| Kiezbezogene Proteste für
Bibliotheken 2007-2008
Eine Interview-Collage mit Michael
Haufe, Tom Schweers und Peter Venus
von Karsten Schuldt (info)

Abstract
Die in diesem Text zusammengefassten Interviews mit drei Aktiven,
welche sich in
verschiedenen Initiativen in Berlin für kleinere Bibliotheken
eingesetzt hatten, bieten
Einblicke in die grundsätzlichen Annahmen über gesellschaftliche
und politische
Entwicklungen und die Aufgaben von Bibliotheken, welche dieses Engagement
motivierten. Gleichzeitig dokumentieren sie die sehr unterschiedlich
verlaufenden Proteste
aus der Sicht der Beteiligten. Für die bibliothekarische Debatte
interessant sind zudem die
impliziten und expliziten Anforderungen, die von den drei Engagierten
an Bibliotheken
formuliert werden. Sie konkretisieren selten thematisierte gesellschaftliche
Aufgabenzuschreibungen an Stadtteilbibliotheken.
Das heißt, wir sind
einfach Bürger, ohne politischen Hintergrund, ohne
irgendwelche Parteizugehörigkeit, wir wollen im Grunde eine
Bibliothek erhalten:
Was machen wir jetzt? [Tom
Schweers]
Wer setzt sich unter welchen Voraussetzungen politisch für
Öffentliche Bibliotheken ein?
Wie motiviert sich ein Protest gegen die Auflösung solcher
Einrichtungen?
Welche Kenntnisse über die Situation und die Arbeitsweisen
von Bibliotheken sind außerhalb der bibliothekarischen Diskussion
bekannt?
Zur Jahreswende 2007/2008 standen in Berlin
drei Öffentliche Bibliotheken vor der Schließung. Zu
jeder dieser Bibliotheken bildete sich eine Initiative, welche versuchte,
dies zu verhindern. Der folgende Text ist eine Collage aus drei
Interviews mit Aktiven aus diesen Initiativen. Alle drei Gesprächspartner
nahmen bei der Konstituierung und Fortführung der jeweiligen
Initiative eine wichtige Rolle ein, auch wenn sie letztlich in den
Interviews jeweils nur für sich selbst sprechen konnten. Michael
Haufe engagierte sich hauptsächlich bei Jederzeit Musik für
die Bibliothek im Eliashof, Peter Venus bei Pro Kiez für die
Kurt-Tucholsky-Bibliothek und Tom Schweers für die Jerusalem
Kinder- und Jugendbibliothek.[
Fn1]
Die Interviews wurden separat geführt,
waren der jeweiligen Initiative angepasst und sind erst in dem hier
vorliegenden Text zusammengefasst. Sie kreisten um vier zentrale
Themenblöcke. Im ersten Block interessierte ich mich für
den Ablauf der Proteste und die in ihnen gesammelten Erfahrungen.
Im zweiten Block bat ich die Engagierten, die Schließungen
der Proteste in einen gesellschaftlichen Rahmen einzuordnen. Dies
erfolgte selbstverständlich immer vor dem Hintergrund der jeweils
individuellen politischen Wahrnehmung. Gerade für die Frage,
welche Menschen sich mit welchem Hintergrund aktiv für Bibliotheken
einsetzen, waren diese Einschätzungen wertvoll. Dabei hatten
alle drei Befragten eine politische Biographie. Der dritte Themenblock
beschäftige sich mit dem Ehrenamt. Im Laufe der Proteste war
dieses bei Jederzeit Musik und Pro Kiez kontrovers thematisiert
worden, diese Debatten hatten eine großen Einfluss auf die
Arbeit der jeweiligen Initiative. Die Wahrnehmung von den Aufgaben
Öffentlicher Bibliotheken war das Thema des letzten Fragenblocks.
Gerade diese Ansichten sind für die Frage nach möglichen
bibliothekarischen Konsequenzen der Proteste interessant, da alle
drei Engagierten keinen bibliothekarischen Hintergrund hatten, sich
aber einige Monate lang intensiv mit konkreten Bibliotheken auseinander
setzten. Auch wenn man die Frage stellen kann, wie repräsentativ
die zu diesem Themenblock geäußerten Ansichten sind,
liefern sie doch relevante Informationen darüber, wie Bibliotheken
in der Gesellschaft wahrgenommen, welche Aufgaben ihnen zugeschrieben
und unter welchen Gesichtspunkten sie bewertet werden. Insgesamt
waren diese Wahrnehmungen, wie zu erwarten, positiv; dennoch gab
es zwischen ihnen auffällige Unterschiede. Bei den Interviews
ging es mir explizit nicht darum, bibliothekarische Vorstellungen
zu bestätigen, sondern um Hinweise, die helfen können,
die am Anfang des Textes gestellten Fragen zu beantworten.[Fn2]
Proteste
Im diesem Abschnitt werden die jeweiligen Proteste
aus der Sicht der Engagierten
geschildert.
Jerusalem-Bibliothek
Tom Schweers (Initiative für die
Jerusalem-Bibliothek): Mitbekommen
habe ich etwas von der Schließung Ende Oktober 2007. Und zwar
dadurch, dass meine Freundin mit unserer Tochter in der Bibliothek
war. Wir hatten zuhause Bücher aussortiert und wollten die
als Geschenk anbieten. Und da hieß es, 'wir können leider
keine Bücher mehr annehmen, da wir schließen müssen.'
Das war in der Öffentlichkeit noch nicht
bekannt.
Als die beiden von der Bücherei wieder kamen,
habe ich gleich versucht, zu recherchieren und dann sofort ein Flugblatt
entwickelt, das offensichtlich eine Schließung bevorsteht
Am nächsten Tag habe ich mich dann direkt mit einem Vater eines
Klassenkameraden meiner Tochter unterhalten, der in der Bildungspolitik
aktiv ist, allerdings keiner Partei angehört. Der kennt sich
so ein bisschen mit den ganzen Geschichten, wie Elternausschuss,
Landeselternausschuss aus. Wir haben dann gleich Unterschriften
gesammelt, sind in die Ausschüsse rein gegangen, haben uns
erst mal gegen die Schließung ausgesprochen und versucht,
Eltern für den Protest zu begeistern. Ich ging dann auch, gleich
nachdem ich das erfahren hatte, in die Bibliothek, da wurde gerade
erst eine öffentliche Bekanntmachung ausgehangen. Das heißt,
es war alles sehr kurzfristig. Und da erfuhr ich, was man vorhat,
was der Bibliotheksentwicklungsplan besagt und so weiter und so
fort. Von diesen Dingen hatten wir als Normalbürger gar keine
Ahnung und haben auch nie irgendwas davon mitbekommen. Wir waren
nur entsetzt über diese bevorstehende Schließung. Es
war dann sehr schnell klar, dass sich ganz viele Bürger darüber
entrüstet haben, die davon auch nichts mitbekommen hatten und
das gar nicht verstehen konnten, dass diese Bibliothek schließen
soll. Die Unterschriftenlisten wurden dann in Windeseile von anderen
kopiert und von Kinderläden, Kindergärten, von Schulen
unterschrieben.
Ich hatte direkt zu Anfang auch eine Email-Adresse
eingerichtet. Das war ein guter Kommunikationsmagnet. Es meldeten
sich über diese Mail-Adresse, die auf den
Flugblättern stand, andere Eltern. Einer meinte, das gibt es
doch gar nicht, wir gehen
da regelmäßig hin und ich richte mal eine Internetseite
ein. Das hieß dann, da hat ein
Vater sich um die Internetseite gekümmert. Ein anderer hatte
sich gemeldet: Ja, Herr Schweers, wir wollen mitmachen. Das Flugblatt,
das sie da entworfen haben, haben sie das schon auf Türkisch?
Wenn nicht, dann setze ich mich mit einem anderen türkischen
Vater hin. Innerhalb von drei Tagen gab es das auf Türkisch.
Also das ging ganz schnell. Das machte schnell die Runde. Es war
wirklich ein Schneeballsystem.
Durch die Internetseite hatten wir dann ein sehr
starkes Instrument in der Hand, um die interessierten Bürger
wirklich umfassend unter verschiedenen Aspekten zu informieren:
Was ist geplant? Wie ist der Stand jetzt? Vorteile und Nachteile.
Wer macht überhaupt mit? Es gibt da die Unterstützerrubrik,
da konnten viele nachlesen, wie sich das langsam ausweitete. Zu
den eifrigsten Lesern gehörten ja auch unsere Gegner, in diesem
Fall das Amt für Bibliotheken und Kultur, respektive die Stadträtin.
Mir war schnell klar, dass man das sofort öffentlich machen
muss. Insofern habe ich die lokale Presse informiert. Da kam sehr
schnell was zustande mit der Berliner Woche und dem Berliner Abendblatt.
Die meldeten das sofort und fanden das toll, dass wir dann eine
Initiative gegründet haben und es gab dann sofort jeweils ein
Interview und einen Fototermin. Reagiert hat noch das Kulturradio
des RBB. Die brachten immerhin einen sieben- oder acht Minuten-Beitrag
und haben sich auch in der Anmoderation sehr kritisch gegenüber
dieser Schließungsgeschichte geäußert. Das war
sehr erfolgreich und hatte vor allem eine Katalysatorwirkung, weil
andere, die davon nichts wussten, aber Kulturradio hören, dann
hellhörig wurden und in der Bibliothek anriefen, was denn da
jetzt Sache sei. Das war ganz wichtig. Die größeren Medien
haben nicht reagiert. Aber uns hat das alleine schon einen ziemlichen
Schub verschafft.
Karsten Schuldt: Kannst du vielleicht
eure Demonstration schildern? Du warst ja sehr
engagiert damals. Hast du etwas Positives daraus gezogen oder was
Negatives?
Tom Schweers: Ich finde die Demo
hatte im Grund einen Zweck: für mediale Aufmerksamkeit zu sorgen
und gleichzeitig den Bürgern die Möglichkeit zu geben,
sich zu beteiligen und zwar: Hey, das und das finden wir nicht gut.
Es wäre sicherlich schöner gewesen, wenn mehr Leute auf
die Straße gegangen wären. Das ist immer schwer zu terminieren.
Aber immerhin waren viele Kinder dabei, viele Eltern, vielleicht
300 Leute insgesamt. Die ganze Straße war abgesperrt. Es war
also auch weithin für Nicht-Beteiligte sichtbar. Ich denke,
es ist wichtig, auch für Bürger, die sich nicht beteiligt
haben, die vielleicht an den Fenstern saßen und geschaut haben,
zu sehen: Hey, wir leben hier nicht in einem toten Kiez, wo schon
alles verloren ist, sondern es gibt hier Bürger, die kämpfen
für ihre Einrichtungen. Und das ist sicherlich ein wichtiges
Zeichen, was eher unterschwellig wirkt.
Karsten Schuldt: Und hat sich während
der ganzen Auseinandersetzungen, die immerhin
einige Monate gingen, das Ziel eurer Initiative geändert?
Tom Schweers: Mein Ziel hat
sich eigentlich nie geändert. Und mein Ziel war von vornherein,
die Bibliothek bleibt da, wo sie ist. Punkt. Und zwar gibt es dafür
stichhaltige Gründe. Noch mal Punkt. Das war eigentlich klar:
der Laden muss da bleiben. Völlig unabhängig davon, was
dort am Luisenbad ist.[Fn3]
Ob man da eine Kinderabteilung macht oder nicht. Ich hab ja nichts
dagegen gehabt, dass so was aufgebaut wird. Aber eben nicht mit
der Erscheinung, dass man auf der anderen Seite was wegnimmt.
Kurt-Tucholsky-Bibliothek
Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek):
Also, Ende November wurde bekannt, dass diese Bibliothek geschlossen
werden soll. Das ist eine Stadtteilbibliothek und eine Kinderbibliothek,
wo unheimlich viel passiert ist. Die hat einen sehr hohen Ausleihstand.
Die ist im Bötzowviertel eine wichtige kulturelle Einrichtung.
Vor allem für Kinder, weil da ist ja auch die Kinderbibliothek
dabei gewesen ist, Leseförderung, da gab es Veranstaltungen
und so weiter. Ein hohes Maß an elektronischen Medien. Einen
Medienbestand von über 34.000. Also keine ganz kleine Bibliothek,
aber halt doch spezialisiert. Ich war da ja ständig, einmal
die Woche und hab immer was gefunden. Es war richtig ein Mittelpunkt,
kann man sagen, im Bötzowviertel. Da gibt es nämlich sonst
keine kulturelle Einrichtung. Und das Bötzowviertel ist ja,
traditionell schon zu DDR-Zeiten ein Viertel gewesen, wo viele Künstler
wohnen, Autoren, das vom Bildungsstand her überdurchschnittlich
ist. Deshalb war die Bibliothek auch immer sehr angenommen und war
auch sehr wichtig. Es sickerte durch, dass geschlossen werden soll.
