| Babel unser: Geburt und Sterben
der Sprachen bei Daniel Heller-Roazen.
Rezension zu: Heller-Roazen,
Daniel (2008) Echolalien : über das Vergessen von Sprache.
Frankfurt/Main: Suhrkamp, 286 S., EUR 26.80, ISBN: 978-3-518-58493-4.
von Najko Jahn (info)

Wie jede Wissenschaft hat auch
die Bibliothekswissenschaft ihre Axiome. Spätestens mit der
Entwicklung und Durchsetzung westlicher demokratischer Gesellschaften
im zwanzigsten Jahrhundert fungierten Bibliotheken, aber auch Museen
und Archive, als Vermittler zwischen Vergangenheiten und möglichen
Zukünften. Dauerhaftes Erinnern und stetiges Lernen gestatteten
es dem Nutzer, sich in der Gegenwart dem Anderen zu öffnen
und zugleich die eigene Identität zu finden. Dass die Sammlung,
Speicherung und Verfügbarmachung nur über Selektivität
von Vergangenen erfolgen konnte und damit Bibliotheken Bestandteil
einer prozesshaft zu erreichenden gesamtgesellschaftlichen Fortschrittsgeschichte
wurden, konstituierte einen Grundsatz, der sich heutzutage verstärkt
zugunsten einer ewigen Gegenwärtigkeit auflöst.
Inzwischen ist nicht mehr die
erfahrbare Vergangenheit handlungsleitend, sondern ihre immerwährende
Reproduktion in der Gegenwart. Dadurch geht die Historizität
einer Narration im Bild oder in einer Textur verloren. Die Folge
ist das dauerhafte Ereignen einer Masse an Objekten und Dokumenten,
deren entkontextualisierte Aussagen zwar zeichengenau durchsuchbar
sind, aber nicht mehr sinnstiftend wirken. Insbesondere Initiativen
zur Digitalisierung von Kulturgütern führen zu einer Inflation
an Trägern, deren Inhalte aufgrund ihrer Herauslösung
aus dem Ursprungskontext unter dem Anspruch eine flexiblen Rekombinierbarkeit
sowie ihrer zweidimensionalen Abbildung nicht mehr systemrelevant
verarbeitet werden.
Wie lässt sich dieser Entkopplung von Vergangenheit und Zukunft
in der Gegenwart, welche in diesem Zusammenhang einer sich digitalisierenden
Geisteswissenschaft[Fn1]
oder der Bibliothek 2.0[Fn2]
zugeschrieben wird, überhaupt entgehen, ohne die Fehler eines
„Kollektivsingulars von Geschichte“ zu wiederholen oder
der Moderne nachzutrauern? Eine Alternative bietet der US-amerikanische
Literaturwissenschaftler Daniel Heller-Roazen an, dessen Werk Echolalias
– On the Forgetting of Language seit 2008 in einer überaus
lesbaren deutschen Übersetzung von Michael Bischoff im Suhrkamp-Verlag
vorliegt.
Heller-Roazens Hauptthese scheint
paradox: Vergessen unterliegt der Sprachpraxis immanent, sie macht
aber zugleich das Vergessen unmöglich. „Das Unvergeßliche
ist so wenig das Gegenteil von Vergessen, dass es selbst dem Gedächtnis
eines Menschen entfallen kann, auf den es in denkbar beispielhafter
Weise zuträfe“ (S. 247) heißt es im Schlusskapitel
von 21 anregenden Abschnitten, die mit der Beobachtung des Lallens
eines Kindes beginnen und mit Überlegungen zum biblischen Bauwerk
des Turms von Babel enden. Im Rekurs auf Betrachtungen Roman Jakobsons
verfügen Kleinkinder vor der Spracherwerbsphase über einen
Apparat, der ihnen die Artikulation sämtlicher in allen Sprachen
vorkommenden Laute erlaubt. Im Zuge der späteren Konditionierung
innerhalb einer Sprachgemeinschaft verlieren sie jedoch diese Fähigkeit.
Dennoch kehren Laute, aber auch vergessen geglaubte Worte und Idiome
häufig wieder und hallen im Bewusstsein des Sprechers zurück.
