| Postmoderne Wissensorganisation
oder: Wie subversiv ist Wikipedia?
von Dina Brandt (info)

Ich habe keinen Eintrag bei Wikipedia.
D’rum frag ich mich manchmal, bin ich wirklich da?
Bin ich wirklich existent oder bilde ich’s mir nur ein?
Denn wäre es so, dann müsst der Eintrag doch da sein.
[Fn1]
1. „Wissensgesellschaft“
Die Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann
haben 1966 mit ihren Klassiker „The Social Construction of
Society“ die Grundlagen für die poststrukturalistische
Wissenssoziologie gelegt: Ihrer Auffassung nach benennen und systematisieren
Gesellschaften ihr Wissen, um sich eine Wirklichkeitsordnung zu
geben, die ihr eigenes Selbstverständnis und ihre Interaktionen
untereinander regelt.[Fn2]
Wissen entsteht durch „zeitlich und kulturell bedingte[] soziale[]
Interaktionsprozesse[], die auf Grundlage von gemeinsamer Sprache,
Symbolen, aber auch Normen und Werten zustande kommen. Die Wahrheit
und Richtigkeit von Wissen ist demnach immer nur im Rahmen eines
lokalen, interaktional konstruierten Kontextes gegeben.“ [Fn3]
Wirklichkeit entsteht also, indem im gesellschaftlichen Diskurs
Wahres und Falsches, Gewusstes und nur Geahntes voneinander geschieden
werden.
Mit der Ausdifferenzierung der Gesellschaft
werden die Wissensbestände immer größer und komplexer.
Aus diesem Grund, so Berger/Luckmann, entwickelt sich ein Expertenwesen,
das anerkannten „Wissensspezialisten“ eine spezielle
Deutungshoheit zugesteht: Spezialisten, die qua Funktion garantierten,
dass das Gesagte wahr ist und es für alle gleichermaßen
gültiges Wissen darstellt.[Fn4]
Spätestens mit der Aufklärung und der zunehmenden Verwissenschaftlichung
der Gelehrtenwelt wurden so die Grundlagen für ein bis heute
gültiges Expertenwesen geschaffen: Akademische Regeln, institutionalisierte
Lehrstätten und streng geregelte Verfahren scheinen seit Jahrhunderten
die gesicherte Produktion von Wissen zu gewährleisten.[Fn5]
Die Enzyklopädie stellt einen
Kristallisationspunkt einer solchen Wissensordnung dar: sie bildet
das Wissen der Zeit durch wohl strukturierte Schlagwörter ab,
ausgewählt von einem Fachgremium, geschrieben von anerkannten
Experten der Zunft.[Fn6]
Sie wird durch den Glauben an den Spezialisten zum Referenzmedium.
Während die frühneuzeitlichen Enzyklopädisten noch
der Meinung waren, man könnte das gesamte Wissen der Welt zwischen
zwei Buchdeckel stecken, wurden im Laufe der Jahrhunderte die Menschen
immer skeptischer gegenüber solchen Totalitätsansprüchen.[Fn7]
Je mehr man von der Welt über empirische Forschungen, Reisen
in fremde Länder und Begegnungen mit fremden Kulturen erfuhr,
desto deutlicher wurde die Beschränktheit des eigenen Wissens.
Der Übergang von einer eher anschaulichen Darstellung (die
Welt als Theater, Baum des Wissens) zu einer rein alphabetischen
Sicht auf die Welt war ein erster Schritt der Kapitulation vor den
Dingen.
Heutzutage wird Deutschland oft als „Wissensgesellschaft“
bezeichnet. Wissen stelle in der postmodernen Zeit neben Arbeit
und Kapital die entscheidenden Quelle für Wertschöpfung
dar.[Fn8]
Ausbildung und Zugang zu Wissen bestimmen darüber, welchen
Anteil jemand am Wohlstand einer Gesellschaft hat. Wie wird in einer
solchen Gesellschaft darüber befunden, was zum Wissensbestand
gehört und was nicht? Mit dem neuen Medium Internet fiel zumindest
die Beschränkung auf ein System, bei dem ein Schlagwort auf
das nächste folgt. Auch wenn der Leser nach wie vor nur linear
lesen kann, ist die Verknüpfung über Hyperlinks eine multidimensionale
bzw. „assoziative“ . [Fn9]
Dieses Verfahren etablierte sich schon in Form von Querverweisen
in den gedruckten Enzyklopädien. Dank der Hyperstruktur von
Internettexten können jetzt jedoch Zusammenhänge beliebig
komplex dargestellt werden. So entwickelt sich ein semantisches
Netz, das auch automatisch gespannt werden und demnach prinzipiell
aus sich selbst neues Wissen generieren kann.[Fn10]
Zugleich ist das Internet auch der schwerste
Test für enzyklopädische Vorhaben: Information wie Desinformation,
Fakten wie Gerüchte, Wahrheit und Lüge erscheinen dort
ungefiltert nebeneinander. Über den Wahrheitsgehalt des Gefundenen
zu entscheiden bleibt dem Leser überlassen. Dennoch funktionieren
auch im Internet die herkömmlichen Regeln der institutionellen
Wissensvermittlung. Es gibt etablierte Webseiten, die qua Herkunft
solide Informationen garantieren. Suchmaschinen orientieren sich
an einem Qualitätsmerkmal, das in der Wissenschaft bereits
bekannt ist. Wird der Wert eines wissenschaftlichen Artikels schon
lange an seinem „Impact Faktor“, also der Anzahl der
Zitationen des Artikels in Fachpublikationen, gemessen, entwickelte
Google ein ähnliches Referenzsystem für das Internet.
Neben der Häufigkeit des Vorkommens eines gesuchten Schlagworts
ist nun auch die Anzahl der Verweise (also Zitationen) ausschlaggebend
für die Reihenfolge der Auflistung von gefundenen Seiten. [Fn11]
Doch auch wenn im Internet gewisse bekannte Autoritätsstrukturen
weiter bestehen, birgt das Medium das Potential zu einer größeren
Demokratisierung der Wissensvermittlung. War es seit der Erfindung
des Buchdrucks vor allem die Aufgabe von Verlegern und Herausgebern
darüber zu befinden, was es der Welt Wissenswertes mitzuteilen
gibt, kann nun jeder Einzelne sein Wissens selbst und ohne großen
Aufwand veröffentlichen. Das Ergebnis scheint Unordnung zu
sein
Theo Stammen und Wolfgang Weber konstatieren
ein grundlegendes Bedürfnis jeder komplexen Gesellschaft, „[s]ich
über das Ausmaß – die Spannweite, die Gesamtheit
– und die innere Ordnung des jeweils Gewußten zu vergewissern“.
[Fn12]
Wenn die Wissensorganisation einer Gesellschaft nicht mehr ausreiche
oder „neu hinzukommendes Wissen bzw. innerlich und äußerlich
verursachte Unsicherheiten der Wissensordnung“ zu bemerken
seien, komme es zu Widersprüchen im Wissenssystem, die aufgelöst
werden müssen. Betrachtet man die heftigen und über alle
Medien hinweg geführte Diskussion um die Online-Enzyklopädie
Wikipedia, dann scheint es so, als ob durch das neue Medium auch
die postmoderne Wissensgesellschaft an den Punkt gekommen ist, seine
Bestände neu zu organisieren. Wie dieser Versuch aussieht und
ob er Hoffnung auf Erfolg hat, soll im Folgenden näher betrachtet
werden. Zunächst wird die Enzyklopädie mit der dort praktizierten
kollektiven Wissensorganisation beschrieben. Dahinter steht das
Ziel, Autoritätsstrukturen aufzuheben und Wissen in radikaler
Weise zu öffnen. Diese Idee muss kritisch hinterfragt werden.
Wie „offen“ muss bzw. kann gesellschaftliche Wissensverwaltung
sein? Die Kritiker des Projekts bestehen auf einem Expertenwesen,
die Befürworter glauben an das Potential der Vielen. Letztlich
geht es – so die These dieses Aufsatzes – dabei weniger
um das Wissen selbst als um das kritische Hinterfragen von dessen
Organisation und Bereitstellung.
