| Librarian versus Technopagan
- „Buffy the Vampire Slayer“ und das Rollenbild des
Bibliothekars
von Christian Spließ (info)

„Man muss nicht alles wissen. Man muss
nur wissen, wo man es nachschlagen kann. Das Studium des Bibliothekswesens
hilft bei der Umsetzung dieser alten Wächterweisheit. Außerdem
sorgt es dafür, dass sich Wächter ihr manchmal doch etwas
karges Gehalt durch eine Nebentätigkeit in Leihbüchereien,
Schulbibliotheken oder Museen aufbessern können.“ [Fn1]
„Buffy the Vampire Slayer“ (BtVS),
die Serie, die auf dem gleichnamigen Film von Joss Whedon basiert,
schaffte etwas, was in der Popkultur selbst schon ein Phänomen
ist: Als die 1997 gestartete Serie im Jahr 2004 in den USA zu Ende
ging, hatte sie es auf sieben Staffeln und eine Spin-Off-Serie gebracht.
Universitäten in den USA bieten Vorlesungen zur Serie an, etliche
Essay-Bände und wissenschaftliche Artikel sind über „Buffy
the Vampire Slayer“ erschienen und die Wiederholung einer
Fernsehfolge lockt immer noch zahlreiche Zuschauer vor den Bildschirm.
[Fn2]
Diese Zuschauer sehen in fast jeder Folge einen Bibliothekar, der
nur teilweise dem Rollenbild eines Bibliothekars entspricht, dass
durch die Filme und Serien vorgegeben wird. Im Folgenden wird anhand
der achten Folge der ersten Buffy-Staffel „I, Robot... You,
Jane“ zu zeigen versucht, inwieweit die Figur des Rupert Giles
dem traditionellem Rollenbild des Bibliothekars entspricht und inwieweit
sie mit den Anforderungen an den heutigen Beruf korreliert.
„In every Generation there is a chosen one“
– das Universum von „Buffy the Vampire Slayer“
Die Serie erzählt die Geschichte von Buffy Summers, die mit
ihrer geschiedenen Mutter Joyce in die fiktive kalifornische Kleinstadt
„Sunnydale“ zieht. Dort erfährt Buffy, dass der
neue Schulbibliothekar Rupert Giles ihr als „Watcher“
zugeteilt worden ist. Denn Buffy Summers ist „The Slayer“,
die Eine, die in jeder Generation auserwählt wird, um gegen
die Mächte der Hölle zu kämpfen. Ausgebildet wird
der jeweilige Slayer von dem ihm zugeteiltem Watcher. Im Laufe der
Serie werden die Zuschauer erfahren, dass es den Watchers' Council
und jeweils mehrere potentielle Kandidatinnen für den Job des
Slayer gibt.
Während traditionellerweise der Slayer allein arbeitet, ist
es bei Buffy anders. Denn „Sunnydale“ ist überhaupt
nicht so sonnig wie es den Anschein hat – die Kleinstadt ist
der Sitz des „Hellmouth“, eines Tores zur Hölle
oder zu einer Höllendimension. Die Ausstrahlung dieses Höllenschlundes
lockt die Mächte der Finsternis an. Und so muss sich Buffy
im Laufe der Serie nicht nur mit den titelgebenden Vampiren auseinandersetzen,
sondern mit bösen Wesen aller Art. Und dies tut sie mit ihren
Freunden Xander und Willow und dem „guten“ Vampir Angel.
Im Laufe der Serie werden etliche Charaktere zu dieser „Scooby-Gang“
oder den „Slayerettes“ dazu kommen: Die Cheerleaderin
Cordelia Chase, der freundliche Werwolf Oz, die gute Hexe Tara sowie
die Informatiklehrerin Mrs. Calendar sind nur einige davon.
