| Möglichkeiten einer Kooperation
zwischen der Musikindustrie und Musikbibliotheken
von Christoph Deeg (info)

Überall wird über die Zukunft der Bibliotheken
diskutiert. Themen wie Digitalisierung von Bibliotheksbeständen,
Bibliothek 2.0, Web 2.0 und Google sind längst nicht mehr exotisch,
sondern Bestandteil der Diskussion um die Bedeutung des technischen
Fortschritts und der Veränderung unserer Gesellschaft hin zu
einer Wissensgesellschaft. Die öffentlichen Bibliotheken müssen
sich in diesem Zusammenhang als wesentlichen Bestandteil beziehungsweise
als Basis dieser Wissensgesellschaft definieren.
Die Idee der Wissensgesellschaft ist es, allen Menschen
den Zugang zu Wissensressourcen zu ermöglichen. Das reine Verfügbarmachen
von kulturellen und wissenschaftlichen Inhalten reicht dabei nicht
aus. Es wird in Zukunft vielmehr um die Vermittlung der Inhalte
gehen und im letzten Schritt um deren Verwertung. Das Vermitteln
der Inhalte an alle Mitglieder einer Gesellschaft setzt voraus,
dass man sich den Kommunikationskanälen öffnet, die die
jeweiligen Adressaten der Vermittlung nutzen. Im Internet sind dies
in der Regel marktwirtschaftliche und damit gewinnorientierte Angebote.
Es ist abzusehen, dass es auch in Zukunft nicht gelingen wird, ein
allein öffentlich finanziertes Onlineangebot zu entwickeln,
welches von der großen Masse der Benutzer inklusive der so
genannten „bildungsfernen“ Gesellschaftsschichten angenommen
wird. Es wird also konkret darum gehen, wie Kooperationen mit Plattformen
wie Myspace.com, Cafesonique.com oder Unternehmen aus der Musik-
und der Gamesindustrie aussehen könnten.
Am Beispiel einer fiktiven Kooperation von Bibliotheken
mit der Musikindustrie soll dies etwas verdeutlicht werden: Ausgegangen
wird dabei von der Annahme, dass die Interessen der Musikbibliotheken
und der Musikindustrie in dem Punkt nahe beieinander liegen, dass
es ihnen um die Vermittlung kultureller Inhalte geht.
Aktuelle Probleme der Musikindustrie
und der Öffentlichen Bibliotheken
Die Musikindustrie hat in den letzten Jahren einen großen
Umsatzrückgang erleben müssen. Sehr oft wird das Internet
und damit verbunden das illegale Kopieren und Downloaden vornehmlich
junger User als Hauptgrund für den Niedergang der Branche angeführt.
Dabei wird jedoch vergessen, dass die wichtigste Zielgruppe eben
nicht diese Jugendlichen oder jungen Erwachsenen waren – auch
wenn dies in der medialen Wahrnehmung so zu sein scheint. Die wichtigsten
Kunden waren diejenigen, die sich monatlich in stationären
Geschäften mehrere CDs kauften. Durch den Wegfall der vielen
kleinen, aber kompetenten Plattenläden hat sich diese Zielgruppe
vom Kauf beziehungsweise der Musikindustrie immer mehr abgewandt.
Damit verbunden ist aber nicht nur der Umsatzverlust einiger Unternehmen.
Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Musik in ihrer ganzen Breite
als gesellschaftlich wichtiges Gut verloren geht. Zwar gibt es durch
das Internet eine quasi „Überallverfügbarkeit“
von Musik, jedoch fehlt dem Kunden der Ansprechpartner, eine Person
oder Institution, die ihn durch den Dschungel der Datenmengen führt
und ihn auf spannende neue Produkte hinweist. Letztlich ist zwar
mehr Musik verfügbar – die Bandbreite des Angebots kann
aber immer seltener genutzt beziehungsweise wahrgenommen werden.
Ich behaupte, dass dieses Problem nicht alleine durch die Unternehmen
gelöst werden kann.
Die Musikbibliotheken – sowohl öffentliche
als auch wissenschaftliche – sollten allen Menschen den Zugang
zu musikalischen und musikbezogenen Inhalten ermöglichen. Dies
beinhaltet nicht nur das Verleihen von CDs, Büchern usw., sondern
weitergehend auch die Vermittlung von Wissen über die Musik,
sowie das Veranstalten von Konzerten oder Ausstellungen. Insgesamt
verfügen die Bibliotheken über eine unglaublich große
Zahl an Informationen und Quellen, die es dem Nutzer ermöglichen,
sich intensiv mit Musik zu befassen. Die Musikbibliotheken könnten
oder sollten sogar die Lücke, die die Krise der Musikindustrie
hinterlassen hat, schließen. Allerdings werden auch sie nicht
in der Lage sein, dies ohne fremde Hilfe zu schaffen. Die Lösung
besteht deshalb – so meine Überzeugung –, in einer
Kooperation beider Bereiche, des öffentlichen, wie des privatwirtschaftlichen.
Das Internet und dabei vor allem das sogenannte Web
2.0 verändern die Art und Weise, wie kulturelle und wissenschaftliche
Inhalte vermittelt und rezipiert werden. Die Musikbibliotheken werden
sich, wie die meisten anderen Bibliotheken auch, fragen müssen,
wie sie auf diese neue Situation reagieren. Um vor diesem Hintergrund
eine Wissensgesellschaft zu verwirklichen, reicht es nicht aus,
nur den Zugang zu den jeweiligen Inhalten zu ermöglichen. Man
benötigt außerdem einen oder mehrere Kommunikatoren,
die den einzelnen Nutzer durch die Masse an Informationen führen
und ihn für die jeweiligen Inhalte sensibilisieren. Dabei geht
es für die Institutionen weniger darum, lediglich eine eigene
Homepage zu haben. Es wird vielmehr darum gehen, wie man mit dem
Medium neue Nutzer – also neue Kunden (beziehungsweise Wissensinteressierte)
– ansprechen kann. Dies bedeutet, dass man sich auch den Zielgruppen
nähert, die Bibliotheken eher nicht nutzen, und dies auf den
Plattformen, die von eben diesen Menschen genutzt werden.
