| 21 Gute Gründe für
gute Bibliotheken?
von Rainer Strzolka
(info)

Der Anspruch eines
Strategiepapiers
Der Berufsverband Information
Bibliothek BIB hat im Anschluss an das Scheitern seines Projektes
Bibliothek 2007 eine Arbeitsgruppe gebildet, die die Fortführung
jenes Gedankengutes organisierte. (http://www.bib-info.de/positionen/bibliothek2012_mai2008.pdf
[Ergänzung der Redaktion:
aktuelle
Version des Dokuments (PDF)])
Es gab zum Entwurf des Strategiepapiers, welches eine Zukunftsversion
für alle Bibliotheken entwerfen soll, genau eine Veranstaltung
auf dem Bibliothekartag 2008 in Mannheim, und ein Blog zwecks Diskussion
(http://bibinfo.wordpress.com/).
Dieses Blog blieb wegen Desinteresses der Allgemeinheit wie der
bibliothekarischen Öffentlichkeit an diesem Projekt leer, bis
Patrick Danowski (http://www.bibliothek2null.de/2008/06/23/bibliothek2012/)
auf dessen Existenz hinwies. Danowski wurde zum ersten sachkundigen
Kommentator eines Entwurfes, bei dem sich jeder Leser fragen musste,
ob Das allen Ernstes das sei, was Bibliothekare der Öffentlichkeit
über Bibliotheken zu sagen hätten. Der Entwurf war in
seiner Dürftigkeit so bemerkenswert, dass der Doyen der deutschen
Bibliothekswissenschaft, Walter Umstätter eine profunde Kritik
veröffentlichte (http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg36699.html),
die allerdings auch kaum Resonanz fand. Die im Oktober 2008 veröffentlichte
endgültige Version gleicht dem Entwurf, der zur Kritik gestellt
wurde, bis auf winzige Modifikationen.
Der Anspruch
des Strategiepapiers ist nett gemeint. Die Umsetzung wäre eine
Katastrophe, könnten Katastrophen banal sein. Wir leben in
einem Land, in dem für Bibliotheken wie für Bildung insgesamt
immer weniger Geld da ist, obwohl über Nacht 480 Milliarden
für notleidende Banken aufgetan werden können. Daran ändern
Strategiepapiere nichts, die Nähe zur politischen Phraseologie
nicht scheuen.
Die Realität
Was bietet dieses Leitbild? Die
offizielle Lesart ist trivial: „Moderne Bibliotheken haben
ihren wichtigen Platz in der Mitte der modernen Gesellschaft, sie
sind integrierende Partner im Netzwerk von Bildung, Kultur, Forschung
und Wissenschaft, sie sind engagierte und professionelle Dienstleister
der Informations- und Wissensgesellschaft. Die Menschen haben einen
Anspruch auf gute Bibliotheken, die Politik muss dafür sorgen,
dass die Bibliotheken angemessen ausgestattet werden.“ Tatsächlich
entschuldigt sich das Leitbild fast für die Existenz von Bibliotheken.
Bibliotheken kommen bei Politikern als Inhalt für Sonntagsreden
und in ihren Streichvorlagen vor. Da Politiker offenbar nicht in
Bibliotheken gehen, wäre es sinnvoll, gerade ihnen zu erklären,
wozu Bibliotheken gut sind. Diese Chance wurde vertan.
Der bedeutsame erste Satz
Bei einem Roman wäre der
erste Satz wichtig dafür, ob man weiter liest: „Bibliotheken?
Stimmt. Da gehen ja so viele Leute hin!“ (In der ersten Fassung:
„Die gibt's ja auch noch.“). Der Berufsverband der Informationsvermittler
befindet, dass Bibliotheken „verbinden“, und zwar Bildungsbürger
und Hartz-IV-Empfänger und Schüler und Fußballspieler,
Professoren, Muslime und Christen. Die Liste, die der Berufsverband
für Bibliotheksbürger aufstellt, liest sich fragwürdig.
Sie ist Falschgeld. Es werden Gegensätze genannt, die keine
sind. Heute können Professoren zu Hartz-IV-Empfängern
mutieren. Warum sollten Muslime keine Bildungsbürger sein können?
Und Christen nicht Fußball spielen? Entgegen der Behauptungen
der Schrift gehen keineswegs „alle“ in die Bibliothek.
Bibliotheken sind ein Ort für Minderheiten.
Die besten deutschen Großstadtbibliotheken hatten in den frühen
80er Jahren circa 15% der Bevölkerung als eingetragene Leser
gewonnen und damit ihren Zenit erreicht. Seither geht es mit den
Bibliotheken nur bergab. Gute Bibliothekare wissen, dass Bibliotheksarbeit
und ihr Wert nicht messbar sind. Sie macht den kulturellen Standard
einer Gesellschaft mit aus, aber sie ist nicht quantifizierbar.
Wer in die Bibliothek geht, kann sich als Teil einer Gesellschaft
fühlen, weiß das Papier. Dies macht Bibliotheken nicht
gerade als einzigartige Institution sichtbar.