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| Echolalien Nation - Das Grundprinzip "Wiederholung"
treibt den Menschen in den schmalen (linguistischen) Raum zwischen
seiner Vergangenheit und seinen Zukünften. |
Als einen seiner Kronzeugen wählt
Heller-Roazen im sechzehnten Kapitel Elias Canettis autobiographische
Erinnerungen Die gerettete Zunge: Geschichte einer Jugend,
welche exemplarisch für die „verstörende Erfahrung“
(S. 173) des Sprachverlustes und des Spracherwerbes steht. Galt
seit dem Mittelalter die Muttersprache als primäre Sprache,
die durch Zweitsprachen ergänzt wird, so musste Canetti die
Erfahrung machen, dass er seine Muttersprache vergessen hatte. Die
zweite Sprache ergänzte nicht, sie ersetzte. Aufgewachsen im
bulgarischen Rutschuk in einem Umfeld, das vom Bulgarischen und
Landino, einem innerhalb der jüdischen Diaspora weitervermittelten
spanischen Idiolekts aus dem Mittelalter, geprägt war, erlernte
Canetti als Achtjähriger das Deutsche, welches die Sprache
wurde, in der er später dichtete und dachte. Canetti berichtete
erstaunt, wie er Ereignisse seiner ersten Kinderjahre nicht in der
Mutterprache, sondern in der später erlernten deutschen Sprache
erinnert. Heller-Roazen zitiert: „Wie das genau vor sich ging,
kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht, zu welchem Zeitpunkt,
bei welcher Gelegenheit dies oder jenes sich übersetzt hat“
(S. 182), um daraufhin ein Erlebnis Canettis in Prag wiederzugeben:
Dieser erkannte dort intuitiv das tschechische Wort hudba
für Musik wieder, ein Erlebnis, das ihm zeigte, wie sich das
Slawische in ihm nachwirkte. Allerdings findet Heller-Roazen diese
Erklärung von Canetti wenig plausibel:
„Die typologischen Ähnlichkeiten zwischen
der südslawischen und der westslawischen Sprache sind zu
gering, als daß man die eine in der anderen wiederfinden
könnte. Sinnvoller wäre es da schon die Annahme, daß
Canetti in Prag nicht die Sprache hörte, sondern ein Echo:
den Klang einer vergessenen Sprache in einer anderen.“(S.
188)
Somit kann eine Muttersprache
nicht eine Sprache als solche, wie das Bulgarische oder Deutsche
sein, sondern sie ist in den Augen Heller-Roazen mit Bezug auf einen
Brief von Marina Zwetajewa an Rainer Maria Rilke zugleich Medium
und Resonanzkörper jeglichen Sprechens, „in dem jede
Sprache unter dem Einfluß einer jenseits ihrer Grenzen erklingenden
Musik sich ganz ‚von selbst‘ übersetzt und in ‚eine
andere‘ übergeht, ob französisch oder deutsch, wird
wohl gleich sein‘“(S. 190).
Wenn wir diese Unterscheidung
von Muttersprache L als Medium jeglichen Sprechens und
n-ten Sekundärsprachen l1,...,ln
akzeptieren, wird auch verständlich, warum Heller-Roazen Debatten
um aussterbende Sprachen als „Sackgasse“ begreift. Mitunter
scheint es, als würde eine Sprache mit ihren Sprechern sterben,
wofür dramatische Berichte und Szenarien stehen, die zu einer
Vielzahl an politischen Interventionen führen. So heißt
es häufig, dass elektronische Medien und die globalisierte
Wissenschaftskommunikationen den Tod der Sprachenvielfalt zugunsten
eines funktionalen Englisch bedingen und daher Multilingualität
gefördert werden müsse.
Für Heller-Roazen findet
sich die Einsicht, dass Sprache ein organisches Gebilde sei, zuerst
bei den Humanisten. Mit dem Erfolg von evolutionären Denkmodellen
im 20. Jahrhundert erreicht diese Vorstellung eine neue Qualität.
Jedoch fragt er sich, wann und ob sich der Tod einer Sprache überhaupt
datieren lässt. Denn bereits bevor der letzte Sprecher einer
Sprache verstorben ist, geriet sie in Vergessenheit.
„Die Frage, ob eine Sprache lebt oder bereits
gestorben ist, hängt danach allein vom Bewußtsein einer
Gemeinschaft ab, die einmal in dieser Sprache kommunizierte, und
das selbst dann, wenn ein externer Beobachter zu dem Eindruck
gelangt, die betreffende Sprache sei längst vergangen.“
(S. 75)
Auch wenn ein Dialekt oder eine
Sprache li von ihren Sprechern vergessen wird,
so bleibt dennoch L das Medium für die Kommunikation
intersubjektiv geteilter Überzeugungen jeder partikularen Sprachgemeinschaft.
Jedoch basiert die Vergänglichkeit einer Sprache nicht auf
Konventionen, über die beispielsweise demokratisch abgestimmt
wird, sondern man wird ihr erst gewahr, wenn sie „oft unbemerkt
bereits aufgehört hat, sie selbst zu sein“(S 80).
Eine wesentliche Eigenschaft der
Sprache L ist folglich ihre Veränderlichkeit, die
sich weitgehend unabhängig vom jede sprachtechnischen Eingriffen
durch Institutionen vollzieht und welche sich seit je in ungezählten
Sprachen l1,...,ln manifestiert.
Wenn zugunsten einer einzelnen Sprache interveniert wird, so wird
nach Heller-Roazen ein Kategorienfehler begangen:
„Ihrem Wesen nach veränderlich, da die
Zeit ihr Element ist, kann Sprache nie gänzlich besessen
werden und damit auch nie gänzlich verloren gehen“(S.
81).
Der Fehler in der Bewertung des
Phänomens führe letztendlich zu einer statischen Vorstellung
der Sprache L, die, in der Gegenwart gefangen, keinerlei
Veränderungen mehr widerfahren könne. Jedoch benötigen
wir ein dispositionales Verständnis, um mögliche Interpretationen
von linguistisch disparaten Quellen unter bestimmten Manifestationsbedingungen
auch in Zukunft zu gewährleisten.