Daraufhin gab es eine Bürgerversammlung. Und auf der Bürgerversammlung
wurde besprochen, ja was machen wir jetzt? Und da waren bestimmt
70, 80, 90 Leute, also auf einem Schlag.
Karsten Schuldt: Weißt du,
wer die einberufen hat?
Peter Venus: Die Betroffenenvertretung.
Und aus der Bürgerversammlung gründete sich dann eine
Bürgerinitiative. Wir haben beratschlagt, was kann man denn
jetzt machen? Erst mal: Warum wird überhaupt zu gemacht? Das
ist nämlich wichtig. Warum hat die Bezirksverordnetenversammlung
(BVV) beschlossen, diese Bibliothek und die Bibliothek im Eliashof
zu schließen? Das hat der Stadtbezirk nicht deswegen gemacht,
weil er meint, er hätte zu viele Bibliotheken, sondern es liegt
an dem Zuweisungsmodell des Senats an die Bezirke. Dass Berlin überschuldet
ist, das wissen wir alle. Und der Finanzsenator sagt dann, hallo
Bezirk, du hast so und so viele Stellen einzusparen. Das waren elf.
Also, was macht jetzt so ein Bezirk, wenn der Finanzsenator sagt,
du hast elf Stellen einzustreichen? Wo streicht er? Es gibt sogenannte
Pflichtaufgaben und es gibt Nicht- Pflichtaufgaben in der öffentlichen
Verwaltung. Pflichtaufgaben sind all jene Aufgaben, wo der Bürger
einen Rechtsanspruch hat. Also, dass du eine Führerschein kriegst,
Jugendfürsorge, Schule - das sind alles Pflichtaufgaben. Nicht
Pflichtaufgabe ist Bildung und Kultur. Da hast du nämlich keinen
Rechtsanspruch als Bürger. Wir glauben aber oder sind der festen
Überzeugung, dass Bildung und Kultur zur öffentlichen
Daseinsfürsorge gehört. Das heißt, der Staat hat
für Kultur im Sinne der öffentlichen Daseinsfürsorge,
für die kulturelle Bedürfnisbefriedigung der Bevölkerung
zu sorgen. Das macht der Staat natürlich auch in Berlin. Und
ich bin sehr dafür, dass es drei Opernhäuser gibt, bin
ich absolut dafür. Nicht, weil ich gerne in die Oper gehe,
sondern weil ich es brennend wichtig finde, für eine Stadt
wie Berlin. Und auch Theater und so weiter. Aber das ist nur ein
Teil der Kultur.
Der wesentliche Teil der Kultur findet dort statt,
wo die Menschen wohnen. Und deswegen sind wir, Pro Kiez, der Auffassung
und der festen Überzeugung, dass Kultur zuvörderst genau
dahin gehört, wo die Leute wohnen, nämlich in die Kieze,
in die Stadtteile, in die Bezirke. Und dort wird Kultur ständig
abgebaut durch einen Sparzwang, teilweise ja durch einen fiktiven
Sparzwang. Und das geht immer zu Lasten der Nicht-Pflichtaufgaben.
Deshalb ist unsere Forderung: Kultur muss zur Pflichtaufgabe werden.
Also, man muss was tun: besetzen. Bevor der Hammer fällt und
geschlossen wird, gehen wir rein und dann sind wir da und da bleiben
wir. Und dann möchten wir mal sehen, was dann passiert. Aber
nicht zu dem Zwecke, die Bibliothek zu privatisieren. Das ist ein
ganz wichtiger Aspekt, sondern zu dem Zwecke, sie offen zu halten,
mit der Maßgabe, dass es wieder eine staatliche, kommunale
Bibliothek wird. Weil wir natürlich genau wissen, was einmal
geschlossen ist, ist zu und bleibt auch zu. Ist doch klar: wenn
der Bestand verteilt ist, ist er weg. Kein Mensch würde die
Bibliothek, auch wenn sich das Zuweisungsmodell ändern sollte
und wieder die Stellen da wären – wofür wir kämpfen–,
wieder aufmache, weil der Bestand ist weg und es wäre irgendwas
anderes in den Räumen. Also, das wäre ein endgültiges
Ding. Wir haben natürlich auch sofort Unterschriftenlisten
gehabt.
Karsten Schuldt: Im Gegensatz zu
anderen Besetzungen, die ich kenne – aus den frühen 90er
Jahren oder in den Unistreiks – war das bei euch aber schon
ein ziemlich hoher Altersdurchschnitt.
Peter Venus: Ja, das sind alles Bürger,
die da wohnen. Junge und Alte Natürlich haben wir die Presse
informiert. Bei der Besetzung waren alle da, Rundfunk, Fernsehen,
alle Berliner Zeitungen, und alle haben ausführlich berichtet
und berichten bis heute weiter. Pressearbeit ist ganz wichtig. Und
dadurch ist das natürlich in die öffentliche Diskussion
geraten. Wir haben dann auch Lesungen mit durchaus namhaften Autoren
gemacht, da kamst du überhaupt nicht mehr rein, so viele Leute
waren da. Damit drangen wir bis zur Frankfurter Rundschau und bis
zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung durch. Bis dahin ist
die Welle gegangen, die Pressewelle. So entsteht natürlich
ein gewisser öffentlicher Druck, ist ja klar. Da kann man dann
in der Politik nicht mehr machen, was man will. Das geht dann nicht
mehr. Das war genau die Absicht, öffentlichen Druck zu erzeugen
und aber auch zu bleiben. Und wir sind ja immer noch drin.
Ab Anfang Dezember waren wir dann relativ regelmäßig
mit dem Bezirksamt im Gespräch. Wir wurden zum Kulturausschuss
der BVV eingeladen. Da sind ein paar von uns hin, haben unsere Konzeption
vorgestellt und parteiübergreifend haben alle Fraktionen das
gut gefunden und haben einen Beschluss gefasst, einstimmig –
Einstimmig! Das kommt nicht so oft vor –, dass eine Arbeitsgruppe
aus Mitgliedern des Kulturausschusses jeder Fraktion und der Bürgerinitiative
gebildet wird, die ein Konzept erarbeiten soll, mit dem Ziel der
Fortführung der Bibliothek. Das war erst mal ein Riesenerfolg.
Karsten Schuldt: Das funktionierte
schon hauptsächlich kiezbezogen?
Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek):
Ja. Wir sind ja auch rumgelaufen, in allen Läden. Das ist ja
ein Kiez, der wirklich noch eine Kiezstruktur hat. Wo es Läden
gibt und kleine Kneipen, wo die Leute hingehen, kleine Buchhandlungen
und ein kleiner Bioladen, den es schon seit 30 Jahren gibt –
den gab es zu DDR-Zeiten schon. Das ist hier richtig ein Kiezleben.
Und wir haben ja innerhalb von einer Woche oder zwei, nur auf dem
Kiez, über 4.000 Unterschriften gesammelt. Das ist ungeheuerlich.
Also, auf dem Kiez. Nicht in ganz Berlin, sondern nur auf dem Kiez.
Ich weiß nicht, wie viele auf dem Kiez überhaupt wohnen,
lass es nicht mehr als 10.000 sein, das sind bestimmt weniger als
10.000.[Fn4]
Die Unterschriften haben wir dann dem Abgeordnetenhaus übergeben.
Karsten Schuldt: Aber ihr versteht
euch schon als überparteilich?
Peter Venus: Ja, unbedingt.
Alles andere wäre der Tod jeder Bürgerinitiative.
Bibliothek im Eliashof
Michael Haufe (Jederzeit Musik, Bibliothek
im Eliashof): In der Bibliothek haben früher schon
Konzerte und so weiter stattgefunden, die ein Freund von mir, eben
ein Komponist, organisiert hat. Dadurch war dieser Bibliotheksort
für kulturelle Sachen sozusagen aufgeladen. Wir hatten dabei
die Mitarbeiter kennen gelernt, beziehungsweise die Leiterin der
Bibliothek. Diese Leiterin hatte im Sommer 2007 durchblicken lassen,
dass es Pläne gäbe, Stellen im Bibliotheksbereich zu streichen
und das vielleicht auch die Musikbibliothek gefährdet sei.
Sie hat dann überlegt, ob man vielleicht einen Verein gründen
sollte, wenn wir uns sowieso schon immer um die Bibliothek kümmern,
also Kultur machen. So haben wir erstmal eine Bürgerinitiative
gegründet und Flugblätter verteilt, um Leute einzuladen
in die BVV zu gehen, sich zu informieren: stimmt das, dass geschlossen
werden soll? Da stellte sich dann raus, tatsächlich, es sollen
Stellen gestrichen werden. Es wurden damals verschiedene Bibliotheken
zur Disposition gestellt. Und dann haben wir eben ganz schnell diesen
Verein gegründet. Ich glaube, das war im Juli, August, gerade
in der Sommerzeit. Das hat sich ein bisschen hingestreckt, weil
es in der Ferienzeit war. Das zieht sich immer eine Weile hin, Satzung
schreiben und so weiter. Aber das hatten wir dann irgendwann fertig
gehabt.
Wir hatten dann versucht, Gespräche zu führen,
mit dem zuständigen Stadtrat Dr. Nelken. Da war dann auch der
Amtsleiter dabei. Das waren eine ganze Menge Leute, Künstler,
Musiker, die eben das Interesse hatten, diese Bibliothek zu erhalten.
Vor allem diesen Musikschwerpunkt. Dann schlug diese Leiterin vor,
vielleicht ein ehrenamtliches Konzept zu entwickeln, damit –
für den Fall, dass Stellen gestrichen würden – ehrenamtliche
Mitglieder des Vereins in dieser Bibliothek arbeiten könnten.
Dort also einige Stunden Ausleihe betreiben oder dieses oder jenes.
Das hat der Verein angenommen, der wollte natürlich die Bibliothek
erhalten, hat gesagt, ja, das wollen wir unterstützen. Vielleicht
ist es ja auch möglich, MAE-Stellen oder 1-Euro-fuffzig-Stellen
zu erhalten. Und das haben wir überlegt, das Konzept entwickelt.
Wobei, es auch immer wieder Leute im Verein gab, die gesagt haben:
Nö, das ist eine öffentliche Aufgabe, Bibliotheken zu
betreiben und der Verein ist eigentlich dazu da, zusätzlich
kulturelle Leistungen zu erbringen, die Bibliothek bekannter zu
machen, Veranstaltungen zu machen, damit eben die Anwohner im Kiez
diesen Ort noch mehr nutzen können. Also, da gab es schon zwei
Meinungen.
.
Und dann spitzte sich das zu, als es eben eine Bezirksverordnetenversammlung
gab, wo noch mal über die Stellen beschlossen worden ist. Da
ging es wohl um elf Stellen. Die Situation in den Bibliotheken war
schon bisher so, dass eigentlich sehr wenige Mitarbeiter dafür
da waren, diese Bibliotheken rund um die Uhr, beziehungsweise Montag
bis Freitag bis 18 oder bis 19 Uhr, ununterbrochen geöffnet
zu halten. Das heißt, wenn mal einer von den Mitarbeitern
krank war, dann gab es schon ein Problem und es sind Unmassen von
Überstunden angefallen, die ja auch irgendwann ausgeglichen
werden müssen. Also es gab gar kein Personal, auf das man hätte
verzichten können, ohne dass man eine oder zwei Bibliotheken
schließt. Das war klar: wenn man Stellen streicht, dann muss
man auch die Bibliotheken zu machen. Wir wollten nicht, dass unterschiedliche
Standorte gegeneinander ausgespielt werden. Es sollte in Karow eine
Bibliothek geschlossen werden. Die Tucholsky-Bibliothek war im Gerede,
dass sie geschlossen werden sollte, der Eliashof natürlich
auch. Und dazu haben wir gesagt: nee, wir wollen keine schließen.
Und ja, wir arbeiten hier auch notfalls, damit die Bibliothek nicht
geschlossen wird. Kann ja sein, dass die Haushaltslage wieder besser
wird und dann vielleicht auf den Stellenabbau verzichtet wird und
so.
Dann gab es diese BVV, die etwas enttäuschend
war, weil 26 Verordnete tatsächlich für die Schließung
gestimmt haben. Fairerweise muss man sagen, dass sie Angst hatten,
dass sonst der Haushalt von Pankow kommissarisch verwaltet wird,
das heißt, dass sie dann als Verordnete praktisch gar keinen
Einfluss mehr auf den Haushalt haben und gar nicht mehr mitreden
könnten. Das stand als Gerücht im Raum, als Drohung. Insofern
meinten sie, damit halt das kleinere Übel zu schlucken. Aber
es war eben enttäuschend.