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| Bibliotheken haben einen Plan. Und eine
Strategie. Aber nicht jeder ist davon überzeugt, dass diese
gut sind und aufgehen. |
Kommentar zum 1. Guten Grund:
'In die Bibliothek gehen Leute, die ihre Chancen nutzen wollen.',
'Bibliotheken helfen, die drohende Spaltung der Gesellschaft zu
verhindern.'
Wir leben in einer Gesellschaft,
die für viele Menschen keine Chancen mehr bietet, weil sie
den geschlossenen Takt des intellektuellen Gleichschritts als Ideal
verfolgt und nicht die Entwicklung individueller Fähigkeiten.
Die katastrophale Reform der deutschen Hochschulen ist als ein Symptom
zu nennen. Die in der Schrift erwähnten Stadtteilbüchereien
werden reihenweise geschlossen. Die Bibliotheken in den „sozialen
Brennpunkten“, die die Schrift erwähnt, müssen bisweilen
von der Polizei bewacht werden. Wer Bibliothekar in Berlin-Moabit
oder -Schöneberg ist, weiß, was soziale Brennpunkte sind,
und was Bibliotheken gegen Kriminalität tun können. Die
Fachbereichsbibliotheken auf dem Campus, von denen die Schrift schreibt,
sind auf der Streichungsliste der Landesregierungen auf den vordersten
Positionen.
Die deutsche Gesellschaft ist längst gespalten. Die nächste
Frage der Schrift, ob nur noch die Informierten am Fortschritt teilnähmen,
ist jesuitisch. Bibliothekare wollen informieren, unterhalten, erfreuen.
Bibliotheken auf ihre Informationsrolle zu begrenzen, ist falsch.
Sie sind, wenn sie gut sind, sinnliche Anstalten, die das Leben
zu verschönern helfen. Wenn sie schlecht sind, sind sie kommerzielle
Medienagenturen. Die Werbung für die Internetzugänge der
Bibliotheken ist historisch überholt. Einen Kaufzwang für
irgendetwas gibt es in Bibliotheken nicht; darin hat die Schrift
recht; aber mittlerweile haben sie in der Regel Benutzungsgebühren,
die bisweilen mit Betreten des Hauses fällig werden, ohne dass
irgend eine Leistung erbracht wurde.
Kommentar zum 2. Guten Grund:
'Damit unsere Kinder lesen. Alle Kinder.'
Die Schrift weiß, dass Lesen
nicht nur das ist, was man in der Grundschule macht. Lesen bedeutet,
dass Verständnis gefördert, Weiterdenken ermuntert wird.
Die Beobachtungen der Berufsbildverfasser verlieren sich auf der
semantischen Ebene: Sie gefallen sich in Wortspielen mit „Vor-Lesen“,
„Vor-Bild-Sein“, aber nennen keine Alternative für
die Kinder, denen Niemand vorliest. Wer zuhause nicht liest, geht
auch nicht in die Bibliothek. Es ist sinnlos, Leseprogramme für
Migranten zu fordern, die sich auf ihre heimatlichen Fernsehprogramme
hin orientieren, anstatt in eine Stadtbibliothek zu gehen, die auf
ihre 150 Bände fremdsprachlicher Literatur stolz ist. Die Idee,
zum Lesen durch Nachahmung zu ermuntern, ist naiv. Lese-Sozialisation
findet im Elternhaus statt, nicht in der Bibliothek. Wenn das Elternhaus
80 Fernsehprogramme als Alternative zur Bibliothek anbietet, steht
eine Bibliothek auch mit 1 Million Büchern als Alternative
hierzu schlecht da.
Kommentar zum 3. Guten Grund:
'Weil da so tolle Himmelbetten stehen.'
Dieser „Grund“ ist eine
der größeren Peinlichkeiten dieser Schrift. In Bibliotheken
stehen keine Himmelbetten. Es sind Bibliotheken. Keine Möbelhäuser.
Menschen werden in ein Möbelhaus gehen, oder in ein Museum,
wenn sie ein Himmelbett sehen möchten. Und nicht in eine Bibliothek.
Kommentar zum 4. Guten
Grund: 'Bibliotheken haben jede Menge Migrationshintergrund'
"Woher kommen wir, wohin gehen
wir"? Wenn Leitbildkommissionen sich der Philosophie annehmen,
wird rasch die Grenze zur Peinlichkeit überschritten. Es ist
schön, dass Ayse in der Bibliothek türkische DVDs ausleihen
kann, doch findet sie diese auch zu Hause. Was soll Ayse in der
Bibliothek? Hinweise darauf, dass sich Ayses Vater in der Bibliothek
über die demokratischen Rituale der Landtagswahl informiert,
sind eher als Kitsch zu verstehen, als dass sie etwas mit der Realität
zu tun haben.
Möglicherweise ist der Terminus
„Migrationshintergrund“ auch ganz anders zu verstehen:
es ist bekannt, dass mit jeder Migration von Katalogdatenbanken
auf neue technische Plattformen zahllose Katalogisate im digitalen
Nirwana verschwinden und damit für alle Zeiten unbenutzbare
Buchbestände zur Folge haben. In einem Kapitel, welches die
Funktion der Bibliotheken für Migranten vorstellt, wäre
es sinnvoll, erst einmal vom Miteinander-Sprechen zu schreiben.