Nach einem wieder kehrenden Muster gibt es in jeder Staffel von
BtVS einen Hauptgegner, der im Staffelfinale besiegt wird. Während
jede Staffel für sich genommen einen abgeschlossenen Handlungsstrang
erzählt, unterbrochen von etlichen Nebenhandlungen, verfolgen
die Macher von „Buffy“ zwar keinen umfassenden Gesamtplan,
es gelingt ihnen aber dennoch eine große Geschichte zu erzählen:
Die Entwicklung Buffy Summers vom Highschool-Girl zur Studentin
und schließlich zur erwachsenen Frau. Und dies mit allen Fehlern
und Konsequenzen, die eine solche Entwicklung nach sich zieht. Die
Serie bringt den Zuschauer zum Lachen, zum Weinen und zum Entsetzen
– und das alles meistens in einer Folge. Deswegen ist eine
Schubladencharakterisierung von BtVS schlecht möglich –
vielleicht bringt es am ehesten diese Formulierung auf den Punkt:
BtVS ist eine Teenie-Horror-Action-Dramedy, die dem Zuschauer durchaus
ein gewisses Maß an Intelligenz abverlangt.
Die Sunnydale Highschool Library - Architektur
und Aufbau
Die Schulbibliothek der Sunnydale High fungiert in der Serie als
Zentrale und Trainingplatz für die “Scooby-Gang“.
Betritt der Schüler der Sunnydale Highschool durch die Schwingtüren
mit den zwei „Bullaugen“ die Bibliothek, so steuert
er auf das halbkreisförmig angelegte Zentrum der Bibliothek
zu. Rechts vom Eingang befindet sich die Theke, hinter ihr die Tür,
die zum Büro des Bibliothekars führt. Neben der Theke
befindet sich ein Arbeitstisch mit einem PC. Gegenüber auf
der linken Seite ist der so genannte „Book Cage“ platziert,
in dem der Bibliothekar die Rara der Bibliothek verwahrt. Dass der
„Book Cage“ auch vorübergehend dazu dient, den
Werwolf Oz, Willows Freund, für drei Tage im Monat zu beherbergen,
lässt die Frage offen, wie die Raritäten der Bibliothek
dort geschützt sind. Ein Schlitz im „Cage“ dient
der Rückgabe der selteneren Werke. Ebenfalls im Book Cage ist
ein Zettelkatalog. Der Halbkreis, auf den man automatisch zuläuft,
dient als Arbeitsfläche. Hier wird recherchiert: für das
Schreiben von Schulaufsätzen zum Thema Bosnien ebenso wie zum
Thema „Wie erledige ich den Dämonen eigentlich am Besten“.
Eine Ebene höher, die man durch zwei Treppen
rechts und links des Arbeitsbereiches erreicht, beginnen die Bücherregale.
Da Giles in der Folge „Nightmares“ etwas verblüfft
davon murmelt, dass er sich in den Regalen verlaufen habe, kann
dieser Bereich der Bibliothek nicht gerade unübersichtlich
sein. Im Finale der dritten Staffel „Graduation Day, Part
Two“ sieht man diese Hypothese bestätigt. In dieser sortieren
der Wächter Wesley und Cordelia Bücher in Kartons, die
sie vor der Zerstörung der Bibliothek – und auch der
Schule – im Staffelfinale der dritten Staffel retten wollen.
Erwähnenswert ist noch das Oberlicht, das direkt über
dem halbkreisförmigem Recherchebereich angebracht ist und somit
einen Zugang zur Bibliothek über das Dach erlaubt. Eine Tatsache,
die in der Folge „Prophecy Girl“ ins Bewusstsein gerufen
wird, wenn der "Master“, ein uralter Vampir und Buffys
Nemesis der ersten Staffel, durch dieses Oberlicht in die Bibliothek
fällt und dabei durch einen Balken gepfählt wird. Und
wer es bis zu dieser Folge der Serie vergessen hatte: Die Bibliothek
befindet sich direkt oberhalb des Hellmouths.
Trotz des Hellmouth ist die Bibliothek in BtVS aber kein Ort der
Düsternis oder des Schreckens wie zum Beispiel in den Harry-Potter-Romanen.