Und dann stellte sich raus, dass die Leiterin,
welche eigentlich die ganze Vereinsgründung mit initiiert hat,
ein Angebot in einer anderen Bibliothek übernommen hat, also
praktisch als die Kapitänin dieser Bibliothek die Segel gestrichen
hat. Wir fühlten uns dann etwas verarscht, auf gut deutsch
gesagt. Also a.) von diesem Verhalten, b.) dass sie eben die andere
Stelle angenommen hat und c.) dass sie immer wieder dieser ehrenamtliche
Konzept derart anbiederte, was wir dann inzwischen gar nicht mehr
wollten. Wir haben dann gesagt, wir wollen alle Bibliotheken und
alle Stellen erhalten. Das ist eine Grundsatzentscheidung: Was will
linke Politik?[Fn5]
Will linke Politik praktisch genauso mit Rechnungsbegründungen
irgendwas sparen, was sehr wichtig ist - also Bibliotheken, als
Orte von Kultur und Kommunikation, als Archive von Bildung oder
nicht? Und ja, diese Entscheidung ist dann eben für die Schließung
gefallen.
Politik
Im Folgenden stellen die Engagierten einerseits ihre
konkreten Erfahrungen im Umgang mit der jeweiligen lokalen Politik
und Verwaltung dar und verorten die Schließungsversuche in
einem größeren politischen Kontext. Alle drei stimmten
darin überein, dass diese Versuche nicht singulär, sondern
als Teil umfassenderer Prozesse zu verstehen sind. Interessant sind
diese Darstellungen auf mehreren Ebenen. Einerseits geben sie relevante
Hinweise für ähnliche Initiativen. Andererseits vermitteln
sie unterschiedliche Sichten auf die politischen Prozesse in der
deutschen Gesellschaft, an denen die Interviewten selber als Aktive
versuchten, zu partizipieren. Auffällig ist, dass bei ihnen
offensichtlich nicht von einer Politikverdrossenheit ausgegangen
werden kann, welche ansonsten häufig als allgemeiner gesellschaftlicher
Trend konstatiert wird. Vielmehr stellen sie klar, dass sie Anforderungen
an die Politik haben, welche sie gleichzeitig zu großem Teil
nicht erfüllt sehen.
Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek):
Ich habe ja vor der BVV noch eine Petition eingereicht, die alle
Weddinger Grundschulen unterschrieben haben. Die Petition wird nichts
bringen, das hat gar keine aufschiebende Wirkung. Also kann man
sagen, wir hätten uns den ganzen Quatsch sparen können.
Weißt du, es war beschlossene Sache. Unterm Strich hat es
aber gebracht, zu zeigen, dass es viele Bürger gibt, die sich
hier für den Kiez engagieren. Es haben sich viele kennen gelernt.
Und für die Mitarbeiter der Bibliothek war es immens wichtig,
zu erfahren, wie deren Arbeit überhaupt eingeschätzt wird.
Der Bibliotheksamtsleiter wurde noch mal Ende Januar
direkt vom Quartiersrat befragt, was denn sein Amt jetzt eigentlich
vorhatte mit dieser ganzen Aktion. Ob es richtig wäre, dass
es gar nicht um die Jerusalem-Bibliothek ging, sondern um die Installation
einer Kinderabteilung in der Bibliothek am Luisenbad? Da war die
klare Antwort: Ja, es ging um nichts anderes. Es wurde quasi nie
ein Ersatzkonzept für die Jerusalem-Bibliothek angedacht, auch
nach diesem Protest nicht. Das hat nie eine Rolle gespielt. Wir
Bürger wurden also irgendwie als Statisten, die nach geheimen
Regieanweisungen zu handeln hatten, in dieses Spiel mit eingeflochten.
Aber es war ganz interessant, ich habe viel gelernt.
Folgendes: Wenn man noch einmal irgendetwas stoppen
will, dann macht man als allererstes ein Bürgerbegehren. Man
begibt sich nämlich nicht auf die Bezirksebene. Uns wurde zwar
immer empfohlen, ja reden sie mit den zuständigen Leuten, das
ist wichtig, Auge zu Auge-Gespräche zu führen. Das kann
man vielleicht machen, wenn man zu viel Zeit hat. Es mag dann diese
Gespräche geben, aber im Hintergrund wird beschlossen und untereinander
abgekartet. Mich hat eine Bürgerinitiative aus Hamburg angerufen,
die kämpfen jetzt auch um eine Bibliothek und haben Postkarten
gestaltet und machen mit den Kindern Aktionen. Da sage ich: ist
gut und schön, macht das weiter. Aber macht sofort ein Bürgerbegehren.
Die nehmen euch das Ding unter dem Arsch weg und dann ist die Sache
erledigt. Also, es hat keinen Sinn, da irgendwie zu hoffen, auf
Gutmütigkeit oder was weiß ich. Das bringt alles gar
nichts. Das bringt schon was, das bringt halt Aufmerksamkeit, aber
man muss sofort schauen, was ist politisch und rechtlich machbar
und das sofort nutzen. Das wird jetzt ja auch ein Problem mit dem
Schwimmbad Seestraße. Da muss man sich nicht drum kümmern,
was passiert. Eigentlich ist das Wichtigste, dass die, die ein Interesse
an diesem Schwimmbad haben sagen: okay, egal was in der Zeitung
steht, egal was irgendwie kolportiert wird, wir nehmen unsere rechtlichen
Möglichkeiten als Bürger wahr. Unabhängig von dem,
was da in der Politik läuft. Also andere Möglichkeiten
sehe ich da so großartig nicht. Es gibt nun das Angebot von
Seiten der Politik, seine Meinung in den entsprechenden Ausschüssen
zu äußern. Wo die Jerusalem ja auch oft genug auf der
Tagesordnung stand. Da hat man dann die Möglichkeit, Redezeit
zu beantragen, man kann das per E-Mail machen, das ist relativ einfach.
Und die kriegt man in der Regel auch. Dann bereitet man was vor,
stellt sich da hin, sagt seinen Text und – wenn das Thema
dann auf die Tagesordnung kommt – hat man Glück, dass
man mit seinen Ausführung da Einfluss nehmen kann, beziehungsweise
da auch Dinge erläutert, die vielleicht nicht allen klar sind.
Und das ist der Eindruck, den ich hier hab. Man hat die Jerusalem-
Bibliothek in den Spartopf geschmissen, ohne zu wissen, um was es
eigentlich geht. Was ja auch dann ans Tageslicht kam, als Bezirksbürgermeister
Hanke einer Mutter sagte, 'da gehen doch nur Bildungsbürgerkinder
hin'. Das kann man natürlich nur sagen, wenn man noch nie den
Tagesbetrieb dieser Bibliothek beobachtet hat. Und ich glaube, das
ist ein großes Problem, was hier die Rettbarkeit der Bibliothek
unmöglich gemacht hat. Dass man gedacht hat: Okay, wir lagern
die um in die Luisenbad- Bibliothek, da fehlt uns eine Kinderabteilung
- ist ja auch okay. Also ist ja nichts Schlimmes, da eine Kinderabteilung
einzurichten. Aber eben für keinen Ersatz für die Kinder
am Nauener Platz zu sorgen, das ist ja das, wo wir gesagt habe:
Hey, so geht’s eigentlich nicht.
Abgesehen davon wusste der normale Bürger überhaupt
nichts vom Bibliotheksentwicklungsplan. Niemand wusste davon. Das
Ding haben wir uns gegenseitig per Mail zugeschickt. Das kannte
keiner.
Der Bibliotheksentwicklungsplan macht ja erst mal
einen guten Eindruck, auch wenn da von Schließungen die Rede
ist. Da darf man nicht blauäugig sein, natürlich muss
geschlossen werden. Wir sind ja hier auch ziemlich gut mit Bibliotheken
ausgestattet. Also, wenn das so gemacht werden würde, wie es
da steht – das heißt, in immerhin neun Jahren steht
sozusagen am Leopoldplatz eine riesige Bezirkszentralbibliothek
von 6.500 Quadratmetern – wäre es ja okay. Wenn man so
lange warten kann und nicht schon längst weggezogen ist in
der Zeit. Natürlich ist auch das, was im Bibliotheksentwicklungsplan
drin steht, für die Jerusalem-Jugendbibliothek ein Todesstoß.
Denn dort steht ja: 2009, Ausbau des Untergeschosses der Schiller-
Bibliothek. Das heißt ja im Klartext, wenn man das ausbaut,
bleiben aufgrund der Flächenverluste, die da fürs Treppenhaus
draufgehen, 150 Quadratmeter. Also, was soll man auf 150 Quadratmetern
an Bibliothekszusätzen oder Kinderabteilungen machen? Das ist
natürlich nichts gegenüber dem, was am Nauener Platz steht.
Aber nichtsdestotrotz wäre es ein Schritt zu einem Ausbau hin
gewesen. Nur kann man sich auch an fünf Fingern ausrechnen,
auch ohne 16 Millionen Haushaltsloch, ist wahrscheinlich eine Planung,
die zehn Jahre umfasst, recht phantasiereich. Weil keiner weiß,
was in den nächsten Jahren ist, keiner weiß, welche Partei
dann dran ist, wo da Prioritäten gesetzt werden. Und da kann
man sich sicher nicht in neun Jahren hinstellen und sagen: Ihr habt
doch vor zehn Jahren im Bibliotheksentwicklungsplan geschrieben,
hier soll eine große Bezirkszentralbibliothek hin. Wo ist
denn die jetzt? Aber uns blieb natürlich nicht anderes übrig,
als uns auch darauf zu berufen, um einfach klar zu machen, dass
hier auch mal irgendwo Verantwortung übernommen werden muss.
Der Bibliotheksentwicklungsplan wurde ja wahrscheinlich mit viel
Schweiß und viel Kampf innerhalb der Parteien aufgestellt.
Aber sich dann, weil ja 16 Millionen gespart werden müssen,
an gar nichts mehr zu halten und sozusagen den Ersatz komplett zu
streichen, wie klein er auch immer sein mag, ist natürlich
eine Schweinerei gewesen.
Ich würde aber auch unterteilen. Es gab natürlich
einmal das Amt für Bibliotheken und Kultur, welche das Hauptinteresse
hatten, in der Luisenbad-Bibliothek eine Kinderabteilung einzurichten
- die kein Interesse am Nauener Platz hatten. Dann musste sich aber
doch, aufgrund des sichtbaren bürgerlichen Protestes, die Politik
einschalten, nämlich der Bezirksbürgermeister und sagen:
Hey, der Protest ist ja so groß, damit haben wir nicht gerechnet.
Was machen wir jetzt damit? Aber es wurde gar nichts damit gemacht.
Es wurde auch nicht kommuniziert, es kam keiner auf uns zu, gar
nichts. Es wurde sozusagen links liegen gelassen. Ich hatte zwei
persönliche Gespräche mit dem Bezirksbürgermeister.
Da hat er mich zu eingeladen, um das mal zu erörtern. Aber
außer, dass er das auch bedauert, blieb unterm Strich nur:
ja, was sollen wir anderes machen und das ist beschlossene Sache.
Das heißt also, von Kommunikation mit den Bürgern kann
nicht die Rede sein. Und das ist, was wir auch daraus gelernt und
gesehen haben: Dass also so eine Partei, die sich bürgernah
gibt und vor allen Dingen auch die Eigeninitiative des Bürgers
immer wieder herauf beschwört, diese nur gerne sieht, wenn
sie ins eigene Konzept passt. Zum Beispiel beim Sträucherschneiden
am Nauener Platz. Aber wenn es jetzt den eigenen politischen Vorstellungen
oder Vorhaben zuwider läuft, ist Feierabend, da wird die Tür
geschlossen. Das ist natürlich katastrophal. Und das ist etwas,
was man auch publik machen muss. Denn immerhin wurde die SPD in
Berlin mehrheitlich gewählt. Aber sicherlich nicht, um sich
in Notzeiten gegen den Bürger zu stellen und zu sagen, hey,
jetzt reden wir nicht mehr mit euch. Das geht natürlich nicht.
Der Einsatz für eine Bibliothek rührt vielleicht
auch daher, dass ich an meinen eigenen Kinder sehe, dass es Gold
wert ist, wenn sie vernünftig mit Sprache umgehen können,
dass das denen Welten erschließt und hilft, mit der Welt zu
kommunizieren. Ich bin eigentlich gar kein Leser. Aber wenn ich
dann in der Jerusalem- Jugendbibliothek gesehen habe, wie das von
den Kindern angenommen wurde, wie man die über Lesen und Bücher
für sich gewinnen und in demokratische Grundprozesse einbinden
kann, wo die auch lernen, miteinander umzugehen – und das
ist so; die lernen das da, anders, als nur auf der Straße
– dann sehe ich, dass man so was erhalten muss. Wenn das jetzt
aus Kostengründen irgendwie wegfallen muss, muss man schauen,
ihnen anders diese Möglichkeiten zu geben. Das sollte eigentlich
normal sein.