„Migrationshintergrund“ ist ein Modewort, den sich die
Besten der Besten des Bibliothekswesens hätten verkneifen sollen.
Integration ist ein Thema für Bibliotheken, aber sie stehen
auf verlorenem Posten, wenn sie ihre Angebote damit negativieren,
dass sie mit dem Stempel „für Menschen mit Migrationshintergrund“
versehen werden. Politisch mag das ein Schlagwort für Geldgeber
sein, aber diese werden durch das Papier nicht erreicht werden.
Was fehlt, ist ein Hinweis, dass ausländische Mütter mit
ins bibliothekarische Boot geholt werden müssen. Ein Beispiel,
an dem sich Bibliotheken leider nicht beteiligten, ist das Projekt
„Mama lernt Deutsch.“
Es wird ignoriert, dass Migranten genauso
viel oder wenig in Bibliotheken gehen wie vergleichbar gebildete
Deutsche. Die Ursachen mangelnder Integration sind zu komplex für
diese Schrift. Wer sich hierzu informieren mag, lese nicht dieses
Leitbild, sondern die Arbeiten von Bassam Tibi.
Kommentar zum 5. Guten
Grund: 'Bibliotheken helfen Forschung und Lehre'
In der Realität werden Bibliotheken
abgewickelt und über Etatkürzungen ausgetrocknet, oder
aber, wenn sie Geld haben, begeben sie sich in umfassende Abhängigkeit
von globalen Verlagskonzernen, die faktisch die Erwerbungspolitik
bestimmen. Es ist sehr fraglich, ob das Angebot von Informationsportalen
durch Bibliotheken für die Forschung wirklich hilfreich ist,
weil solche Portale den Zugang zu Wissen faktisch verengen. Was
sie fördern, ist die Bequemlichkeit der Nutzer, die unter einer
schlichten Suchmaske à la Google in einer bescheidenen Auswahl
von Quellen recherchieren dürfen. Hierdurch wird weder Forschung
und Lehre geholfen, noch Informationskompetenz gefördert.
Kommentar zum 6. Guten
Grund: 'Bitte, bedienen Sie sich! Wissen für alle ist Demokratie'
Es beruhigt, dass sich jedermann,
der keinen Internetzugang zu Hause besitzt, in der Bibliothek Zugang
zum Netz verschaffen kann. Den Verfassern ist aber der Durchdringungsgrad
der Bevölkerung mit Internetzugängen entgangen. Wer wird
den Weg in die Bibliothek auf sich nehmen, um zeitlich und inhaltlich
stark reglementierten Internetzugang zu erlangen? In vielen Internetcafés
kann man für 50 ct pro Stunde recherchieren und Kaffee trinken,
was in den meisten Bibliotheken verboten ist. Was Bibliotheken leisten
könnten, wäre der Brückenschlag zwischen gedruckten
und elektronischen Informationen. Die Verfasser haben mit dem Satz
"Bibliotheken demokratisieren den Zugang zum Wissen. Sie sind
ein Grundpfeiler einer freiheitlichen, integrativen, aufgeklärten
Gesellschaft" grundsätzlich recht. Nur ist den Politikern
dieser Gesellschaft das, was Bibliotheken kosten, offenbar nichts
wert. Oder sollte gar politischer Vorsatz in Bibliotheksschließungen
liegen? Nur in wenigen Bundesländern haben wir Bibliotheksgesetze,
die einen Rechtsanspruch der Bevölkerung auf den Betrieb von
Bibliotheken garantieren.
Kommentar zum 7. Guten Grund:
'Bibliotheken sind Allrounder'
Es wird behauptet, Bibliotheken
seien Generalisten, die über ihre Kontakte jede Information
auch außerhalb ihrer eigenen Bestände beschaffen würden.
Ich habe einmal versucht, über eine Stadtbibliothek ein Buch
per Fernleihe zu beschaffen. Kein einziger Mitarbeiter dieser Bibliothek
wusste, wie so etwas geht, obwohl die Bibliothek an den Deutschen
Leihverkehr angeschlossen ist. Vielleicht liegt dies daran, dass
die Leiterin der Bibliothek auch Allrounderin ist. Aus Ersparnisgründen
hat die Stadtverwaltung eine einzige Person eingestellt, die für
ein trostloses Gehalt Museum, Archiv und Bibliothek der Stadt leitet
– und für keine dieser Funktionen eine adäquate
Ausbildung hat. Sie ist Allrounderin.
Kommentar zum 8. Guten Grund:
'Bibliotheken sind Spezialisten'
Es ist schwierig, sich innerhalb
von 7 Druckzeilen zu widersprechen. Diese Schrift vermag dies aber:
Der Allrounder ist das Gegenbild des Spezialisten. Auch hier nur
Herumgeschreibe auf der semantischen Ebene: die Bestände der
Deutschen Krimibibliothek in Bremen werden als „spannender“
beschrieben als jene des Händel-Hauses in Halle. Dabei ist
für einen Händel-Forscher vielleicht nichts so öde,
wie einer der Bremer Kriminalromane. Eine Spötterin stellte
auf dem letzten Bibliothekartag in Mannheim zwischen zwei Veranstaltungen
fest, dass die Leitbildautoren hier ihre Hausbibliotheken vorgestellt
hätten. Mehr nicht.