2. Das Wikipedia-Prinzip
Die Online-Enzyklopädie Wikipedia steht
im Kontext eines neuen, weiteren Entwicklungsschritts in der Nutzung
des Internets. „Social Software“ bzw. „Web 2.0“
sind die inzwischen äußerst inflationär verwendeten
Schlagwörter, um das Phänomen zu beschreiben. Aus dem
bisher auch im Internet funktionierenden analogen Prinzip von Sendern
(Webseitenangebote) und Empfängern (Lesern) wurde das dialoge
Prinzip der gemeinschaftlichen Interaktion. Dank neuer Technologien
ist es inzwischen möglich, dass Nutzer selbst die Inhalte der
Seiten gestaltet. Sei es bei YouTube (www.youtube.com)
mit eigenen Videos, bei MySpace (www.myspace.com)
für die eigene Selbstdarstellung oder bei Xing (www.xing.com)
für Geschäftskontakte: Die Inhalte werden ausschließlich
von den Nutzern generiert. Der Betreiber der Webseite stellt lediglich
den Server und intuitiv zu benutzende Funktionalitäten in passendem
Design zur Verfügung. Dort entstehen „Communities“,
die ihre eigenen Gesetzlichkeiten entwickeln, „Netiquetten“,
also Verhaltenrichtlinien, aufstellen, an die sich die Nutzer zu
halten haben, und die Streitigkeiten virtuell in aller Öffentlichkeit
aushandeln. Bei vielen Plattformen herrschen demokratische Grundstrukturen:
Die internen Normen werden beständig durch alle verhandelt
und weiterentwickelt.[Fn13]
Die Enzyklopädie Wikipedia, 2001 ins Leben
gerufen, realisiert dieses demokratische Prinzip auf exemplarische
Weise[Fn14]:
Weder sind die Inhalte, die Gliederung, die Länge oder die
Anzahl der Beiträge noch die Beitragenden festgelegt. Jeder
kann einen neuen Eintrag anlegen, Bestehendes ändern, sich
an den Diskussionen der Inhalte beteiligen, den Beleg fragwürdiger
Details anmahnen oder die Löschung eines Artikels beantragen.
Dies geschieht alles direkt über Funktionen auf der Webseite,
ein Internetanschluss ist die einzige Voraussetzung. Es gibt keinen
Moderator, der vor der Veröffentlichung die Einträge auf
ihre Richtigkeit überprüft oder Änderungen ablehnen
könnte.
Das Nupedia genannte Vorgängerprojekt,
der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und Larry Sanger war noch
anders organisiert. [Fn15]
Zwar durfte jeder Artikel vorschlagen. Diese mussten aber vor der
Veröffentlichung von Experten begutachtet werden. Nupedia war
wenig erfolgreich, da das Gutachter-Verfahren zu lange dauerte.
Nach einem Jahr fand man dort gerade 20 Artikel. Mit dem Einsatz
von Wiki-Software erlaubte man das direkte Einstellen und Editieren
von Texten. Man gliederte diesen Teil von Nupedia aus und gründete
Wikipedia. Dank der neuen Software und dem Verzicht auf jegliche
Kontrolle der Inhalte von Seiten der Betreiber wurde Wikipedia schnell
zum Erfolg: Nach einem Jahr konnte man bereits 20.000 Artikel verzeichnen,
bis heute sind es 2,5 Millionen. Artikel in der englischsprachigen
Wikipedia und 850.000 in der zweitumfangreichsten, deutschsprachigen
Ausgabe.[Fn16]
Zum Vergleich: Die aktuelle Brockhaus-Ausgabe hat 300 000 Stichwörter.[Fn17]
Dazu handelt es sich um ein wirklich internationales Unterfangen:
Wikimedia, der Verein, der die Serverstrukturen für Wikipedia
bereitstellt, Fundraising für das Projekt betreibt und eine
entsprechende Öffentlichkeitsarbeit leistet, listete im Dezember
2008 264 unterschiedliche Sprachprojekte auf. [Fn18]
Einige im Laufe der Zeit entwickelte Grundprinzipien
sollen einen qualitativen Mindeststandard garantieren. Wichtig ist
vor allem der neutrale Standpunkt, der gegenüber dem Thema
eingenommen werden muss. Ist dieser aufgrund widerstreitender Forschungsstandpunkte
nicht zu finden, müssen die verschiedenen Ansätze so neutral
wie möglich dargelegt werden. Des Weiteren müssen alle
Angaben belegbar sein – wenngleich dieser Beleg nicht im Artikel,
sondern lediglich auf Nachfragen erbracht werden muss. Dies liegt
auch an der Übereinkunft, keine neuen, nicht-etablierten Forschungsansätze
in der Wikipedia zu kommunizieren. Genauso wie in einer herkömmlichen
Enzyklopädie soll lediglich der allgemein anerkannte Stand
des Wissens wiedergegeben werden. Grundsätzlich sind die Autoren
gehalten, so allgemeinverständlich wie möglich zu schreiben.
So gibt es Mitglieder („Wikipedianer“), die sich allein
der Verbesserung des Stils verschrieben haben.
Schlechte bzw. inhaltsleere Artikel können in
einem zweistufigen Verfahren der Löschung zum Opfer fallen.
Gleichzeitig können Artikel, die besonders herausragen, durch
Abstimmung zu „lesenswerten“ oder gar „exzellenten“
Artikel ernannt werden. Außerdem gibt es Redakteure, die sich
offiziell für bestimmte Themen verantwortlich fühlen und
Artikel aus diesem Bereich im Auge behalten.
So anarchisch das Wikipedia-Prinzip an sich ist, so
verständlich ist, dass die konkrete Artikelproduktion nicht
völlig chaotisch abläuft. Die Wikipedia-Gemeinschaft hat
sich inzwischen selbst feste Strukturen gegeben, die zur Herausbildung
von Netzwerken und einem Aktivenwesen führten. Es wurden organisatorische
Einheiten und Gremien gebildet, die grundlegende Entscheidungen
treffen. Portale, für die einschlägige Spezialisten verantwortlich
zeichnen, bündeln Fachfragen und koordinieren die gemeinsame
Arbeit. Administratoren sorgen von technischer Seite durch Sperrungen
und Löschungen dafür, dass kein Wildwuchs entsteht.
Wie nicht anders zu erwarten, führt das
demokratische Prinzip, das jedem erlaubt, selbst einen Artikel einzubringen,
weiterzubearbeiten und zu verändern, in der Realität oft
zu Konflikten. Zu allererst muss ein Autor ertragen können,
dass seine wohlgesetzten Worte in kürzester Zeit vom nächsten
Bearbeiter vollkommen verändert, wenn nicht sogar gestrichen
werden. Man sollte die „Änderungswut“ der Wikipedianer
nicht unterschätzen: Momentan wird in der deutschsprachigen
Wikipedia ein Artikel durchschnittlich 23 Mal bearbeitet.
[Fn19]
Dabei handelt es sich oft nur um marginale Korrekturen, wie Rechtschreibverbesserungen
oder Anpassungen des Stils. Es können aber auch komplette Überarbeitungen
vorkommen. Eine Versionenkontrolle ermöglicht zwar, ältere
Fassungen des Textes wiederherzustellen. Das ist jedoch nur von
Erfolg gekrönt, wenn man die Mitschreiber davon überzeugen
kann, dass die ursprüngliche Version die bessere war. Für
solche Fälle gibt es eine Diskussionsseite, die jedem Artikel
beigegeben ist. Auf dieser kann jeder Wikipedianer den Artikel kommentieren,
fehlende Belege einfordern, stilistische Kritik anbringen, seine
letzten Änderungen genauer erläutern oder mehr Inhalt
anmahnen. Gelingt es nicht, über die Diskussionsseite einen
Konflikt zu beheben, droht ein „Edit War“: ein Krieg
um die Versionen. Dann können die streitenden Parteien einen
Vermittlungsausschuss anrufen. Im Extremfall werden Artikel für
den unmittelbaren Zugriff gesperrt, Änderungswünsche müssen
dann immer erst ausdiskutiert werden, bevor sie übernommen
werden.
Neues Wissen durch Offene Inhalte –
Das Ideal…
Das Ideal von Wikipedia
lässt sich wie folgt beschreiben: Jeder, der einen Begriff
für beschreibungswürdig hält, kann einen neuen Eintrag
generieren und lädt damit alle ein, daran mitzuschreiben. Dadurch,
dass mehrere Autoren gleichzeitig an einem Artikel schreiben können,
wird unterschiedliches Wissen eingearbeitet und miteinander abgeglichen.
Alle Informationen werden in das System eingespeist und stehen allen
zur Verfügung. Aufgrund der Tatsache, dass so viele Kenner
der Materie wie möglich mitschreiben, kommt die größtmögliche
Anzahl von Informationen zusammen. Ein Sachverhalt kann in seiner
ganzen Fülle dargestellt werden und spiegelt nicht mehr nur
das subjektive Wissen eines Einzelnen wieder. Durch den unendlichen
iterativen Prozess wird im Idealfall eine Weltbeschreibung geleistet,
die kein Herrschaftswissen mehr kennt. Wikipedia ist mit diesem
Ideal Teil einer größeren Bewegung, die sich vor über
dreißig Jahren etabliert hat und die daran glaubt, dass nicht
ein abgeschlossenes, von wenigen kontrolliertes System, sondern
die kollektive Aktivität Vieler neues und allgemein nutzbares
Wissen erzeugt: der Open Source-Bewegung. Es lohnt sich, die Beweggründe,
die Implikationen und die Weiterentwicklungen dieser Bewegung ein
wenig näher zu betrachten, um besser zu verstehen, worin die
Hoffnungen der Wikipedianer begründet sind.
