| Alles auf einer Karte.
Franco Morettis Modellvorschlag
für die Literaturwissenschaft und was ihm folgen könnte
Rezension zu: Franco Moretti:
Kurven, Karten, Stammbäume. Abstrakte Modelle für die
Literaturgeschichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2009
von Ben Kaden (info)

Kurven, Karten, Stammbäume – das lässt
sich leicht in Zeit, Raum und Entwicklung übersetzen. Und damit
liegen dann die drei Grundabstrakta menschlicher Welterkenntnis
unter der Leselampe. Glaubt man dem Literaturwissenschaftler Franco
Moretti, so hat seine Disziplin bislang an dieser Stelle ihren blinden
Fleck. Man arbeitet sich in der klassischen Literaturwissenschaft
derart an Einzelfällen ab, dass der Blick fürs Ganze fehlt
und befindet sich folglich in einer methodologischen Sackgasse.
Da kommt ein Ansatz, bei dem es darum geht, „der Literaturwissenschaft
neue Wege zu eröffnen“, wohl nicht ungelegen, sofern
man mit Moretti die Sackgasse als solche sieht.
Neue Wege, alte Pfade
In ihrem Grundansatz erinnern Morettis neue Wege
allerdings durchaus an die schon länger begangenen Pfade des
Strukturalismus. Morettis Verdienst ist, sie methodisch zu durchmessen.
Im vorliegenden Band findet der Leser allerdings mehr einen Kompass
denn ein Navigationsgerät und so bleibt ihm viel selbst zu
entdecken: Ganz im Stile eines idealtypischen Revolutionärs
legt Moretti erst einmal in groben Zügen vor und überlässt
es einer in Zukunft zu vollbringenden Auseinandersetzung, „jedes
einzelne Schräubchen feinzujustieren.“
Das schmale Bändchen erweist sich demnach als
Programmschrift und erfüllt diesen Zweck tadellos. Der erklärt
provisorische Charakter schützt immerhin gegen die zu erwartenden
Attacken einer der „most backwards disciplines in the academy“
(Moretti in der New York Times), an der Stelle, wo sie dem womöglich
wirklich als Provokation empfundenen Versuch, den Methodenpool des
Faches in Richtung Graphentheorie, Mapping und Evolutionstheorie
umzukrempeln, eine solidere Ausarbeitung abverlangen könnte.
Sobald man nun zur Kritik ansetzt, muss man immer mit der Entgegnung
rechnen, man sei zu kleinkariert und bremse damit den methodologischen
Fortschritt. Letzterer wird aber als notwendig angesehen, will man
die Disziplin auf der Höhe der Zeit halten. Dazu zählt
für Moretti auch, dass man sich der grundlegenden Relativität
wissenschaftlicher Erkenntnis stellt: „'Alles‘ –
dafür haben wir schließlich die Astrologie und unsere
geisteswissenschaftlichen Metatheorien.“
Man will eigentlich nicht glauben, dass man in den
Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts noch an geschlossene
große Erzählungen glaubt. Die Astrologie betreibt immerhin
mittlerweile eigene Fernsehsender, aber das gehört hier gar
nicht her.
Kanon und Kollektiv
Der Aufbruch zu neuen Wegen beginnt für Moretti
in gewisser Weise damit, hinter sich erstmal eine Schranke zu senken.
Es gilt, das enge Korsett des Kanons zu sprengen und Abschied von
der Textologie des interpretativen „Close Reading“ zu
nehmen. Anstatt also zu ergründen, warum Vladimir Nabokov zu
Beginn von Lolita T.S. Eliots Gedicht Gerontion
– und die Literaturwissenschaft selbst – in gewohnter
Raffinesse auf den Arm nimmt, sollte man besser Eliot und Nabokov
als Vertreter bestimmter Genre begreifen, sie in einen Zeitstrahl
eintragen und mittels elektronischer Datenverarbeitung in objektiveres
Großes einordnen. So lässt sich eher das Gesamtbild greifen.
Texte sind für Moretti „nicht die eigentlichen Objekte
der Literaturgeschichte“. Texte sind – in einer Übernahme
des „typologischen Denkens“ Ernst Mayrs – „repräsentative
Individuen“, die für eine übergeordnete Gruppe,
also beispielsweise das Genre oder einen Formtypus, stehen. Der
konkrete Einzeltext ist dabei „ nur ein Blatt an einem der
vielen Äste des Stammbaums.“ Folgerichtig versteht Moretti
Literatur mehr als einen kollektiven Vorgang denn als ein Ergebnis
individuellen Schaffens. Die Betrachtung von Leuchttürmen erweist
sich vielleicht aus einer exemplarisch ausgerichteten Perspektive
als aufschlussreich, bietet aber nur bedingt Erkenntnisse über
das Meer dahinter. Als notwendig zeigt sich demnach die Transformation
des Gegenstands der Literaturgeschichte von „individuellen
Fällen zu Serien; von Serien zu Zyklen; von diesen zu Genres
als ihren morphologischen Verkörperungen.“
Der zufälligen Auswahl bestimmter kanonisierter
Texte will Moretti durch die lückenlose Erfassung der gesamten
Literaturproduktion begegnen. Traditionell ist die Vollständigkeit
des Blickes als Voraussetzung für Objektivität nur über
zwei Formen der Eingrenzung zu gewinnen: Entweder man verengt den
Betrachtungswinkel in der Tiefe über die Begrenzung der relevanten
Aspekte oder in der Breite über den Kanon. Oder beides. Morettis
Gegenbild ist die Distanz zum Inhalt als Weitwinkel. Er folgt eher
dem ersten Ansatz, in dem sie bestimmte Eigenschaften abstrahiert
und darüber hinaus die Texte selbst nivelliert. Die Idee ist
so originell wie sinnvoll. Das Störende an dem Unterfangen
ist nur, dass Moretti sie leider nicht als systematische Ergänzung,
sondern als einzig sinnvolle Alternative in Gestalt einer „rationaleren
Literaturgeschichte“ ins Spiel zu bringen versucht.