Kommentar zum 9. Guten Grund:
'Bibliotheken sind nicht kommerziell'
Auch wenn Bibliotheken sich frei
im Wissenskosmos orientieren sollten, so haben sie heute ihre Erwerbungspolitik
in die Hände von Buchhändlern und Verlagen gelegt. Der
viel benutzte Aufsatznachweisdienst „Online Contents“
gehört einem internationalen Verlagskonzern, der nur das nachweist,
was er auch verkauft. So etwas ist nicht die Landschaft des menschlichen
Geistes, sondern kommerzielles Kalkül. Es gibt eine Vielzahl
von kleinen, unabhängigen Zeitschriften, die für deutsche
Bibliotheken gar nicht mehr nachgewiesen werden, weil sie der multinationale
Grossist nicht am Lager hat. Gefördert wird eine Einheitskultur,
in der lieferbar ist, was gängig ist. Wenn man Google –
zu Recht – vorwirft, die Welt nach kommerziellen Gesichtspunkten
glatt zu bürsten, so sollte man nicht ignorieren, dass die
Bibliotheken sich an dieser Entwicklung beteiligen, statt ihr entgegenzuwirken.
Fremdinformationen zu kaufen ist bequem, aber nicht demokratiefördernd.
Demokratie lebt von Vielfalt.
Kommentar zum 10. Guten
Grund: 'Aber Bibliotheken sind wirtschaftlich'
Die Verfasser des Leitbildes erfreuen
sich an der Verwendung betriebswirtschaftlicher Instrumente in der
Bibliotheksarbeit: „Wer dort arbeitet, hat sich längst
ans Rechnen und Kalkulieren gewöhnt, an Begriffe wie Controlling,
Marketing, Qualitätsmanagement, Benchmarking, Kosten- und Leistungsrechnung.“
Vielfach sorgt ein so genanntes
Qualitätsmanagement dafür, dass Nichtbibliothekare sich
in Vorgänge einmischen, von denen sie nichts verstehen. Marketing
führt dazu, dass aus Steuermitteln finanzierte Dienstleistungen
an die Steuerzahler ein zweites Mal verkauft werden, damit Bibliotheken
Geld verdienen – ein Prinzip, welches vor 10 Jahren noch als
völlig absurd für eine Demokratie angesehen wurde. Kosten-
und Leistungsrechnung führt dazu, dass Bibliotheken Dienstleistungen
an Benutzer delegieren und trotzdem Geld dafür verlangen. Es
wird üblich, dass jemand, der eine Fernleihe tätigt, selbstständig
den Leitweg für die Fernleihbestellung festlegt und das volle
Risiko trägt, wenn er verquaste Einträge in Verbundkatalogen
nicht richtig interpretiert. Die Bibliotheken sollten nicht dem
Kurs der Bahn folgen, die für immer mehr Geld immer mehr Leistungen
des Kunden fordert, anstatt welche zu erbringen.
Die Findigkeit der Bibliothekare,
„unsichtbar“ zu sparen, die die Schrift so sehr anpreist,
besteht in der Praxis darin, das kulturelle Erbe nicht mehr zu pflegen.
Zeitschriften, die seit einem Jahr nicht von teuer zahlenden Fernleihkunden
bestellt wurden, werden von manchen Bibliotheken gekündigt.
Die deutschen Bibliotheksbestände verwandeln sich somit nach
und nach in fragmentierte Sammlungen Altpapier, weil der Gedanke
von Sammlungskontinuität, der die deutschen Bibliotheken früher
so stark machte, sich in Auflösung befindet. „Aber Bibliotheken
sind wirtschaftlich“ ist ein Todessatz für das deutsche
Bibliothekswesen, weil er zwangsläufig falsch verstanden wird.
Politiker verstehen unter „wirtschaftlich“ entweder
„billig“ oder „lobbypolitisch“. Um auch
Politiker anzusprechen, wäre es sinnvoll gewesen, darauf hinzuweisen,
dass jeder in Bibliotheken investierte Euro 5,60 € erwirtschaftet
(Sandra Blanck: Wert und Wirkung von Bibliotheken. In: Neues
für Bibliotheken, Neues in Bibliotheken. - Wiesbaden : Dinges
& Frick, 2006. [B.I.T.online- Innovativ ; 12, Innovationspreis
2006].). Dies beschreibt dennoch nicht den Wert von Bibliotheken.
Eine Demokratie muss sich Kosten, wie die für eine öffentliche
Infrastruktur, mit guten Bibliotheken leisten, auch wenn sie nicht
wirtschaftlich ist. Sie ist aber menschenfreundlich. Es ist besser,
den Wert, als den Preis von etwas zu kennen.
Kommentar zum 11. Guten
Grund: 'Prima Klima in der Bibliothek'
Gutes Klima ist kein Grund, in
eine Bibliothek zu gehen. Abgesehen davon sind die meisten Bibliotheksräume,
die der Verfasser je betrat, vom Raumklima her betrachtet, alles
andere als angenehm. Vom Betriebsklima wollen wir schweigen.
