| Hans Dampf hält Einzug
ins Archiv der Zivilisation –
die Zweite Moderne in Bibliothek und Museum
von Najko Jahn (info)
und Hannah Maischein (info)
Bis zur Schwelle zur Moderne galt Hans Dampf sprichwörtlich
als Taugenichts, der, weil er zu nichts zu gebrauchen war, in die
weite Welt ging.
Individualismus – Hans Dampf
Vormals als Herumtreiber mit mangelnder Bodenhaftung
beschrieben, bedurfte es seiner zu Beginn des industriellen Zeitalters
vermehrt: „Heut ist Hans Dampf der Abgott der Welt geworden,
ohne den Glück und Civilisation kaum mehr denkbar ist".
[Fn1]
Mit diesem Namen kennzeichnen konnte man in einer funktional
ausdifferenzierten Arbeitsumgebung allerdings nur Wenige: die Leistungsindividualisten,
denen es möglich war, an mehreren Orten gleichzeitig zu agieren.
Die Teilhabe der Masse an der sozialen Entwicklung sicherten hingegen
Berufsausbildung und moderate Tarifabschlüsse, Baufinanzierung
und sonstige staatliche Beihilfen.
Ein so herausgebildetes Standesbewusstsein erlaubte
es den Daheimgebliebenen noch in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts, sich öffentlich über die Dekadenz und den
Irrsinn des internationalen Jet Sets zu empören, aber im Kleinen
den Urlaub in der Toskana zu verbringen und im Stillen von Weltgewandtheit
zu träumen. Damit blieb Hans Dampf immer einer der unangreifbar
Privilegierten, den anzutasten niemand für notwendig erachtete,
gab es doch Möglichkeiten des sozialen Ausgleichs.
Die Teilhabe des Einzelnen an „Glück und
Zivilisation" organisierten Bibliotheken und Museen durch Sammeln,
Erschließen und Archivieren dessen, was sie in Lesesälen
und Ausstellungen jedem frei zur Verfügung stellten. Die freie
Kommunikation dieser Erkenntnisse sicherte Rückgriff auf Vergangenes,
schaffte Konsens und garantierte damit Zukunft. Dauerhaftes Erinnern
und Lernen gestattete es, sich gegenüber dem Anderen zu öffnen
und zugleich die eigene Identität zu definieren.
In der Gegenwart gerät dieser Ausgleich
allerdings ins Wanken – ein Wandel, der soziologisch als Zweite
oder auch Flüchtige Moderne beschrieben wird.[Fn2]
„Hans Dampf in allen Gassen" ist heutzutage der Inbegriff
einer Entdifferenzierung, denn „jeder benötigt einen
kompletten Werkzeugkasten und sämtliche Fähigkeiten, die
erforderlich sind, um die Aufgabe zu erfüllen".[Fn3]
Ziel ist es nun nicht mehr, die gesellschaftlichen
Spielregeln mitzubestimmen, sondern sich selbst einen möglichst
guten Platz am Spieltisch zu sichern.[Fn4]
Omnipräsenz, Rücksichtslosigkeit, ausgeprägter Individualismus
und die Inszenierung der eigenen Person sind nun nicht mehr die
Eigenschaften eines exotischen Zampano, den die Gesellschaft duldet
und insgeheim sogar bewundert, sondern ein Imperativ für das
Individuum, um in der Konsumgesellschaft zu bestehen.
Entdifferenzierung – in allen Gassen
Der Individualist von Gestern ist heute zum Konsens
der Existenzgestaltung geworden. Gegenwärtig sind wir alle
aufgefordert, die Möglichkeiten des Web 2.0 zu nutzen –
unsere eigenen Bilder zu produzieren, sie zu exponieren und uns
das Museum ins Wohnzimmer zu holen. Wenn vom Benutzer für die
Teilhabe in der Bibliothek 2.0 aktive Kompetenzen in den Feldern
Metadatenkompatibilität, inhaltliche Erschließung und
die Bereitstellung von Dokumenten verpflichtend sind, dann begeben
wir uns in neue Gassen, in denen wir keine Ortskundigen mehr sind.
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakterisierte
Max Weber Arbeitsteilung, Amtshierarchie, Normen zur Aufgabenerfüllung
und Aktenmäßigkeit als positive Errungenschaften eines
leistungsfähigen Staates, der Recht und Konvention garantieren
und ein gesellschaftliches Korrektiv darstellen könne.[Fn5]
Für das Museum, das aus den frühen Wunderkammern herausgewachsen
war, bedeutete dies ein hohes Maß an Autorität, die Geschichts-
und Kunstmuseen zukam, weil sie die Kulturnation repräsentieren
durften. Der klassische Museumsbau war deshalb ein monumentaler
Herrschaftsbau, weil er Öffentlichkeit darstellte und nach
außen deutlich eine Schwelle markierte. Hier fand nicht nur
Kunst seit der Neuzeit Raum und Wand, die in der Hoffnung, einstmals
Einzug in die heiligen Hallen halten zu dürfen, geschaffen
worden war, sondern auch Altar und Andachtsbilder, Fragmente antiker
Tempel und sodann auch Alltagsgegenstände. Sie alle waren ihrem
ursprünglichen Kontext entnommen und ihre Rekontextualisierung
ist durch das Museum legitimiert, das als Institution für die
Konstruktion von Geschichte und Geschichten verantwortlich ist.