Die Streichung der Jerusalem-Bibliothek ist nur Teil
einer größeren Geschichte. Es gibt andere Bezirke in
Berlin, da heißt es – ich glaube, dass ist in Kreuzberg-
Friedrichshain so, ich weiß es nicht genau –, die hätten
eine Maßgabe: die sagen, Streichen ja, aber Bildung und Kultur
fallen von vornherein aus Streichkonzepten raus, das wird nicht
eingebracht. Das ist bei denen sozusagen unantastbar. Das habe ich
so gehört, ich weiß nicht, ob es so stimmt und wie es
dann in der Praxis umgesetzt wird. Aber immerhin haben die diesen
Gedanken offensichtlich. Da packt man diese Sache nicht an und sagt,
lieber ein paar Schlaglöcher mehr auf der Straße, da
beschweren sich zwar die Autofahrer, aber es wird eben nicht weiter
an der Bildung herumgesägt. Und die Eier haben die hier nicht
in der Hose, das geht hier leider. Es wird auf den Senat geschimpft,
was das Zeug hält, auf die Ausblutungspolitik des Senats, aber
man hat dann nicht den Arsch in der Hose, sich dagegen zu wehren.
Man ficht das lieber auf Kosten des Bürgers aus.
Wenn keiner auf die Straße geht, dann kann
man eigentlich politisch durchsetzen, was man möchte. Es gibt
dann sozusagen dazu eine gegenteilige Meinung nicht. In anderen
Ländern wird sie dann halt brutal unterdrückt, bei uns
ist das zum Glück nicht so. Ich glaube, so Einzelmaßnahmen
bewirken wahrscheinlich nichts, aber in der Gesamtheit bewirkt das
halt ein Umdenken in der Bevölkerung. Die Grünen wurden
in den 80er Jahren auch belacht, heute muss man ihnen verdanken,
für eine kontinuierliche Umweltpolitik gesorgt zu haben, die
eben nicht abhängig ist von irgendwelchen Moden und Trends.
Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek):
Ich sage mal ein Beispiel, wie schizophren eigentlich diese politische
Aufteilung in Pflichtaufgaben und Nicht-
Pflichtaufgaben ist. Also: Kultur, Jugendförderung, Musikschulen,
Bibliotheken,
Leseförderung etc., das sind alles keine Pflichtaufgaben. Kann
man also streichen.
Aber, wenn ein Jugendlicher oder eine Jugendliche
sich fehl entwickelt, Hilfe zur Erziehung braucht, eine Unterbringung
braucht, eine psychotherapeutische Betreuung
braucht, jugendpsychologische Unterstützung braucht, weil es
eine Fehlentwicklung gibt oder sie straffällig wird –
das sind alles Pflichtaufgaben. Und das ist schizophren. Das heißt,
die Prävention, das ist keine Pflichtaufgabe. Aber wenn das
Kind in den Brunnen gefallen ist, das ist dann eine Pflichtaufgabe.
Also das jetzt nur als Beispiel. Völlig irre.
Bibliotheken zu schließen ist ein Verbrechen,
meiner Meinung nach, weil du Fehlentwicklungen programmierst, wenn
du keine Leseförderung mehr machst, wenn du Kinder und Jugendliche
nicht mehr heranführst an Bücher, an Wissen, an Musik
und so weiter. Also davon sind wir zutiefst überzeugt.
Karsten Schuldt: Wie würdest
du die Politiker im Bezirk Pankow einschätzen?
Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek):
Das sind zumeist Leute, die wissen, dass Bibliotheken wichtig sind
für den Kiez. Die keine Bibliotheken schließen möchten,
sondern dazu gezwungen sind und das umsetzen müssen, verwaltungstechnisch.
Das ist Teil der Sparpolitik des Finanzsenators.
Also, ich meine Berlin hat natürlich ein Finanzproblem. Das
Finanzproblem hat natürlich auch Ursachen. Eine der Ursachen
ist hier der Bankenskandal, obwohl das die kleinere Ursache ist.
Die größere Ursache ist, dass die große Koalition
sich ungeheuer verschuldet hat.[
Fn6]
Auch nicht nur unbegründet, weil es natürlich klar war:
die große Koalition hat natürlich nach 1990 die Gehälter
angeglichen und das kannst in einer Stadt wie Berlin gar nicht anders.
Du kannst doch nicht zwei Polizisten haben, die im gleichen Streifenwagen
sitzen, der eine ist im Westen angestellt, der bekommt Westgehalt,
der andere kommt aus dem Osten und der aus dem Osten verdient die
Hälfte. Das geht nicht. Das hältst du auch nicht durch.
Und dann kommen die ganzen Hauptstadtaufgaben hinzu. Da hat der
Bund sich nicht drum gekümmert. Das zahlt ja alles Berlin,
nach wie vor. Ob das die Bewachungen von Botschaften ist oder was
auch immer. Auch die ganzen Kultureinrichtungen zahlt Berlin. In
Wien käme keiner auf die Idee, die Wiener Staatsoper durch
die Stadt Wien finanzieren zu lassen, das macht selbstverständlich
die Republik Österreich.
Karsten Schuldt: Es ist eine These,
doch ich hatte schon den Eindruck, dass sich die Proteste inhaltlich
verändern, also dass andere Themen in den Vordergrund gestellt
werden, als einfach Kultur und Bildung, dass auch die Aktionsformen
sich ändern. Und ich hatte auch das Gefühl, als würde
die Auseinandersetzung härter werden. Als würden die bürgerschaftlichen
Initiativen verstärkt auftreten und intensiver an den Sachen
arbeiten.
Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek):
Ja, ich glaube, das ist ein richtiger Eindruck. Und ich glaube,
dass es einen gesellschaftlichen Grund hat, warum sich das so verändert.
Den sehe ich darin, dass das gesellschaftliche Klima kälter
und auch härter geworden ist. Das heißt, die Leute haben
immer mehr den Eindruck, dass sie eigentlich keinen Einfluss haben.
Viele gehen nicht mehr zur Wahl. Was ich verheerend finde. Du hörst
immer nur das Gleiche, Sonntagsreden, du kannst ja überhaupt
nicht mehr Radio oder Fernsehen einschalten. Die Leute merken doch,
dass sie eigentlich nur noch Mittel zum Zweck sind.
Karsten Schuldt: Das Faszinierende
ist ja, dass trotzdem die Leute sich engagieren, oder?
Peter Venus: Gut, sie engagieren
sich. Aber so punktuell, dann allerdings mit einer größeren
Vehemenz. Die Schwelle zum Engagement, die ist irgendwie gewachsen.
Und dann wirst du natürlich ein wenig vehementer.
Karsten Schuldt: Wenn solche Initiativen
zunehmen, und nicht nur im Bibliotheksbereich, entsteht dann nicht
auch eine andere Aufgabe für Bibliotheken? Müssten sie
nicht ein Informationszentrum darstellen? Ganz offensichtlich ist
es ja so, dass man Informationen braucht, um sich politisch zu engagieren.
Man braucht Kontakte, man muss wissen, wie funktioniert die Bezirkspolitik,
besonders wenn man keine Leute hat, die da schon drin sind. Ich
habe mich während der Proteste gefragt, ob da nicht vor allem
einer Kiezbibliothek als Einrichtung im Kiez oder in der Gemeinschaft,
wie auch immer die strukturiert ist, eine Aufgabe erwächst.
Oder wird das immer anders funktionieren?
Peter Venus: Das wäre natürlich
eine gute Aufgabe, sozusagen, dass man im weitesten Sinne Informationsaufgaben
mit reinbringt. Oder auch Beratung. Oder Zusammenarbeit von Bibliotheken
und anderen Einrichtungen. Ähnlich, wie das, was wir jetzt
als Betroffenenvertretung machen. In der Betroffenenvertretung ist
ja zum Beispiel auch die Mieterberatung. Solche Zusammenarbeit finde
ich natürlich wichtig. Aber als spezielle Aufgabe einer Bibliothek
– also, es sollte halt im Angebot sein, als politische Bildung.
Es sollten da Veranstaltungen sein, das ist auch wichtig. Das ist
eminent wichtig, also bewusstseinsbildend in der Richtung: es sieht
zwar alles sehr ohnmächtig aus, aber man kann auch etwas verändern.
Was ich verheerend finde, schon von der Sprache her,
ist dieser Eingang von Betriebswirtschaft in das öffentliche
Leben oder in die öffentliche Verwaltung. Das ist seit mindestens
zehn Jahren so. Jetzt heißt es ja Jobcenter, da ist man kein
Bürger mehr, sondern Kunde. Gut, die Leute, die denken sich
gar nichts dabei. Der Kunde ist ganz was anderes, als ein Bürger.
Der Bürger hat nämlich Rechte und zwar schon vorher. Als
Kunde hat er auch Rechte. Aber ich habe als Kunde niemals das Recht
auf Vertragsabschluss. Ich habe erst, wenn der Vertrag geschlossen,
das Recht aus dem Vertrag. Aber auf den Vertrag hab ich gar keinen
Einfluss. Den mache ich nämlich gar nicht. Dem kann ich nur
zustimmen. Das ist ein Kunde. Ein Bürger ist ganz was anderes.
Der geht auf ein Amt und hat einen Rechtsanspruch, dass das Amt
genau das macht, was im Gesetz steht. Dass es seinen Anspruch erfüllt.
Da hat er ein durchklagbares Recht. Entsprechend hat sich das Amt
zu verhalten. Das Amt ist nämlich für den Bürger
da, weil der Bürger das Amt auch mit seinen Steuern bezahlt.
Das ist nämlich was anderes, als der Kaufhof. Und das finde
ich verheerend, schon von der Sprache her. Oder die Kosten/Leistungsrechnung
bei Bibliotheken. Was ist das denn für ein Irrsinn? Das ist
auch Betriebswirtschaft. Machen wir jetzt auch eine Kosten/ Leistungsrechnung
bei Schulen, ja? Schule hat sich zu rechnen? Oder Uni mit Studiengebühren.
Was ist denn das für ein Irrsinn? Es ist von der Staatstheorie
her schon völliger Unsinn.
Michael Haufe (Jederzeit Musik, Bibliothek
im Eliashof): Ich sag es jetzt mal aus meiner Sicht: Das
Problem ist ja gerade der Politikverdruss oder der Politikerverdruss,
dass eben, egal welche Fraktion oder welche Richtung gerade regiert,
trotzdem eine Politik gemacht wird, die a.) nicht im Interesse des
Bürgers ist und b.) eben abgehoben wirkt und auch nicht mehr
unterscheidbar ist zwischen Links und Rechts.
Karsten Schuldt: Würdest du
die Schließung der Bibliothek singulär wahrnehmen oder
ist die Teil dieser Politik?
Michael Haufe: Es ist ein Teil, es
ist ein Symptom dessen, was zurzeit in der Politik vor sich geht.
Das heißt immer noch der Hang zur Privatisierung. Alles wird
durchökonomisiert. Es wird gefragt, kostet es Geld oder kostet
es nicht Geld? Bringt es Geld oder bringt es kein Geld? Und da ist
es eigentlich egal, eben ob die Politik links ist oder rechts ist.
Die Mechanismen sind die gleichen. Was natürlich schon ein
bisschen ärgerlich war bei der Schließung: man hatte
den Eindruck, es sollte fast heimlich passieren. Man hatte gar kein
Interesse, dass die Bevölkerung groß mitmacht, es groß
mitbekommt. Man hat es einfach so eingestellt. Man hat das gar nicht
groß angekündigt, auch nicht den Besuchern. Auch noch
heute [Ende Januar 2008] gibt es Leute, die immer noch vor der verschlossenen
Tür stehen und fragen, was ist hier los? Die wollen es gar
nicht wahrhaben, dass die Bibliothek geschlossen ist. Weil es einfach
gar nicht so richtig bekannt gegeben worden ist. Das war in der
Weihnachtszeit. Dann war das einfach zu, also da, wo die Menschen
sowieso mit anderen Sachen beschäftigt sind. Und das wirkt
einfach irgendwie etwas feige, sag ich mal.
Mein Eindruck ist, dass es eben Leute gibt, die meinen:
ach, na ja, Bibliotheken werden heute vielleicht nicht mehr so benötigt,
es gibt ja das Internet, es gibt andere Formen, sich zu bilden.