Ausgangpunkt der Open Source- bzw. Freien-Software-Bewegung
war ursprünglich, ein konkurrenzfähiges und besseres Betriebssystem
als Alternative zu den Produkten kommerzieller Anbietern (allen
voran Microsoft) zu programmieren. Statt dass der Quellcode von
ein paar wenigen Programmierern unter Ausschluss der Öffentlichkeit
geschrieben und fortentwickelt wird, sollte Software in offener
und gemeinschaftlicher Weise entstehen.[Fn20]
Der Code, strukturell modular aufgebaut, ist
für jeden einsehbar. Einzelne fühlen sich für spezielle
Module zuständig und garantieren auch deren Interoperabilität.
Fehler oder Verbesserungsvorschläge werden an ein gemeinschaftliches
Forum berichtet und von anderen aufgegriffen. Weiterentwicklungen
werden zusammen konzipiert und umgesetzt. Es galt und gilt: „Given
enough eyballs, all bugs are shallow“[Fn21]
– Qualitäts- und Fehlerkontrolle werden durch viele Tester
und Entwickler leichter. Dass dieses Prinzip gut funktioniert, ist
hinlänglich bekannt. Viele Softwareprodukte sind durch dieses
Produktionssystem entstanden, beispielsweise das Betriebssystem
Linux, das Textverarbeitungssystem LaTeX oder der Browser Firefox.
Die Entstehungszusammenhänge sind immer dieselben: die Software
wird durch Kollaboration zwischen vielen Programmierern entwickelt,
die freiwillig, ohne (zuerst einmal) kommerzielle Interessen, ihre
Programmierleistung den anderen zur Verfügung stellen.[Fn22]
Trotz des an sich altruistischen Entstehungszusammenhangs haben
sich inzwischen in diesem Feld durchaus tragfähige Geschäftsideen
etabliert, die vor allem Extra-Services wie Support oder Anpassungen
an Unternehmensanforderungen beinhalten.
Das Urheberrecht erlaubt nicht ohne weiteres
die hier geschilderten kollaborativen Arbeitsprinzipien. Es schützt
nämlich das geschaffene Werk vor ungefragtem Kopieren, Nutzen
und Weiterentwickeln. Um also Open Source-Software überhaupt
zu ermöglichen, musste ein spezielles Lizenzsystem entwickelt
werden, das dem Urheber erlaubt, pauschal anderen die Weiternutzung
und -bearbeitung zu gewähren. Richard Stallman, der 1984 das
Massachusetts Institute of Technology verließ, um sich dem
freien Programmieren widmen zu können, entwickelt in den 1980er
Jahren die Software-Lizenz GNU General Public Licence (GPL), die
bis heute eingesetzt wird.[Fn23]
Gerade die rechtliche Seite und die positiven
Erfahrungen aus der gemeinschaftlichen Produktion von Software haben
einige Akteure dazu inspiriert, das Open Source-Prinzip auf andere
Bereiche auszuweiten. Einer der wichtigsten Vordenker, Lawrence
Lessig, plädiert für eine neue „Freie Kultur“,
die das Urheberrecht umkehren soll, um freien Austausch und freie
Wissensproduktion zu ermöglichen.[Fn24]
Sein Argument lautet, dass Innovation schon immer bedeutet hat,
bestehendes geistiges Eigentum zu übernehmen und weiterzuentwickeln.
Der jahrhundertealte, ursprüngliche Sinn des „Copy-Rights“,
Drucker vor illegalen Kopierern zu schützen, funktioniere dagegen
angesichts der neuen digitalen Möglichkeiten per se nicht mehr.
Lessig ist darum der Überzeugung, dass es gerade aus ökonomischen
Gründen wichtig sei, das Copyright zu einem „Copyleft“
zu machen: nur noch bestimmte Rechte sollten beim Urheber bzw. Copyright-Besitzer
verbleiben. Wichtig sei nach wie vor im Sinne des Persönlichkeitsrechts
als Urheber des Werks anerkannt zu werden. Gleichzeitig soll aber
den anderen eine erweitere Nutzung an dem Geschaffenen ermöglicht
werden.[Fn25]
Yochai Benkler, ebenfalls ein Verfechter der Liberalisierung des
Copyrights, erwartet dadurch einen gesellschaftlichen Wohlstand
durch elektronische Netzwerke.
„In the networked information economy,
the physical capital required for production is broadly distributed
throughout society. Personal computers and network connections
are ubiquitous. This does not mean that they cannot be used for
markets, or that individuals cease to seek market opportunities.
It does mean, however, that whenever someone, somewhere, among
the billion connected human beings, and ultimately among all those
who will be connected, wants to make something that requires human
creativity, a computer, and a network connection, he or she can
do so alone, or in cooperation with others. […] The result
is that a good deal more that human beings value can now be done
by individuals, who interact with each other socially, as human
beings and as social beings, rather than as market actors through
the price system.”[Fn26]
Tatsächlich wird die Idee besonders von
Kreativen im Musikbereich sehr begrüßt. Der Traum, über
die eigene Internetseite von Talentsuchern entdeckt zu werden, wird
zwar zumeist enttäuscht. Aber die Szene profitiert davon, dass
die Verbreitung und Weiterverwendung von Werken im Internet durch
diese Lizenzen einfacher geworden ist.[Fn27]
Gerade die Popularität der großen, interaktiven Webseiten
wie der Bilddatenbank Flickr.com liegt in der Nutzung von solchen
Lizenzen begründet. Und auch die Wissenschaftswelt übernimmt
inzwischen teilweise Lessigs Überlegungen. Seit Ende der 1990er
Jahre hat sich dort eine Bewegung etabliert, die den freien Zugang
zu Wissen fordert (Open Access). Hintergrund dieser Forderung ist,
wie bekannt sein dürfte, eine zunehmende Verteuerung der Versorgung
mit wissenschaftlicher Fachinformation bei gleichzeitig neuen und
billigeren Veröffentlichungswegen über das Internet. Ausgangspunkt
ist die Überlegung, dass es nicht im gesellschaftlichen Interesse
sein kann, Ergebnisse von durch die öffentliche Hand finanzierter
Forschungen in Form von Zeitschriften über die Bibliotheken
von derselben öffentlichen Hand kaufen zu müssen.[Fn28]
Im Vordergrund steht also die freie Verfügbarkeit von Information.
Auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat sich der Idee der
freien Verbreitung von Wissen verschrieben.[Fn29]
Folgerichtig sind die Inhalte unter eine „GNU Free Documentation
Licence“ gestellt. Damit wird zum einen erst ermöglicht,
dass die Inhalte weiterbearbeitet werden können. Zum anderen
erlaubt die Lizenz anderen, die Inhalte von Wikipedia, mit Nennung
der Quelle, zu spiegeln.
3. … und
seine Kritiker
Doch so hehr das Ideal auch sein mag, die Realität zeigt, dass
die Vision von der freien Produktion und dem freien Zugang zu Wissen
bei der Realisierung Probleme aufwirft. Problematisch ist vor allem
die Übertragung der Arbeitsweisen der Open-Source-Bewegung
auf breitere Bereiche der Wissensproduktion. Wie Paul Duguid ausführt,
lassen sich nicht alle Prinzipien der kollaborativen Entwicklung
ohne weiteres auf die Text- oder Kunstproduktion abbilden.[Fn30]
Der modulare Aufbau der Software, der abgeschlossene Entwicklungspakete
erlaubt, und die Tatsache, dass schlechter Quellcode dazu führt,
dass ein Programm entweder gar nicht funktioniert oder zumindest
Fehler produziert, stellt ein wirkungsvolles Qualitätssicherungssystem
dar. Bei Texten, wie sie in der Wikipedia geschrieben werden, gibt
es kein Äquivalent. Weder stürzt bei Fehlern das Programm
ab, noch kann man sicher sein, dass es jemanden gibt, der ungewünschte
Nebeneffekte an einen Programmierer meldet. Man kann nur hoffen,
dass durch die Masse der Wikipedianer Fehler entdeckt werden. Garantieren
kann man es nicht. Und tatsächlich findet sich in der Enzyklopädie
nicht nur „reines Wissen“, sondern auch viel Nutzloses
und Falsches, wie die Liste der aktuellen Löschkandidaten regelmäßig
belegt.[Fn31]
Edit Wars sorgen dafür, dass heute das eine und morgen
das andere unter einem Schlagwort zu finden ist. Kritiker des Projekts
sehen den Grund dafür vor allem in der „Offenheit“
des Systems.[Fn32]
Aufgrund der Tatsache, dass jeder daran mitschreiben kann, keine
vorgegebene Systematik besteht und keine Garantie auf Beständigkeit
der Inhalte gegeben wird, werde eine nutzlose Ansammlung an Informationen
generiert, auf die man sich in keinem Fall verlassen kann. Dasselbe
gelte für die Referenzierung. Querverweise seien oftmals unsystematisch
und trügen nicht zum besseren Verständnis des Artikels
bei. Das Vertrauen darauf, dass es immer jemanden gibt, der solche
Fehler findet und behebt, würde enttäuscht. Der grundsätzliche
Verzicht auf Belege (von einigen Literaturangaben am Ende des Eintrags
abgesehen) mache eine Überprüfung des Geschriebenen unmöglich.
