| Was lange währt, wird manchmal
alt. Mitunter zu alt. So erweist sich auch in der Bibliothekswissenschaft
die Bodenplatte der vormals wirkungsmächtigen Theorien und
Methoden, als zunehmend rissig. Zugegeben: Sie hält noch. Dies
jedoch unter großer Spannung, mit einigem gezielten Auffüllen
und Kitten mancher Risse, aber auch mit viel Flickschusterei. Das
Problem der Platte ist, dass sich ihr Überbau permanent verschiebt,
verändert und vor allem in einer Form erweitert, die die frühen
Architekten und Statiker kaum vorhersehen konnten.
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Die Bibliothekswissenschaft
- ein Leergebäude?
Wie definiert sie sich selbst in einer Zeit, in der Medien
relativ und Inhalte absolut geworden sind. |
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Die Frage lautet also, inwieweit die Grundfesten der
Bibliothekswissenschaft ihren Untersuchungsgegenstand noch zu tragen
verstehen.
Die Antwort scheint klar: Aktuell nur bedingt und
in der Zukunft vermutlich nicht mehr. Der Digitalisierungsschub
in allen Bereichen, der sich seit den letzten 30 Jahren vollzieht,
transformiert den Gegenstand „Bibliothek“ und mithin
das Instrumentarium der Bibliothekswissenschaft. Man zweifelt mitunter,
dass das Modell eines festen Methoden- und Ideengebäudes an
sich noch stimmig ist. Man überlegt nicht selten, ob wir uns
nicht auf dem Weg in eine mobile oder gar nomadisierende Wissenschaftskultur
befinden, in denen Ideen, Methoden und Erkenntnisse in verschiedensten
Erscheinungsformen flexibel dorthin projiziert werden, wo sie entweder
die mutmaßlich größte Relevanz entfalten oder einfach
nur passend scheinen.
Vielleicht ist das traditionelle Verständnis
von Wissenschaft, wie sie Aufklärung und Moderne forcierten,
schlicht eine buchstäbliche fixe – weil fixierte Idee
– nicht jedoch der einzig sinnvolle und auf Dauer zweckmäßige
Ansatz. Womöglich zerstreut sich nun die Fixierung von Wissenschaft
in bestimmten auf Stabilität angelegten Strukturen der Kommunikation.
Vielleicht verwässert die Ausrichtung der Wissenschaft auf
die Vermeldung von Erkenntnissen als Resultat und wird prozesshafter,
kleinteiliger, permanenter und dynamischer in Repräsentation.
Es durchaus denkbar, dass die Wissenschaft wie wir sie kennen maßgeblich
von ihren räumlich und materiell durchaus begrenzten Kommunikationsformen
bestimmt war. Die begrenzte Mobilität der Zeichen erforderte
eine stärkere Zusammenfassung, den Verzicht auf die Abbildung
von Zwischenschritten, die Linearität der Diskussion.
Die postmateriellen Kommunikationsformen, wie sie
auch Digitalen Bibliotheken zu Grunde liegen, entheben wissenschaftliche
Prozesse nicht zuletzt ihrer Bindung an Orte, die das Material der
Erkenntnisbildung, nämlich die Bücher, Zeitschriften und
Begegnungsräume mit Kollegen und Mitarbeitern vorhielten. Für
all die Disziplinen, deren einzige Hardware Bildschirm, Netzanschluss
und Tastatur sind, bleibt als letzte physische Barriere der Zugang
zu elektrischem Strom und dem Internet. Damit hat sich für
einen Großteil der Wissenschaftler der Arbeitsort zu relativen
Größe entwickelt und ermöglicht eine Dauermobilität.
Analog dazu wird ihre Kommunikation kleinteiliger, schneller, offener
und vor allem hypertextuell vernetzter.
Die Bibliothekswissenschaft erscheint, wo sie sich
mit Entwicklungen im Digitalen befasst, erstaunlich bodenständig.
Sie ignoriert das Thema nicht, ganz im Gegenteil, aber sie erfasst
es entweder in den ihr vertrauten Mustern, oder in denen, die ein
externer Diskurs vorgibt. Was man nur sehr selten sieht, ist, dass
sie die Muster beider Kategorien hinterfragt. Entsprechend wirkt
Methodologie oft überstrapaziert und erscheinen die Ausführungen
zu den Themen überraschend hilflos, selbst oder gerade wo sie
deskriptiv bleiben.
Die Dreifaltigkeit der Bibliothekswissenschaft: Sammeln,
Erschließen, Vermitteln von Information bleibt stabil, wird
in Bezug auf die angesprochene Transformation nicht gleichberechtigt
verfolgt und reflektiert.
Für eine umfängliche Erklärung der
Veränderungsprozesse, ihrer Folgen und Gestaltungsmöglichkeiten,
fehlen im Reparatur-Set bisher die richtigen Instrumente.