Viele Freunde unter den Ulysses-Exegeten macht man
sich aber sicher nicht, wenn man Moretti ernst nimmt und loszieht
um James Joyce mit Knut Hamsun in einem Topf aufzukochen und den
Arbeitern im Weinberg des konkreten Textes nicht nur zwischen den
Zeilen einen irrationalen Ansatz unterstellt. Dabei gibt es zweifellos
zureichend wissenschaftliche Fragestellungen nicht zuletzt in der
von ihm vorgeschlagenen „komparativen Literaturwissenschaft“,
die eine „Wissenschaft der Weltliteratur“ – wie
vermeidet man hier den Kanon? – mit der der vergleichenden
Morphologie kombiniert.
Masse und Reproduktion
Im Prinzip hat Moretti natürlich Recht
mit einer Erweiterung der Methoden, die der Kunstproduktion in den
Zeiten ihrer technischen Reproduzierbarkeit gerecht werden müssen.
Weiterentwickelt eröffnet der Ansatz nahezu identische Analysemöglichkeiten
für alle symbolischen Kulturprodukte der Massengesellschaft,
also für ein Spektrum, das von der Ansichtskarte über
den Popsong bis hin zum Fernsehfilm reicht. Aber man wird damit
nicht jeder denkbaren und sinnvollen Fragestellung gerecht. Am Ende
verwirft er die Arbeit im konkreten Text auch nicht gänzlich,
sondern praktiziert sie vielmehr als Mittel zum Zweck. Um die „morphologische
Drift“ überhaupt erst erkennen zu können, muss die
Morphologie jedes in das Sample einbezogenen Textes ermittelt
werden. Wenn man nun im Rückgriff auf die Spatial Form
Joseph Franks[Fn1]
– auf die man sich in Morettis Kartenkapitel durchaus
einen fruchtbaren Verweis hätte vorstellen können –
beginnt, einen Text zu kartographieren, wird man kaum eine Wahl
haben, als zunächst einmal textologisch zu arbeiten. Morettis
Ansatz stellt entsprechend eher eine Erweiterung als eine Ablösung
dar.
Balance und Methode
Verzichtet man also auf den Ausschluss des einen
durch das andere, wird das tatsächliche Potential einer derart
interdisziplinär angesetzten Methodologie sichtbar. Wenn man
wie Moretti schon einmal dabei ist, sich freimütig in anderen
Disziplinen zu bedienen, könnte man sich leicht „Checks
and Balances“ als Metapher aus der Staatstheorie borgen und
es auf ein methodologisches Prinzip der Rückkontrolle reflektieren:
Die Erkenntnisse aus der Interpretation des „close readings“
müssten nach einem solchen Verständnis mit denen der abstrakten
Methoden widerspruchsfrei vereinbar sein. Ist dem nicht so, dann
hakt es entweder auf der einen oder der anderen Seite. Die quantitativen
Daten sind nützlich, da sie unabhängig von Interpretationsansätzen
funktionieren. Sie müssen dafür aber auch sauber gewonnen
werden. Darüber hinaus ist das eigentlich Spannende ja nicht
die Datenmenge an sich, sondern das, was man aus dieser ableitet.
Hier kommt wieder die Interpretation ins Spiel. Moretti selbst weist
darauf hin, wenn er feststellt, dass die Daten in ihren Kurven „insofern
eine Herausforderung darstellen, als sie häufig Erklärungen
erfordern, die man mit quantitativen Methoden selbst nicht leisten
kann.“ Sie bieten sich aber an, um „theoretische Erklärungen
falsifizieren [zu] können.“ Buchstäblich Checks
and Balances also.
Die statistische Erfassung von Publikationshäufigkeit
stellt sich demnach dahingehend als ein auf der Aussageebene trivialer
und objektiver Vorgang heraus, als dass er methodisch einen idealen
Vorbereitungsschritt darstellt. Für sich sprechen die Zahlen
natürlich noch nicht. Insofern ist das Erkenntnismodell, welches
Moretti heranzieht, der eigentlich interessante Aspekt.
Dieses ist ein evolutionäres, wobei man neben
Darwin Wissenschaftstheoretiker wie Ludvik Fleck und Thomas Kuhn
als Gewährsmänner findet. Moretti geht davon aus, dass
eine literarische Form immer dann von einer anderen ersetzt wird,
wenn sie ihre „künstlerische Brauchbarkeit“ einbüßt.
Die Zeitspanne umfasst nach seiner Genre-Analyse aus dem Großbritannien
des 18. und 19. Jahrhunderts ca. 25 Jahre. Solange hält sich
eine Form als „Normalliteratur“. Wie aber bestimmt sich
die „Brauchbarkeit“?