Kommentar zum 12. Guten
Grund: 'www.schon-bist-du-in-der-bibliothek.de!'
www.schon-bist-du-in-der-bibliothek.de
[führt aktuell zu einem PDF,
12.03.2009] ist kein Grund, sondern eine
Adresse des katholischen Borromäusvereins. Am Beispiel des
Übersetzers Klaus Binder wird gezeigt, dass man fast aus Versehen
in einer Bibliothek landet, wenn man in der umstrittenen Wikipedia
recherchiert. Hier wird deutlich, wie sehr sich die Bibliothekare
darum bemühen, ihre eigene Leistung unsichtbar zu machen und
ihre Bibliotheken im Cyberspace zu versenken. Es sind die Bibliothekare
selbst, die sich darum bemühen, ihre Arbeit zu verstecken.
Es wundert nicht, wenn Politiker diesen devoten Zug eines ganzen
Berufsstandes ausnutzen und Mittel kürzen, wo immer es geht.
Die Suggestion des Leitbildes,
man könne die Internetleistungen von Bibliotheken ohne Registrierung
nutzen, ist Irreführung des Lesers. Auch wenn man nicht gerade
für Portale schwärmt, so gibt es doch zahlreiche: ViFas,
Vascoda, BASE, Deutsche Internetbibliothek. Viele dieser Portale
sind kostenpflichtig. Sie verlinken allerdings häufig nicht
einmal untereinander.
Die Bibliotheken werden es schwer
haben zu argumentieren, dass ihre Dienstleistungen kostenpflichtig
seien, weil sie geprüfte Qualität enthielten. Die Archive
von großen Zeitschriften und Zeitungen, wie Spiegel, Focus,
New York Times, sind geöffnet und kostenlos verfügbar.
Sind deren Inhalte ungeprüft? Es gibt eine boomende Zahl von
Watch- und Wissenschaftsblogs, die direkt von Wissenschaftlern und
Autoren betrieben werden, die sich dem kommerziellen Mainstream
entziehen. Selbst erfolgreiche Mainstreamautoren wie Paulo Coelho
stellen ihre Bücher zum kostenlosen Download ins Netz. Dies
macht es den Bibliothekaren schwer zu begründen, weshalb sie
beispielsweise für die Entleihung von Bestsellern besonders
hohe Benutzungsgebühren erheben. Es gibt zunehmend kostenlose
elektronische Informationen, die so valide sind, wie die aus gedrucktem
Material. Bibliothekare könnten Lotsen zu solchen Angeboten
sein.
Kommentar zum 13. Guten
Grund: 'Das Beste in der Bibliothek: die Bibliothekarin!'
Selbstverständlich organisieren,
beraten, erwerben, erschließen und vermitteln Bibliothekarinnen.
Die Verfasser streuen hier Klischees, die klingen, wie aus Frauenromanen
ausgeschnitten. Es war eventuell keine gute Idee, die Redakteurin
verschiedener Frauenzeitschriften mit der Arbeit an diesem Statuspapier
zu beauftragen. Bibliotheken sind keineswegs mehr Frauendomäne.
Richtig ist, dass Technik die Bibliotheken revolutioniert hat, aber
die Behauptung, die Bibliothekarinnen steuerten heute die technische
Entwicklung, ist Wunschdenken.
In der Regel hat das Personal der Bibliotheken
keine Entscheidungsmöglichkeiten über beschaffte Technik;
bibliotheksspezifische Belange werden von der IT oft nicht erfüllt.
Bibliotheken sind kein Markt für Software-Entwickler. Was in
Bibliotheken zur Anwendung kommt, ist in der Regel modifizierte
Software, die für ganz andere Anwendungen entwickelt wurde.
Bibliotheken werden von den Möglichkeiten der EDV gestaltet.
Bibliothekare steuern nicht die technische Entwicklung, sondern
sind ihr ausgeliefert. Es gibt Bibliotheken, in denen der Leiter
der EDV besser bezahlt wird, als der Direktor. Diese Bibliotheken
sind Anhängsel von Rechenzentren. Bei aller Freude am Elektronischen
fällt es mir schwer zu vergessen, dass die letzte Fachangestellte
für Medien- und Informationsberufe, die ich traf, niemals auch
nur den Namen Bert Brecht gehört hatte. Wenn die das Beste
war, was die Bibliothek zu bieten hatte, dann kaufe ich mir meine
Bücher künftig wieder selber. Meine Buchhändlerin
kennt Brecht.
Kommentar zum 14. Guten
Grund: 'In der Bibliothek werden Sie fündig. Ganz bestimmt'
In diesem Kapitel wird wieder
die Informationsmonokultur von Wikipedia und Google vorgeführt.
