarians and Information
Professionals. New York: Neal-Schuman, 2007. Ca. 200 S., $ 75 (angekündigt
für Januar 2008)
[Ellyssa Kroski hat sich mit dem oft zitierten
Weblogeintrag „The Hive Mind: Folksonomies and User-Based
Tagging“ (http://infotangle.blogsome.com/2005/12/07/the-hive-mind-folksonomies-and-user-based-tagging/)
einen Namen in der Library 2.0-Szene gemacht.]
Parkes, David; Hart, Liz (Hrsg.): Web 2.0 and Libraries.
Impacts, Technologies and Trends. Oxford: Chandos, 2007. Ca. 200
S., £ 39,95 (angekündigt für März 2008)
Und außerdem…
Clyde, Laurel A.: Weblogs and Libraries. Oxford: Chandos,
2004. 180 S., £ 39
Crawford, Walt: Public Library Blogs. 252 Examples.
Scotts Valley: CreateSpace, 2007. 299 S., $23,75
Stephens, Michael: Web 2.0 and Libraries. Best
Practices for Social Software. Chicago: American Library Association,
2006. Library Technology Reports 42 (2006) 4 (anscheinend nur im
Abonnement erhältlich)
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