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| Lob der Abstraktion: Morettis Schlüsselband
für die Literaturgeschichte. |
Form und Gesellschaft
Für Moretti bestimmt sie sich aus der Form und
hier blitzt dann auch deutlich marxistische Provenienz des Autors
durch. Denn die Form ist streng materialistisch Resultat einer „Konstellation
der gesellschaftlichen Kräfte und Ausdruck dieser Kräfte“.
Das bedeutet in gewisser Weise, dass eine Gesellschaft bestimmte
Formen erst ermöglicht und in jedem Fall bevorzugt, was die
Produktion dieser Formen wiederum honoriert und zwar solange, bis
die Entsprechung zwischen Gesellschaft bzw. gesellschaftlichem Anspruch
und der Literatur überholt ist. Genres verschwinden also nicht,
weil sich die Themen ändern, sondern weil – so Morettis
These – die Leser für die Themen verschwinden. Er spricht
mit Karl Mannheim von einer „Generationenrhythmik“.
Dies erklärt dann auch in gewisser Weise, warum sich Charlotte
Roche in diesem Jahrzehnt besser verkauft als Eric Malpass, letzterer
aber nach wie vor lieferbar ist. Der körperbetonte Stil der
18-jährigen Helen Memel ist für die aktuelle Leitgeneration
ein adäquateres Ausdrucksmittel für das Coming of
Age in mittelständischen Familienstrukturen als der von
Briefbeschwerern faszinierte 7-jährige Gaylord Pentecost. Zumal,
wie man oft hört, das Medium Brief in der Gesellschaft nur
noch einen Nischenrolle einnimmt. Andererseits scheint ein kleiner,
marktrelevanter Teil der „Generation Gaylord“ immer
noch da zu sein, weshalb die Nische noch bedient wird.
Genreschaften
Der Begriff des Genres erweist sich allerdings selbst
als nicht unproblematisch. Form und Thema liegen immer eng beieinander,
bleibt doch die Form Ausdrucksmittel für bestimmte inhaltliche
Anker. Dies erschwert eine morphologisch eindeutige Abgrenzung.
Daraus ergeben sich Inkonsistenzen: Der Briefroman und der Multiplot-Roman
sind streng formale Bestimmungen, während Sportroman und Dorfgeschichten
sich stärker über ihr Sujet bzw. den Handlungskontext
definieren. Der „Amouröse Briefroman“ ist dann
die Mischform. Wie man Abgrenzungslinien durch die auf Anspielung
und Intertextualität setzenden Beispiele des modernen Romans
konsequent ziehen kann, wird noch gar nicht thematisiert. Aus Zusammenhängen
der Wissensordnungen weiß man um die Schwierigkeit einer Klasse
„Sonstiges“.
Dies ändert nichts an der Tatsache, dass
ein Genre oder eine Gattungsanalyse zweifellos sinnvoll ist. Die
Voraussetzung ist allerdings eine Kontextualisierung des Materials,
wie es der russische Philosoph Michail Ryklin geradezu beispielhaft
in seiner Arbeit über „Kommunikation als Religion“
am Beispiel der Retour de l’U.R.S.S.-Literatur ausführt.[Fn2]
Die Gattungsbezeichnung stammt von Jaques Derrida und wurde im Prinzip
erst 50 Jahre nachdem die letzten dieser Reiseberichte, die, oft
verklärt, vom Stand der Durchsetzung von Sozialismus und Kommunismus
aus westlicher Perspektive berichten, geprägt. Sein Mittel
der Wahl bzw. Erkenntnis des „eigenen Rhythmus, einer inhärenten
Dramatik und einer wiederkehrenden formalen Struktur“[Fn3]
war die Analyse des Diskurses. Es bedurfte demnach einer Methode
aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts um eine Gattung
aus der ersten zu erkennen. Deutlich wird hieran, dass Gattung selbst
eine flexible Kategorie darstellt, die vom jeweiligen Blickwinkel
abhängt. Den sauberen Schnitt zwischen Gattung 1 und Gattung
2 kann man nur setzen, in dem man die Perspektive fixiert.
Ebenso deutlich wird, wie komplex und verschachtelt
die Bezugsnetze sind, an denen man die Perspektiven ausrichtet.
Wer sich von Moretti eine Vereinfachung erhofft, wird enttäuscht.
Die Literatur gestaltet sich so komplex wie die soziale Umwelt,
in der sie sich vollzieht und nur weil man dem Mikroskop ein Makroskop
beifügt, wird sie nicht durchsichtiger. Letztlich erweist sich
die singuläre Betrachtung gegenüber der der Wechselbeziehungen
vielleicht sogar als leichter in der Handhabung. Der Charakter der
Literatur als soziale Praxis führt folgerichtig zu einer Literaturwissenschaft,
die auch als sozialwissenschaftlich verstanden werden muss.
Struktur und Beziehung
Was Moretti dementsprechend eigentlich unternimmt,
ist eine Verschiebung von einer objektzentrierten Literaturwissenschaft
hin zu einer an Prozessen und Relationen ausgerichteten. Also nichts
anderes als eine Strukturalisierung dessen, was er gemeinhin als
literaturwissenschaftliche Praxis ansieht, unter Zugabe einiger
evolutionstheoretischer Ingredienzien. Als Leitkategorien fungieren
nicht primär die Biografie des Autors, der konkrete Entstehungskontext
und eine wie auch immer intendierte Aussage, sondern temporale,
räumliche und morphologische Aspekte.