Oder es ist doch einfach, man kann sich doch die Bücher kaufen
und zuschicken lassen. Oder es gibt eben große Zentralbibliotheken
in Berlin und die Öffentlichen Verkehrsmittel sind doch gar
nicht so ungeeignet, diese zu erreichen. Also braucht man diese
kleinen Bibliotheken nicht.
Ich hab schon mitbekommen, dass es einen Trend hin
zu dieser Zentralisierung gibt. Also es ist scheinbar auch schon
in anderen Bezirken der Fall gewesen, dass Bibliotheken geschlossen
wurden. Und im Prenzlauer Berg sind ja auch schon in den vergangen
letzten Jahren mehrere Bibliotheken geschlossen worden. Das ist
immer relativ leise passiert. Man macht das eben so nach und nach,
das ist ein schleichender Prozess. Die Idee, die da dahinter steckt,
ist so eine Art Zentralisierung. Man hat dann möglicherweise
eine zentrale Bibliothek pro Bezirk, dadurch hat man weniger Kosten.
Das ist ja ganz klar, weniger Betriebskosten, weniger Mietkosten
und so weiter und so weiter und so weiter. Das ist eben genau diese
Rationalisierung, die aber in der Kultur meines Erachtens eben nichts
zu suchen hat. Und die Stimmung in der Verwaltung, beziehungsweise
unter den Bezirksverordneten, ist so, dass sie eigentlich alle,
glaube ich, wollen, dass die Bibliotheken erhalten werden. Das ist
eigentlich eine schizophrene Situation. Also sie wollen die Bibliothek
erhalten, meinen aber, wenn sie sich dafür entscheiden, dass
dann sozusagen haushaltstechnisch eine Strafe droht. Das hängt
mit dem Zuweisungssystem in Berlin zusammen, dass die Bezirke Beträge
zugewiesen bekommen und wenn sie mehr Geld ausgeben, als geplant,
dann kriegen sie eben in den darauf folgenden Haushaltsplanungen
noch weniger Zuweisungen, immer weniger Zuweisungen. Es wirkt also
wie eine Strafe, so dass dann tatsächlich noch mehr geschlossen
werden muss.
Karsten Schuldt: Die letzten so wahrnehmbaren
Proteste für Bibliotheken hat es wohl Anfang der neunziger
Jahre gegeben. Deswegen hatte ich während der Proteste den
Eindruck, dass sich eine neue Form von Engagement ergibt. Oder würdest
du das anders sehen?
Michael Haufe: Du sagst es ja schon,
in den neunziger Jahren gab es viele Proteste gegen Studiengebühren
an den Universität, gegen Bibliotheksschließungen, da
wurde ne Kita geschlossen, dort wurde ne Kita geschlossen, Schwimmbäder
wurden geschlossen. Es gab einen radikalen Abbau an Leistungen der
Öffentlichen Hand für den Bürger, die eben aus Kostengründen
irgendwie eingespart werden mussten. Und gab es jede Menge Proteste,
die aber alle letztendlich mehr oder weniger ergebnislos ausgingen.
Das heißt, es machte sich eine gewisse Resignation breit.
'Es hat ja überhaupt keinen Sinn, man kann sich ja nicht dagegen
wehren, es besteht gar keine Chance, sich gegen diese Art von Politik
zu wehren. Man kann da sagen und tun und lassen, was man will, es
ist beschlossen, es wird gestrichen und fertig, aus.' Und meines
Erachtens ist es jetzt so, dass es eigentlich um das Letzte geht.
Also, für mich persönlich sind Bibliotheken,
also diese kleinen Stadtteilbibliotheken, das letzte Symbol. Wenn
das auch noch geschlossen wird, dann können sie irgendwann
die Verwaltung und sich selber abschaffen. Dann brauchen wir sie
nicht mehr.
Wozu brauche ich einen Bürgermeister, wozu brauche
ich einen Bezirksstadtrat für irgendwas? Ich brauch sie dann
nicht, wofür auch? Und daher möglicherweise dieser Trend,
ehrenamtliche Vereine zu gründen, ehrenamtliches Engagement
zu nutzen, auch von Seiten der Politik, um dann solche Zwitterlösungen
zwischen Ehrenamt und städtischer Förderung aufleben zu
lassen. Es könnte sein, dass das eine Reaktion ist auf das,
was in den neunziger Jahren passiert ist, mit den Schließungen.
Dass sich so nach und nach freie Träger etabliert haben, die
wissen, wie und wo man Gelder beantragt und die sich um diese Angelegenheiten
kümmern, aber trotzdem auch darauf achten müssen, dass
sie wenigstens eine schwarze Null schreiben.
Debatten um das Ehrenamt
In der Schilderung der Proteste wurde deutlich, dass
bei Pro Kiez und Jederzeit Musik relativ früh Debatten um den
Sinn und die Gefahren einer ehrenamtlichen Weiterführung der
Bibliotheken geführt wurden. Dabei gelangten die beiden Initiativen
vorerst zu zwei unterschiedlichen Ergebnissen, die auch in den Interviews
zum Ausdruck kommen. Niemand stimmt dem Einsatz von Ehrenamtlichen
unumschränkt zu, gleichzeitig sehen alle drei Interviewten
das Ehrenamt grundsätzlich positiv.
Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek):
Interessanterweise hat niemand von uns das auch nur auf den Tisch
gebracht, die Geschichte mit ehrenamtlicher Arbeit. Offensichtlich
kam das für niemanden in Frage, sonst hätten wir das schon
längst diskutiert. Wir haben mehrere Möglichkeiten überlegt,
was man so machen könnte und Ehrenamtlichkeit kommt einfach
für Keinen in Frage. Ich finde das auch das Allerletzte, hinzugehen
und etwas durch Ehrenamtlichkeit zu lösen, was eigentlich Aufgabe
der Politik ist, beziehungsweise hier des Bezirks - auch in solchen
Zeiten. Es wird schon soviel ehrenamtlich gemacht, von Klassenraum
streichen bis ...
Was gibt es nicht noch alles ehrenamtlich? Es gibt eigentlich jede
Menge, vor allen Dingen in den Schulen. Das ist eigentlich zu viel
des Guten, eine Öffentliche Bibliothek, die vor allem ja Zuspruch
hat, so zu betreiben. Eine Einrichtung, die nachgefragt wird und
– würde man das jetzt nach privat-wirtschaftlichen Maßstäben
sehen, also wirklich Nachfrage produziert – da hinzugehen
und zu sagen, auch wenn es gut läuft, wir machen das jetzt
ehrenamtlich, das kommt für mich gar nicht in Frage. Man muss
auch nicht großartig weiter drüber diskutieren. Es ist
eine Schweinerei seitens der Politik, überhaupt solche Möglichkeiten
einzubringen. Leider werden die ja auch mittlerweile von den Bürgern
eingebracht. Also selbst bei solchen Einrichtungen wie dem Quartiersmanagement
bezahlt man zwei, drei Leute und der restliche Aufriss ist dann
ehrenamtlich. Ich finde ehrenamtliche Tätigkeit ist richtig
wichtig, und da gibt es sicherlich andere Möglichkeiten, sich
ehrenamtlich zu betätigen, wo es auch von Natur aus vielleicht
gar keine politischen Maßnahmen gibt. Zum Beispiel, sich um
alte Leute zu kümmern – ehrenamtlich. Das finde ich zehnmal
wichtiger, als der Politik unter die Arme zu greifen, bei dem, was
sie eigentlich zu bezahlen hat. Also: ich finde, der Bürger
zahlt schon genug drauf.
Das habe ich Pro Kiez auch gesagt. Ich finde
das den falschen Weg, sich da ehrenamtlich hinzustellen. Das wird
jetzt wohl die zweite Bibliothek sein, wo das so läuft –
in Schöneberg gibt es das ja wohl schon. [
Fn7] Also,
wenn sich das durchsetzt, dann wird die Politik sich auch immer
mehr aus der Verantwortung stehlen können. Das macht sie jetzt
schon und das sollte man nicht unterstützen. Dann muss man
sie auch eines Tages nicht mehr wählen, weil sie ja sowieso
für nichts verantwortlich ist.
Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek):
Deswegen haben wir gesagt, wir besetzen die Bibliothek und arbeiten
auf zwei Schienen. Die eine Schiene ist, wir versuchen ein Modell
zu entwickeln, um die offen zu halten, ehrenamtlich. Aber nicht
auf Dauer, sozusagen als Plan B, sondern bis zu der Zeit, wo es
– so hoffen wir –, wieder eine staatliche Bibliothek
wird, mit Bibliothekaren, die im öffentlichen Dienst sind und
die ordentlich bezahlt werden und so weiter.
In der Zwischenzeit haben wir ein solches Modell
entwickelt, dass sich anlehnt an Schöneberg. Wie geht das?
Also, unserer Meinung nach geht das nur so: Es muss eine öffentliche,
kommunale Bibliothek bleiben, auch wenn wir sie im Ehrenamt betreiben.
Es ist natürlich eine Gradwanderung. Das heißt, der ganze
Bestand, das Gebäude und so weiter, bleibt im Eigentum der
Kommune, des Bezirks, die Rechts- und Fachaufsicht bleibt beim Bezirk.
Die Bibliothek ist nach wie vor Bestandteil der Bibliotheken Pankows.
Und der Verein, der sich dann gegründet hat, organisiert die
Betreibung. Die Bibliothek bleibt selbstverständlich im VÖBB.
Sämtliche Einnahmen, die eine Bibliothek hat, gehen selbstverständlich
an den Bezirk, für die Kosten/Leistungs-Rechnung. Wir versuchen
das möglichst kostenneutral zu machen.
Allerdings: eine Bibliothek ist keine Betriebswirtschaft.
Die betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise von sozialen oder
kommunalen oder staatlichen Einrichtungen halte ich für verheerend.
Aber wir versuchen natürlich das Beste, obwohl wir ja keine
Bibliothekare sind – man muss sich das nicht einbilden, ein
Bibliothekar hat einfach mal ein Hochschulstudium hinter sich. Und
man muss sich nicht einbilden, ach jetzt gehe ich mal in die Bibliothek
und dann mache ich das. Oder ich stelle mich an den Tresen, mach
einen VÖBB-Kurs und dann geht das schon. Bibliothek ist weit
mehr, als nur Dinge ausleihen und wieder in Empfang zu nehmen und
das richtig zu buchen. Ein Bibliothekar ist ja kein Handwerker.
Darum haben wir gesagt, wir brauchen natürlich eine fachliche
Betreuung. Das wird noch verhandelt.
Karsten Schuldt: War das am Anfang
der Proteste schon so klar oder hat sich das mit der Zeit in einem
Diskussionsprozess ergeben?
Peter Venus: Dass war natürlich
ein Entwicklungsprozess. Also, erst mal deswegen, weil wir sagen:
Bibliotheken sind eine
staatliche Aufgabe – dafür muss man kämpfen. Es
kann nicht sein, dass der Staat sich
arm macht – die letzten Unternehmensgeschenke waren irgendwie
acht Milliarden oder noch mehr, nur von der letzten Unternehmenssteuersenkung
–, immer mehr Leistungen des Staates herunter geschraubt werden,
zugunsten der Reichen und der Superreichen und die Bürger machen
das dann im Ehrenamt weiter. Das geht nicht, das ist die falsche
Strategie.
Da musst du für kämpfen, dass in dem Land,
das eines der reichsten der Welt ist, Kultur einfach mal Daseinsfürsorge
ist, staatliche Aufgabe.
Karsten Schuldt: Aber gleichzeitig
wird doch das Ehrenamt auch positiv gesehen? Dass sich Menschen
für Dinge engagieren, die ihnen wichtig sind, ist doch ein
notwendiger Bestandteil jeder demokratischen Gesellschaft.
Peter Venus: Ehrenamt ist was Positives.
Aber wenn durch das Ehrenamt staatliche Aufgaben übernommen
werden. Ich meine, wenn ein Krankenhaus geschlossen wird, geht ja
keiner hin: so, jetzt mache ich ehrenamtlich den Chirurgen. Das
funktioniert ja irgendwie nicht. Da wird es jedem sofort klar. Aber
in Bildung und Kultur denkt man immer: na ja, das kann ja jeder.
Das ist aber ein Irrtum. Die Leute haben auch eine Hochschulausbildung.
Und vor allem müssen die Fachleute sein, die auch bezahlt werden.
Es gibt ja auch von Bibliothekaren und Bibliothekarinnen
die Angst: wenn das alles gut geht, mit dem Ehrenamt, dann baut
man uns ja noch mehr ab. Das wollen wir auf gar keinen Fall erzeugen.