Ich hatte einmal, um meiner Tochter den Wert der Wikipedia zu präsentieren,
die Familienkatze nebst Bild eines Schimpansen als Präsidenten
der USA in die Wikipedia eingepflegt, was wochenlang dort so stehen
blieb – eine schlichte Fehlinformation, die aber kaum jemanden
störte. Das berühmte Bild Caspar David Friedrichs mit
dem Gipfelkreuz wird in der Wikipedia kommentiert mit „Auf
dem Berg steht ein Schwert.“ Obwohl eindeutig kein Schwert,
sondern ein Kreuz zu sehen ist.
Auf eine sogenannte Enzyklopädie
zu verweisen, die von Willkür durchsetzt ist, ist für
ein bibliothekarisches Leitbild fatal. Bibliotheken bieten geprüfte
Informationen. Die Wikipedia ist beliebig.
Kommentar zum 15. Guten
Grund: 'Bibliotheken sind gut'
Diese Aussage ist richtig, und
so schlicht wie die Aussage, dass Frauen auch Menschen seien. Sinnfrei
ist das Leitbild auch, wenn auf Umfragen unter Bibliotheksbenutzern
verwiesen wird, welche die „Bibliothek gut“ finden.
Die Aussagekraft solcher Umfragen ist so gering, wie jene der Internetportale,
wo Menschen selbst gekaufte Produkte bewerten. Faktisch geht es
dort um eine nachträgliche Rechtfertigung einer Kaufentscheidung.
Jemand, der 30 Euro für einen Bibliotheksausweis bezahlt hat,
wird dies nicht ohne Grund tun, sondern weil er die Bibliothek braucht.
Es liegt nahe, dass er dann auf Bibliotheken gut zu sprechen sein
wird. Es wäre sinnvoll zu untersuchen, warum wahrscheinlich
70% der deutschen Bevölkerung in ihrem ganzen Leben noch nie
eine Bibliothek betreten haben.
Kommentar zum 16.
Guten Grund: 'Bibliotheken haben Bücher'
In diesem Abschnitt findet sich
ein dunkler Satz: „Bücher sind altes Denken.“ Dies
ist Unsinn. Bücher sind Bücher und kein altes Denken.
Internet ist auch kein neues Denken, sondern ein Medium, so wie
ein Buch ein Medium ist; dass alte wie neue Gedanken befördern
kann oder auch gar keine. Bücher tragen Inhalte. Das Denken
findet im Autor und in dessen Leser statt. Wirr ist die Argumentationskette
dieses Kapitels, die einerseits darauf abhebt, dass Bibliotheken
Bücher haben, die als Medium einzigartig seien, und dann feststellt,
wir bräuchten digitale Bibliotheken - also solche, die gerade
völlig buchfrei sind. Digitale Daten zeichnen sich ja gerade
dadurch aus, dass sie gar keinen körperlichen Träger mehr
haben. Sie sind nicht einzigartig, sie sind beliebig kopier- bzw.
klonbar.
Kommentar zum 17. Guten
Grund: 'Bibliotheken haben Überraschungen'
An dieser Aussage zweifelt niemand,
und so ist der 17. Gute Grund einer, der den Verfassern des Leitbildes
gut gelungen ist.
Kommentar zum 18. Guten
Grund: 'Bibliotheken haben System'
„Das haben sie so an sich.“
Ein seltsamer Satz als Eröffnung dieses Kapitels. Es ist schön,
daran zu erinnern, dass Bibliotheken miteinander vernetzt sind,
und dass kleine Bibliotheken auf dem Land durch immer weniger Fachstellen
betreut werden.
Der Satz „Öffentliche
Bibliotheken und Hochschulbibliotheken arbeiten zusammen und erfüllen
nun gemeinsam den Anspruch, allgemein zugängliches Wissen für
alle verfügbar zu machen“ klingt gut. In der Realität
hat der interessierte Bibliotheksbenutzer den Eindruck, dass es
sich bei öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken fast
um verfeindete Organisationsformen menschlichen Lebens handeln müsse.
Daran hat auch die Schaffung eines gemeinsamen Berufsverbandes nichts
geändert. Die Realität des deutschen Bibliothekswesens
ist noch von gegenseitigem Dünkel geprägt. Mit den Bereichen
Archiv und Dokumentation existiert überhaupt keine Kommunikation.
Die Diskussion, ob „öffentliche“ oder '“wissenschaftliche“
Bibliotheken für eine Gesellschaft wichtiger seien, ist mehr
als einhundert Jahre alt. Und sie ist noch immer falsch.
Es ist schön, darauf zu verweisen,
dass die Universitätsbibliothek Göttingen Dissertationen
aus Dresden „aufspürt“; aber es ist verfehlt, so
zu tun, als wäre die Dresdner Bibliothek ein chaotisches Mysterium,
welches einer Erspürung bedürfe. Jedermann kann Dresdner
Dissertationen auch alleine finden und bedarf dafür nicht der
Hilfe der Göttinger Universitätsbibliothek. Dresdner Dissertationen
sind gewöhnliches Schriftwerk, welches in Verbundkatalogen
nachgewiesen ist, die öffentlich zugänglich sind.