Wie könnte also eine Kooperation im Bereich Musik
aussehen? Ein gutes Beispiel dafür ist die Kooperation zwischen
Napster und Allmusic.com. Napster ist eine Plattform, auf der man
Musik kaufen und downloaden kann. Ursprünglich eine illegale
Downloadplattform ist Napster heute eines der interessantesten Tools
im Bereich Online-Music und bietet unter anderem eine Musik-Flatrate
an. Allmusic.com ist eine kostenlose Musikdatenbank, die Anfang
der 90er Jahre von Musikbegeisterten entwickelt wurde. Im Laufe
der Jahre hat sich Allmusic.com zu der größten und meistgenutzten
Musikdatenbank im Internet entwickelt und gehört zu Macrovision.
Die Musikdateien werden bei Napster seitens der Anbieter
auf die Plattform hochgeladen. Dazu werden Metadaten wie Titel,
Künstler, Komponist oder Genre sowie Coverfotos zur Verfügung
gestellt. Es fehlen aber detailliertere Hintergrundinformationen
über die Musik oder den Künstler. Diese Daten werden bei
Napster teilweise über eine Schnittstelle von Allmusic.com
bezogen. Dabei geht es weniger um weitere Metadaten als vielmehr
um Hintergrundinformationen zu den Künstlern beziehungsweise
Werken. Auf Allmusic.com kann man sich zudem Ausschnitte aus den
jeweiligen Musikstücken anhören und die Musik dann über
eine Verlinkung bei verschiedenen Anbietern wie iTunes oder Amazon
kaufen. Eine ähnliche Art der Kooperation könnte auch
zwischen der Musikindustrie und den Musikbibliotheken stattfinden.
Projektskizze einer Kooperation
Die Zusammenarbeit könnte folgendermaßen aussehen: In
einem ersten Schritt werden die verschiedenen Kataloge, Informationen,
Daten und Dateien der Musikindustrie und der Musikbibliotheken digitalisiert
und online für jeden Internetnutzer auf einer gemeinsamen Plattform
verfügbar gemacht. Dabei müssen die einzelnen Dateien
nicht zwangsläufig auf neue Server transferiert werden, denn
über noch zu entwickelnde Schnittstellen wird die Verknüpfung
der Datensätze möglich. So würde eine virtuelle Datenbank
entstehen, in die sowohl die Bibliotheken und Museen als auch die
Musikindustrie ihre Daten einspeisen. Auch wenn diese Aufgabe an
sich schon komplex ist, wird das alleinige Anbieten der Inhalte
beziehungsweise Informationen nicht ausreichen. Die riesige Datenflut
wird dazu führen, dass der Benutzer sich einen Partner, eine
Art Informationsagenten wünscht. Die Aufgabe des Agenten wird
es sein, dem Benutzer die passende Information zum jeweiligen Thema
anzubieten respektive ihn für neue Themenbereiche zu begeistern.
Dieser Agent kann Softwarebasiert sein oder aber als reale Person
innerhalb einer Web 2.0-Umgebung existieren. Die Plattform sollte
einerseits ähnlich wie Allmusic.com alle Inhalte frei zur Verfügung
stellen, andererseits aber zugleich die Möglichkeit bieten,
Musik, Bücher oder auch Konzertkarten zu kaufen. Aufgrund der
vielfältigen Kenntnisse der einzelnen Teilnehmer dieser Kooperation
würde es zu einem starken Wissenstransfer kommen. Die Bibliothekare
würden z.B. ihre pädagogischen Kenntnisse und ihr Wissen
über Erschließung und Bewahrung beisteuern, während
die Musikindustrie für den Bereich Marketing und Werbung verantwortlich
wäre. Das Projekt sollte grundsätzlich offen für
alle sein. Weitere öffentliche Institutionen sowie Unternehmen
aus den Bereichen Kulturwirtschaft oder Tourismus könnten also
ebenfalls mögliche Partner für ein derartiges Projekt
sein.
Beide Seiten könnten von einer besseren Vermittlung
musikalischer Inhalte profitieren: die Musikindustrie, weil die
Chance besteht, dass mehr Musik verkauft wird, und die Musikbibliotheken,
weil Ihre Bestände öfter genutzt und die Reputation beziehungsweise
die öffentliche Wahrnehmung massiv verbessert werden würde.
Natürlich müssen beide Seiten die Kosten für die
Entwicklung eines solchen Projektes tragen, gleichzeitig besteht
aber die Möglichkeit, dass sich beide Seiten die aus dem Projekt
resultierenden Einnahmen teilen.
Diese Gedanken sind ein Versuch, die vorhandenen
Möglichkeiten aufzuzeigen. Um diese Idee umzusetzen, müssten
vorher eine Vielzahl an Fragen geklärt werden. Vor allem der
Bereich des Urheberrechts stellt dabei eine große Hürde
da. Andererseits gibt es genügend Beispiele, bei denen diese
Problemstellungen erfolgreich gelöst werden konnten. Wenn es
gelingt, die Stärken der einzelnen Kooperationspartner zu hervorzuheben,
wird sich eine Vielzahl von Synergieeffekten ergeben – für
die Bibliotheken, für die Unternehmen und vor allem für
die Nutzer.
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