Eine bibliothekarische Unkonferenz
– das Bibcamp 2008
von Ingo Caesar (info),
Sabine Kobold (info)
und Anastasia Schadt (info)
Spannende Themen, interessante Teilnehmer, familiäre
Atmosphäre und hitzige Diskussionen – all dies konnte
man bei der ersten bibliothekarischen Unkonferenz im deutschsprachigen
Raum erleben. Das Bibcamp fand am 16. und 17. Mai 2008 unter dem
Motto „Bibliothek 2.0 – von der Theorie zur Praxis“
in der Humboldt-Universität zu Berlin und der Fachhochschule
Potsdam statt. Interessierte aus ganz Deutschland beteiligten sich
eifrig an den Diskussionen und Workshops.
Die Besonderheit der Konferenz bestand in ihrer Form:
Es gab weder Zuschauer noch Vortragende im ursprünglichen Sinne.
Alle hatten die Chance aktiv mitzuwirken, Fragen zu stellen und
sich einzubringen. Auch Teilnehmer, die noch nicht in der Szene
etabliert sind, hatten die Möglichkeit, ihr Statement abzugeben
und Diskussionsrunden anzuleiten. Dadurch entstand eine sehr heterogene
Gemeinschaft, in der auch Kritik geäußert werden durfte
und jeder noch etwas dazu lernen konnte.
Das Programm entwickelte sich und wurde erst während
der Konferenz festgelegt. Durch die Vorstellung der Themen und Teilnehmer
wurde der ein oder andere dazu angeregt sich mit einem Workshop
einzubringen, obwohl er dies ursprünglich gar nicht geplant
hatte. Nicht nur das Organisationsteam, sondern alle Teilnehmer
gestalteten nach der Themenvorstellung das Ablaufprogramm. Eine
Socialisinge Party am Freitag führten zu kleinen Gesprächsgruppen,
in denen sich die einen Teilnehmer auch einmal näher kennenlernen
und in kleiner Runde weiterdiskutieren konnten. So stand nicht nur
das gewählte Thema, sondern auch die Form der Konferenz ganz
im Zeichen des Web 2.0.
Beide Tage füllten sich mit Diskussionen unter
Schlagwörtern wie „Katalog 2.0“, „Lernen
2.0“ oder „Gender 2.0“. Besonders spannend war
der Workshop „Kritik an der Marke Bibliothek2.0“.
Was bedeutet „Bibliothek 2.0“? Welche Konzepte und Möglichkeiten
verbergen sich konkret hinter diesem Begriff? Wie vermittelt man
diese den Nutzern, Geldgebern und Kollegen? Mit diesen Fragen haben
sich die Teilnehmer des genannten Workshops, auf den wir etwas genauer
eingehen wollen, am zweiten Konferenztag befasst.
Stefan Gradmann merkte gleich zu Beginn an, dass
der Begriff „Bibliothek 2.0“ Gefahr läuft, verbrannt
zu werden, weil er so inflationär und darüber hinaus oftmals
nichts sagend gebraucht werde. Andere Begriffe eigneten sich deshalb
weitaus besser, um das Phänomen zu beschreiben und um es innerhalb
und außerhalb der Bibliothek zu kommunizieren. Um zum Kern
des strittigen Begriffs vorzudringen, schlugen die Teilnehmer eine
Trennung zwischen Techniken, Ideen und Visionen vor. Die Abkehr
von der undefinierten Begrifflichkeit „Bibliothek 2.0“
komme auch aus dem Unbehagen, dass die Version der klassischen Bibliothek
nicht zukunftsfähig sei und nun eine Überarbeitung benötige.
Wesentlicher Beweggrund für die Neuausrichtung
der Bibliotheken ist ein neuer Typus des Informationsbenutzers,
der seine Informationen selbst organisiert und verteilt. Die Fähigkeit,
mit Informationen umzugehen, hat sich mit den sogenannten Web 2.0-Anwendungen
verändert, die sich zumindest bei Jüngeren längst
etabliert haben. Wikipedia und viele andere Informationsdienste
entziehen der Bibliothek die Beanspruchung exklusiver Autorität
oder Dienste. Da dieser Trend jenseits des Alltags von Bibliotheken
zum Standard wird, müssen Formen und Inhalte des Web 2.0-Gebrauchs
besonders innerhalb von Informationseinrichtungen vermittelt werden,
denn sonst könnten diese den Anschluss verlieren.