Es wäre redlich gewesen zu
erwähnen, dass es in Deutschland noch ungeheure Mengen an Literatur
gibt, die keineswegs in den Online-Katalogen der Bibliotheken zu
finden ist, sondern in abgelegenen Magazinen schläft und nur
durch Kapsel-, Band- oder Zettelkataloge erschlossen ist. So zu
tun, als wären die deutschen Bibliotheksbestände komplett
online recherchierbar, ist unrichtig. Sehr wahrscheinlich gibt es
keine einzige deutsche Bibliothek, deren Bestände vollständig
elektronisch erfasst sind.
Kommentar zum 19. Guten
Grund: 'Bibliotheken helfen schreiben'
Auch hier: Kein Grund, sondern
pure Trivialität, ebenso wie die Antwort des Journalisten Ralf-Peter
Märtin auf die Frage, weshalb er in der Bibliothek lese: „Na,
erstmal wegen der Bücher.“ Dagegen gibt es keinen Einwand.
Der erwähnte Service, dass eine Bibliothek per Mail an ablaufende
Leihfristen erinnert, ist trivial und üblich. Ist eine solche
Leistung ein Grund, in einem Statuspapier zur Bedeutung von Bibliotheken
für eine Gesellschaft erwähnt zu werden?
Kommentar zum 20. Guten
Grund: 'Bibliotheken retten Bücher'
Es ist zweifellos richtig, dass
Bücher zerfallen. Es ist ebenso richtig, dass Bibliothekare
vieles für die Rettung von Büchern tun, indem sie Papier
entsäuern lassen. Tatsächlich vernichten Bibliothekare
aber auch jeden Tag Bücher, teils aus aberwitzigen Gründen.
Es gibt Bibliothekare, die makulieren alle Titel, die nicht in Datenbanken
nachgewiesen sind. Sie ignorieren, dass keine Datenbank der Welt
alles nachweist, was von Bedeutung ist. Sie ignorieren, dass keine
Datenbank der Welt vollständig ist. Sie ignorieren, dass Datenbanken
interessengebunden sind. Sie ignorieren, dass Datenbanken im Wandel
sind und heute andere Inhalte nachweisen, als morgen. Sie ignorieren
auch, dass die Bestände, die sie heute makulieren, morgen in
Datenbanken nachgewiesen sein könnten, würden sie nicht
von Bibliothekaren makuliert werden. Es gibt allerdings keinen Bibliothekar
in Deutschland, der nicht gegen Bücherverbrennungen wäre.
Aber Bücher unsichtbar zu machen, ist Teil ganz normaler Geschäftsgänge.
Es trifft zu, dass Bibliotheken
sich darum bemühen, Bücher zu digitalisieren. Hierin besteht
eine der größten Fehlleistungen bibliothekarischer Arbeit.
Nicholson Baker hat die Probleme der Digitalisierung in „Double
fold: Libraries and the Assault on Paper“ (New York : Random
House, 2001; dt.: Nicholson Baker: Der Eckenknick, oder wie die
Bibliotheken sich an den Büchern versündigen. –
Reinbek : Rowohlt, 2005) eindringlich dargestellt. Digitalisierung
rettet keine Bücher. Digitalisierung rettet nicht einmal Texte.
Die Halbwertzeit von digitalen Dokumenten ist erheblich kleiner
als die von gedruckten Texten. Niemand weiß, wie lange digitale
Medien lesbar sein werden. Die optimistischsten Schätzungen
der NASA gehen von maximal 30 Jahren aus. Anschließend ist
alles, was digitalisiert wurde, unwiederbringlich zerstört.
Selbst ein Taschenbuch aus den 70er Jahren ist heute noch lesbar
– ohne jede Technik. Die Digitalisierung von Texten rettet
nichts, vor allem dann nicht, wenn die Originalquellen anschließend
von den Bibliothekaren zerstört werden. Wer über die Zerstörung
von Schriftquellen durch Bibliothekare lesen möchte, der lese
Nicholson Baker. Die Digitalisierung von Büchern vernichtet
mehr menschliches Wissen als die Mikroverfilmungswelle vor 40 Jahren.
Kommentar zum 21. Guten
Grund: 'Bibliotheken sorgen für Ordnung'
Auch dies ein Kapitel mit einem
dunklen ersten Satz: "Das Internet ist ein großes Durcheinander.
Das ist schon in Ordnung so." Bitte? Das Internet ist kein
großes Durcheinander, sondern ein System, welches nur aufgrund
hyperexakter mathematischer Algorithmen funktioniert. Wenn man ein
großes Durcheinander sehen möchte, dann schaue man sich
eine juristische Bibliothek an, aber nicht das Internet, welches
ja auch nicht anschaubar ist. Die Bilanz des Kapitels ist falsch,
aber für den populären Geist verständlich, wenn Bibliotheken
als optimiertes Internet behauptet werden.
Allerdings ist dieses Resumée
von den Verfassern recht spät aufgefunden worden: besser formuliert
wurde diese Erkenntnis schon von Robert Musil und Paul Otlet publiziert.
Rätselhaft ist der Ausdruck "Bibliothekswissen",
der in dem Text vorkommt: Ist Bibliothekswissen das Wissen, welches
in Bibliotheken schlummert? Ist Bibliothekswissen das Wissen über
Bibliotheken? Was hat Bibliothekswissen mit Bibliothekswissenschaft
zu tun?