Durch das überwiegend in warmen Brauntönen gestaltete
Innenleben, durch die bequemen Sessel, in denen die Charaktere mehr
als eine Nacht verbringen, sowie durch die Lichtgestaltung in Form
des Oberlichts und die warmen Lampen auf den Tischen des Arbeitsbereiches
genau unterhalb dieses Oberlichts ist die Bibliothek für die
“Scoobie-Gang“ mehr als eine Kampfzentrale – sie
ist genau genommen eine Art Ersatzheim. Dabei stellt Giles in gewisser
Weise auch den Ersatzvater für Buffy dar; und nicht nur für
sie. Wenn ein Problem auftaucht, das mit Magie verbunden ist, ist
der erste Impuls der Charaktere, Giles zu befragen.
Moloch, Computer, Bücher – Die Folge „I,
Robot... You, Jane”, eine Nacherzählung
Italien, 1418: Der Dämon Moloch ist von seinen Jüngern
umgeben. Gerade hat er einen von ihnen umgebracht, als Mönche
mit dem Ritual des Circle of Kayless beginnen, um den Dämon
in ein Buch zu bannen. Was hervorragend gelingt: die Mönche
verschließen das Buch in einer Kiste und hoffen, dass es nicht
so bald wieder geöffnet wird. Schnitt.
Sunnydale, 1997: Buffy entnimmt das Buch mit dem Profil Molochs
auf dem Einband aus der Kiste. Sie, Willow, Xander und einige andere
Schüler sind in der Bibliothek dabei einige alte Texte einzuscannen.
Etwas, was Rupert Giles nun gar nicht recht ist, da er eine Aversion
gegen die „idiot box” hegt. Mrs. Calendar, die Informatiklehrerin,
liefert sich mit ihm deswegen einen Wortwechsel, in dem Fritz, einer
der Schüler, eingreift: Informationen sind seiner Meinung nach
nicht mehr länger an die gedruckte Form gebunden und nur, wenn
man online ist, ist man wirklich real. Eine Überzeugung, die
Mrs. Calendar zwar so nicht teilen kann, aber in der sie doch eine
Menge Wahres findet; im Gegensatz zu Rupert, der der modernen Technik
mehr als nur misstraut. Das Moloch-Buch ist währenddessen versehentlich
auf dem Stapel von Willow gelandet. Nachdem die anderen gegangen
sind, scannt sie die Schrift in den Computer ein und bemerkt nicht,
dass diese dabei verschwindet. Nachdem Willow ebenfalls die Bibliothek
verlassen hat, bilden sich auf dem Monitor die Textzeilen „Where
am I?”.
Eine Woche später spricht Buffy Willow auf ihr verändertes
Verhalten an – Willow scheint aufgeblüht und glücklich.
Kein Wunder, sie hat jemanden kennengelernt: Malcolm. Auf die Fragen
von Buffy wie er denn aussehe, wo er wohne und wie er so sei, meint
Willow nur, dass sie es nicht wisse. Sie hat Malcolm in einem Online-Chatroom
kennengelernt. Buffy gönnt Willow zwar ihre Freundschaft mit
Malcolm, aber sie ist auch skeptisch, was Willow nun wiederum nicht
unbedingt versteht. Buffy versichert Willow, dass sie nur wissen
möchte, ob Malcolm gut genug für ihre Freundin ist. Während
des Gesprächs im Computerlabor zoomt eine Webcam auf das Bild
von Buffy und wenig später wird in den automatischen Archiven
der Schule nach ihrer Akte gesucht. Daraufhin werden die Schüler
Fritz und Dave beauftragt, Buffy zu überwachen.
