| Nachdenken über den Raum
der Bibliothek aus ikonologischer Perspektive
Rezension zu Petra Hauke: Domus
Sapientiae: Ein Beitrag zur Ikonologie der Bibliotheksraumgestaltung
des 17./18. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung
des Klosters St. Mang, Füssen. Bad Honnef: Bock +
Herchen, 2007 (Beiträge zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft;
2). 258 Seiten: zahlreiche Illustrationen. – broschiert 34,80
€, ISBN-13: 978-3883472584
von Olaf Eigenbrodt (info)

In der Bibliotheks- und Informationswissenschaft
hat der historische Rückblick zurzeit leider kaum Konjunktur.
Sowohl in der Lehre als auch in der Forschung bleiben viele Fragen
nach der Entwicklung von Bibliotheken und ihrer kulturgeschichtlichen
Bedeutung offen. Dies muss man keineswegs kulturpessimistisch als
Geschichtsvergessenheit bewerten, sondern kann es vielleicht eher
vor dem Hintergrund einer gerade überstandenen unsicheren Situation
des Faches sehen. Wer allerdings in einem historischen Fach sozialisiert
wurde, weiß, dass der Blick zurück manchmal originelle
Perspektiven auf die Gegenwart eröffnet und Antworten auf Fragen
geben kann, die uns heute umtreiben. Als ein solcher lohnender Blick
zurück möchte auch Petra Haukes Studie zur Ikonologie
des Bibliotheksraums im 17. und 18. Jahrhundert gelesen werden.
Am Beispiel des Benediktinerklosters St. Mang in Füssen zeigt
die Autorin, wie ein barocker Bibliotheksraum nicht nur durch seinen
malerischen und plastischen Schmuck, sondern vielmehr durch seine
architektonische Idee und ihre Einbettung in einen größeren
Zusammenhang zu einem mit Bedeutung aufgeladenen 'Haus der Weisheit'
wird. Dabei ist diese Dissertation zugleich gründliche kunstgeschichtliche
Analyse und bibliotheksgeschichtliche Einordnung.
Nach einem historischen Abriss zum Kloster
und zu seiner Bibliothek widmet die Autorin der eingehenden Baubeschreibung
ein ganzes Kapitel, das durch biographische Anmerkungen zu den ausführenden
Künstlern ergänzt wird. Auch wenn dies besonders Kunsthistoriker
interessieren dürfte, lohnt sich die Lektüre dieser Kapitel
auch für Laien in dieser Disziplin. Zum einen wegen der vielfältigen
Assoziationen, die die Baubeschreibung liefert, zum anderen wegen
der Grundlagen zum Verständnis des Folgenden, die hier gelegt
werden. Die leider etwas knapp gehaltenen Ausführungen zur
Bibliothek als Bauaufgabe wären auch für sich allein schon
eine lesenswerte Zusammenfassung des Themas. Die Art und Weise,
wie Hauke die Klosterbibliotheken als "Nahtstelle zwischen
Sakral- und Profanarchitektur" (S. 68) beschreibt, eröffnet
einen neuen Blick auf die Bibliotheksarchitektur des 18.Jahrhunderts
insgesamt. Diese wichtige gegenseitige Beeinflussung wird leider
oft – wie zum Beispiel von Uwe Jochum in seiner "Kleinen
Bibliotheksgeschichte" – übersehen, ist aber für
die weitere Entwicklung des Bibliothekbaus entscheidend.
In ihrer Analyse schließlich legt die
Autorin überzeugend dar, dass die Bibliothek des Klosters St.
Mang gleich in mehrfacher Hinsicht beispielhaft bzw. auch einzigartig
ist. Wir lernen hier den Bibliotheksraum als einen Ort kennen, der
eng in das ikonologische Geflecht der Klosteranlage eingebunden
ist. So ist er nicht nur 'Domus sapientiae', das siebensäulige
Haus der Weisheit – mithin Ort der wahren Erkenntnis schlechthin
– sondern er ist durch seine räumliche Verbindung mit
dem als Marienheiligtum konzipierten Refektorium des Klosters auch
ein 'Sedes Sapientiae'. Diese aus dem antiken Isiskult abgeleitete
und auf die Figur der christlichen Gottesmutter übertragene
Form einer göttlichen Weisheit ergänzt das Programm des
'Domus Sapientiae' um eine transzendente und eng mit dem Marienkult
der Region und des Klosters verbundene Komponente. Bibliothekssaal
und Refektorium bilden so ein Gesamtkunstwerk, in dem irdische und
himmlische Komponenten der Weisheit sowie geistige und körperliche
Nahrung in einen sich ergänzenden Kontext gestellt werden.
Man merkt der Untersuchung an, dass sie das
Ergebnis jahrelanger gründlicher Forschungsarbeit ist. Nicht
nur das genaue Studium des Gegenstandes und anderer Bauten vor Ort,
sondern auch die Einbeziehung eines umfangreichen – zum Teil
wenig rezipierten – Literatur- und Quellenfundus, machen diese
Qualität aus. Dass hier letztendlich zugleich mehrere Disziplinen
bedient werden und wohl auch ein wichtiger Beitrag zur Geschichte
des Klosters selbst geleistet wird, liegt dann in der Natur der
Sache. Petra Hauke weist in ihrer methodischen Einleitung zu Recht
auf die Multidisziplinarität der Bibliotheksgeschichte hin.
Allerdings macht es dies an einigen Stellen auch etwas schwer, die
Arbeit zu lesen. Der nicht einschlägig vorbelastete Bibliothekswissenschaftler
wird das ein oder andere Mal zum Architekturlexikon oder zur Baustilkunde
greifen müssen. Wer sich davon aber nicht abschrecken lässt,
wird mit einem klaren Stil und einer kenntnisreichen Darstellung
belohnt. Leider entspricht die Qualität der durchgehend schwarz-weißen
Abbildungen nicht der des Textes.
Was das Buch lesenswert macht sind nicht nur
die historischen Erkenntnisse, die in ihm stecken, sondern es ist
die Tatsache, dass es eine Schule des Sehens ist. Jenseits des rein
dekorativen Interesses führt uns die Untersuchung wieder an
die tiefer liegenden Bedeutungen im Programm barocker Bibliotheken
heran. Vor allem aber werden wir daran erinnert, dass es schon einmal
eine Zeit gab, in der Bibliotheksräume mehr waren, als funktionalistische
Orte der Speicherung und Vermittlung von Information. Diese Sensibilisierung
kann uns helfen, einen neuen Blick auch auf zeitgenössische
Bibliothekräume zu wagen. Wenn wir heute wieder dabei sind,
die Bibliothek als humanen Ort von Bedeutung für die Entstehung
von Wissen und Weisheit und zur Kontemplation und Entspannung zu
entdecken, sollten wir uns an historische Bibliotheken und ihre
Programme erinnern. Der Blick zurück zeigt uns dann, dass wir
uns nicht zwingend an die Konzepte des 19. Jahrhunderts halten müssen,
wenn wir über die Zukunft der Bibliothek in den Wissensgesellschaften
diskutieren.
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