In dieser Tradition versteht sich auch das zeitgenössische
öffentliche Museum, das laut der Satzung des International
Council of Museums, keine kommerziellen Ziele aufweisen darf, fachlich
geleitet und wissenschaftlich betreut sein muss.[Fn6]
Wenn Walter Benjamin sich in den dreißiger Jahren um das Verkümmern
der Aura des Kunstwerkes sorgte, ist damit nicht nur die Relativierung
des Originals durch seine Reproduzierbarkeit benannt, sondern eine
tief greifende Statusveränderung von Kunst und ihren Rezipienten
sichtbar gemacht worden: Das Kunstwerk wurde durch die Möglichkeiten
der Vervielfältigung um seinen Sitz in der Gesellschaft, das
heißt seine Historizität und die ihm eigene Topographie
geschmälert, also um den Kontext und die Konnotationen, die
Kunst bisher als unmittelbare oder authentische charakterisierten.[Fn7]
War das Unternehmen der Publizistik zunächst dadurch gerechtfertigt,
eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, wurde es bald als
künstlerisches Verfahren selbst entdeckt: Über seine auf
Quantität statt Qualität zielende additive Serigraphie
der sechziger Jahre sagte Warhol: „30 are better than one!“
Mit dieser Position ist nicht nur das Kunstwerk als Original, sondern
auch der Künstler als dessen Autor in Frage gestellt. Revolutionär
wirken diese Experimente nur vor dem Hintergrund einer tradierten
Auffassung von Kultur, die ihren gesellschaftlichen Stellenwert
stets im Medium der Kunst nicht selbst unterminiert, sondern reflektiert.
Die Ambivalenz zwischen der Autonomie von Kunst und Kultur auf der
einen Seite und ihrer Bezogenheit auf den Staat aufgrund von Förderung
und Institutionalisierung auf der anderen bestimmte die kulturpolitischen
und -kritischen Debatten der ersten Moderne: Seit der industriellen
Revolution machten es sich Kulturkritiker zur Aufgabe, die Freiheit
des Individuums gegenüber der Masse, der Bürokratie oder
dem Staat zu verteidigen. In den siebziger Jahren wurde schließlich
eine Öffnung des Kulturbegriffs erreicht, der nun nicht nur
„Kultur für alle“ propagierte, sondern sogar „Kultur
von allen“. [Fn8]
Durch pädagogische Ansätze der Kulturvermittlung,
die Verlängerung der Theaterbühne ins Leben, soziokulturelle
Einrichtungen und Selbstverwirklichungskurse wurde der Bildungsbürger
von seinem privilegierten Sessel gedrängt und Jedermann erhielt
nicht nur Zutritt, sondern sollte auch Zugang zu sinnstiftendem
Mehrwert bekommen. Ästhetische Bildung blieb nicht einer Elite
vorbehalten und die hohen ästhetischen Kategorien des Wahren,
Schönen und Guten öffneten sich jetzt auch der Alltagskunst.
Damit rückte eigene Erfahrung in den Fokus. Solange die nationalstaatlichen
Institutionen nicht wegzudenken waren, galt es, die Entfaltungsmöglichkeiten
des Individuums zu schützen und zu erweitern.
Dass die Verfahren und Spezialisten –
oder wahlweise die Bürokratie und die Fachidioten – zur
„Reduktion sozialer Komplexität“ [Fn9]
beitragen, weil ihnen aufgrund ihrer Legitimität
Vertrauen entgegengebracht wird, das den einzelnen von Entscheidungen
entlastet, erschien zunächst als ein weniger schützenswertes
Gut. Der erweiterte Kulturbegriff führte einerseits zur Pluralisierung,
erhielt andererseits die Unterscheidung von Hoch- und Breiten- und
Massenkultur durch institutionelle Trennung aufrecht.
Wenn wir diese Überlegungen auf die Bibliotheken
anwenden, so zeigen sich Parallelen zum Museumsbereich. Auch in
den Wissenschaften ist es eine späte Einsicht, dass Bibliotheken
als regulativer Bestandteil der wissenschaftlichen Kommunikation
geschützt werden müssen. In der Vormoderne häufig
auf Initiative einer Person gegründet und aufrechterhalten,
entschied diese lange Zeit autark über die Inhalte, die sie
sammelte, erschloss und wem sie diese zur Verfügung stellte.
Ihre Deutungshoheit ergab sich aus der mangelnden Konkurrenz; was
sich nicht in der Bibliothek wiederfand, verschwand sehr rasch.
Nur so lässt sich der mediale Aufschrei und die große
öffentliche Anteilnahme nach dem Brand der Herzogin Anna Amalia
Bibliothek erklären, ist ihr Bestand doch von der Tätigkeit
Goethes geprägt und für den Zeitabschnitt der Weimarer
Klassik einzigartig. Ein solches Verständnis bibliothekarischer
Tätigkeit, dessen Autorität und Originalität der
wiedererbaute Rokokosaal repräsentiert, wäre allerdings
für die moderne Wissenschaftskommunikation fatal.
Das auf Objektivität und Neutralität zielende implizite
Regelfolgen innerhalb der modernen Wissenschaft erfordert Bibliotheken,
die ebendiese Kriterien beachten. Nicht ohne Grund sah Merton [Fn10]
in der arbeitsteiligen Wissenschaft, in der jeder
relevante Beitrag referenziert wird, ein Musterbeispiel für
moderne Demokratien. Erst die Professionalisierung der Wissenschaften
definiert die internen Regeln und Strukturen, in denen Forscher
arbeiten. Ebenso bestimmt sie das Verhältnis zur Gesellschaft,
wenn sie anerkannte Repräsentanten auserwählt, die die
wissenschaftliche Gemeinschaft gesamtgesellschaftlich vertritt.