Damit bewegt er sich z.T. ein wenig hinter der Zeit,
nämlich bei Roland Barthes’ berühmtem Tod des Autors,
und z.T. auf der Höhe derselben. Die abstraktere Debatte, ob
Zyklen oder Zufall für die Durchsetzung von Innovationen verantwortlich
sind, wird schon recht lange in der Volkswirtschaft in Ankopplung
an das Modell Kondratjews geführt und auch hier sind System-
bzw. Strukturbeziehungen das Bindeglied. Die Autoren der Retour
de l’U.R.S.S. fungierten z.B. als Bindeglieder und damit
strukturell als „Vernetzungen“ zwischen verschiedenen
Systemen: zwischen den politischen Systemen in Westeuropa und dem
in der Sowjetunion, zwischen den westeuropäischen Intellektuellen
und der KPdSU, zwischen dem Reisenden als Individuum und den Individuen,
denen er auf seiner Reise begegnet sowie denen, die seine Berichte
lesen, zwischen denen die die Berichte lesen und der Sowjetunion,
zwischen dem Autor, dem Verlag und dem Buchmarkt usw. bis zur Beziehung
zwischen Derrida, Ryklin und eigentlich auch allen, die diesen Satz
lesen. Eine Methode, die zwischen den diversen Wirkungs- und Adressatenebenen
systematisch differenziert und dieses Netzwerk darstellt, wäre
für eine adäquate Rezeptionsgeschichte nicht nur hilfreich,
sondern eigentlich die Basis.
Karte und Raum
Für diese und auch die textimmanenten relationalen
Beziehungen, die Moretti im Karten-Kapitel seines Buches ins Zentrum
rückt, bietet die räumliche Vergegenständlichung
das adäquate Visualisierungsmittel. Gerade in der Debatte um
die Raumtheorie erkennt man, wie dynamisch der Umgang mit ein und
demselben Gegenstand erfolgen kann: Der vermittels einer Landkarte
abgebildete Raum kann genauso als Repräsentation eines physisch
definierten Realraums gesehen werden, wie als Abbildungsfläche
von Beziehungen zwischen einzelnen Punkten. Beides ist im Schulatlas
enthalten. Wenn man daran geht, den durchweg relational definierten
Cyberspace zu topographieren, böte der reziproke Ansatz
einer festen Verortung und Visualisierung des Cyberspace in realräumlichen
Bildmetaphern eine der menschlichen Wahrnehmung entsprechende Konkretisierungsform
für das Navigieren in diesem. Der Erfolg von Google-Maps
als Basis für diverse Mash-Ups scheint jedenfalls
in diese Richtung zu weisen.
Die von Moretti vertretene Anwendung der Geographie auf Erzählpraxen
lässt natürlich im Kontext der Literaturwissenschaft sofort
an das Konzept des Chronotopos von Michail Bachtin denken.
Allerdings betont Moretti in besonderem Maße die Abstraktion,
die aus der geographisch geprägten Verortung in einer Karte
ein geometrisches Netz ableitbar macht. Er befindet sich demnach
in seinem Betrachtungsgebiet auf einer Linie mit dem, was beispielsweise
mit der Raumsoziologie in die Soziologie drängt: Die Konstruktion
von Raum über Relationen.
Moretti löst einzelne Elemente vom inhaltlichen
Geschehen und topographiert sie unabhängig vom Ablauf einer
Handlung und erhält dadurch eine Karte, auf der die Distanzen
zwischen den Elementen sichtbar werden. Nicht der zeitliche Längsschnitt,
sondern der räumliche Querschnitt interessiert an dieser Stelle.
Sucht man wie er Muster im Nebeneinander, also in der Simultanität
der Elemente, bietet sich dieser Schritt an. Unklar bleibt dabei,
wie die einzelnen Elemente als für die Betrachtung relevant
ermittelt werden. Hier bleibt in gewissem Umfang doch nur eine –
nicht-interpretative – Tiefenlektüre im Sinne einer Bestandsaufnahme.
Oder ein automatisiertes Text-Mining, wie es den Vertretern
der semantischen Technologien vorschwebt.
Die kartographische Literaturanalyse abstrahiert nach
Moretti auf die Relation zwischen einzelnen inhaltlichen Elementen
sowie ihren Häufigkeiten. Die Karten sind zwar teilweise auf
realräumliche Kontexte bezogen, was für bestimmte konkrete
Fragen hinsichtlich der Zielerkenntnis notwendig sein kann. Sie
sind aber auch abstrakt, rein auf bestimmte Relationen bezogen,
denkbar.
Eine solche Karte des Textes entspricht dabei nicht
dem Fluss einer Narration, sondern bietet die Visualisierung eines
Musters, welches sich aus der Textstruktur ergibt und im Normalfall
nicht bewusst durch den Autor manipuliert ist. Es geht also um Texturen
unter dem Text. Diese werden als geometrische Muster sichtbar, sind
also nicht zufällig entstanden oder willentlich entworfen,
sondern Resultat einer, wie es Moretti nennt,„Kraft“.
Auch hier bleibt die Frage, was wiederum hinter dieser steht: Zufall
oder Strukturzwang? Indem Moretti selbst die Kartographie süddeutscher
Orte durch Walter Christaller heranzieht, gibt er schon eine Antwort.