Traugott Koch machte in diesem Zusammenhang auf das
Spannungsfeld zwischen existierenden Institutionen und Innovationsbewegungen
aufmerksam. Solche Spannungen zwischen Wissensaneignung und -expansion
sind nicht neu. Man erinnere sich nur an die Erfindung des Buchdrucks.
Bibliotheken könnten in Zeiten, in denen Daten von Nutzern
generiert und verteilt werden, ihre Kataloge nicht wie in einem
Silo oder einem Gefängnis horten. Die Daten müssen geöffnet
werden. Hierin liegt auch eine Stärke. Dienstleistungen können
auf einer neuen Ebene zu Mehrwert führen. Bei der multidimensionalen
Diskussion wurde dies dann auch als ein Kern der „Bibliothek
wie sie sein sollte“ identifiziert: Das Verknüpfen der
Daten von Bibliotheken im Internet, die Schaffung von Schnittstellen
sowie das Verbinden von Informationen, wie Michael Heinz anmerkte.
Bibliotheken müssen die Informationen „befreien“.
Dazu gäbe es keine Alternative, so betonte es Lambert Heller.
Diese Entscheidung könne zu einer Überlebensfrage für
breite Teile des Bibliothekswesens werden. Die Öffnung der
Daten sei ein Gewinn für die Außenwirkung der Bibliothek.
Das Zurückhalten hingegen könne bis zum vollständigen
Verlust der eigenen Daseinsberechtigung führen.
Bezüglich möglicher Umsetzungsformen
hinterfragte Stefan Gradmann, ob die „Bibliothek 2.0“
nicht auch eine einzige Organisation sein könnte, da nicht
jede Bibliothek autark Web 2.0-Anwendungen einführen müsse.
Andere zum Teil bundesweite Bibliotheksangebote hätten dies
bereits gezeigt (ZDB, EZB etc.). Ist nicht auch OCLC, die in diesem
Bereich interessante Ansätze und Anwendungen entwickelt haben,
eine gute Orientierungseinrichtung? Tatsächlich gibt es bereits
gute Praxisbeispiele in Deutschland, wie zum Beispiel BibTip
[Fn1]
, beluga [Fn2]oder Primo [Fn3].
Auch xISBN [Fn4]von
OCLC wurde, allerdings als bibliotheksinterne Anwendung, weiterempfohlen.
Abschließend wurde „Bibliothek 2.0“
auch als Entwicklungsprozess begriffen. Nicht nur die Informationsinteressen
der Internetnutzer müssen unterstützt werden, sondern
es muss auch mit Vehemenz und Einfühlungsvermögen auf
die internen Akteure (Mitarbeiter und Geldgeber) eingegangen werden,
denn nur durch ihr Engagement können Vision und Wandel praktisch
umgesetzt werden. Wesentliche Kraft bei einer Neuausrichtung des
Bibliothekswesens allgemein kommt natürlich einer finanziell
vorteilhaften Infrastruktur zu. Deswegen müssen Geldgeber und
Kollegen von der Vision einer „kollaborativen, teilenden und
dynamisch Informationen erzeugenden Nutzer-Bibliotheks-Symbiose“
überzeugt und mitgenommen werden. Auch in Stellenausschreibungen
sollte nicht davor zurückgeschreckt werden, Mashup-Kompetenzen
oder andere Web 2.0-Erfahrungen zu erwarten. Neue Qualitäten
sollten ausdefiniert und ausdifferenziert werden. Am Ende der Veranstaltung
herrschte ein breiter Konsens über die hier aufgeführten
Ergebnisse.
Der Beitrag von Lambert Heller „Was können
wir für Blogger tun?“ war sogar so motivierend, dass
sich eine kleine Gruppe von Studierenden der Fachhochschule Potsdam
zusammen fand und das neue Blog „BibliothekarInnnen sind uncool“
ins Leben rief. [Fn5]
Dieses Blog mit der etwas provokanten Namensgebung will sich mit
dem Fremd- und Selbstbild, den Defiziten und Stärken von BibliothekarInnen,
Neuerungen im Bereich der Informations- und Medienwelt, der Lehre
in den Informationswissenschaften und vielen anderen Dingen, welche
die Bibliothekswelt betreffen, auseinandersetzen.
Nach neuesten Gerüchten soll das Bibcamp
im nächsten Jahr in Stuttgart stattfinden. Für uns steht
bereits fest, dass wir uns dieses Ereignis nicht entgehen lassen
werden.
Das Wiki der Unkonferenz, das nach wie vor bearbeitet wird, zeugt
vom Ablauf und den Diskussion der Unkonferenz.[Fn6]