Larry Sanger, der Mitbegründer der Wikipedia, verließ
aufgrund dieser Schwächen das Projekt nach einem Jahr. Aus
seiner Sicht ist ein Nachschlagewerk, das keine Garantie für
seine Inhalte geben kann, ein nutzloses Unterfangen. Er hat inzwischen
ein neues Projekt aus der Taufe gehoben, das an die Funktionsweise
von Nupedia anschließt: Citizendium (http://en.citizendium.org).
Hier werden die Artikel von Experten überprüft. Nutzer
müssen ihren richtigen Namen verwenden.[Fn33]
Vorgaben in der Wikipedia, wie den neutralen
Standpunkt, die Verifizierbarkeit des Geschriebenen, die Versionenkontrolle
und die Auswahl von exzellenten Artikeln, sind Versuche, auf dieses
Unbehagen zu reagieren. Jedoch liegt es in der Natur des Projekts,
dass sich die Kritiker kaum gänzlich überzeugen lassen.
Denn welche Verfahren man auch immer wählt, niemand kann garantieren,
dass der mühsam ausgehandelte Beitrag, den eine Gruppe vielleicht
sogar für besonders empfehlenswert befunden hat, innerhalb
von Sekunden durch wohlmeinende Unwissende oder gar böswillig
Gesinnte zu einem vollkommen verstümmelten, sachlich unrichtigen
Text wird. Gerade der so genannte Vandalismus, also das mutwillige
Zerstören von Artikeln, stellt ein großes Problem bei
Wikipedia dar.[Fn34]
Daneben gibt es immer wieder Fälle willentlicher Manipulation
von Artikeln aus Gründen der Eigenwerbung.[Fn35]
Nichts unterstreicht die gesellschaftliche Bedeutung der Wikipedia
stärker, als das gezielte Bemühen von Prominenten und
Firmen das allgemeine Meinungsbild über dieses Medium beeinflussen
zu wollen. Damit wird die Demokratie, so Kritiker, zu einer Ochlokratie,
die das Schlechteste der Massen auf sich vereinigt. Die Faktizität
des enzyklopädischen Wissens ist ihrer Ansicht nach in Gefahr.
Um dieser Kritik zu begegnen, wurde neben einer Verfeinerung der
Qualitätssicherungsverfahren und dem aktiven Anwerben von Wissenschaftlern
inzwischen die Einführung von gesichteten Versionen beschlossen.[Fn36]
Damit soll dem Leser ermöglicht werden, auch eine von allem
Vandalismus befreite Fassung auswählen zu können, die
dann allerdings nicht unbedingt den aktuellen Wissensstand widerspiegelt.
Ob dieses Vorhaben erfolgreicher sein wird, wie z.B. die geplante
und nicht realisierte Buchausgabe der Wikipedia, bleibt bisher offen.[Fn37]
4. Wer darf
über Wissen entscheiden?
Verfechter von freien Inhalten vertreten die
Meinung, dass das Wikipedia-Prinzip nur eine logische Konsequenz
der neuen technischen Möglichkeiten sei. Dank der Internet-Technologie
ließen sich gesellschaftliche Entscheidungsprozesse wesentlich
demokratischer gestalten. Dies habe auch Auswirkungen auf die Wissensproduktion.[Fn38]
Die Gegner wiederum sehen dagegen in der fehlenden Beglaubigungsinstanz
und der Offenheit der Inhalte eine unüberwindbare strukturelle
Schwäche, die vor allem in einem größeren Maß
an Nichtwissen ende.[Fn39]
Studierenden in Seminaren wird beispielsweise das Zitieren aus der
Wikipedia untersagt, da sie keine seriöse Quelle sei. Dem lässt
sich entgegnen, dass man üblicherweise auch nicht den Brockhaus
in einer wissenschaftlichen Arbeit zitiert, da hier wie dort eine
zu allgemeine und undifferenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema
stattfindet. Schon allein darum ist natürlich das Zitieren
aus der Wikipedia ebenso abzulehnen.[Fn40]
Gleichzeitig, so aber weiter das Argument der Kritiker, ist dazu
noch der Entstehungszusammenhang der Inhalte in Wikipedia zu „unwissenschaftlich“.
Als wissenschaftliche Quelle eigne sie sich daher auf keinen Fall.
Dieses Argument, wie auch die faktische Bedeutung der Wikipedia
problematisiert jedoch hinsichtlich der Auswahl und Präsentation
von Wissen auf tiefer gehende Weise das traditionelle Wissenssystem.
In den Fokus rücken die „Wissensexperten“ bzw.
ihr Stellenwert in der Gesellschaft und für die Ordnung von
Wissen.
Michel Foucault hat durch seine Arbeiten zur
Diskursgeschichte gezeigt, dass es nicht nur bedeutungsvoll ist,
was in welchem Kontext als wissenswert befunden wird, sondern auch
wer am Wissensdiskurs teilnimmt und wie dieser organisiert ist.[Fn41]
Gerade die Erstellung einer Enzyklopädie belegt dies. Wie bereits
zu Beginn des Aufsatzes ausgeführt, greifen hier die etablierten
Strukturen des Wissenssystems besonders gut: Traditionell hat jeder
Herausgeber die verantwortungsvolle und damit auch selektive Aufgabe
zu entscheiden, welches Wissen zu dokumentieren und zu archivieren
sei.[Fn42]
Die Herausgeber gelten als Experten und sind damit im Sinne von
Berger/Luckmann „Sachwalter“ des Wissens, denen die
Gesellschaft vertraut.[Fn43]
Damit repräsentieren sie das System und gestalten es zugleich.[Fn44]
Die Sachwalter stehen in einem Wissenschaftssystem, oder nach Pierre
Bourdieu wissenschaftlichem „Feld“, das geprägt
ist von einem „wissenschaftliche[n] Interesse, ein[em] Interesse,
das im Verhältnis zu den herkömmlichen Interessen des
Alltags (und insbesondere denen des ökonomischen Feldes) als
uneigennützig, unentgeltlich erscheint.“[Fn45]
Trotz der „Uneigennützigkeit“ gibt es aber auch
im wissenschaftlichen Feld Machtstrukturen, die ihre eigenen Gesetze
besitzen. Bourdieu identifiziert zwei verschiedene: eine politische,
quasi institutionalisierte, und eine spezifische, auf persönlicher
Ebene und über Anerkennung funktionierende Struktur.[Fn46]
Wikipedia, dies ist die These des vorliegenden Aufsatzes, unterläuft
beide Ebenen und sorgt dadurch für Abwehrhaltung bei den dem
wissenschaftlichen Feld Zugehörigen. Oder um es mit Larry Sanger
zu sagen: „[A]s a community, Wikipedia lacks the habit or
tradition of respect for expertise.”[Fn47]
Wie ist das zu verstehen? Von „politischer“ Seite stellt
die Online-Enzyklopädie die Trennung zwischen Experten und
Laien, zwischen Angehörigen des wissenschaftlichen Feldes und
den Außenstehenden, in Frage. Tatsächlich stammen viele
gute Artikel von Autoren, die gerade nicht das traditionelle Wissenschaftssystem
repräsentieren. Dies zeigt, dass man ganz offensichtlich auch
zum Spezialisten werden kann, ohne aus einer anerkannten Institution
des Wissens (z.B. Universität) zu kommen. Zugleich entmachtet
das diejenigen, die beispielsweise durch eine Professur einen allgemein
anerkannten Platz innerhalb des wissenschaftlichen Feldes erlangt
haben. Dies hat Folgen für die persönlichen Abhängigkeiten.