Nur unterscheidet sich die Kraft, die hinter konkreten geographischen
Mustern steht, wohl von der, die hinter der räumlichen bzw.
räumlich repräsentierbaren Relationalität von Ereignissen
in Romanen zu vermuten ist. Für letztere ist nicht zuletzt
ausschlaggebend, ob die dargestellte Relationalität mit den
Vorstellungen der Leserschaft korreliert oder nicht. Der Leser als
temporärer Bewohner des Textes muss sich nicht wie im Realraum
den Bedingungen anpassen. Er kann das Buch auch einfach zuklappen,
sich der Handlung entziehen und zu einer anderen wechseln. Das Umziehen
ist hier ein vergleichsweise einfacher Akt – es sei denn,
man lässt sich im literaturwissenschaftlichen Seminar genau
über diesen Titel prüfen.
Evolution und Form
Folgt man Moretti, wirkt also das Publikum als zentraler
Auslesefaktor in der Evolution der literarischen Formen: Es bekommt
aus der Literaturproduktion eine sich permanent mehr oder weniger
differenzierende Formenvielfalt zur Auswahl angeboten, aus der es
sich die ihm entsprechenden Varianten herausnimmt. Die erwählten
Formen werden am Leben erhalten. Eine aktuell vorliegende und überlebende
Form ist das Ergebnis der Konstellationen gesellschaftlicher Kräfte.
Selbstverständlich gibt es nicht die eine Form.
Vielmehr wirft Moretti mit seiner Kritik am Kanon seinen Kollegen
gerade diesen Reduktionismus auf eine gültige Basisform vor.
Durch die Begrenzung auf ein jeweils zentrales Modell „gewinnen
diese Theorien zwar ihre Eleganz und Attraktivität, gleichzeitig
werden so jedoch neun Zehntel der Literaturgeschichte ausgelöscht.
Und das ist zuviel.“ Ihm geht es hier gerade um Sensibilität
für die unterschiedlichen morphologischen Ausdifferenzierungen
und nicht um die schnelle Bestätigung des Formaltypischen und
den Übergang zur Auslegung des Inhalts.
Aus diesen Ausdifferenzierungen bzw. Divergenzen lassen
sich Rückschlüsse auf die Rahmenbedingungen, in denen
sich eine Form etabliert, ableiten. Um dies zu veranschaulichen,
greift Moretti in diesem Zusammenhang wiederum zur Raummetapher
als Erklärungsbild: „Eine neue Spezies […] entsteht,
sobald eine Population in ein anderes Gebiet übersiedelt und
sich anpassen muß, um zu überleben.“ Die Spezies
ist beispielsweise ein formales Merkmal – im Buch wird das
Beispiel der „erlebten Rede“ ausgeführt –
das in einem spezifischen gesellschaftlichen Rahmen, den Moretti
in seiner kurzen Beispielanalyse an den Bezugsorten bestimmter Schriftsteller
anbindet, in bestimmter Form variiert wird. Diese „[r]äumliche
Diskontinuität treibt also die morphologische Divergenz voran.“
Stammbaum und Karte
In der Konsequenz müsste die morphologische
Differenzierung bzw. schlechthin die „Entwicklung“ ebenfalls
weniger als konkretes Fortschreiten in der Zeit, sondern mehr als
abstrakter Möglichkeitsraum bewertet werden. Die Evolution
der Form und damit in der Ableitung die Entwicklung der Menschen
wäre folglich nicht gerichtet. Das Modell des Stammbaums, das
konkret von einem Ursprung ausgeht, suggeriert dagegen eine Richtung.
Es gilt, den Stammbaum als Visualisierungsmittel zu
begreifen, bei dem der Ausgangspunkt selbst nur eine aus einem größeren
Entwicklungsrahmen herausgegriffene Verästelung darstellt.
Zeit als Maßstab für Differenzierung besitzt
in diesem Modell dahingehend Gültigkeit, als dass eine konkrete
Differenzierungsstufe eine bestimmte andere voraussetzt, dieser
also folgt. Es gibt ein Nacheinander, welches sich aber analog zum
Raum als relational zeigt. Eine Differenzierungsform – oder
auch ein konkreter Text – lassen sich dabei als manifestierte
Differenzierungen mit Bezügen zu Vorläufern und Folgeformen
verstehen. Dass in diesem Geflecht der Relationen zwei identische
Formen an verschiedenen Positionen im Morphospace entstehen,
bleibt erfahrungsgemäß unwahrscheinlich, ist aber nicht
ausgeschlossen.
Das Stammbaummodell scheint in gewisser Weise im
Konflikt mit der bei Moretti konzentrisch geschilderten Topographisierung,
da die Differenzierung dem Stamm folgend in ihrer Entwicklung gerichtet
verläuft. Die Lösung liegt allerdings schon im Charakter
der Karte selbst begründet: Das Kreismodell der Karte entspricht
der Draufsicht auf den Stamm. Man blickt quasi von oben in die Krone.
Die Dimensionen der Karte sind Länge und Breite, die des Baumes,
Breite und Höhe. Die Zusammenführung macht aus zwei zweidimensionalen
Modellen ein dreidimensionales. Dies auszuarbeiten wäre ein
spannendes Unternehmen und vielleicht gibt es bereits entsprechende
Ansätze in anderen Disziplinen. In der Literaturwissenschaft
aber wohl eher nicht und auch Moretti selbst geht nicht soweit.