Fazit einer vertanen Chance
Der Leser, wie auch viele Bibliothekare,
fragen sich, weshalb so viele Trivia in Kommissionsarbeit erarbeitet
werden mussten, die Steuergelder kosten und besser in Bücher
investiert worden wären. Die 21 Gründe können inhaltlich
auf sehr wenig Inhalt in drei Sparten reduziert werden:
1. Bibliotheken sind Teil des
gesellschaftlichen Netzwerkes (Grund 1, 2, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10,
11, 14, 16, 18, 19, 20, 21)
2. Bibliotheken fördern Bildung (Grund 2, 5, 6, 7, 8, 14,
16, 18, 19, 20, 21)
3. Bibliotheken sind wirtschaftliche Institutionen (Grund 9, 10,
13, 14, 18, 20)
Die Verfasser dieses Statuspapiers haben
eine Chance vertan und sich damit in die Galerie früherer bibliothekarischer
Berufsbildverfasser stimmig eingefügt. Es scheint, dass bibliothekarische
Berufsbilder gerne von Menschen geschrieben werden, die keine praktische
Bibliotheksarbeit leisten. Zahllose Allgemeinplätze lenken
vom schlechten Zustand unserer Bibliotheken ab. Bibliotheken haben
starke Vorteile, von denen nicht die Rede ist in diesem Papier.
Die Stärke der Bibliothek liegt im Gegensatz zu Internet-Recherchen
darin, dass sie mehrere persönliche Schnittstellen hat und
Quellenkritik erleichtert, wovon in diesem Papier überhaupt
keine Rede ist. Es scheint fast so, als hätten die Verfasser
ein schlechtes Gewissen, weil sie noch Gedrucktes hüten. Auch
Bibliophilie ist ein Produkt der Bibliothek als einem Ort der Bildung,
der Kultur und des Wissens.
Die Bedeutung des Internet ist groß, wird aber
für eine Wissensgesellschaft übertrieben. Das Internet
ist Teil der Informationsgesellschaft, was etwas völlig anderes
ist.
Web 2.0 hat sich bislang als Hype erwiesen. Es gibt
keine Gründe dafür, dass sich Bibliothekare zum Bibliothekar
2.0 wandeln sollten. Bibliothekare sind nicht verpflichtet, sich
einem Marketing-Gag auszuliefern. Es gibt keinen Grund, Kataloge
zu führen, die wie die eines Internetversandhauses aussehen
und ebenso schlechte Retrieval-Ergebnisse bieten.
Der Text ist auf öffentliche Bibliotheken fokussiert.
Wissenschaftliche Bibliotheken spielen als Verleger mittlerweile
eine Rolle, was nicht erwähnt wird. Wir alle wissen, dass Bibliotheken
keine Lobby in Deutschland haben. Es gibt aber auch keinen Grund,
sich über sie lustig zu machen. Genau dies tut dieses Leitbild
aber. Und es hilft auch nicht zu klären, wer den Bibliothekaren
helfen soll, wenn sie ihre Häuser für soziale Randgruppen
öffnen, die die Bibliothekstoiletten zu Drogenverkaufsstätten
umwidmen.
Das Statuspapier tut so, als wären Bibliotheken
isolierte Einrichtungen. Es gibt keine Hinweise auf eine Zusammenarbeit
mit anderen Bildungseinrichtungen. Es ist nicht einmal klar, wer
als Leser angesprochen werden soll. Es werden keine Nutzer von Bibliotheken
angesprochen, weil das Papier nicht wirklich veröffentlicht
wird. Es werden keine Geldgeber angesprochen. Nicht einmal Bibliothekare
werden erreicht. Das Statuspapier vermittelt auch keine verständliche
Botschaft. Es tanzt auf vielen Hochzeiten; es suggeriert: Bibliothekare
sind arme Menschen, die Unterstützung brauchen. Bibliothekare
sind unentbehrlich, was aber niemand bemerkt. Bibliotheken sind
in Wirklichkeit vielfältige Bildungseinrichtungen. Bibliotheken
sind Treffpunkte mit reizvollen Möglichkeiten als Lernort,
Spielwiese und als traditionelle Einrichtung Träger einer bürgerlichen
Tradition.
Bedauerlich ist, dass die Kritik an den groben
Unzulänglichkeiten der Vorabversion des Papiers nicht berücksichtigt
wurde; es wurden lediglich Petitessen verändert. Es bestand
offenbar wenig Interesse an einem Dialog mit den bibliothekarischen
Praktikern von Seiten der Autoren dieses Papiers. Vieles an dem
Papier ist stilistisch missglückt und klingt sarkastisch. Es
fragt sich, wo die Experten für Hochschulbibliotheken an diesem
Papier mitwirkten. Professionelle Bibliothekare werden sich hüten,
mit dieser Reklamebroschüre für die Sache der Bibliothek
Werbung zu machen. Dieses Statuspapier ist genauso verfehlt, wie
alle früheren Versuche bibliothekarischer Berufsbilder. Gute
Bibliotheken sind die beste Werbung für sich selbst. Was Politiker
allerdings nicht berührt.
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