Zwar stratifiziert sich die wissenschaftliche Gemeinschaft im Zuge
ihrer Professionalisierung, sie fand aber innerhalb des Systems
Mechanismen wie die Mehrautorenschaft, um Anerkennung innerhalb
dieser Gemeinschaft zu erlangen und aufrechtzuerhalten.[Fn11]
Paradoxerweise führte jedoch die Explizierung der Verpflichtung
zu Objektivität und Neutralität sowie ihren Verfahren,
um Anerkennung und Zugang zu Ressourcen zu erhalten, zu einem Angriff
auf die der Wissenschaftsgemeinschaft innewohnende institutionalisierte
Arbeitsteilung. „Die Gemeinschaft hatte den einzelnen fest
im Griff, solange ihr nicht bewußt war, dass sie eine Gemeinschaft
ist.“[Fn12]
Analog zu kulturkritischen Debatten, welche die mangelnden Zugangsbedingungen
für Mitglieder bestimmter sozialer Klassen thematisierte, sah
Gilbert [Fn13]
die wissenschaftliche Erkenntnis durch politische und finanzielle
Einflussnahme sowie rhetorische List als sozial zementiert an. Wissenschaftler
würden nicht für das, was sie sagen, sondern für
das, was sie sind, zitiert. Solange ein jeder auf seine Funktion
festgelegt sei, wäre individuelle Entfaltung und Entsublimierung
nicht möglich.
In der Tat sind die Funktionslosen heute die
Unersetzlichen, jedoch nicht als Folge einer Überwindung des
Kapitalismus, sondern das Ersetzbare ist heute unersetzlich geworden,
weil es der Verwertungslogik des Marktes entspricht.
„Die konsumorientierte Ökonomie lebt vom Austausch von
Waren, sie boomt, wenn mehr Geld den Besitzer wechselt. Das geschieht
auch dann, wenn Produkte auf dem Müll wandern.“ [Fn14]
Wer mit ihrer Schnelllebigkeit nicht mithalten kann oder möchte,
findet sich schnell an der Peripherie des globalen Wachstums wieder.
In der Tendenz wären die besonders arbeitsteiligen Wissenschaften
Teil des Verwertungsparadigmas, weil sie die Ergebnisse aus ihrer
Gruppe protokollarisch dokumentieren und schnell publizieren. Zwar
finden die Naturwissenschaften innerhalb ihrer ausdifferenzierten
Arbeitsumgebung ihre Berechtigung. Ihre Schnelligkeit wird allerdings
zur Falle für die Geisteswissenschaften, wenn nicht mehr Repräsentanten
aus der Wissenschaftsgemeinschaft politisch intervenieren.
In der Diskussion um Open Access verwischen die vormals klaren Grenzlinien
zwischen empirischen und argumentativen Wissenschaften. Die Wissenschaftspolitik
tritt an die Geisteswissenschaften mit dem Wunsch heran, sie müssten
ebenfalls so schnell schreiben und kollaborativ arbeiten. Der vormals
geschützt autonom arbeitende Gelehrte erfährt in der „geschwindigkeitsgläubigen
Konsumgesellschaft“ Ablehnung. Die Auseinandersetzung mit
seinen in ausführlicher Abgewogenheit dargestellten Erkenntnissen
wird angesichts der dafür notwendigen Rezeptionszeit, mit der
es ökonomisch umzugehen gilt, offen und z.T. mit Applaus als
Zumutung stigmatisiert. Man möchte doch bitte schön auf
den Punkt kommen und wenn man dies nicht kann, schweigen. In der
Folge dient in der allgemeinen Wahrnehmung nicht mehr das Argument
sondern das Feuilleton als Maßstab für zeitgemäße
Geisteswissenschaft.
Die Garantie der freien Forschung, Solidarität und Gemeinsinn
zerfallen, wenn nach Arnold Gehlen die Führungsidee der Institutionen
mit ihren selbst auferlegten Regeln, „in denen sich unsere
individuellen Bedürfnisse mit den allgemeinen, sachlichen Notwendigkeiten
verschränken, die das Dasein der Gesellschaft entwickelt“
[Fn15],
abgelehnt wird. Ohne Institutionen fehlt es an Adressaten der Analyse
und Kritik. Vormals als eine Einheit gedacht, driften nun Gemeinsinn
und Individuum zugunsten einer konsumorientierten Ökonomie
auseinander.
Die historische Bedeutung von differenzierten Funktionssystemen
tritt erst mit ihrer Erosion in ihrer vollen Dimension hervor. Die
neue gesellschaftliche Relevanz von Informations- und Kommunikationstechnologien
führt wider Erwarten jedoch nicht zu einer neuen Form gesellschaftlicher
Teilhabe, sondern stellt sich als Teil des Problems der Entdifferenzierung
heraus.
Partizipation – „Jack of all trades
– master of none“
Um Analyse und Kritik gesellschaftlicher Fehlentwicklung
zu ermöglichen, bedarf es der Institution. Indem Museen und
Bibliotheken auch diejenigen Inhalte sammeln, erschließen
und verfügbar machen, die abseits der allgemeinen Aufmerksamkeit
veröffentlicht werden, sind sie Orte unwahrscheinlicher Kommunikation
in einer ausdifferenzierten Gesellschaft.
Preiswerte und intuitiv zu bedienende Informations- und Kommunikationstechnologien
emanzipieren scheinbar die Masse von der Vermittlungsaufgabe der
Bibliotheken und Museen. Ebenso wie sie es zulassen, weltweite Freundschaften
über soziale Netzwerke aufzubauen und zu pflegen, damit global
an verschiedenen Orten gleichzeitig zu agieren, verschwinden auch
Hürden, eigene Inhalte zu erstellen sowie für sich selbst
Sammlungen anzulegen und aufrechtzuerhalten. Web 2.0 Anwendungen
gestatten im Bibliotheks- und Museumsbereich den sozialen Rollentausch:
jeder kann, jeder soll partizipieren und sich dadurch den unvermittelten
Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe sichern.