Man könnte jedoch unter einer solchen Voraussetzung
durchaus auch einmal mit einer Vertauschung experimentieren und
das inhaltliche Mapping der Handlungselemente in die Struktur
des Stammes übertragen, sowie die Herausdifferenzierung formaler
Eigenschaften in die Dimensionalität der Karte. Die Frage,
ob man dadurch tatsächlich mehr Anschaulichkeit gewinnt, ist
natürlich offen. Zur Prüfung der Tauglichkeit des jeweiligen
methodischen Ansatzes ist solch ein Gedankenspiel aber hilfreich.
Denn in der „Vergleichenden Morphologie“ ist davon auszugehen,
dass sich bestimmte Differenzierungen simultan entwickeln. Wenn
man es unternimmt, aus einem derartigen Morphospace Entwicklungsmöglichkeiten
vorhersagen zu wollen bzw. Vorbestimmungen zu erkennen, erhält
man mit der Überblendung von Baum und Karte immerhin eine zusätzliche
Dimension, in der sich die Entfernung vom Ursprung und zu Parallelvarianten
ableiten lässt.
Erkenntnisziel und Geltungsrahmen
Wenn man als Leser Morettis methodologischen Dreischritt
mitvollzogen hat, bleibt man etwas gespalten zurück. Das liegt
weniger daran, dass sein Ansatz nicht zündet. Im Gegenteil:
Er zeigt deutlich, wie sich das Analysepotential der Literaturwissenschaft
ganz nennenswert verbreitern lässt, indem er drei in diesem
Feld wenig präsente Methoden andiskutiert. Allerdings wäre
vor der eingeforderten methodologischen Wende zu klären, was
Literaturwissenschaft überhaupt erkennen soll. Und ob eine
strukturalistische Musterung für dieses Erkenntnisziel das
Mittel der Wahl sein kann.
Die morphologische Reduktion jedenfalls könnte
die Literatur zu einem Untergebiet der Sprachwissenschaft schrumpfen
lassen. Literatur erschiene dabei als besondere, bestimmten Strukturen
folgende Variante von Sprachgebrauch und tatsächlich ist die
Annäherung an einen Roman aus einer soziolinguistischen Richtung
nicht ohne Reiz. Dazu wiederum bedarf es jedoch einer tieferen soziologischen
Grundierung des Ansatzes Morettis.
Die Kurvendiskussion führt in dieselbe
problematische Ecke der L’art pour l’art, in
der sich Bibliometrie und Szientometrie häufig befinden und
bewegen sich damit interessanterweise im Anspruchsfeld einer modernen
Kunst, die Selbstbezüglichkeit in ihr Zentrum rückt. Nur
teilt Wissenschaft diesen Anspruch äußerst selten. Der
Künstler-Wissenschaftler steht also vor seinem Ausgangsmaterial
– in diesem Fall einem Pool von Daten – kann sich aber
nicht legitim der freien Kombination hingeben, sondern ist an Hypothesen
gebunden, in denen die relevanten Relationen für eine Betrachtung
ermittelt und formuliert werden. Moretti führt das Problem
mitsamt einer möglichen Lösung selbst an, aber nur wenig
aus. Der Schlüssel findet sich in der Kombination der Daten
mit konkreten Ereignissen und Entwicklungen. Man legt also z.B.
einen Zeitstrahl auf einen anderen und sucht nach Schnittpunkten,
die in der Schlussfolgerung auf einen Zusammenhang verweisen.
Für die Kartographierung bzw.das Mapping
gilt ähnliches: Es erweist sich nur dann als sinnvoll, wenn
die Anbindung an die kulturelle Umgebung gelingt, also den gesellschaftlichen
Rahmen, in dem es vollzogen wird und Gültigkeit beansprucht.
Den drei abstrakten Ansätzen ist also gemeinsam,
dass sie für sich genommen nur eine eher selbstreferentielle
Aussagekraft besitzen. Sieht man Wissenschaft aber als in einen
gesellschaftlichen Rahmen eingebettet und wissenschaftliche Erkenntnis
als Möglichkeit, Handlungsziele deutlicher herauszustellen
und damit konkret das Verhalten zu beeinflussen und Unsicherheit
zu reduzieren, geht es nicht ohne eine Kontextualisierung. Dies
umfasst immer auch eine inhaltliche Ebene und enthält also
auch immer ein Element der Interpretation. Der Literaturmarkt ist
nicht nur ein „rücksichtsloser Wettbewerb der Formen“,
sondern eben auch einer der Themen. Gerade in der Literatur lässt
sich Form schwer ohne Thema denken und wenn man formale Extremformen
wie z.B. die konkrete Poesie betrachtet, muss man feststellen, dass
diese weniger gelesen wird, sondern mehr als visuelle Kunst erfahrbar
wird.
Nicht zuletzt setzt die Genrebestimmung eindeutig eine thematische
Verortung voraus. Um diese aber gerade in der Literatur dynamisch
und entwicklungsoffen zu halten, muss man sich eben doch ab und
an durch ein Schlüsselwerk durcharbeiten, um es zu erschließen.
Am besten aber durch mehrere. Und in zeitlicher Distanz –
Retour de l’U.R.S.S. mag hier als Beispiel für
ein Re-Reading in Ergänzung zum Close Reading
und idealerweise einer abstrakten sowie, wo angebracht, quantitativen
Analyse gelten.