Das Gegenteil ist der Fall. Wir kämpfen darum, dass diese Bibliothek
eine staatliche Bibliothek bleibt, wo Leute im Öffentlichen
Dienst arbeiten und entsprechend ihrer Ausbildung bezahlt werden.
Dafür kämpfen wir. Also auch für Arbeitsplätze.
Der Verein Pro Kiez hat zwar das unmittelbare Ziel
die Bibliothek am Leben zu erhalten, aber er hat natürlich
noch ein paar andere Ziele. Nämlich übergreifend die Lebensqualität
zu heben, durchaus auch in anderen Bereichen, wenn die aktuell werden.
Das heißt ja nicht Pro Kiez Bibliothek oder so, sondern Pro
Kiez Bötzowviertel.
Karsten Schuldt: Mich würde
interessieren, aus wem sich dieser Verein zusammensetzt. Ist das
eine Künstlergruppe? Ich hatte das so wahrgenommen.
Michael Haufe (Jederzeit Musik, Bibliothek
im Eliashof): Ja, also ich selbst verstehe mich als Autor
und Gesellschaftskritiker. Derjenige, der sich am meisten um die
Vereinsgründung gekümmert hat, M., der ist Komponist.
Das war eine bunte Anzahl von Interessierten, die eben unbedingt
wollten, dass die Bibliothek erhalten bleibt. Und die eigentlich
das Angebot erweitern wollten. Zum Beispiel mit Lesungen, die wir
auch schon gemacht haben, mit Konzerten, vielleicht sogar Ausstellungen.
Das war eigentlich der Plan. Und dass es jetzt umgedreht gekommen
ist, war nicht geplant.
Wir wollten zwar auch mit unserer Arbeitszeit und
so weiter diese Bibliothek unterstützen. Aber wir wollten nicht
vollständig das ehrenamtliche Konzept übernehmen, das
heißt: ehrenamtliche Leute betreiben letztendlich die Bibliothek.
Das war immer die Gefahr, die wir gesehen haben: a.) ist es unsere
Zeit, das ist praktisch eine verdeckte Form vor Schwarzarbeit. Das
ist zwar entgeltlos, aber es ist eigentlich nicht in Ordnung. Und
b.) ist das Problem bei Vereinen, dass die Unabhängigkeit vielleicht
gar nicht mehr gegeben ist. Was macht man, wenn irgend so ein Sponsor
auftaucht und sagt, ja, ich sponsere hier die Bibliothek und dafür
möchte ich, dass bestimmte Bestände hineingestellt werden?
Ich sag jetzt mal Scientology oder so was oder irgendwelche politischen
Richtungen. Man kann dann wahrscheinlich sehr wenig dagegen tun.
Auch ein Verein muss die Kosten decken.
Vorstellungen und Wahrnehmungen
von Bibliotheken
Das Engagement für die jeweiligen Bibliotheken
motivierte sich bei den Einzelnen Aktiven
auch über ihre Wahrnehmung von Bibliotheken. Gleichzeitig haben
sie sich in den Monaten vor den Interviews intensiv mit Bibliotheken
auseinandergesetzt. Im folgenden, letzten Abschnitt schildern sie
ihre Ansichten von der Aufgabe öffentlicher Bibliotheken. Sichtbar
wurde bei diesen Ausführungen unter anderem, dass sich aktive
Initiativen vor allem dort bilden, wo die jeweilige Bibliothek in
den Jahren oder Jahrzehnten zuvor eine aktive und positiv wahrgenommene
Rolle gespielt hat. Eine der größten Rückversicherungen
von Öffentlichen Bibliotheken für die Zukunft, scheint
insoweit die von den jeweiligen Nutzenden als positiv wahrgenommene
Arbeit zu sein.
Wahrnehmung der Arbeit vor der Schließung
Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek):
Die Situation am Nauener Platz ist die, dass vor wenigen Jahren
der Nauener Platz selbst ziemlich herunter gekommen war. Das war
ein starkes Drogenumfeld, Kleinkriminalität, wobei letzteres
da immer noch vorherrscht. Aber der Nauener Platz selbst, da gibt
es das Jugendzentrum und davor diesen Platz, wo auch noch ein Spielplatz
angesiedelt ist und da war eigentlich immer die Drogenszene. Und
fünfzig Meter weiter links, oder siebzig Meter, ist die Bibliothek.
Das ist sozusagen das Umfeld, in dem das stattfand. Außerdem
gibt es die Initiative Nauener Neu, die sich mit Bundesmitteln bemüht,
diesen Bereich quasi wieder sozial aufzuwerten.
Viele denken, das betrifft nur den Platz. Dachte
ich auch immer. Das sah man dann ja auch: Bürger haben Hand
angelegt und Sträucher zurück geschnitten und so weiter,
so dass sich da die Alkoholiker nicht mehr tummeln konnten. Wo die
jetzt sind, weiß ich nicht. Die laufen wahrscheinlich drei
Ecken weiter. Aber es wurde einfach alles verschönert, so dass
es wieder öffentlich zugänglich ist, dass man sich da
überhaupt wieder hintrauen kann auf diesen Spielplatz. Zu dem
Arbeitsfeld von Nauener Neu gehört aber ein sehr großer
Kreis, das geht bis hoch zur Badstraße und das umfasst eigentlich
ganz viele, auch leer stehende Ladenlokale und so weiter. Dieser
ganze Bereich, in dem die Jerusalem-Jugendbibliothek zehnmal drin
vorkommt. Die Reinickendorfer Straße, an der dieses alles
liegt, gehört mittlerweile zur schlimmsten Straße von
Mitte. Das war ja lange Zeit der Soldiner Kiez, der ist es aber
schon lange nicht mehr.
Karsten Schuldt: Und die Bedeutung
der Bibliothek in diesem Kiez?
Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek):
Ja, die ist natürlich genauso wichtig, wie das Jugendzentrum
selbst. In dem Jugendzentrum sind ja Teens bis Ältere, die
sich dort aufhalten. Das sind reine Freizeitangebote und da ist
einiges installiert, die Räume sind alle voll. Die Kinder-
und Jugendbibliothek selber richtet sich da ein bisschen an die
Jüngeren. Das geht los ab zwei bis vier Jahre, also mit Bilderbüchern,
die da bereitgehalten werden. Teenies findet man da in den oberen
Etagen, wo Medien für Ältere bereitgestellt werden, beziehungsweise
wo Computer- Internetarbeitsplätze sind. Die Bibliothek ist
keine reine Ausleihe, sondern es ist halt ein Sozialraum, ein Aufenthaltsraum
für Kinder. Also, ich kenne Bibliotheken aus kleinen Städten,
da geht man hin, nimmt ein paar Bücher mit und geht wieder.
Das ist aber kein sozialer Kommunikationsraum. Die Jerusalem-Bibliothek
ist das aber. Schon allein durch die Angebote, die da stattfinden:
Hausaufgabenhilfe, Spracherziehung im weitesten Sinne, Sprachförderung
und diese ganzen Maßnahmen.
Das sind natürlich auch verschiedene Welten.
In dem Jugendzentrum treffen sich die einen, in den Bibliotheken
die anderen. Zum Beispiel Kinder, die in der Freizeit nicht zusammen
spielen dürfen, nicht zusammen kommen dürfen, treffen
sich unter der Maßgabe, da was für die Schule zu tun
in der Bibliothek. Das sind nicht zu unterschätzende Effekte,
die da passieren, die aber politisch keine Bedeutung haben. Jedenfalls
nicht in klammen Zeiten wie diesen.
Ich hab die Bibliothek schon vor zehn Jahren kennen
gelernt, als sie gerade zur reinen Kinderbibliothek umfunktioniert
wurde, dadurch, dass mein Sohn in das bibliotheksfähige Alter
kam. Das war 1996/97. Und ich fand die Bibliothek für mich
als Elternteil toll, weil sie eben sehr vielfältige Medien
bereithält. Also jetzt nicht vielfältig im Sinne von es
gibt Videos, es gibt CDs, es gibt Bücher, sondern eben von
allen auch eine gewisse Tiefe. Die Auswahl an Bilderbüchern,
die ja damals in der ersten Phase wichtig waren und dann die ersten
Vorlesebücher, ist dort enorm groß und qualitativ richtig
gut. Parallel dazu das Angebot an Brettspielen: klasse. Und als
mein Sohn älter wurde, wanderte er sozusagen in die zweite
Etage der Bibliothek, wo die Jugendmedien bereitgehalten werden.
Und da fand er auch immer was. Also, es ist schon vom Angebot her
eine richtig gute Bibliothek. Was natürlich bei der Fläche
eben auch machbar ist, für ein gutes Angebot zu sorgen. Als
dann unsere Tochter zur Welt kam, ging es sozusagen wieder los,
unten in der Abteilung für die ganz Kleinen.
Und was ich auch immer gut fand, war, dass an den
sechs PC-Arbeitsplätzen, sich die ganzen Teenies tummeln, aber
da oben auch immer eine Mitarbeiterin sitzt, die dort den Bestand
verwaltet und immer ein Auge auf diese Kinder hat. Da geht es auch
ein bisschen lauter zu und da gibt es manchmal Streit. Das heißt,
dass die das so cool gemanagt haben, eigentlich, diese sechs Wahnsinnigen,
die vor den PCs sitzen, irgendwie im Zaum zu halten und natürlich
auch dafür zu sorgen, dass die da nicht auf irgendwelchen unsinnigen
Internetseiten rumsurfen - das ist ja im Grunde auch so eine Kontrolle,
die auch immer stattfindet, die fand ich eigentlich immer ziemlich
cool. Ich habe so am Rande immer mitbekommen, was sie noch alles
machen. Die haben ja für Kindergärten vormittags Aktionen
gehabt und dann die ganze Hausaufgabenhilfe, die sie mit Ehrenamtlichen
angeboten haben, die sich da um die Kinder gekümmert haben,
wo die Kinder auch täglich die gleichen Ansprechpartner hatten.
Und vor allen Dinge ein unglaublich nettes Personal, was sich durch
nichts aus der Ruhe bringen lässt. Das fand ich immer unglaublich.
Das fand ich faszinierend, wo ich ja schon bei zwei Kindern manchmal
ausrasten könnte.
Karsten Schuldt: Kannst du schildern,
wie die Arbeit der Kurt-Tucholsky-Bibliothek im Kiez bisher wahrgenommen
wurde? Die ist schon integriert gewesen, oder?
Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek):
Absolut. Absolut. Sonst wäre die Bürgerbewegung gar nicht
entstanden. Sonst hätten wir auch gar nicht innerhalb von ein
paar Tagen über 4.000 Unterschriften gesammelt auf dem Kiez,
wenn die nicht integriert gewesen wäre.
Kinder- und Jugendbibliothek oder Familienbibliothek?
Auffällig ist ein Dissens, der sich zwischen
der Initiative für Jerusalem-Bibliothek und Pro
Kiez bei der Bewertung von expliziten Kinder- und Jugendbibliotheken
auftat. Die beiden vertretenen Positionen finden sich bekanntlich
auch in der bibliothekarischen Debatte wieder.
Karsten Schuldt: Welchen Einfluss
hatte es eigentlich für euren Protest, dass die Jerusalem-Bibliothek
eine reine Kinder- und Jugendbibliothek war?
Tom Schweers: Wenn das eine gemischte
Bibliothek gewesen wäre, für Kinder und Erwachsene, dann
hätte es den Protest genauso gegeben. Vorausgesetzt, wenn diese
Kinderbibliothek auch eine derartige soziale Bedeutung für
den Kiez gehabt hätte. Es gibt ja auch gemischte Bibliotheken,
die machen halt nur Bücherausleihe und das war es. Da ist denn
natürlich schwierig, für den Erhalt einer solchen Bibliothek
zu kämpfen, weil dann schnell das Argument kommt: na, dann
wird die zugemacht und du fährst halt einen Kilometer weiter
zu der anderen. Die Idee Kinder- und Erwachsenenbibliothek fußt
ja darauf, dass Kinder und Erwachsene gemeinsam in die Bibliothek
gehen – das ist jedenfalls der Wunschtraum der politischen
Bibliotheksamtsleiter.