Kurz: Die Differenzierung der
Sprache zu Folgemanifestationen ist ein permanenter Prozess.
Wenn mit Heller-Roazen L ausschließlich über
ihre Manifestationen l1,...,ln zugänglich
zu sein scheint, begibt man sich in eine Debatte, die wahrhaft metaphysische
Ausmaße hat. Für ihn ist, ontologisch gesprochen, L
Teil einer außersprachlichen Realität, wenn Heller-Roazen
schreibt, dass „die Zeit der in ständigen Übergang
begriffenen Sprache vielleicht nicht die Zeit von Lebewesen ist“(S.
71) oder „[s]osehr die Biographen sich auch bemühen,
die Metamorphosen dieses proteushaften Wesens werden sie niemals
erfassen.“(S. 81). Damit mag er zwar erklären, warum
L von verschiedenen Sprachen gleichzeitig aktualisiert
ist. Allerdings bleibt sie dank ihres ontologischen Status nur indirekt
erkennbar.
Um die Brücke dennoch zu
den Sprachwissenschaften zu schlagen, gelten für Heller-Roazen
Strategien der indoeuropäische Linguistik als erfolgversprechend.
Sie befasst sich ausschließlich mit solchen sprachlichen Formen,
„welche per definitionem niemals nachgewiesen werden
können“(S 113), weil ihnen die textlichen Grundlagen
fehlen. Um Klarheit in der Forschung zu gewährleisten, machten
die Indoeuropäisten nach August Schleicher rekonstruierte Formen
mit einen vorangestellten Stern* kenntlich und damit für die
Analyse nutzbar.
„Stellte man das Sternchen einem Wort voran,
unterschied man es von allen anderen Wörtern. Das Sternchen
holte den betreffenden Ausdruck gleichsam aus dem Bereich des
empirisch Nachgewiesenen heraus und gab ihm einen sicheren Ort
im undokumentierten Bereich des philologischen Postulats“(S.
114)
Mit diesen Schritt verabschiedet
sich diese linguistische Disziplin von einem Verständnis, das
Sprache wie ein Ding an sich betrachtet, sondern bezieht sich ausschließlich
auf verschiedene Weisen, Aussagen über linguistische Formen
zu treffen.
„Nirgendwo scheint der Stern in einem solchen
Maße angebracht wie in der Verbindung mit den Elementen
der Ursprache, die eigentliche keine Sprache im herkömmlichen
Sinne darstellt, sondern, wie wir nun sagen können, eine
*Sprache.“(S. 116)
Damit ist Heller-Roazen einem
methodologisch motivierten Realismus verpflichtet, der Sprache zwar
als Teil einer außersprachlichen Wirklichkeit ansieht, aber
davon ausgeht, dass sich deren Wesen in ihren zahlreichen Instantiierungen
l1,...,ln niemals vollständig
erfassen lässt. Dabei hat gerade das Vergessen, wenn es wie
im Falle des Sterns syntaktisch gekennzeichnet wird, eine konstitutive
Funktion, um eine längst vergessene Sprache wieder begreifbar
zu machen. Der formale Modus erlaubt eine Klammer zwischen unserem
kontingenzaffizierten Begreifen des immanent der Sprachpraxis unterliegenden
Vergessens und der Unmöglichkeit, sich der Veränderlichkeit
der Sprache entgegenzustellen.
Heller-Roazens Echolalien
bieten tatsächlich Raum für eine Positionsbestimmung der
bibliothekswissenschaftlichen Forschung und Praxis. Sie läge
darin, sich weniger auf eine immerwährende Reproduktion von
digitalen und digitalisierten Dokumenten sowie ihrer beschränkten
inhaltlichen Vernetzung zu konzentrieren, sondern stärker formale
Repräsentationsmöglichkeiten zu entwickeln, die keinen
Status Quo der Interpretation disparater Quellen festschreiben.
Mit einem solchen Instrumentarium gelänge das Fach zu einer
Modalität, die die Gegenwart wieder als Vermittler zwischen
einer Vielfalt an Vergangenem und möglichen Zukünften
betrachtet und damit den vernachlässigten Aspekt der Kontextualisierung
mit dem Zweck der Sinnproduktion wieder ins Zentrum ihrer Forschung
rückt.
Fußnoten
[Fn 1] Hans Ulrich Gumbrecht,
2008, Geschichtlichkeit nach dem Historismus? Echolalien und Resonanzen:
Über ein anderes Verhältnis zu Erinnern und Vergessen
aus dem Geist der Sprachtheorie, Frankfurter Allgemeine Zeitung,
11.06.2008, Nr. 134, Seite N3.
(zurück)
[Fn
2] Najko Jahn & Hannah Maischein, 2008, Hans Dampf hält
Einzug ins Archiv der Zivilisation – die Zweite Moderne in
Bibliothek und Museum, LIBREAS.Library Ideas, Nr. 13, Seite 3-12.
Online unter: http://edoc.hu-berlin.de/libreas/13/jahn-najko-3/PDF/jahn.pdf
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