Gerade mit Kreativprodukten, wie sie von Literatur
im Idealfall hervorgebracht werden, gehen standardisierte Klassifikationen
eher grobschlächtig um. Dies gilt umso mehr in der Nahsicht,
die sich auch dort um Vergleiche bemüht, wo sich ein Vergleich
kaum findet. Hier ist der genealogische Ansatz oft angemessener
und insofern hat Moretti mit dem Stammbaummodell den Hebel für
die Analyse im Angebot. Nur wird hier gleichzeitig die Bedeutung
des klassischen Ansatzes der Tiefenlektüre deutlich: Ohne diese
fällt es schwer, intertextuelle Beziehungen in Form und Inhalt
aufzuzeigen.
Dies gilt natürlich besonders für Produkte
einer wie auch immer gearteten literarischen Avantgarde, deren zentrales
Kennzeichen es ist, aus der Schematisierung herauszufallen. Diese
entsteht sicher nicht im luftleeren Raum, weist aber oft stärker
den Willen zum Bruch als den zur Kontinuität auf. Die Literaturwissenschaft,
wie sie Moretti als überholt ansieht, widmet sich bevorzugt
diesen Ausnahmetexten. Man kann nun berechtigt fragen, ob sie dies
tun soll oder ob neben dem Kanon des Besonderen nicht auch ein Kanon
des Allgemeinen, gemeinhin als banal und die jeweilig gültige
morphologische Redundanz honorierenden Massengeschmack treffend
beschrieben, eine stärkere Gewichtung in der Literaturwissenschaft
verdient. Wenn Moretti darauf hinweisen möchte, liegt er wiederum
auf einer Linie mit der verstärkten Thematisierung von alltags-
und popkulturellen Phänomenen in den Gesellschafts- und Kulturwissenschaften.
Für eben die Normalliteratur sind Morettis Grundmethoden
sicher eine ausgezeichnete Annäherung und womöglich gar
die einzige Möglichkeit, um die Quantität dieser Kulturprodukte
überhaupt verarbeitbar zu machen. Hier bietet sich eine Disziplinen
übergreifende Elaboration zweifellos an. Auch führt die
Pluralisierung von Lebensstilen zu einer Differenzierung von literarischen
Geschmackspräferenzen. Es wäre also spannend zu prüfen,
inwieweit eine pluralisierte Nischenkultur nicht auch zu einem kräftigen
Nebeneinander von verschiedenen Normalliteraturen führt.
Die reizvollste Herausforderung ist perspektivisch
vielleicht, Morettis Idee selbst in Rückgriff auf seine und
wissenschaftssoziologische Ansätze zu beobachten und ihre Tauglichkeit
dadurch zu ermitteln, ob sie die (wissenschafts)kulturelle Selektion
eine Weile übersteht. Die Chancen stehen nicht schlecht, auch
wenn er sich selbst durch die Rigorosität, mit der er den Ablösungsdiskurs
angeht und zugleich selbst nicht durchhält, wissenschaftlich
etwas in die Ecke drängt. Seine Hypothesen und methodischen
Ideenskizzen sind ohne Zweifel anregend, aber eben nicht einzigartig
genug, als dass nicht von anderer Stelle andere Einflüsse ganz
ähnlich auf die Literaturwissenschaft wirken könnten.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich Moretti vor allem sensibel
für den wissenschaftlichen Zeitgeist.
Postmoderne und Hypertext
Dieser Zeitgeist nähert einst als getrennt angesehene
Phänomene an. Ein Netz, in dem alles, was symbolisch darstellbar
ist, mit allem zusammenhängt, ist seine Metapher. Entsprechend
nahe liegt es, Verbindungslinien zwischen den drei Leitmetaphern
der Methodologie Morettis – Kurve, Karte, Stammbaum –
sowie Phänomenen, die aus dem WWW und postmoderner Kultur bekannt
sind, zu ziehen. Die digitale symbolische Kultur, die ihre Kommunikationen
über dynamische, flexibel verknüpfbare Plattformen verschaltet
und in der Tat im Kern auf eine Struktur, nämlich die binäre,
reduzierbar ist, wird durchgängig auch mit Methoden erfasst,
wie sie Morettis Ansatz spiegelt:
1. Sowohl Technorati wie auch Google-Zeitgeist
und andere Webquellen liefern kurvenfähiges Datenmaterial
en masse, welches Rückschlüsse auf die kulturelle und
gesellschaftliche Verfasstheit bestimmter Nutzergruppen zulässt.
2. Die Relationierung von symbolischen Zusammenhängen
erlebt mit Google Maps und Live Maps in Gestalt
sogenannter Mash-Ups eine sehr rege Nutzung. Mit dem so genannten
Mobile Computing, beispielsweise über Dienste wie
Google Latitude verschwimmen die Grenzen zwischen virtuellem und
realem Raum weiter. Die Landkarte wird zum Navigationssystem,
auf dem konkrete wie rein symbolische Aspekte abgebildet werden.