Wäre es eine dieser normalen Bibliotheken gewesen,
dann hätten wir sozusagen nicht diesen Pfund gehabt und diese
Vorzüge, die eben in der Jerusalem verwirklicht wurden, da
zu sein im Alltag der Kinder, welche gerade in diesem Kiez zuhause
nichts zu melden haben oder um die sich niemand kümmert oder
die da in welcher Form auch immer verwahrlosen. Das ist natürlich
der Grund gewesen, sich für die Bibliothek einzusetzen. Das
war auch das allererste, was mir sofort klar war: ich gehöre
nun mal nicht zu den verwahrlosten Familien. Und ich wohne auch
nicht im Einzugsgebiet, wenn man so will. Aber mir war sofort klar,
wenn man die Bibliothek hier schließt – und ich hab
ja die Kinder gesehen, die da hingegen, tagtäglich und die
da eben ohne ihre Eltern hingegangen sind, ab sechs Jahren schon
–, da war mir sofort klar, denen nimmt man was weg. Die werden
nicht den Weg auf sich nehmen in die Luisenbad-Bibliothek zu gehen.
Das machen die nicht. Und das ist eine Schweinerei, das geht nicht
angesichts des heutigen Gejaules um Bildung, Verwahrlosung und dass
die Kinder kein Deutsch mehr sprechen könnten. Da so ein Haus
zu schließen, das war mir sofort klar, dass ist einfach unverantwortlich.
Ich finde es besser, die Möglichkeit zu
haben, hier in so einer Großstadt, eine reine Erwachsenenbibliothek
und eine Kinderbibliothek zu haben. Das finde ich viel effektiver.
Ich muss, wenn ich mit meiner Tochter in die Bibliothek gehe, mich
eh die ganze Zeit um sie kümmern. Die sucht da nicht eine halbe
Stunde rum und ich such dann in der anderen Etage eine halbe Stunde
in der Erwachsenenliteratur rum. Die kommt dann nach zehn Minuten,
weil ihr langweilig ist. Ich muss ihr auch ein paar Vorschläge
unterbreiten, sonst nimmt sie ein Buch nach dem anderen aus dem
Regal und sagt: die nehme ich jetzt alle mit. Dann haben wir da
zwanzig Bücher, zwanzig Hörspiele auf CD und dann muss
ich nämlich doch aussortieren. Das ist nicht so, wie es von
der Amtsleitung Bibliotheken und von der Bezirksstadträtin
dargestellt wird, dass das ein unheimlicher Vorteil ist, eine gemeinsame
Bibliothek zu erhalten. Das haben die natürlich nur gesagt,
um die Schließung zu rechtfertigen. Der Vorteil lag wirklich
darin, dass es getrennt war.
Das kriegen ja mittlerweile die Nutzer der Luisenbad-Bibliothek
zu spüren, die jetzt vermehrt nachfragen: sie wird wirklich
geschlossen, die Jerusalem? Jetzt kriegen die nämlich Muffensausen,
wenn sie sehen, ihre wunderbare Erwachsenenbibliothek wird von schreienden
Kindern zermalmt. Man kann also oben[
Fn8]
nicht mehr unbedingt in aller Ruhe in diesem Lesebereich sitzen
und Tageszeitungen studieren, die Oberschüler können sich
nicht mehr unbedingt in aller Ruhe auf Prüfungen vorbereiten
– das wird da jetzt ein bisschen lauter werden. Das ist wie
eine siebenköpfige Familie, die jetzt in eine fünfzig
Quadratmeterwohnung ziehen muss.
Karsten Schuldt: Die Kurt-Tucholsky-Bibliothek
beinhaltete ja die Nobi, also eine Kinder- und Jugendbibliothek
in der ersten und die Erwachsenenbibliothek in der zweiten Etage.
Wurde der Protest auf einen Schwerpunkt konzentriert oder wurden
beide Schwerpunkte als Gesamtheit gesehen?
Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek):
Als Gesamtheit. Die Kinderbibliothek wird jetzt integriert in die
Stadtteilbibliothek, als Familienbibliothek. Und wir machen natürlich
Leseförderung für Kinder, in Zusammenarbeit mit den Kitas,
mit den Schulen. Und gleich um die Ecke ist eine Musikschule, auch
mit der arbeiten wir zusammen. Aber die Bibliothek wird schon deswegen
zusammengelegt, weil sonst bräuchten wir ja zwei Tresen und
das kriegt man nicht in den Griff. Das Erdgeschoss wird aufgelöst
und der Bestand kommt in den zweiten Stock. Im Erdgeschoss bleibt
der Veranstaltungsraum für Lesungen und Kinder und so weiter.
Aber es wird zusammengelegt, auch vor dem Hintergrund, dass Kinder
ja älter werden. Also, wir wollen auf gar keinen Fall nur eine
Kinderbibliothek. Wir haben immer gesagt, und da hat auch niemand
wirklich widersprochen, dass es eine Familienbibliothek sein soll.
Diese Trennung finde ich eh ziemlich unglücklich. Erstens kommen
Kinder mit den Eltern in die Bibliothek und zweitens, ein vierzehnfünfzehnjähriger
liest halt dann, das, was er liest. Ich hab da auch keine Kinderbücher
mehr gelesen. Und deshalb ist es gut, wenn man das alles in einem
Bestand hat und sich den Familien altersübergreifend öffnet.
Die Aufgabe Öffentlicher Bibliotheken
Als letzten Punkt interessierte mich jeweils, wie
die Aktiven die Aufgabe und Zukunft Öffentlicher Bibliotheken,
abstrahiert von den spezifischen Einrichtungen, für die sie
sich selber engagiert hatten, bestimmen würden.
Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek):
Die Aufgabe einer Öffentlichen Bibliothek ist es, Bildung nahezubringen.
Und zwar ohne Aufwand, ohne dass man sich das mühsam irgendwo
her beschaffen muss, ohne dass es Geld kostet. Sondern, dass einfach
Bildung präsent ist, in einem Ortsteil, in der Bevölkerung
und das jeder, der das möchte, darauf zugreifen kann. Das ist
für mich die Aufgabe einer öffentlichen Bibliothek. Weil,
dass muss man ja nicht mehr großartig erklären, Bildung
der Schlüssel zu einem sozialen Verhalten ist und überhaupt
zu Erfolg oder was man Erfolg nennen mag im Leben. Und Bildung ist
natürlich auch der Schlüssel zur Meinungsbildung. Wenn
ich doof bin und nicht in der Lage bin, zu realisieren, dass es
verschiedene Quellen gibt und wie ich die einzuschätzen habe,
dann lese ich die BILD- Zeitung und glaube, was auf der ersten Seite
steht. Da war ich dann wahrscheinlich kein Bibliotheksgänger.
Karsten Schuldt: Hat Öffentliche
Bibliothek an sich eine soziale Funktion oder war das etwas Spezielles
bei der Jerusalem-Bibliothek?
Tom Schweers: Jede Öffentliche
Bibliothek hat natürlich eine soziale Funktion. Sie schafft
ja eigentlich das, was Fernsehen tagtäglich schafft. Man sieht
was im Fernsehen und dann unterhält man sich darüber.
Man geht in die Bibliothek und ein Kind leiht sich den neuesten
Harry-Potter-Band aus, weil er vielleicht super teuer ist und kann
dann mit anderen darüber reden. Das schafft ja Kommunikation,
wenn man über Bücher miteinander ins Gespräch kommt.
Oder ich interessiere mich jetzt als Jugendlicher für die Digitalfotographie
oder was weiß ich und kann mir so einen Schinken für
25 Euro nicht leisten, wo alles drin steht – dann gehe ich
halt in die Bibliothek und leihe mir das aus. Das schafft ja eine
extrem nachhaltige Wirkung. Man kann total viel lernen und zwar
ohne Zwang von Schule, Kindergarten. Das ist halt ein freiwilliges
Lernen. Ich gehe da ja nur hin und hole mir die Sachen, die mich
interessieren. Und nicht die, die jetzt für den Lehrer interessant
sind oder für meine Eltern oder so. Und das ist sehr bedeutend.
Und eine Bibliothek, die mehr schafft, als nur Ausleihe
zu sein, die schafft natürlich einen behüteten Kommunikationsraum
für Kinder und Jugendliche, den es ja zunehmend nicht mehr
gibt. Es wird ja immer mehr dicht gemacht. Also in der DDR oder
der Nach-DDR, ab '90 fing es an, mit der ganzen Schließung
von Jugendzentren und -heimen und setzt sich ja mittlerweile hier
[im Wedding, im ehemaligen Berlin (West)] genauso fort. Und auch
so ein Jugendzentrum am Nauener Platz muss sich jetzt der Evaluation
stellen, weil überlegt wird: das können wir uns eigentlich
gar nicht mehr leisten.
Weshalb ich immer in die Luise gefahren bin, war
wegen dem umfangreichen Angebot an Stiftung Warentest und Ökotest-Zeitschriften.
Ich bin ein Test-Fetischist. Ich kann nicht in den Laden gehen und
irgendwas kaufen, weil ich es mir dann nicht verwinden kann, mich
dann nach einem halben Jahr zu ärgern, dass das Zeug kaputt
ist und ich hätte es vorher wissen können. Das fand ich
immer super, dass man die Möglichkeit hat, sozusagen bei tagesaktuellen
Sachen Unterstützung zu finden. Ich will mir einen neuen Fön
kaufen, was kauf ich? Ich kauf mir einen DVD-Player, worauf muss
ich achten? Das finde ich wichtig. Das leisten Bibliotheken ja.
Genauso, wie sie leisten, ein Angebot an Tageszeitungen oder Magazinen
bereit zu halten
Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek):
Also, so eine Stadtteil- oder Kiezbibliothek hat natürlich
eine Kommunikationsaufgabe. Insbesondere, wenn es Veranstaltungsräume
gibt. Man geht zusammen hin, sucht sich was aus, lässt sich
da beraten. Auch innerhalb des VÖBB: ich bestelle was und hole
es da ab und bringe es da auch wieder hin. Und muss nicht fünf
Kilometer fahren. Oder zehn. Es ist ein Kommunikationsort. Ein Kommunikationsort
mit Menschen, aber auch ein Kommunikationsort mit Medien. Und zwar
nicht nur mit Büchern, sondern auch mit audiovisuellen Medien.
Da ist der Bestand da [in der Kurt-Tucholsky-Bibliothek] ja relativ
hoch.
Karsten Schuldt: Und was ist dann
die Aufgabe von großen Bibliotheken?
Peter Venus: Die großen Bibliotheken
haben von der Kommunikationsfunktion her keine andere Funktion.
Die sind nur viel größer und haben viel mehr Apparat,
weil sie für die kleinen Bibliotheken Verwaltungsaufgaben übernehmen.
Michael Haufe (Jederzeit Musik, Bibliothek
im Eliashof): Bibliothek ist ja nicht nur das Hinstellen
von Büchern, nicht nur das Bereitstellen und das Sortieren.
Sondern auch, wenn jemand kommt und sagt: ich habe da ein Buch,
ich weiß jetzt den Titel nicht mehr oder ich weiß jetzt
den Autor nicht mehr, können sie mir mal helfen, oder wo finde
ich denn das, wenn ich es hier nicht finde? Und so weiter. Und für
diese ganzen Fragen und Antworten stehen die Mitarbeiter bereit.
Und das machen sie einfach ganz natürlich. Ich würde sagen,
es gibt bestimmte Aufgaben, die wahrscheinlich alle Bibliotheken
erfüllen müssen oder sollen. Zum Beispiel Bücher
beziehungsweise Medien bereit zu stellen. Das ist natürlich
die Aufgabe einer kleinen, wie einer größeren Bibliothek.
Aber dann gibt es große Bibliotheken, welche die Aufgabe haben,
möglichst alles, was überhaupt existiert, zur Verfügung
zu stellen, also es notfalls auch aus einer anderen großen
Bibliothek zu besorgen. Das ist eine Aufgabe einer großen
Bibliothek. Währenddessen die Aufgabe einer kleinen Bibliothek
eher ist, überhaupt etwas anzubieten, einen Überblick
über das, was vorhanden ist, anzudeuten.
Ich meine, man muss sich das mal vorstellen, wie
viele Bücher es gibt, also wie viele jährlich dazu kommen.
Man kann gar nicht mehr alle Bücher in diesen kleinen Bibliotheken
zur Verfügung stellen, sondern nur noch immer eine Auswahl
und einen Überblick. Und dieses ist eine Leistung, die nur
Personal erbringen kann, dass die Zeit hat, sich weiterzubilden,
das die Zeit hat, eine Auswahl zu treffen, das auch eine Qualifikation
dafür hat.
Und dann hat natürlich eine Bibliothek die Aufgabe nahe zu
sein. Sie muss schnell erreichbar sein. Eine Bibliothek, zu der
ich erst eine Stunde oder zwei Stunden unterwegs bin, in einer Zeit,
wo wir heute keine Zeit mehr haben, das geht nicht. Nicht, wenn
ich sie möglichst täglich nutzen will. Und das ist die
nächste Aufgabe der Bibliothek: sie sollte so gestaltet sein,
dass man sie wirklich zum täglichen Bedarf nutzen kann. Dass
man wenigsten ein-zwei-drei Mal in der Woche da vorbei gehen kann,
ein Buch sich ausleihen kann, mal sich hinsetzen kann, vielleicht
wenn ein Internetanschluss vorhanden ist, eine Recherche machen.