Mrs. Calendar stellt fest, dass Fritz und Dave im Computerlabor
in letzter Zeit einiges getan haben. Ein neues Projekt, meint Fritz,
dass Mrs. Calendar sicherlich interessieren würde. Allerdings
nicht jetzt. Nachdem Willow verspätet zur Schule erscheint
und der Grund Malcom ist, wird Buffy erneut skeptisch und kann die
Angelegenheit nicht ruhen lassen. So wendet sie sich an Dave, um
herauszufinden, ob E-Mails zurückverfolgt werden könnten.
Als Dave erfährt, dass es um Willow geht, bittet er Buffy bestimmt,
diese in Ruhe zu lassen. Als Buffy mit Giles spricht, gibt er ihr
nur den Rat, Dave zu verfolgen. Denn: „Things involved with
a computer fill me with a childlike terror. Now, if it were a nice
ogre or some such I'd be more in my element.” Es stellt sich
heraus, dass Dave in einem stillgelegten Computerlabor verschwindet.
Buffy und Xander beschließen, diese Labor zu „besuchen”.
Dabei werden sie von Mrs. Calendar überrascht. Mit einer Ausrede
verschwinden die beiden. Mrs. Calendar und Giles haben eine ihrer
üblichen Auseinandersetzungen über das Thema Computer
und Information. Es ist Mrs. Calendar, die das leere Buch mit dem
Cover von Moloch entdeckt. Giles, der ihr das Buch aus der Hand
nimmt, ahnt, dass es Ärger geben wird. Als Buffy auf der Suche
nach Willow ist, schickt Dave sie in den Mädchenumkleidebereich.
Dort entgeht Buffy nach der Warnung durch Dave nur knapp einem Anschlag
auf ihr Leben in der Dusche, allein ihre Slayer-Konstitution bewahrt
sie vor Schlimmerem. Dave stürmt ins Computerlabor und erklärt,
dass er nicht länger mitmachen kann. Moloch zieht daraus seine
Konsequenzen: Er tippt einen Abschiedsbrief und Fritz bringt Dave
um. In der Bibliothek konferieren Xander und Giles miteinander.
Giles hat herausgefunden, dass sich der Dämon Moloch im Internet
befindet. Er erklärt, dass im Mittelalter Dämonen gerne
mal in Bücher gebannt wurden in der Hoffnung, dass diese nie
mehr laut gelesen werden würden. Das Löschen der eingescannten
Seiten bringt keinen Erfolg. Da Giles bei Computern völlig
aufgeschmissen ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Mrs.
Calendar einzuweihen. Diese entpuppt sich überraschenderweise
als eine Art Expertin des Okkulten – als Technopagan. Das
Ritual des Circle of Kayless, mit dem Moloch schon einmal besiegt
wurde, ist die einzige Möglichkeit den Dämon zu besiegen.
Es kommt zu einer Kooperation: Giles rezitiert den Text der Beschwörung,
während Mrs. Calendar online den Circle of Kayless knüpft.
Nachdem Fritz Willow entführt und in die Computerfirma gebracht
hat, sieht Willow sich „Malcolm“ gegenüber: Das
ist niemand anderer als Moloch, der Willow verehrt, weil sie ihn
freigelassen hat. Moloch war nicht untätig, er hat sich in
der Zwischenzeit einen Roboterkörper angefertigt. Xander und
Buffy brechen in das Labor ein – natürlich bleiben sie
nicht unbemerkt. Nachdem Moloch Fritz umgebracht hat, stellt er
sich Buffy zum Kampf. Doch gleichzeitig wirkt der Circle of Kayless.
Moloch ist auf einmal vom Internet und der modernen Technik abgeschnitten
und endgültig in den Roboterkörper gebannt. Wütend
kämpft er gegen Buffy, wobei sich Willow bemerkenswert engagiert
einschaltet. Moloch trifft einen Starkstromkasten und wird von dem
Strom getötet.
Nachdem Moloch besiegt ist, taucht Giles im Computerlabor von Mrs.
Calendar auf. Zwar kann er Computern immer noch nichts abgewinnen,
er erkennt aber die Leistungen von Mrs. Calendar an und liefert
gleichzeitig eine Begründung für seine Aversion gegenüber
der Technik: „Books smell. Musty and, and, and, and rich.