Als positives Kernelement des Web 2.0 wird die Partizipation
des Individuums betont. Kommunikationstheoretisch bedeutet dies,
dass derjenige, der sich nicht beteiligen kann oder sich der Partizipation
bewusst entzieht, der also in der Bibliothek auf seine klassische
Rolle als Benutzer besteht und im Museum weiterhin nur Besucher
sein möchte, als Adressat dieser Web 2.0-vermittelten Kommunikation
nicht in Frage kommt.
Ein erstes Argument für den Einsatz von
Web 2.0 Technologien lautete, dass sie Herstellung und Rezeption
ermöglichen und damit die klassische Verwertungslogik des Kunst-
und Wissenschaftsmarktes aushebele.[Fn16]
Jedoch verlängert „user generated content“
einzig die Verwertungspraxis des globalen Marktes, weil die Bedingungen
für die Herstellung, Distribution und Rezeption unverändert
sind, dank Web 2.0 Anwendungen gleichwohl aber individualisiert
werden. Sie bleibt die Fortsetzung des Marktes mit anderen, schicker
designten Mitteln.
Der Gebrauch von Web 2.0 Anwendungen negiert somit
nicht klassische Verwertungslogiken, die sich auch im Alltag fortsetzen,
sondern hängt parasitär von der wirtschaftlichen Situation
seiner Benutzer ab, die ihnen erst die Partizipation, also die Übernahme
vormals bezahlter Aufgaben ermöglicht. Der Benutzer sammelt,
erschließt und stellt in der Bibliothek 2.0 bibliografische
Informationen und Dokumente zur Verfügung, bevorzugt bei der
Lufthansa den Online-Kauf, um zusätzliche Reisebürogebühren
zu umgehen, verbucht seine Waren am Self Service Cashing System
und gestaltet sich seine eigenen Briefmarken. Dienstleistungen,
die vormals die Domäne einer Profession waren, übernimmt
der Kunde freiwillig und zahlt noch gerne dafür. Es ist ein
wenig wie die Rückkehr der Puppenstube, der Modelleisenbahn,
des miniaturisierten Kaufmannsladen: Man spielt die Profession nach
und jeder probiert sich einmal selbst aus. Nur bleibt die Wirkung
dieses Auslebens einer kindlichen, lebenslangen Neugier nicht in
den Wänden des Kinderzimmers oder Hobbykellers, sondern greift
mit einem stolzen Anspruch der Omnikompetenz in die konkreten institutionellen
Bereiche ein, so dass sich die Balken biegen und die Schalter schließen.
Der Kunde, der sich selbst berät, die Waren selbst in den Wagen
legt und ins Auto packt, ist für den Warenhausbesitzer günstiger
als der, der auf die Kompetenz eines Fachmanns zurückgreifen
möchte. Da sich jeder als Fachmann in allem wähnt, die
notwendigen Qualifikationsschritte zur Profession dabei frech ignorierend
(„Mach Dein Ding!“) und vermeintlich dabei auch noch
in die eigene Tasche spart („Geiz ist geil!“), erscheint
der Trend sogar weit gehend erwünscht. Ein ausdifferenziertes
und elaboriertes Institutionengefüge wird zugunsten eines undifferenzierten
Do-It-Yourself-Trugbilds ausgehebelt. Selbstgenerierte Inhalte und
damit Werte sind somit ein Phänomen auch außerhalb der
Web 2.0 Anwendungen, von denen in seltensten Fällen derjenige
profitiert, der die hervorgebracht hat.
Gerade deshalb bleibt „user generated
content“ fest verwurzelt in Marktmechanismen, egal ob dieser
für gemeinnützige oder kommerzielle Zwecke hergestellt
wird [Fn17].
Um es ganz simpel auszudrücken: Nicht jeder besitzt die ökonomische
Basis, um an Inhalten mitzuwirken und diese der Bibliothek und den
Museen für ihre gemeinnützigen Zwecke zur Verfügung
zu stellen. Wenn Björk ihre Fans auffordert, einen Video-Clip
für ihre neue Single einzureichen, ist dies mehr die Demütigung
jedes professionellen Filmemachers, als Anerkennung für all
diejenigen, deren Video zumindest auf Björks Webpage gezeigt
wird.
Ein weiteres Argument für Web 2.0 Technologien
im Bibliotheks- und Museumsbereich ist, dass sie die Einbindung
von Individuen in institutionelle Entscheidungsprozesse ermöglichen.
Was allerdings auf den ersten Blick wie eine neue Kultur der Teilhabe
erscheint, dekonstruiert letztendlich die Autorität der Bibliothek
bzw. des Museums. Die Totalität der Web 2.0 Anwendungen, die
erst dann funktionieren, wenn sie tatsächlich benutzt werden,
also darauf angewiesen sind, neue soziale Gruppen einzubeziehen,
konfligiert mit der faktischen Situation, dass breite Bevölkerungsschichten
sich diesem Inklusionsanspruch verweigern.[Fn18]
Beruhten Kooperationen im Bibliotheks- und Museumsbereich zuvor
idealtypisch auf schriftlichen Vereinbarungen, die ihren Rahmen
definierten, so erfolgt die Arbeitsteilung mithilfe von Web 2.0
Anwendungen nur für den vermeintlichen Zweck, die Durchdringung
der Gesellschaft mit Informations- und Kommunikationstechnologie
zu beantworten.
Zusätzlich sind Web 2.0 Anwendungen weitaus
abhängiger von der Partizipation ihrer Nutzer als die Bibliothek
oder das Museum. Das Individuum, welches nicht fähig oder bereit
ist, seine soziale Rolle zugunsten einer immer währenden Bereitschaft
aufzugeben, vormals festgelegte Aufgaben zu übernehmen, stellt
eine Gefahr dar. Dieser spezifische Partizipationszwang war nicht
Teil der Bibliotheks- und Museumsarbeit der Ersten Moderne.