Ein Wissenschaftler erreicht seine Position gewöhnlich, indem
er als Person ausreichend „symbolisches Kapital“ (im
Bourdieuschen Sinne) durch mit seinem Namen verknüpfte Publikationen
angehäuft hat. Der berufliche Erfolg ist zwingend an diese
Verbindung von Gesagtem und Namen gebunden. Je mehr symbolisches
Kapital jemand angesammelt hat, umso mehr weist er sich als Experte
aus und umso bedeutungsvoller sind seine Aussagen zu einem Thema.
Seine persönliche Macht steigt.
Wikipedia dagegen entpersonalisiert das Geschriebene.
Der Leser sieht sich mit einem quasi-anonymen Autorenkollektiv konfrontiert:
selbst wenn sich über eine Versionenkontrolle die Beiträge
der einzelnen Autoren ermitteln lassen, finden sich dort zumeist
nur spezielle Netzidentitäten oder nur IP-Adressen. Das und
die Forderung nach einem „neutralen Standpunkt“ –
so problematisch das Konzept an sich ist – sollen gerade gewährleisten,
dass kein Name unauslöschlich mit einem Begriff verbunden werden
kann. Der Eintrag muss ohne einen Urheber auskommen, die Aussagen
für sich stehen. Diese steht im Widerspruch zur traditionellen
wissenschaftlichen Praxis.
Umgekehrt bedarf das traditionelle Wissenschaftssystem
aber auch der Namen, um Aussagen in einen Ordnungszusammenhang zu
stellen. Das System ist darauf angewiesen, jede Aussage mit einer
Person verbinden zu können, um sie nach Schulen, Denkrichtungen
und Theorien kategorisieren zu können.[Fn48]
Bzw. mit Bourdieu: um ihre Position innerhalb des wissenschaftlichen
Feldes identifizieren zu können. In der Online-Enzyklopädie
dagegen sind die Einträge ohne Namen und können daher
keiner Richtung zugeschrieben werden. Im Gegenteil: auch hier soll
der neutrale Standpunkt dafür sorgen, dass keine spezielle
Denkweise die Oberhand gewinnt, sondern bestenfalls alle möglichen
Ansätze eklektisch zusammengeführt werden.[Fn49]
Im bisherigen Wissenschaftssystem sind solche Texte nicht verwendbar.
Es hat kein Beschreibungsinventar für Inhalte, die einerseits
so homogen wirken und gleichzeitig einen so disparaten Entstehungszusammenhang
haben. Und schließlich wird auch die Aufgabe, die den Experten
vor allem zukommt, nämlich die Auswahl von Inhalten, die für
eine Gesellschaft als relevant für ihre Wissensordnung zu erachten
sind, durch Wikipedia unterminiert. Früher war die Auswahl
aufgrund der physischen Beschränkung auf ein Buch oder höchstens
eine Buchreihe notwendig. Schon aus Platzgründen war eine Auswahl
notwendig. Umso bedeutsamer war die Entscheidung darüber, was
in die Auswahl gehörte. Das Archiv des Wissens wurde somit
von physischen Bedingungen begrenzt. Diese Beschränkung gilt
im Zeitalter des Internets nicht mehr. Durch immer effizientere
Speichermedien, die Wiki-Technologie mit ihrer flachen Navigationsstruktur
und einer guten Suchfunktion ist es möglich, alles, was nur
von mindestens einem Menschen gewusst wird, dem enzyklopädischen
Wissen hinzuzufügen. Alles Gewusste steht gleichberechtigt
nebeneinander.
Doch die Gleichberechtigung des Geschriebenen
führt zum Kernproblem bei Wikipedia: die immerwährende
„Gefahr“ der Veränderung bestehender, bereits ausgehandelter
Artikel. Der Beschluss, in der Wikipedia, gesicherte und damit zwar
keine aktuellen, aber dafür als valide anzusehende Versionen
zur Verfügung zu stellen, zeigt, dass sogar Wikipedianer vor
so viel Subversion Angst haben. Es ist in der Tat fraglich, inwieweit
eine Enzyklopädie als Referenz dienen kann, bei der heute theoretisch
das eine und am nächsten Tag das Gegenteil stehen kann. Doch
eigentlich muss die Frage anders gestellt werden: Ist eine Selektion
und Strukturierung des Gewussten angesichts unserer gesellschaftlichen
Realität der „Parallelwelten“ und pluralistischen
Lebensweisen überhaupt noch zu erreichen oder gar wünschenswert?
Wenn „die allgemeine Verbindlichkeit eines sinngebenden Deutungszusammenhangs
fehlt“[Fn50],
ist es doch eigentlich nur konsequent, wenn alles Gewusste ohne
Bewertung nebeneinander stehen darf. Für Berger/Luckmann wirkt
der zunehmende Pluralismus zersetzend auf die Wirklichkeitssbestimmung
einer Gesellschaft:
„Die pluralistische Situation wird
vom rapiden sozialen Wandel begleitet, ja, Pluralismus ist selbst
ein Beschleunigungsfaktor, weil er dazu beiträgt, die Resistenz
der traditionellen Wirklichkeitsbestimmungen gegen Veränderungen
zu unterminieren. Pluralismus ermutigt sowohl Skepsis als den
Willen zu Neuem und wirkt als solcher auf die Wirklichkeitsgewissheit
des traditionellen Status quo subversiv.“[Fn51]
Die Subversion macht auch vor dem Wissenschaftssystem
nicht halt: Nicht zuletzt aufgrund der Zersplitterung der Wissensbestände
können heute keine speziell ausgewählten Personen das
Wissen einer gesamten Gesellschaft repräsentieren. Galt früher
das Konkurrieren um die beste Wirklichkeitsbeschreibung als Kennzeichen
des reinen Expertenwesens, gilt es jetzt zu verstehen, dass es für
niemanden mehr ein „Wissensmonopol“ gibt.[Fn52]
Das Wikipedia-Prinzip mit seiner Offenheit und Unzuverlässigkeit
offenbart einen faktisch schon vollzogenen, weiteren Schritt in
der Kapitulation vor der Komplexität unserer Welt. So leistet
die Online-Enzyklopädie, jenseits der Bereitstellung von Informationen,
einen wichtigen Dienst für die Nutzer: Es macht die Kontingenz
und Ambiguität von Informationen auf einfache Art und Weise
sichtbar.[Fn53]
Damit wird ganz im Sinne von Berger/Luckmann
erfahrbar, dass das bereitgestellte Wissen nicht absolute Gültigkeit
besitzt, sondern rein gesellschaftlich ausgehandelte Momentaufnahmen
eines gesellschaftlichen Konsens darstellt:
„Ganz egal, was sich die WikipedianerInnen
denken von 'ihrer’ Wahrheit – Wikipedia zwingt Lesende
und Schreibende nachzuvollziehen, was es bedeutet zu sagen, Wissen
sei historisch geprägt und sozial konstruiert.“[Fn54]
Damit erhält auch die Forderung nach mehr
freien Inhalten ein größeres Gewicht. Es geht eben nicht
allein darum, eine weniger ökonomisierte Alternative zu Software-Herstellern
oder Verlagen zu entwickeln, sondern darum, Wissen allen gleichermaßen
zugänglich zu machen. Wenn man sich nicht mehr auf die Wissensexperten
verlassen kann, ist der freie Zugriff auf alle Information für
eigenständige Urteile unerlässlich. Ralf Schneider prognostiziert
beispielsweise, dass es zukünftig auch Meta-Enzyklopädien
geben könnte, die die Einträge aus verschiedenen Quellen
kumuliert, um die Wissensbasis zu verbreitern.[Fn55]
Damit würde die Tatsache der Diversität der Wirklichkeiten
noch offensichtlicher. Natürlich genügt der offene Zugang
nicht allein. Genauso wichtig ist die entsprechende (Medien-)Kompetenz,
um die Quellen auch bewerten zu können. Was das zukünftig
für Schulen und andere Ausbildungsstellen bedeutet, kann hier
nicht weiter ausgeführt werden.[Fn56]
Welche Folgen hat das jedoch für die Nutzer
von Wikipedia? Wie sehr können und sollen sie sich auf die
in Wikipedia vorgehaltenen Inhalte verlassen bzw. wie gehen sie
mit der mangelnden Verlässlichkeit der dort vorgehaltenen Informationen
um? Ein faktischer Vergleich zwischen Online-Enzyklopädie und
der „Encyclopaedia Britannica“ durch die Online-Ausgabe
der Zeitschrift Nature ergab, dass die in Wikipedia vorgehaltenen
Informationen nur unwesentlich weniger korrekt sind: Durchschnittlich
offenbarten die Einträge in der „Britannica“ drei
Ungenauigkeiten, in Wikipedia vier.[Fn57]
Auch wenn die Herausgeber der Britannica Nature vorwarfen, unsauber
gearbeitet zu haben, bleibt als bemerkenswerte Erkenntnis eher,
dass auch eine der renommiertesten Enzyklopädien nicht frei
von Fehlern ist.[Fn58]
„But […] Wikipedia’s strongest suit is the speed
at which it can update […].”[Fn59]
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2006 belegt zugleich, dass die Sorge,
normale Nutzer würden der Enzyklopädie blind vertrauen,
unbegründet ist.[Fn60]
Es zeigte sich nämlich, dass Experten die Glaubwürdigkeit
von Artikeln aus ihrem Fachgebiet deutlich höher einschätzen
als Laien. Anders ausgedrückt: Laien wissen um die Rahmenbedingungen
für das Zustandekommen des Gelesenen und da sie keine Fachleute
sind, verwenden sie die dargebrachten Ergebnisse mit einer gewissen
Skepsis.