The knowledge gained from a computer, is, uh, it... it has no, no
texture, no, no context. It's, it's there and then it's gone. If
it's to last, then, then the getting of knowledge should be, uh,
tangible, it should be, um... smelly.“ Dagegen kann Mrs. Calendar
nun nichts einwenden.
Eingesperrte Information versus Freie Information – Rupert
Giles und Mrs. Calendar
„I, Robot... You, Jane“ zeigt das Aufeinanderprallen
von zwei Formen des Informationsverständnisses anhand der Charaktere
von Rupert Giles und Mrs. Calendar. Dabei ist zu bemerken, dass
diese Folge, die einfach als „Monster of the Week“-Folge
abgetan werden könnte, den Grundstein für eine Entwicklung
legt, die sich in der letzten Szene zwischen Rupert Giles und Mrs.
Calendar schon andeutet. Doch bis zum Ende der Folge stehen sich
Rupert Giles und Mrs. Calendar als unvereinbare Gegensätze
gegenüber. Oder ist dies nur scheinbar so?
Als Bibliothekar repräsentiert Rupert Giles die Einstellung
der alten Schule – nicht gerade der der Thekenbibliothekare,
aber die Vorbehalte, die er gegen die Technik und die Computer äußert,
haben durchaus Ähnlichkeit mit Argumenten, die immer mal wieder
ins Feld geführt werden, wenn es um das Internet und um die
moderne Technik geht. Zum einen greift das Argument der Flüchtigkeit:
„It's, it's there and then it's gone.“ Was im Internet
steht, so lässt sich aus Giles Statement folgern, hat keinen
dauerhaften Wert, weil die Information an sich nicht statisch ist,
sondern sich verändert: Sie fließt durch die zahlreichen
Leitungen und bleibt nie an einem Ort. Informationen müssen
für Giles fest und solide sein. Sie müssen an einem Ort
bleiben. Und dieser Ort ist natürlich für ihn die Bibliothek.
Die Scooby-Gang kommt diesem Diktum in der Serie insofern entgegen,
als sie bei Problemen immer in der Bibliothek Giles fragt. Selbst
wenn Willow ihre Computerrecherchen im Internet vollführt,
so tut sie das selten ohne Giles vorher um Rat gefragt zu haben
oder auf seine Informationen zu warten. Tatsächlich finden
auch die meisten Recherchen in der Bibliothek dadurch statt, dass
die Scooby-Gang den Fachbuchbestand von Giles durchstöbert,
der in der ersten Folge “Welcome To The Hellmouth“ ironischerweise
von Willow als erstes erwähnt wird. Dies aber – und das
übersieht Giles – hängt eher damit zusammen, dass
die Texte, mit denen er arbeitet, in der Regel Hunderte von Jahren
alt sind. Glücklicherweise sind die Dämonen bei „Buffy“
selten so clever sich anhand von Datenbanken oder der Wikipedia
zu informieren, was die Arbeit von Buffy selbst enorm erleichtert.
Kaum auszudenken, wenn etwa der Bürgermeister in der dritten
Staffel einen Wikipedia-Eintrag finden würde, in dem genau
beschrieben stünde wie er zu vernichten sei.