Ihr gesamtgesellschaftlicher Auftrag war und ist es
weiterhin, unwahrscheinliche Kommunikationen sicherzustellen, etwa
Inhalte zu sammeln, zu erschließen und verfügbar zu machen,
die möglicherweise erst in Jahren und dann vielleicht nur von
einer Person nachgefragt werden. Somit unterscheidet sich der normative
Gehalt des Web 2.0 von denen der Bibliothek und des Museums, weil
der in der Web 2.0 Technologie immanente Partizipationszwang eine
Kultur der Aufmerksamkeit schafft, die institutionell nicht abgesichert
ist.
Dieser Partizipationsdrang scheint zum allgemeinen
Trend zu werden, auch außerhalb des Web 2.0. So ist zu beobachten,
dass Ausstellungen in den vergangenen Jahren zu einer Erfolgsshow
werden konnten, wenn sie einen Common sense dessen, was als Bildungs-
und Genussgut erachtet wird, präsentieren und mit entsprechenden
Marketingstrategien verkauften. Als Pauschalreise zu buchen, zierte
ein solcher Ausstellungsbesuch jeden mit dem Gütesiegel des
Dabeigewesenen. Zwischen schwitzenden Massen an den Juwelen des
Museum of Modern Art, an den schönsten Franzosen oder dem Propheten
Goya vorbei geschoben zu werden, eröffnet allerdings kaum die
Möglichkeit, sich der beschworenen Aura des Originals auszusetzen.
Das Event drängt sich vor die Kunst:
Auch in Paris wird die Betrachtung der Mona
Lisa nicht als Teilhabe an „Glück und Zivilisation“
verstanden, sondern vielmehr als Ausweis der eigenen Person als
glückliche und zivilisierte, der dokumentiert werden muss.
Das Foto von mir vor der Mona Lisa, auch wenn ich keinen Blick auf
sie verschwendet habe, wird exportiert rund um die Welt und dient
mir als Attribut meiner Person, das zwischen weiteren Tausenden
archiviert, verschickt, veröffentlicht werden kann. Kunst ist
hier nicht mehr funktionslos oder ein Mehrwert, sondern bekommt
einen Marktwert mit inflationärem Kurs. Neben anderen kulturellen
Artefakten und Zeugnissen gehört Kunst ins kollektive Gedächtnis,
das in flüchtigen Zeiten nicht mehr nach Qualität unterscheidet,
sondern nach Maßstäben der Quantität akkumuliert.
„Archive produzieren, lautet der Imperativ unserer Zeit“,
stellt der Historiker Nora fest. Auch wenn man nicht genau wisse,
wofür, so herrsche eine „Gedächtnispflicht“,
die „jeden zum Historiker seiner selbst“ mache. [Fn19]Der
Besucher verharrt nun nicht mehr in Kontemplation vor dem Kunstwerk
und wartet, ob es wohl mit ihm etwas „macht“. Er ist
im Gegenteil seines eigenen Glückes Schmied, indem er das Werk
aktiv in seine Gedächtnisdatenbank einpflegt: Hier ist das
Foto von der Mona Lisa als Dokument der Teilhabe wichtiger als das
Werk selbst.
Das Objekt, originärer Gegenstand der Museologie,
tritt zurück, weil es in der Masse der Ereignisse nivelliert
und seinem Ursprungskontext entnommen, keine sinnstiftende Rekontextualisierung
in der Ausstellung erfährt. Wird das Exponat nicht in den Zusammenhang
eines übergeordneten Narrativs eingeordnet und also interpretiert,
so dass es unsere Welt- und Kulturerfahrung reflektiert und anregt,
wird es reduziert auf seinen aktuellen Aufmerksamkeitswert als Superlativ
eines Zu-Sehenden und Imperativ eines Zu-Kennenden. Das Kunstwerk
mutiert vom kulturellen Träger zum Eventträger, von der
Information zum puren „Sich-Ereignen“.[Fn20]
Anhäufung ist jedoch von systematisierender und also interpretierender
Archivierung und Exponierung zu unterscheiden, wie die Müllhalde
von der Kultur. Die Addition bloßer „Ereignisse“,
die per Marketingstrategie mitgeteilt werden und per Besucherzahlen
beantwortet, stellt keine kulturelle Kommunikation dar. Wenn in
vorherigen Jahrhunderten Kulturgüter der Person noch ein gewisses
gesellschaftliches Gewicht verleihen konnten, so wird aus der wertvollen
Fracht heute ein lästiger Ballast, der die eigene Mobilität
behindert.[Fn21]
Das Web bietet eine Plattform vollends nivellierter
„Bild-Ereignisse“ – bewusst ist in diesem Zusammenhang
nicht von Information zu sprechen, solange die Ereignisse nicht
als systemrelevant verarbeitet werden. Der in seinem Ursprungskontext
sozial verankerte Bildkörper wird seiner Funktion enthoben
und im Raum der Zweidimensionalität beliebig rekontextualisiert.
[Fn22]
Welche neue Funktion erfüllt das digitalisierte
Andachtsbild aus einer mittelalterlichen Kirche in einem tausende
Kilometer entfernten Ort, wenn es auf dem Bildschirm erscheint?