Der Erfolg von Wikipedia beweist, dass die Menschen
offenbar weitaus besser mit dem Wissenspluralismus umgehen können,
als ihnen von den traditionellen Experten zugetraut wird. Das stimmt
zuversichtlich angesichts der Tatsache, dass wir als „Wissensgesellschaft“
auf die kompetente und damit kritische Nutzung von Wissen angewiesen
sind.
Literaturverzeichnis
Alle genannten Internetquellen wurden, sofern nicht
anders gekennzeichnet, zum Stand vom 21.12.2008 zitiert.
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Verknüpfung. Die Rolle des Hyperlinks im Rahmen hypertextueller
Wissensorganisation, in: Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan
Kammer (Hrsg.): Vom Weltbuch bis zum World Wide Web – Enzyklopädische
Literatur, Heidelberg: Winter 2005, S. 287-303.
Fußnoten
[Fn 1] Dr.
Renz: Ich habe keinen Eintrag in Wikipedia, http://www.dasliedzumspiel.de/wikipedia.mp3
veröffentlicht am 26.7.2006; Stand: 2.6.2007.
(zurück)
[Fn
2] Vgl. Peter L. Berger/Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion
der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Mit einer
Einleitung zur deutschen Ausgabe von Helmuth Plessner. 20. Auflage,
Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch 2004. (zurück)
[Fn
3] Daniel Diemers: Virtual Knowledge Communities. Erfolgreicher
Umgang mit Wissen im digitalen Zeitalter. Dissertation der Universität
St. Gallen, Hochschule für Wissenschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften
(HSG) zur Erlangung der Würde eines Doktors der Wirtschaftswissenschaften,
Bamberg: Selbstverlag 2001, hier S. 86. (zurück)
[Fn
4] „Wenn sich erst einmal im Gang der Geschichte einer Gesellschaft
die Anhäufung von Wissen ergeben hat, so ist anzunehmen, daß,
aus Gründen der Arbeitsteiligkeit, rollenspezifisches Wissen
schneller zunehmen wird als allgemein verbindliches. […] Mit
anderen Worten: Spezialisten […] treten auf den Plan. […]
Solche Spezialisten sind immer auch zugleich die verantwortlichen
Sachwalter des Ausschnittes aus dem allgemeinen Wissensvorrat, auf
den die Gesellschaft sie verwiesen hat.“; Berger/Luckmann,
S. 82. (zurück)
[Fn
5] Zu der fortschreitenden Professionalisierung der Wissensproduktion
vgl. Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft.
Hrsg. von Richard von Dülmen und Sina Rauschenbach unter Mitwirkung
von Meinrad von Engelberg. Köln, Weimar, Wien: Böhlau
2004, sowie Peter Burke: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der
Wissensgesellschaft. Aus dem Englischen von Matthias Wolf, Berlin:
Wagenbach 2001. (zurück)
[Fn
6]
Vgl. dazu Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer:
Zum Doppelleben der Enzyklopädik – eine historisch-semantische
Skizze, in: dies. (Hrsg.): Vom Weltbuch bis zum World Wide Web –
Enzyklopädische Literatur, Heidelberg: Winter 2005, S. 1-51.
So auch im Folgenden. Aus Platzgründen wird auf eine umfassende
historische Darstellung der Entstehung und Entwicklung von Enzyklopädien,
sowie auf eine historisch-definitorischen Abgrenzung zu „Lexikon“
und „Konversationslexikon“ verzichtet. Vgl. dazu aber
Jürgen Henningsen: „Enzyklopädie“. Zur Sprach-
und Bedeutungsgeschichte eines pädagogischen Begriffs, in:
Archiv für Begriffsgeschichte 10 (1966), S. 270-356. Eine sehr
differenziert betrachtende Ausarbeitung der historischen Wurzeln
der Enzyklopädistik und der heutigen technischen Möglichkeiten,
diese zu erweitern, findet sich bei Ralf H. Schneider: Enzyklopädien
im 21. Jahrhundert. Lexikographische, kommunikations- und kulturwissenschaftliche
Strukturen im Kontext neuer Medien. Karlsruhe, 2008, urn:nbn:de:swb:90-77687.
(zurück)
[Fn
7] Waltraud Wiethölter/Frauke
Berndt/Stephan Kammer, Zum Doppelleben der Enzyklopädik –
eine historisch-semantische Skizze, S. 17. (zurück)
[Fn
8] Vgl. dazu durchaus kritisch:
Uwe H. Bittlingmayer: Wissensgesellschaft’ als Wille und Vorstellung,
Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2005. (zurück)
[Fn
9]Vgl. Uwe Wirth: Zur Medialität
enzyklopädischer Verknüpfung. Die Rolle des Hyperlinks
im Rahmen hypertextueller Wissensorganisation, in: Waltraud Wiethölter/Frauke
Berndt/Stephan Kammer (Hrsg.): Vom Weltbuch bis zum World Wide Web
– Enzyklopädische Literatur, Heidelberg: Winter 2005,
S. 287-303. (zurück)
[Fn
10] Vgl. dazu die Aufsätze in Tassilo Pellegrini/Andreas Blumauer
(Hrsg.): Semantic Web. Wege zur vernetzten Wissensgesellschaft,
Berlin, Heidelberg: Springer, 2006.
(zurück)
[Fn
11] Zum System des Rankings bei
Google vgl. den Eintrag „PageRank“ in Wikipedia, der
auch konkrete Algorithmen darstellt; URL: http://de.wikipedia.org/wiki/PageRank.
(zurück)
[Fn12]
Theo Stammen/Wolfgang E. J. Weber:
Zur Einführung, in: dies. (Hrsg.): Wissenssicherung, Wissensordnung
und Wissensverarbeitung. Das europäische Modell der Enzyklopädien,
Berlin: Akademie Verlag 2004 (=Colloquia Augustana, 18), S. 9-12,
hier S. 9, so auch das Folgende. (zurück)
[Fn
13] Dies mag nicht immer von den
Betreibern der Webseite intendiert sein, aber wie ein Fall bei Digg.com
zeigt, funktionieren diese Seiten anarchisch genug, dass die Nutzer
den Betreibern ihre Gesetze aufzwingen können. Bei Digg handelt
es sich um eine Seite, auf der Nutzer Links nach Nützlichkeit
bewertet können. Dort wurde vielfach auf einen Code verwiesen,
der zur Überwindung einer neuen Art von Kopierschutz interessant
ist. Die Betreiber von Digg hatten sich, um Konflikte mit der Musik-
und Filmindustrie zu vermeiden, zuerst dazu entschieden, die Links
aus dem Bestand zu löschen. Aufgrund der zahlreichen Proteste
aus der Community nahm Digg die Links wieder auf, trotz der Gefahr,
verklagt zu werden. Vgl. dazu Kevin Rose: Digg This: 09-f9-11-02-9d-74-e3-5b-d8-41-56-c5-63-56-88-c0
[bei dem Titel handelt es sich um den besagten Code], veröffentlicht
am 1.5.2007; URL: http://blog.digg.com/?p=74?,
sowie Matthias Mehldau: Die verbotene Zahl, veröffentlicht
am 2.5.07; URL: http://netzpolitik.org/2007/die-verbotene-zahl/.
(zurück)
[Fn 14]
Zur Selbstorganisation von Wikipedia vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Autorenportal
(zurück)
[Fn 15]
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Geschichte_der_Wikipedia.
So auch das Folgende. (zurück)
[Fn 16]
Auf den jeweiligen Wikipedia-Startseiten ist die aktuelle Zahl der
Einträge dokumentiert.
(zurück)
[Fn 17]
http://www.brockhaus.de/enzyklopaedie/aufeinenblick/index.php
(zurück)
[Fn 18]
http://meta.wikimedia.org/wiki/List_of_Wikipedias.