Als Bibliothekar ist Rupert Giles in der Rolle des Bewahrers. Allerdings
scheint er manchmal den falschen Beruf gewählt zu haben –
sein Verhalten in „I, Robot... You, Jane“ gegenüber
Mrs. Calendar ist ab und an scheu und sehr verhalten, als wäre
er sich nicht sicher, wie er mit ihr umgehen solle. Vielleicht wird
es dadurch verstärkt, dass Mrs. Calendar so sehr die Positionen
vertritt, die er selbst nicht vertreten kann. Für Mrs. Calendar
ist Rupert einer derjenigen, die Informationen „wegschließen”
wollen: „You, you think that knowledge should be kept in these
carefully guarded repositories where only a handful of white guys
can get at it.“ „Elitär“ kommt zwar in ihrer
Bemerkung nicht vor, kurz vorher allerdings fällt schon das
Wort „Snob“. „I simply don't adhere to a, a knee-jerk
assumption that because something is new, it's better“, wehrt
sich Rupert gegen den Vorwurf von Mrs. Calendar, dass er einer derjenigen
sei, die sich „in the middle ages“ befinden und die
den Sprung ins 20. Jahrhundert – oder ins 21., je nachdem
– nicht geschafft haben. Doch trifft Mrs. Calendar mit ihrer
Bemerkung einen Punkt, der auch heutzutage in der Profession an
sich noch weit verbreitet ist: Informationen gehören in die
so genannten „walled gardens“ und vor diesen Gärten
stehen immer noch die Seraphinen mit den flammenden Schwertern und
entscheiden, wer in diese gelassen wird und verhindern, dass die
Informationen frei untereinander austauschbar sind. Allerdings sollen
die Informationen im Internet allen gehören, die sie brauchen
könnten.
Dieser freie Zugang zu den Informationen und die Vermittlung, wie
man an diese Informationen kommt, ist das, was Mrs. Calendar in
„I, Robot... You, Jane“ repräsentiert. Sie stimmt
Fritz' Standpunkt teilweise zu: „The printed page is obsolete.
Information isn't bound up anymore. It's an entity.“ Zwar
distanziert sie sich dann von einem endgültigen Aufgeben des
„real lifes“ für die virtuelle Realität des
Computers – sie wäre von „Second Life“ wohl
nicht allzu erfreut gewesen. Noch deutlicher kommt ihr eigener Standpunkt
allerdings zum Tragen, wenn sie anmerkt, dass die Technik die Magie
eben nicht verdrängt habe: „The divine exists in cyberspace
same as out here.“ Nun haben Bibliothekare selten etwas mit
dem „Göttlichen“ an sich zu tun, das ist eher die
Domäne von Priestern und Pfarrern. Doch ersetzt man den Begriff
„Divine“ durch den der „Information“ wird
der Satz an sich nicht unwahrer. Die Information existiert genauso
im Cyberspace wie in den alten Folianten von Giles, sie ist dort
nur in anderer Form vorhanden. Indirekt bestätigt Moloch das
Vorurteil von Giles, dass elektronische Informationen nicht „fest“
seien: „I can see all of it. Everything flows through me.“
Man ist geneigt zu denken, dass Mrs. Calendar, was Giles ihr auch
vorwirft, nun nur auf das Neue setzt, weil dies angeblich besser
sei. Nicht zu Unrecht erscheint die Hoffnung von Mrs. Calendar,
dass sich eine neue Gesellschaft entwickeln wird, aus heutiger Perspektive
betrachtet als illusorisch. Doch in der Folge selbst wird offenbar,
dass Mrs. Calendar so extrem nun wiederum nicht ist, wie sie sich
den Anschein gibt. Sicher setzt sie sich dafür ein, dass Informationen
vermittelt werden müssen und dass nicht mehr der Bibliothekar
unbedingt derjenige ist, der dies tut. Aber als Technopagan versperrt
sie sich auch den Möglichkeiten der alten Medien nicht. Dies
wird deutlich, als sie und Giles gezwungenermaßen zusammenarbeiten
müssen. Angesichts der Bedrohung, die Willow unwissentlich
durch das Scannen in die Welt gesetzt hat, bleibt letztendlich weder
dem traditionellen Bibliothekar der alten Schule noch der Informatiklehrerin,
die für das Sich-Öffnen plädiert, eine Wahl. So unterschiedlich
die beiden Standpunkte auch sind, angesichts der großen Bedrohung
durch Moloch finden sie sich zusammen. Zwar, so stellt sich am Ende
der Folge heraus, ist diese Zusammenarbeit nur für den Moment
geboren, aber letztendlich ist sie das Fundament einer Entwicklung,
die in der ersten Staffel und dann vor allem in der zweiten bis
zum bitteren Ende – dem Tod von Mrs. Calendar in „Passion“
– fortgeführt werden wird. Noch sind sich die beiden
Seiten nicht ganz sympathisch, aber dass Giles sich am Ende der
Folge in das Computerlabor der Schule begibt, ist schon das erste
Anzeichen dafür, dass sich aus der Zweckgemeinschaft mehr entwickeln
wird.