Vom User fordert die Rekontextualisierung dieses Materials eine
ungleich höhere Abstraktionsleistung, die er aufgrund eigener
Fragestellungen und Narrative bewältigen muss. Er ist nicht
nur aufgefordert, zu partizipieren, sondern auch Aufgaben, die vormals
ins Feld nationaler Repräsentation gehörten, zu bewältigen:
„Goethe, Schiller und jetzt auch Sie – entwerfen Sie
ihre eigene Marke“ wirbt die Deutsche Post um jeden Kunden,
der als Mensch „einzigartig und etwas Besonderes“ ist.
Diese Nivellierungspraxis eröffnet nicht
nur jedem die Möglichkeit „Ganz exklusiv und lebendig“
an der globalen Repräsentation teilzuhaben, sondern liefert
auch Produkte der internationalen Kulturindustrie frei Haus. Privat
und öffentlich werden zu Gunsten des weltweit freien Zugangs
nicht mehr geschieden, selbst dann wenn es sich um Dokumente sensibler
zeitgeschichtlicher Themen handelt: Das größte Zeugnisprojekt
aller Zeiten, die „Survivors of the Shoah Visual History Foundation“,
die Steven Spielberg nach dem Erfolg von „Schindlers Liste“
als Videoprojekt gegründet hatte und in der bis zum Ende des
Jahres 2001 über 200.000 Videokassetten in 26 Sprachen aus
36 Ländern zusammengestellt wurden, führt nicht nur zur
äußersten Universalisierung der Holocaust-Erinnerung,
sondern zudem den Zeitzeugen aus dem Bereich der Wissenschaft in
das Wohnzimmer. [Fn23]
Diese Form der Popularisierung birgt eine
Tendenz der Trivialisierung und wirft die Frage nach dem Wert von
Authentizität in einem neuen Kontext, der nicht mehr bloß
die Aura von kulturellem Gut, sondern auch die wissenschaftliche
Verwertbarkeit historischer Quellen betrifft, auf.
War die Schwelle zur Kultur bisher durch Bildung
und soziale Herkunft, topographische Grenzen und institutionelle
Bereiche erhöht, sieht sich der User heute mit Myriaden von
potentiellen Quellen und Ressourcen konfrontiert. Diese zu erschließen,
systematisch zusammenzustellen und zu interpretieren, erleichtert
ihm keine auf Kulturgüterabkommen beruhende und etwaige Restitutionsansprüche
berücksichtigende Institution mehr, die Weltkulturerbe klar
von Jugendkultur, Triviales und Fiktionales vom Dokument scheidet.
Die instrumentelle Vernunft, wie sie in liberalen, demokratischen
Gesellschaften explizit ist, verpflichtet das Handeln des Bürgers
auf ein gemeinsames Ganzes, sei es die Nation oder die globale Zivilgesellschaft.
Die funktionale Beschreibung normativen Handelns setzt aber ein
nicht statisches, sondern ein prozesshaft zu erreichendes, ein ewiges
Ziel voraus, dessen Annäherung als kontinuierliche Fortschrittsgeschichte
verstanden wird. Partizipationswahn und der damit einhergehenden
Nivellierung von Inhalten löst Ewigkeit zugunsten Beliebigkeit
auf. Wir sind aus einer Kultur der Dauer, des Lernens und des Erinnerns
in eine Kultur des Vergessens und der Vergänglichkeit geraten.[Fn24]
Die Kosten für ein Leben wie Hans Dampf in allen Gassen sind
hoch – für diejenigen, die daran teilhaben genauso wie
für diejenigen, die davon ausgeschlossen bleiben.
Exklusion – Hanswurst
Die Zweite Moderne führt zur Revision bisheriger
soziologischer Kategorien. Im Zentrum steht dabei die Debatte um
das deskriptive Vermögen des Begriffspaars Inklusion/Exklusion.
Ungeachtet der Frage, ob diese Kategorisierung das notwendige Instrumentarium
für die Analyse der vielfältigen Transformationen bereitstellt,
stehen beide zunächst in einem dialektischen Verhältnis,
„von Inklusion kann man nur sprechen, wenn es Exklusion gibt.“
[Fn25]
"Hans Dampf in allen Gassen" als Synonym
für Leistungsindividualisten referiert heutzutage nicht mehr
nur auf einzelne Personen, sondern auf eine diffuse Menge an Menschen,
deren Kathedralen Abflughallen, Recruiting-Messen und Home-Offices
sind. Sie zahlen mit ihrem Low-Fat-Körperfetischismus, der
sich in Fitness-Centern, Kochstudios und Yoga-Seminaren austobt.
Diese Entwicklung ist eine weitere Antwort der zurückgedrängten
Individuen, um in der Masse konkurrenzfähig und verwertbar
zu bleiben.
„Je größer die Freiheit des
einzelnen ist, desto weniger Einfluss hat er auf die Welt. Je mehr
Wahlfreiheit man uns zugesteht, desto weniger kommt es auf unsere
Entscheidungen an und desto weniger können wir das Spiel und
die Spielregeln bestimmen“ [Fn26],
stellt Bauman fest. Die Suggestion von Teilhabe am öffentlichen
Leben entpuppt sich als Illusion und macht denjenigen, der mediale
Teilnahme fortschrittsoptimistisch für eine weitere Stufe zur
Verwirklichung globaler Basisdemokratie hält, zum Hanswurst
globaler Marktdynamik. Der User verbannt sich selbst aus den Sphären
der politischen Öffentlichkeit, die sozialen Ausgleich und
politische Teilhabe sichern sollten, und trägt somit zur freiwillig
Abschaffung seiner eigenen Existenzgrundlage bei, welche die funktional
differenzierte Gesellschaft war.