(zurück)
[Fn 19]
http://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:Statistik
(zurück)
[Fn 20]
Zur Entstehungsgeschichte von Freier Software vgl. Richard M. Stallman:
Free Software, Free Society. Selected Essays. Introduction by Lawrence
Lessig, edited by Joshua Gay, Boston: Free Software Foundation,
2002; URL: http://notabug.com/2002/rms-essays.pdf.
(zurück)
[Fn 21]
Eric S. Raymond: The Cathedral and the Bazaar, in: First Monday
3 (1998), Heft 3, ursprünglich veröffentlicht am 21.5.1997,
letzte Bearbeitung am 10.2.1998; URL: http://firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/1472/1387.
Raymond nennt dieses Gesetz „Linus’ Law“ als Tribut
an Linus Torvalds, dem Initiator des freien Betriebssystems Linux.
(zurück)
[Fn 22]
Zu der Beweggründen der Programmierer mitzuarbeiten vgl. das
Kapitel: „Motivation von Open Source Programmierern“
in: Andreas Stein: Die Open Source-Bewegung. Entwicklung –
Organisation – Innere Ökonomie, Saarbrücken: K.
Müller, 2006, S. 97 127. (zurück)
[Fn 23]
Zu den Lizenzen und der „Free Software Foundation“ vgl.
www.gnu.org. „GNU“ ist ein rekursives Akronym und steht
für „GNU is Not Unix“. GNU war ursprünglich
als Name für ein zu Unix alternatives Betriebssystem gedacht.
Heute ist das Logo der GNU-Lizenzen der Kopf eines Gnus.
(zurück)
[Fn
24] Lawrence Lessig: Free
Culture. How Big Media Uses Technology and the Law to Lock Down
Culture and Control Creativity, New York: Penguin Press, 2004; URL:
http://www.free-culture.cc/freeculture.pdf.
(zurück)
[Fn 25]
Lessig hat darum ebenfalls
ein Lizenzsystem entwickelt: die Creative Commons (www.creativecommons.org).
Das Motto lautet: „Some Rights reserved“. Gerade im
künstlerischen Umfeld des Internets haben sich die Lizenzen
inzwischen schon gut etabliert: der Urheber kann ganz flexibel den
Nutzern Rechte, wie das Kopieren und Weiterverbreiten ermöglichen.
Er kann Auflagen machen, ob sein Werk verändert oder zu ökonomischen
Zwecken verwendet werden darf. Dabei geht es auch darum, die Sphäre
der gemeinfreien Güter bzw. der „public domain“
zu erweitern. Vgl. dazu James Boyle: The Second Enclosure Movement
and the Construction of the Public Domain, in: Law and Contemporary
Problems 66 (2003), S. 33-74. (zurück)
[Fn 26]
Yochai Benkler: The Wealth
of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom,
New Haven, London: Yale University Press, 2006; S. 6. URL: http://www.benkler.org/wealth_of_networks/index.php?title=Download_PDFs_of_the_book.
(zurück)
[Fn 27]
Die stetig steigende Zahl
der Arbeiten, die unter einer Creative Commons-Lizenz angeboten
werden, lässt dies zumindest vermuten; vgl. dazu: Terry Hancock:
Some Numbers on Creative Commons, Blogeintrag in: FreeSoftWareMagazine,
veröffentlicht am 5.3.2007; URL: http://www.freesoftwaremagazine.com/blogs/some_numbers_on_creative_commons.
(zurück)
[Fn 28]
Zu den Argumenten für
Open Access sowie die konkreten Umsetzungsmöglichkeiten vgl.
www.open-access.net,
sowie die Webseiten von Peter Suber: http://www.earlham.edu/~peters/fos/,
einem der größten Verfechter der Idee. (zurück)
[Fn 29]
Wikipedia plant jedoch voraussichtlich im kommenden Jahr auf die
Creative Commons-Lizenz BY-SA 3.0. zu wechseln, um besser Kompatibilität
mit anderen Projekten zu erreichen. Vgl. dazu u. a. die Pressemitteilung
bei Creative Commons , 3.11.2008, URL: http://creativecommons.org/weblog/entry/10443.
(zurück)
[Fn 30]
Paul Duguid: Limits of Self-Organization:
Peer Production and 'Laws of Quality’, in: First Monday 11
(2006), Heft 10, URL:
http://firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/1405/1323.
So auch im Folgenden. (zurück)
[Fn 31]
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Löschkandidaten
(zurück)
[Fn 32]
Vgl. u. a. Jaron Lanier:
Digital Maoism. The Hazards of the New Online Collectivism, in:
Edge. The Third, sowie die Antwort darauf, in der teilweise Lanier
widersprochen, teilweise Recht gegeben wird: Markel Tumlin u.a.:
Collectivism vs. Individualism In a Wiki World: Librarians Respond
to Jaron Lanier’s Essay ‚Digital Maoism: The Hazards
of the New Online Collectivism“, in: Serials Review 33 (2007),
Heft 1, S. 45-53; URL: http://dx.doi.org/10.1016/j.serrev.2006.11.002,
siehe auch Alex Rühle: Im Daunenfederngestöber. Wikipedia-Fälschungen,
veröffentlicht am 3.11.2006, URL: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/631/90541,
und [anwt]: Brockhaus-Sprecher kritisiert mangelnde Verlässlichkeit
bei Wikipedia, veröffentlicht am 5.8.2005, URL: www.heise.de/newsticker/meldung/62531.
(zurück)
[ Fn 33] Bis Ende 2008 konnte Citizendium knapp
10.000 Artikel aufweisen; vgl. http://en.citizendium.org/wiki/CZ:Statistics.
Allerdings wurden keine Hinweise gefunden werden, dass diese Artikel
bisher als zitierfähiger als die von Wikipedia angesehen werden.
(zurück)
[ Fn 34] Vgl.
dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Vandalismusmeldung.
Ingo Frost identifiziert folgende Themenebereiche als besonders
anfällig für Vandalismus: Aktuelles, Sexualität,
religiöser Fundamentalismus, Politische Ideologien, Geschichte,
Drogen und Sucht, Studentenverbindungen, Werbung und Esoterik; vgl.
Ingo Frost: Zivilgesellschaftliches Engagement in virtuellen Gemeinschaften?
Eine systemwissenschaftliche Analyse des deutschsprachigen Wikipedia-Projektes,
München: Utz 2006; URL: http://www-lehre.inf.uos.de/~ifrost/offiziell/frost2006_wikipedia.pdf,
S. 115., S. 32-34. (zurück)
[ Fn 35] Einige
jüngere Beispiele in der deutschen Wikipedia finden sich in:
Reinhard Jellen: Edit War um Friedrich Merz. Warum die Geschichte
eines Wikipedia-Eintrags oft aufschlussreicher ist als der Eintrag
selbst, in: Telepolis, veröffentlich am 31.3.2007; URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24930/1.html,
sowie Malte Herwig: Hacker im Hohen Haus, in: Leben 2.0. Wir sind
das Netz. Wie das neue Internet die Gesellschaft verändert,
Spiegel Special, Heft 3, 2007, S. 22f. (zurück)
[ Fn 36] http://de.wikipedia.org/wiki/Hilfe:Gesichtete_und_gepr%C3%BCfte_Versionen#.C3.9Cbersicht
(zurück)
[ Fn 37] Es
ist zwar inzwischen auch eine einbändige Buchfassung der Wikipedia
bei Bertelsmann erschienen. Interessant ist diese Ausgabe aber weniger
aufgrund der dort zu findenden Wissensinhalten. Vielmehr ist als
ein aufschlussreiches Zeitdokument zu sehen: die Auswahl der 50.000
Stichwörter orientierte sich nicht an der vermeintlich objektiven
Wichtigkeit der Begriffe, sondern rein an den Aufrufzahlen der Artikel,
was zum Teil eine unerwartete, aber umso bemerkenswerte Auswahl
zur Folge hatte. Vgl. dazu: Das Wikipedia-Lexikon in einem Band.
Die meistgesuchten Inhalte der Enzyklopädie, Gütersloh,
München: Wissen-Media-Verlag 2008. (zurück)
[ Fn 38] Frost
z.B. plädiert dafür, die Funktionsweise von Wikipedia
nicht nur mit der Open Source-Gemeinschaft zu vergleichen, sondern
auch mit denen der ehrenamtlichen, zivilgesellschaftlichen Partizipation
in demokratischen Gesellschaften, vgl. Frost, S. 115. (zurück)
[ Fn 39] Der
These von Ilja Srubar, dass es durch die veränderte –
ökonomisch wichtiger gewordene – Bedeutung von Wissens
bei gleichzeitig anderer medialer Aufbreitung zu einer „Inhaltsleerung“
des gesellschaftlichen Wissens gekommen sei, muss in jedem Fall
widersprochen werden. Gerade die Ziele der Open Access-Bewegung
zeigen, dass das Zusammenspiel zwischen medialer Aufbreitung, Austausch
und Entstehung von neuem Wissen komplexer gedacht werden müssen.