Der New Yorker Adresse 243 Riverside Drive kann auf einer solchen
Karte problemlos die Entsprechung einer bloßen Postadresse
genauso zugewiesen werden, wie der Fakt, dass Uwe Johnsons Hauptwerk
Jahrestage hier einen zentralen Schauplatz findet oder auch, dass
zwischen dieser Adresse, die in den Jahren 1966-1968 Johnsons
tatsächliche war, und der Wohnung, die Hannah Arendt ab 1967
bewohnte, siebeneinhalb Querstraßen den Hudson hinunter
liegen. Oder auch die Tatsache, dass jemand, der Google Latitude
benutzt, diesen Weg gerade entlangläuft. Jede symbolische
Aufladung realen Raums ist so mit einfachen Mitteln kartographierbar
und im WWW mit Hypertextlinks verknüpfbar.
3. Verhältnismäßig einfach strukturierte
und zu bedienende Artikulationstechnologien in den virtuellen
Kommunikationsräumen bilden einen Handlungsrahmen, der zu
einer über den technischen Rahmen hinaus kaum kanalisierbaren
Vielfalt symbolischer und medialer Ausdrucksformen führt.
Sehr präzise – weil digital erfasste und maschinell
auswertbare – Feedback-Möglichkeiten machen die Bestätigung
bzw. Ablehnung bestimmter Äußerungsformen und –inhalte
klar nachvollziehbar. Kurz: Der Hypertext des WWW bietet sich
wie keine andere Textform für ein Mapping und zugleich
für eine Erfassung in Stammbäumen an. Bei delicious
ist nachvollziehbar, wer als erstes in der Community
mit welcher Erschließungssemantik einen Inhalt und damit
eine Idee als aufhebenswert erachtet hat. Der Zeitpunkt ist exakt
gestempelt. Zudem ist gerade über das Erschließungsvokabular
ersichtlich, in welchem Umfeld dieser Inhalt verortet wird. Der
blinde Fleck bleibt hier gerade nicht die Genealogie, sondern
die Intention, auf die man über die sichtbaren Vernetzungen
und Auszeichnungen hininterpretieren muss. Interessant wäre
sicher, zu prüfen, inwieweit sich Gemeinsamkeiten und Durchsetzungsmuster
zu klassischen Textmodellen zeigen. Darüber hinaus liegt
die These nah, dass es eine Beschleunigung der Differenzierungen
gibt, sich also die Haltbarkeit einer „Normalform“
verringert und eine Idee mit recht hohem Tempo modifiziert oder
vergessen wird. Da die hypertextuelle Spur aber in der Regel zugänglich
bleibt, ist auch eine verworfene Idee potentiell jederzeit verhältnismäßig
leicht reanimierbar.
4. Die Reduktion auf das Element „Normalform“
oder „Normalliteratur“ scheint in einem stark pluralisierten
kulturellen Umfeld kaum mehr tragfähig. Vielmehr entsteht
der Eindruck, dass es verschiedene, mehr oder weniger leicht kombinierbare,
simultan existierende Leitformen gibt, die natürlich maßgeblich
von den Möglichkeiten der Kommunikationstechnologie beeinflusst
werden. Aufschluss darüber, welche Ideen sich wie durchsetzen
– z.B. warum die Wikipedia zum aktuellen enzyklopädischen
Leitmedium avancierte – lassen sich möglicherweise
über die Hinzuziehung diskursanalytischer Methoden ermitteln.
5. Darüber hinaus harmoniert das Modell der
dominanten „Normalform“ durchaus mit dem Wisdom
of the Crowds-Ansatz. Der Inhalt der Wikipedia lässt
sich für eine bestimmte Kohorte, nämlich die der webaffinen
und engagierten Internetnutzer, aufgrund des Konsensverfahrens
seines Entstehens als Normaltext verstehen. Ähnliches lässt
sich übrigens auch für das „Normalwerkzeug“
des Zugriffs auf Webinhalte sagen: Google ist deshalb so prominent,
weil es ein Großteil der Internetnutzer als Normalform übernommen
hat. Sowohl an Google wie auch an der Wikipedia lässt sich
obendrein feststellen, dass die Offenheit dieser medialen Systeme
in Kombination mit der Institutionalisierung ihrer Nutzung ein
entscheidendes Merkmal für die Verfestigung im Alltagsgebrauch
und damit im Status der Normalform bedeuten.
Wenngleich Franco Morettis quantitative Literaturtheorie
als Leitmethode einer allgemeinen Literaturwissenschaft im vorliegenden
Entwicklungsgrad, der einer ausformulierten Hypothese entspricht,
nur bedingt in Frage kommt, vermittelt das sehr lesenswerte Büchlein
etwas anderes: Eine Ideensammlung für methodische Entwicklungen,
mit denen man virtuellen Kommunikationsprozessen entgegentreten
kann. Kurven, Karten, Stammbäume – all das lässt
sich in den Netzstrukturen exzellent visualisieren. Was die Auseinandersetzung
dort aber zeigt, ist, dass die technisch-quantitativen Erschließungsmethoden
bislang ausgerechnet auf der Ebene der Bedeutung scheitern. Das
semantische Netz ist bis heute ein straff syntaktisches. Vielleicht
sollte man an dieser Stelle gerade den intensiveren Austausch mit
interpretativen und hermeneutisch ansetzenden Wissenschaftsprogrammen
suchen. Also eine Art Gegen-Moretti.
Fußnoten
[Fn 1] Frank, Joseph
(1991): The idea of spatial form. New Brunswick: Rutgers University
Press. (zurück)
[Fn
2] Ryklin, Michail (2008): Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen
und die Oktoberrevolution. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Verl. der
Weltreligionen. (zurück)
[Fn
3] ebd. S. 63 (zurück) |