Der moderne Bibliothekar – Watcher oder Technopagan?
Betrachten wir diese Folge mit der Erwartung, die heutzutage an
den Beruf des Bibliothekars gestellt wird – schließlich
stammt die Folge schon aus dem Jahr 1997, was nicht zuletzt an der
verwendeten Technik deutlich wird – so gibt es eine überraschende
Antwort auf die im Zwischentitel gestellte Frage. Sie lautet: Weder,
noch. Stattdessen: Sowohl als auch. Der moderne Bibliothekar muss
sich im wahrsten Sinne als „Kybernautiker“ begreifen
– bildlich gesprochen als Steuermann in einer Welt, in der
Informationen frei fließen und das in jegliche Richtung. Wenn
Texte aus den Büchern „freigelassen werden“ so
muss der Bibliothekar durchaus ein Watcher sein. Jemand, der beobachtet,
wohin die Entwicklung geht und jemand, der im Falle der Frage eines
Nutzers durchaus auch weiß, wo die Information zu finden ist.
Jemand, an den sich der Nutzer wenden kann, um Informationen zu
erhalten. Dies ist durchaus die Rolle, die Rupert Giles in BtVS
wahrnimmt. Die Fähigkeiten eines Technopagan sind dann gefragt,
wenn es darum geht den Nutzern zu vermitteln, wie sie ihre Informationen
finden. Die Vermittlung von Informationskompetenz verstehe ich als
eine der Kernaufgaben des Bibliothekars im 21. Jahrhundert –
und dazu gehören nicht nur die üblichen Kurse, um Nutzer
in die Welt des Internets einzuführen, sondern ebenso Spielekonsolen
und ihre zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten sowie die Möglichkeiten
durch die heutigen Anwendungen im Web 2.0. So sehr man auch der
Tradition verhaftet bleiben sollte, so sehr sollte man sich allerdings
nicht gegen die Neuerungen sträuben, die sich immer wieder
entwickeln. Auch wenn die Gefahr besteht, bisweilen zu euphorisch
und zu enthusiastisch zu sein – aber ist das nicht das, was
Rupert Giles dann letzten Endes doch von all den anderen Watchern
unterscheidet, dass er vor allem menschlich ist, wenn er auch noch
ein wenig in der Rolle des Traditionalisten gefangen bleibt?
Literatur
Kern, Claudia: Das große Handbuch der Dämonen & Vampire
: aufgezeichnet vom Wächter, kommentiert von Buffy und Spike
/ Claudia Kern. - Königswinter : Heel, 2003.
Kern, Claudia: Vampire, Monster, Bestien : das Handbuch für
Dämonenjäger / Claudia Kern. - Königswinter : Heel,
2004.
Lukas, Christian: Buffy - im Bann der Dämonen / Lukas, Christian.
- München : Droemer Knaur, 1999, Orig.-Ausg.Thompson, Alexander:
Transkript der Folge „I Robot ... You, Jane“ - http://www.buffyworld.com/buffy/transcripts/008_tran.html
– zuletzt eingesehen am 27.07.2008
Fußnoten
[Fn 1] Kern:
Vampire, Monster, Bestien, S. 18 (zurück)
[Fn
2] Vgl. die beständig aktualisierte Bibliographie zur Buffyology
von Alysa Hornick (http://www.alysa316.com/Buffyology)
und Slayage, the Online International Journal on Buffy Studies
(http://slayageonline.com/)
(zurück)
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