Vgl. Ilja Srubar: Die Unwissensgesellschaft. Moderne nach dem Verlust
von Alternativen, in: Dirk Tänzler/Hubert Knoblauch/Hans-Georg
Soeffner (Hrsg.): Zur Kritik der Wissensgesellschaft, Konstanz:
UVK Verlagsgesellschaft 2006 (= Erfahrung – Wissen –
Imagination. Schriften zur Wissenssoziologie, 12), S. 139-154, Zitat
S. 152. Badke spricht in Bezug auf die Angst vor Verdummung von
einer noch „analog“ denkenden Dozentenschaft, die erst
einmal in der „dialogen“ Wirklichkeit der Studenten
ankommen müssen. Vgl. William Badke: What to Do With Wikipedia,
in: Online 32 (2008), Nr. 2, S. 48-50. (zurück)
[ Fn 40] Trotzdem
ist Wikipedia, wie jede andere Enzyklopädie, ein guter Startpunkt
für Recherchen, vgl. dazu u. a. Lisa Spiro: Is Wikipedia Becoming
a Respectable Academic Source?, veröffentlicht am 1.9.2008;
URL: http://digitalscholarship.wordpress.com/2008/09/01/is-wikipedia-becoming-a-respectable-academic-source.
(zurück)
[ Fn 41] Foucault
nennt dies die „diskursiven Formationen“, vgl. Michel
Foucault: Archäologie des Wissens. Frankfurt a. M: Suhrkamp
1981. (zurück)
[ Fn 42] Vgl.
dazu Christian Schlieker: Wissen auf wikipedia.org. Explorative
Untersuchung von Wissen in kollektiven Hypertexten. Diplomarbeit,
Universität Bremen, Version 1.01; URL: http://www.user.uni-bremen.de/~chrof/wissen_auf_wikipedia.pdf,
hier S. 37-40. (zurück)
[ Fn 43] Berger/Luckmann:
Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. 82; vgl.
dazu das Zitat in Anmerkung 4. (zurück)
[ Fn 44] Zum
Expertenwesen in der „Wissensgesellschaft“ vgl. Nico
Stehr: Arbeit, Eigentum und Wissen. Zur Theorie von Wissensgesellschaften,
Frankfurt/ a.M.: Suhrkamp 1994, besonders das Kapitel 8: „Experten,
Ratgeber und Berater“ (S. 350-419). (zurück)
[ Fn 45] Pierre
Bourdieu: Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für eine klinische
Soziologie des wissenschaftlichen Feldes. Konstanz: Universitätsverlag,
1998 (= édition discours, 12), hier S. 27. Vgl. dazu auch
exemplarisch anhand des französischen Hochschulwesens ders.:
Homo academicus. Frankfurt/ a.M.: Suhrkamp 1992. (zurück)
[ Fn 46] Bourdieu:
Vom Gebrauch der Wissenschaft, S. 31-38. Soweit nicht anders angegeben,
stütze ich mich im Folgenden darauf. (zurück)
[ Fn 47] Sanger:
Why Wikipedia Must Jettison Its Anti-Elitism, in: Kuro5hin, veröffentlicht
am 31.12.2004; URL: http://www.kuro5hin.org/story/2004/12/30/142458/25.
(zurück)
[ Fn 48] „[E]in
Autorenname ist nicht einfach ein Element in einem Diskurs […];
er hat klassifikatorische Funktion; mit einem solchen Namen kann
man eine gewisse Zahl von Texten gruppieren, sie abgrenzen, einige
ausschließen, sie anderen gegenüberstellen. […]
Schließlich hat der Autorenname die Funktion, eine bestimmte
Seinsweise des Diskurses zu kennzeichnen.“; Michel Foucault:
Was ist ein Autor?, in: ders.: Schriften zur Literatur, Frankfurt
u.a.: Ullstein, 1979, S. 7-31, hier S. 16f. (zurück)
[ Fn 49] Zu
einer möglichen Diskursanalyse im Foucaultschen Sinne innerhalb
der Wikipedia vgl. Christian Pentzold: Wikipedia. Diskussionsraum
und Informationsspeicher im neuen Netz, München: Reinhard Fischer,
2007. (zurück)
[ Fn 50] Ronald
Hitzler: Individualisierte Wissensvorräte. Existenzbastler
zwischen posttraditionaler Vergemeinschaftung und postmoderner Sozialpositionierung,
in: Dirk Tänzler/Hubert Knoblauch/Hans-Georg Soeffner (Hrsg.):
Zur Kritik der Wissensgesellschaft, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft
2006 (= Erfahrung – Wissen – Imagination. Schriften
zur Wissenssoziologie, 12), S. 257-277, hier S. 258. (zurück)
[ Fn 51] Berger/Luckmann,
Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. 134. (zurück)
[ Fn 52] „Man
empfindet geradezu Mitgefühl für die Experten der traditionellen
Wirklichkeitsbestimmung, sieht man sie wehmütig der Zeiten
gedenken, in denen sie ein Monopol für Wirklichkeit hatten.“,
Berger/Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit,
S. 134. Der Verlust des gesellschaftlichen Ansehens, d.h. des wissenschaftlichen
Kapitals, der Experten führt dazu, dass sie umso stärker
auf die Einhaltung der feldeigenen Regeln, wie im Fall Wikipedias,
bestehen müssen: „Um also in der Wissenschaft einen Fortschritt
der Wissenschaftlichkeit voranzubringen, muß man dort für
eine größere Autonomie, oder genauer: für die Erfüllung
ihrer praktischen Bedingungen sorgen, für eine Anhebung der
Eintrittshürden, ein Verbot des Gebrauches nichtspezifischer
Waffen, geregelte Formen des Wettbewerbs, die allein dem Zwang zu
gedanklicher Stimmigkeit und erfahrungswissenschaftlicher Bewahrheitung
unterworfen sind.“, Bourdieu, Vom Gebrauch der Wissenschaft,
S. 37f. (zurück)
[ Fn 53] Vgl.
dazu Sorin Adam Matei: Ambiguity and Conflict in the Wikipedian
Knowledge Production System, veröffentlicht am 4.4.2006, URL:
www.matei.org/ithink/papers/ambiguity-conflict-wikipedia.
(zurück)
[ Fn 54] Neelke
Wagner: Wissen, Wahrheit und Wikiality. Warum ist Wikipedia politisch?
In: reflect!, aktualisiert am 6.5.2007, URL: www.reflect-online.org/index.php?id=317.
(zurück)
[ Fn 55] Ralf
H. Schneider, S. 194-196. (zurück)
[ Fn 56] Vgl.
beispielsweise die Beiträge in dem Kapitel „Wissensgesellschaft
und Wissensinstitutionen“, in: Grüne Akademie in der
Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Die Verfasstheit der Wissensgesellschaft.
Konzipiert und bearbeitet von Karsten Gerlof und Anne Ulrich, o.O.:
Westfälisches Dampfboot, 2006, S. 208-284. (zurück)
[ Fn 57] Vgl.
Jim Giles: Internet Encyclopaedias Go Head to Head. Jimmy Wales’
Wikipedia Comes Close to Britannica in Terms of the Accuracy of
Its Science Entries, a Nature Investigation Finds, in: News@nature.com,
veröffentlicht am 14.12.2005, update 28.3.2006; URL: http://dx.doi.org/10.1038/438900a.
So auch das Folgende. (zurück)
[ Fn 58] Encyclopaedia
Britannica, Inc.: Fatally Flawed. Refuting the Recent Study on Encyclopaedic
Accuracy by the Journal Nature, veröffentlicht im März
2006; URL: http://corporate.britannica.com/britannica_nature_response.pdf.
Vgl. dazu auch die Antworten von Nature: http://www.nature.com/nature/britannica/index.html.
(zurück)
[ Fn 59] Giles,
Internet Encyclopaedias Go Head to Head. Zu weiteren Vergleichen
von Wikipedia mit traditionellen, deutschsprachigen Enzyklopädien
, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedistik/Vergleiche.
(zurück)
[ Fn 60] Thomas
Chesney: An Empirical Examination of Wikipedia’s Credibility,
in: First Monday 11 (2006), Heft 11; veröffentlicht am 24.8.2006;
URL: http://firstmonday.org/issues/issue11_11/chesney/index.html;
Stand: 21.5.2007
(zurück)
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