Selbstverständlich war auch die Erste Moderne
geprägt von sozialer Schichtung. In der Zweiten Moderne gibt
es jedoch nicht mehr „fünf Prozent Deklassierte oder
Verachtete, die die Sozialstrukturanalyse immer schon als Bodensatz
von Herausgefallenen und Übriggebliebenen angesetzt hatte,
sondern eine unübersichtliche Gruppe von 'vereinzelten Einzelnen',
die über Eigenschaften, Gefühle und Fähigkeiten verfügen,
die unbrauchbar und unhantierbar geworden sind". [Fn27]
Die vermeintliche Individualisierung als Folge des Abbaus des Funktionsgefüges
hat Konsequenzen für unser alltägliches Leben, was besonders
im Fernsehen beobachtbar ist:
Eine neue gesellschaftliche Schicht, normativ
die „Überflüssigen“ genannt [Fn28],
die von den Kameras ignoriert werden und also in der Mediengesellschaft
nicht vorkommen, sind vom freien Zugang zu den Kommunikationsmöglichkeiten
ausgeschlossen. Sie fristen ein Dasein in Flüchtlingslagern,
in Altenheimen oder vor dem Fernseher. Es ist die Angst vor der
eigenen Überflüssigkeit, die Menschen dazu bringt, ihr
soziales Elend medial zu exponieren. Es ist nicht mehr das Jugendamt,
welches überforderte Eltern unterstützt, sondern heute
kommt die Nanny zu den besonders Verzweifelten. Ihnen ist Verachtung
gewiss, genauso wie denjenigen in der Blogosphäre, die es zu
Publikationen außerhalb ihres Blogs nicht schaffen. Es geht
darum, sich ständig zu vergewissern, dass man weiterhin zu
den Brauchbaren gehört. Ob mein Look immer noch angemessen
ist, lasse ich der Community von I Like my Style bewerten, ob ich
interessant bin, entscheidet die Freundesanzahl auf Myspace und
Facebook. Die Angst, ebenfalls zum Abfall zu gehören, ist somit
nicht nur bei den üblichen Verdächtigen am sozialen Bodensatz
erkennbar.
Die Totalisierung der Ökonomie zum Primat der
Gesellschaft relativiert alle in ihr enthaltenen Elemente und damit
auch das Individuum selbst. Einzig durch die wirksame und wahrnehmbare
Teilhabe, die Dauerpräsenz in den Netzwerken und das permanenten
Beweisen eigener Befähigung erhält man seinen Status.
Nichtsichtbarkeit muss man sich leisten können. Ist man aber
auf den Fließbanddienst der Aufmerksamkeitsmärkte angewiesen,
bleibt nur der Kommunikations- und Partizipationszwang im Schichtsystem.
Da diese Sozialfabrik global ist, schwindet die Bedeutung etwa von
Tageszeiten zunehmend aus dem Alltag. Um hier Komplexität zu
reduzieren, verzichtet der virtuelle Weltbürger mit internationalen
Kontakten letztlich auch auf kulturellen Eigenheiten, wie seine
Muttersprache, und beschränkt seine Ausdrucksmittel auf die
Effektivität des Verkehrsenglisch.
Dieses Kommunikationskarussell reitend ist der Teil
der Gesellschaft, den man ehemals als Mittelschicht bezeichnete,
nicht mehr in der Lage, den Reiz der Fahrt zu genießen, sondern
dauerhaft mit der Angst beschäftigt, aus der Rotation zu stürzen
und das Aufspringen nicht mehr zu schaffen. Die Furcht, zu den Überflüssigen,
deren Lebenswelt medial klar und deutlich stigmatisiert ,zu gehören,
permanent dem Rest der Gesellschaft als Bild der Verdammnis vorgehalten
wird, geschleudert zu werden, ist die eigentliche Flieh- und Triebkraft,
die derart lähmt, dass jede Vorstellung einer Alternative von
vornherein unmöglich ist.
Der Terminus der „Überflüssigen“
stellt sich jedoch als gefährlich heraus, wie Heinz Steinert[Fn29]
in seiner "Diagnostik der Überflüssigen" darstellt:
Gewinner sprechen über Verlierer und berauben sie damit der
Kommunikationsmöglichkeiten. Durch die normative Zuschreibung
wird eine gesellschaftlich geläufige Problematisierung und
somit den Anschluss an bisherige theoretische und administrative
Interventionsstrategien vermieden. Er zielt auf einen öffentlichen
Tabubruch, für den Harald Schmidts Rede vom Unterschichtenfernsehen
das populärste Beispiel ist. Dieser Bruch findet sich nachträglich
besonders von der Neuen Rechten missbraucht, um Marginalisierte
von den Brauchbaren abzugrenzen. Zwar suggeriert die Kategorie der
„Überflüssigen“ eine gewisse Mächtigkeit
für die objektive und gesamtfunktionale Analyse gesellschaftlicher
Missstände. Dennoch steht, weil sie ihren Forschungsgegenstand
personalisiert und als Mitglied bzw. Nichtmitglied einer ökonomisierten
Gesellschaft begreift, nur der Betroffene in seiner Beschäftigungsfähigkeit
im Vordergrund ."Wir kommen gar nicht in Versuchung, darüber
nachzudenken, mit wem wir uns anlegen müssen, der andere überflüssig
macht, sondern haben die Träger eines Merkmals 'Überflüssigkeit'
vor uns, an die wir uns halten können." [Fn30]
Für eine politische Ökonomie taugt der Begriff somit nicht,
weil in ihm kein kritisches Potential innewohnt, sondern nur Bestehendes
zugunsten einer Elite restituiert wird.
Fazit
Überlieferung, soziale Integration und Bildung
bleiben für Bibliotheken und Museen aktuell. Scheinbare Individualität,
Entdifferenzierung, allseitige Partizipation bei gleichzeitiger
Stigmatisierung marginalisierter Menschen als Antwort der Zweiten
Moderne können allerdings nicht die Kriterien und Standards
sein, nach denen Bibliotheken und Museen ihre Arbeit ausrichten.