Dass Mitarbeiter da sind, die man ansprechen kann – und dafür
sind kleine Bibliotheken unwahrscheinlich wichtig. Und natürlich
sind nahe gelegene Bibliotheken für Kinder unglaublich wichtig.
Für Kinder ist es nicht gut, wenn die in einer so großen
Stadt wie Berlin mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Bibliothek
fahren müssen.
Das heißt von den großen Bibliotheken,
tatsächlich bräuchte man nur bloß eine oder zwei,
maximal. Wir haben aber mehrere so große Bibliotheken in der
Stadt, was gar nicht unbedingt nötig wäre. Dafür
werden aber diese kleinen Stadtteilbibliotheken, alle geschlossen,
die werden zentralisiert. Das ist meines Erachtens unlogisch. Wir
haben dreieinhalb Millionen Einwohner. Und mir wäre es lieb,
wenn es eine zentrale Bibliothek gibt, die wirklich alles hat, wo
man alles findet. Das wäre vollkommen okay. Aber das ist für
den Fall, dass man jedes Buch möglichst zur Verfügung
haben möchte.
Für den Fall, dass jemand im Kiez wohnt und
dort seine Kinder in die Bibliothek schicken will, beziehungsweise
die Kinder von sich aus in die Bibliothek gehen, braucht man Stadtteilbibliotheken.
Die räumliche Nähe ist, glaube ich, schon wichtig. Also,
warum nicht? Da könnte man auch sagen, okay, dann bräuchte
man doch keine Einkaufscenter an jeder Ecke. Dann würde es
doch reichen, wir haben in der Stadt einen großen Einkaufstempel,
der ist innerhalb eine Stunde mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln
zu erreichen und das reicht aus. Nicht wahr? Und so ist es nicht.
Wir haben überall Einkaufstempel, überall gibt es Einkaufsmöglichkeiten,
weit mehr als es Bibliotheken gibt. Und das ist doch schon merkwürdig.
Karsten Schuldt: Oft werden ja, wenn
solche Stadtteilbibliotheken geschlossen werden, gerade für
Kinder, Bücherbusse eingerichtet. Damit zumindest eine bibliothekarische
Grundversorgung gegeben ist.
Michael Haufe: Ja, es ist eben auch
nur ein Notersatz. Die Kinder, die gehen notgedrungen zum Bücherbus.
Wenn es natürlich eine Bibliothek gäbe, wo sie hingehen
können, wo sie sich auch einmal zurückziehen können,
würde sie da hingehen – ich glaube, das ist auch ein
sogenannter Migrationsraum, die Bibliothek. Man kann sich in die
Welt der Bücher, der Autoren zurückziehen, man hat seine
Ruhe, man kann diesen Stress – vielleicht wird man gemobbt
in der Schule oder dieses oder jenes, vom Lehrer oder von den Eltern
oder von den Geschwistern – zurückziehen.
Das ist auch meine persönliche Motivation. Also
für mich ist einfach eine Welt aufgegangen, als ich in so eine
kleine Dorfbibliothek gehen konnte. Wir hatten so eine kleine Bibliothek
in unserem Dorf und die hat jetzt sicherlich keinen großen
Bestand gehabt, aber für ein Kind ist es nicht wichtig, dass
eine Bibliothek hunderttausend Bücher hat, sondern da reichen
ein paar hundert gute Bücher aus. Das ist sogar besser, weil
man dann den Überblick hat und man die Hoffnung hat, okay,
diese Woche lese ich jenes und nächste Woche lese ich dann
das. Und wenn man jetzt erschlagen wird mit ein paar Millionen Büchern,
dann ist eigentlich klar, dass man das gar nicht mehr alles schaffen
kann. Und ich glaube, man muss einfach das Angebot der Bibliothek
zur Verfügung stellen. Da hängt das dann natürlich
von den Mitarbeitern ab, welche Mühe geben die sich, welches
Engagement haben die, haben die vielleicht sogar ein größeres
Engagement, wenn es ehrenamtlich betrieben ist oder nicht? Das kann
man nicht sagen. Nur, weil es ehrenamtlich ist, kann man nicht sagen,
ob da jetzt die Mitarbeiter freundlicher oder kompetenter sind.
Aber ich glaube, ein ausgebildeter Bibliothekar, der hat einfach
eine andere Kompetenz. Das ist auch eine öffentliche Aufgabe,
ja, das ist eine Ausgabe und eine Aufgabe, öffentliche Bibliothekare
auszubilden. Und wir sagen ja auch allgemein, als Deutsche, wir
wollen eine Wissensgesellschaft sein. Das heißt, wir müssen
uns sowieso über die Rezeption Gedanken machen.
Das Problem ist eben, heute gibt es derart viele gute Werke, Produkte,
Bücher, Filme, Musik – alles Mögliche. Und es ist
eigentlich gar nicht mehr möglich, es überhaupt vollständig
zu rezipieren. Man muss die Rezeption praktisch organisieren. Also
man braucht eigentlich sogar noch besser ausgebildete Bibliothekare,
die sich sozusagen auch noch um diese Wissensverwaltung, nicht nur
um die Archivierung, sondern auch noch um die Verwaltung, die Wissensverteilung
kümmern. Das wäre die Aufgabe, das noch zu fördern.
Eigentlich müsste heute fast jeder Bürger zum Bibliothekar
ausgebildet werden, wenn man es genau nimmt. Also, Bibliothekar
heißt ja sozusagen Wissen archivieren, sortieren und wiederum
zur Verfügung zu stellen. Und eigentlich müsste das jeder
von uns können, eigentlich könnte das ein Grundfach sein.
Karsten Schuldt: Was wird dann deiner
Meinung nach die Zukunft der Bibliotheken sein?
Michael Haufe: Jetzt, ob noch mehr
abgebaut werden oder nicht? Das kann gut sein, dass noch mehr abgebaut
werden, dass eben immer mehr gesagt wird, ach, es gibt doch Internet.
Vielleicht kommt das auch anders. In Amerika gibt es ja oftmals
diese Info-Center, wo du alles hast, also Bibliothek, Internet und
ich weiß nicht, was noch alles Mögliche. So ein Dienstleistungs-
Wissenszentrum, letztendlich. Und vielleicht wird der Trend dahin
gehen. Ich weiß es nicht. Es kann durchaus sein, dass noch
mehr abgebaut wird, in der Zukunft, das noch mehr geschlossen wird.
Das man eben meint, man hätte dafür kein Geld. Man kann
natürlich in den Buchladen gehen und sich Bücher kaufen,
das ist ganz richtig.
Aber viele Sachen lernt man auch erst mal kennen,
bevor man sie sich kauft. Und dazu sind Bibliotheken notwendig.
Und Bibliotheken liefern auch so was wie einen Standard. Also, das
was in der Bibliothek steht, zählt sozusagen zum öffentlichen
Gemeingut. Das ist eine Auswahl, die ist relativ unumstritten. Wenn
man der Meinung ist, dass man das abbauen kann, dann wird das vielleicht
noch mehr abgebaut werden. Aber irgendwann wird es vielleicht auch
Leute geben, die das wieder umkehren, hoffe ich einfach.
Karsten Schuldt: Zugespitzt sind
deiner Meinung nach aber auch in der Bibliothek der Zukunft der
Hauptteil der Medien Bücher?
Michael Haufe: Es wird möglicherweise
noch mehr vermischen mit kulturellen Aspekten. Also vielleicht gibt
es dann auch tatsächlich noch eine Schule dran. Nicht die normale,
öffentliche Schule, sondern eine spezielle Schule, wo Sprachkurse
stattfinden, oder Alte Sprachen, Latein oder dieses oder jenes.
Die Bibliothek wird vielleicht gekoppelt sein mit einem Theater
oder einem Veranstaltungsort, wo halt tatsächlich Konzerte
stattfinden werden oder vielleicht sogar so eine Art Kino. In der
Richtung wird es gekoppelt sein. Das ist einfach eine Frage in der
Demokratie: Wofür wollen wir unsere Schulden machen? Machen
wir unsere Schulden, in dem wir eben noch eine Straße bauen
und noch ein Einkaufscenter unterstützen, oder wollen wir unsere
Schulden machen, weil wir uns Bücher kaufen? Oder Medien?
Und, ja, es wird da Entwicklungen geben. Ich
kann das nicht absehen. Vielleicht geht alles hin zum Fun, vielleicht
geht es nur noch um Spielen, ja, vielleicht gibt es irgendwann virtuelle
Bibliotheken, in der virtuellen Second Life World, dass man sagt,
man braucht gar keine reale Bibliothek mehr, weil es ja virtuelle
Bibliotheken gibt. Ich weiß es nicht genau.
[Fn 1] Die
fokussiert-narrativen Interviews wurden Ende Januar und Anfang Februar
2008 geführt. Die hier verwendete Transkription erfolgte von
digitalen Aufnahmen der Interviews. Der Autor des Textes hatte die
Proteste teilnehmend beobachtet. Die dabei gesammelten Erfahrungen
flossen in die Interviews ein.(zurück)
[Fn
2] Da sich das Problem der Benennung
der Stadtbezirke und Stadtteile bei lokalen Initiativen in Berlin
beständig stellt, sollen sie hier vorab dargestellt werden.
In Berlin existierten bis 2001 insgesamt 23 Bezirke, die intern
wiederum in Ortsteile gegliedert waren, wobei sich hierbei zu großen
Teilen historische Benennungen erhielten. Mit der Bezirksreform
2001 wurden diese zu 12 Bezirken zusammengefasst. Allerdings irritieren
diese neuen Strukturen und Zuordnungen auch politisch Aktive kontinuierlich.
Die Jerusalem-Bibliothek existierte im ehemaligen Bezirk und heutigen
Ortsteil Wedding, dieser wiederum gehört heute zum Bezirk Berlin-Mitte.
Wobei der Wedding gerade nicht zum weithin kulturell und touristisch
bekannten Berliner Stadtzentrum gezählt wird, sondern lange
als Problembezirk bekannt war.
Die Kurt-Tucholsky-Bibliothek und die Bibliothek im Eliashof finden
sich, relativ nahe beieinander gelegen, im Ortsteil Prenzlauer Berg
im Bezirk Pankow. Pankow selber heißt allerdings auch ein
Ortsteil dieses Bezirkes, welcher gerade nicht repräsentativ
für den Prenzlauer Berg ist. Dies führt oft zu Konfusion.
Verstärkt wird dies dadurch, dass gerade der Kiez um die Bibliothek
im Eliashof am Helmholtzplatz von Berlinunkundigen gewöhnlich
als Beispiel des gentrifizierten Berlin-Mitte angeführt wird,
obwohl dieser Kiez nicht zum Stadtbezirk Berlin-Mitte gehört.
(zurück)
[Fn 3]
Die Jerusalem-Bibliothek sollte offiziell nicht geschlossen, sondern
als Kinder- und Jugendabteilung in die Bibliothek am Luisenbad,
welche im weiteren Interview zumeist „Luise“ genannt
wurde, eingegliedert. (zurück)
[Fn
4] In der Verkehrszelle 1112-Pasteurstraße, die vom Statistischen
Landesamt Berlin gebildet, für die Berliner Regionalstatistiken
verwendet wird und in welcher der Bötzowkiez liegt, lebten
am 31.12.2006, dem bislang letzten Stichtag, 11.598 Menschen. Allerdings
decken sich die Verkehrzelle und der Bötzowkiez nicht vollständig.
(zurück)
[Fn
5] Diese Frage ist etwas missverständlich. Sie bezieht sich
nicht unbedingt auf die eigene politische Verortung des Interviewten,
sondern auf die Politik der Linkspartei und der SPD, welche –
teilweise zusammen mit der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen
– die BVV Pankow dominieren und gleichzeitig seit 2001 das
Land Berlin in einer so genannten rot-roten Koalition regieren.
(zurück)
[Fn
6] Die große Koalition aus SPD und CDU regierte in Berlin
über drei Wahlperioden hinweg von 1990 bis 2001. (zurück)
[Fn
7] Gemeint ist die Thomas-Dehler-Bibliothek
in Berlin-Schöneberg, welche seit 2002 vom Freundeskreis der
Thomas-Dehler-Bibliothek e.V. ehrenamtlich als Öffentliche
Bibliothek betrieben wird. (zurück)
[Fn
8 Die Kinder- und Jugendabteilung der Bibliothek am Luisenbad soll
in der unteren von zwei Etagen eingerichtet werden.
(zurück)
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