Dennoch sind sie nicht zu revidierende Ausformungen der Zweiten
Moderne, die bisher kein Regulativ gefunden haben.
Die Reflexion ihrer gesellschaftlichen Funktion,
die in der Zweiten Moderne neu zu bestimmen ist, gehört aktuell
zu ihren wichtigsten Aufgaben, weil sie sonst die Zivilisation zum
Hanswurst machen würde.
[Fn 1] Herrmann
Lessing, 1865, Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches
Sprichwörter-Lexikon, Band 1. Leipzig 1867. Permalink: http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Dampf
(zurück)
[Fn
2] Zur Zweiten Moderne vgl. „Edition Zweite Moderne“
hg. von Beck, Ulrich. Frankfurt/ Main ; zum Begriff der Flüchtigen
Moderne vgl. Bauman, Zygmunt: Leben in der Flüchtigen Moderne.
Frankfurt/ Main 2007. (zurück)
[Fn
3] Bauman 2007. S. 160. (zurück)
[Fn
4] Ebd. 120. (zurück)
[Fn
5] Weber, Max: Arten der legitimen Ordnung: Konvention und Recht.
In: ders.: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1972. S. 17.
(zurück)
[Fn
6]
International Council of Museums: Ethics for Museums. Paris 2006.
http://icom.museum/code2006_eng.pdf
, Zugriff 15.7.2008 (zurück)
[Fn
7] Benjamin, Walter: Das Kunstwerk
im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt/ Main
2007. (zurück)
[Fn
8] Hofmann, Hilmar: Kultur für
alle – Perspektiven und Modelle. Frankfurt/ Main 1981. (zurück)
[Fn
9] Luhmann, Niklas: Vertrauen –
ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart
2000 .(zurück)
[Fn
10] Merton, R.K. (1942) "The Normative Structure of Science".
In: R.K. Merton, The Sociology of Science: Theoretical and Empirical
Investigations. Chicago, IL: University of Chicago Press, 1973.
(zurück)
[Fn
11] Beaver, D. deB, & Rosen,
R. (1978). Studies in scientific collaboration: Part I. The professional
origins of scientific co-authorship. Scientometrics, 1 (1). S. 64-84.
(zurück)
[Fn12]
Bauman 2007. S. 155 (Hervorhebung
vom Autor). (zurück)
[Fn
13] Gilbert. G. N. (1977). „Referencing
as persuasion“, Social Studies of Science. 7, 113-122. (zurück)
[Fn 14]
Baumann 2007. S. 163. (zurück)
[Fn 15]
Gehlen, A. 1962. Der Mensch.
Frankfurt/Main. S. 165. (zurück)
[Fn 16]
Weibel, P. 2007. Das Museum im Zeitalter von Web 2.0. Aus Politik
und Zeitgeschichte. 49 (2007)S. 3-6.
(zurück)
[Fn 17]
Scholz, T. 2008. Market Ideology and the Myths of Web 2.0. First
Monday.13(3). Online unter: http://www.uic.edu/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/2138/1945
[Zugriff: 15.04.08] (zurück)
[Fn 18]
Selwyn, N. 2006. Digital Divide or Digital Decision? A study of
non-users and low-users of computers. Poetics. 34 (4-5). S. 273-292.
(zurück)
[Fn 19]
Nora, Pierre: Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt/ Main 1998.
S. 24 f. (zurück)
[Fn 20]
Informationen entstehen nach systemtheoretischer Auffassung zwischen
Systemen, wenn Ereignisse aufgrund der Grenzen, die das jeweilige
System definieren, gefiltert und als systemrelevante Information
verarbeitet werden. Andernfalls spricht Luhmann von „sich
ereignen“, das keine systemrelevante Information herstellt,
solange sie nicht als solche interpretiert wird. Vgl. Luhmann, Niklas:
Einführung in die Systemtheorie. Heidelberg 2002. (zurück)
[Fn 21]
Vgl. Baumann 2007. S. 136.
(zurück)
[Fn 22]
Zum Begriff des Bildkörpers vgl. die anthropologische Bildwissenschaft
v.a. Belting, Hans: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor
dem Zeitalter der Kunst. München 2004; ders.: Bild-Anthropologie.
Entwürfe für eine Bildwissenschaft. München 2002;
ders., Dietmar Kamper, Martin Schulz (Hg.): Quel corps? Eine Frage
der Repräsentation. München 2002. (zurück)
[Fn 23]
Vgl. Levy, Daniel und Natan Sznaider: Erinnerung im globalen Zeitalter
– Der Holocaust. Frankfurt/ Main 2001. S. 168 ff.
(zurück)
[Fn
24] Baumann 2007. S. 191.
(zurück)
[Fn 25]
Luhmann, N. 1995. Inklusion
und Exklusion. In: ders. Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie
und der Mensch. Opladen. S. 237-264. S. 241. (zurück)
[Fn 26]
Baumann 2007: 109.
(zurück)
[Fn 27]
Bude, H. & Willisch,
A. 2008. Exklusion: Die Debatte über die „Überflüssigen“.
Frankfurt/Main. S. 18. (zurück)
[Fn 28]
Honneth, A. In: Bude, H.
& Willisch, A. 2008. Exklusion: Die Debatte über die „Überflüssigen“.
Frankfurt/Main. S. 49. (zurück)
[Fn 29]
Steinert, H. Diagnostik der Überflüssigen. In: Bude, H.
& Willisch, A. 2008. Exklusion: Die Debatte über die „Überflüssigen“.
Frankfurt/Main. S. 110-120.
(zurück)
[Fn 30]
Ebd. S. 115 (zurück)
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