Eine Lösungsstrategie, um die verloren geglaubte
Angemessenheit im bibliothekswissenschaftlichen Erkenntnisprozess
wiederzugewinnen, liegt tatsächlich in der disziplinären
Mobilisierung, also einer aktiven Wechselwirkung mit anderen Disziplinen.
Solitäre Deutungsmuster werden durch spezifische diszplinäre
Deutungskompetenzen ersetzt, die erst in Kombination komplexe Phänomene
zu erfassen vermögen. Das Problem dabei: Man strebt bei dieser
Entwicklung hin zu einer methodischen Modularisierung, die jedoch
einer Vereinbarkeit der Verständnishorizonte bedarf. Wo es
in der Inter- oder auch Transdisziplinarität hapert, entdeckt
man häufig schlicht unterschiedliche Sprachen. Wo die Bibliothekswissenschaft
übergreifend valide Erkenntnisse im Bereich der Informationsvermittlung
als Ziel beansprucht, muss sie demnach mehr denn je den sich verästelnden
und pluralisierenden Charakter kommunikativer Praxen einzelner,
oft sich in Teilbereichen vermengender Wissenschaftsgemeinschaften
ins Zentrum der Betrachtung rücken.
Die Bibliothekswissenschaft kann und sollte ihre Position
nicht zuletzt in einem sozusagen interwissenschaftskulturellen Dialog
suchen. Während das Sammeln vorwiegend nach technischen Lösungen
ruft, die Erschließung im Semantic Web immerhin eine
recht eindeutige Orientierung vorfindet, erweist sich die Vermittlung
und mehr noch die in dynamischen Kommunikationsstrukturen Wechselwirkung
der drei Bausteine als wenig beforscht.
An dieser Stelle sehen wir die Risse. Will man die
Fundamente des Fachs ins Digitale hinein erhalten, muss man sie
mehr als Dockingstation verstehen, denn als stämmiges Tragwerk.
Die digitale Wissenschaftskommunikation relativiert die Bedeutung
der Institution Bibliothek für die Wissenschaft. Eine Vielzahl
von Ansätzen der Organisation dieser Kommunikationsprozesse
entwickelt sich parallel, in Überschneidung, in Rückkopplung.
Die Pluralität von Diskursformen, sowohl inhaltlich wie auch
technisch, die teils konkurrierend, teils komplementär gestrickt
sind, zu verstehen sowie Prinzipien zu entwickeln, die diese Entwicklung
adäquat analysieren und nach Möglichkeit, z.B. durch bedarfsnahe
und Komplexität senkende Organisationsmuster begreifbar zu
halten, steht unserer Ansicht nach weit oben auf der Agenda einer
zeitgemäßen Bibliothekswissenschaft.
Eine zentrale Aufgabe von LIBREAS ist, das Gebäude
der Bibliothekswissenschaft vor diesem Hintergrund – und zwar
ergebnisoffen – permanent zu beobachten. Die aktuelle Ausgabe
verstehen wir hierzu als erste Sondierung – nicht nur hinsichtlich
der Inhalte der Ausgabe, sondern bezeichnenderweise auch hinsichtlich
all der Texte, die nicht geschrieben wurden.
Die These vom „Semiotic Turn“ fand, in
den Raum geworfen, weitaus weniger Resonanz als wir – auch
nach Vorgesprächen – vermuteten. Ist die Hinwendung zu
einer Betrachtung von Informationsstrukturen, wie sie ein erweitertes
Verständnis des Semantic Web eigentlich zwangsläufig
einfordert, im Bereich der Bibliothekswissenschaft doch nicht derart
relevant, wie sich die Diskursgemeinschaft gemeinhin selbst versichert?
Ist das Semantic Web in der Bibliothekswissenschaft ein
potemkinsches Netz und eigentlich eindimensional auf geputzte Fassaden
beschränkt, hinter denen sich eine große Leere erstreckt?
Oder ist die Community derart mit sich und der Gestaltung ihrer
semantischen Innovationsschritte beschäftigt, dass sie keine
Zeit findet, Beiträge begleitend zum allgemeinen „Buzzreflex“
um das Thema beizusteuern?
Eine Stichprobe wie die unsere lässt natürlich
keinen Rückschluss zu. Dass das Thema insgesamt nicht als irrelevant
angesehen wird, zeigt u.a. die Tatsache, dass auch andere Zeitschriften
entsprechende Themenausgaben planen (http://www.mdpi.com/journal/entropy/special_issues/cybersemiotics-paradigms).
Nur operieren diese für uns erschreckend fern von den Wurzeldisziplinen
der Informationssammlung, -erschließung und -vermittlung.
Vielleicht erachtet man die Bibliothekswissenschaft in diesem Zusammenhang
tatsächlich als unrettbar überholt. Wir würden dies
bedauern und möchten daher diese Wahrnehmung als Basis für
eine Anschlussdiskussion um den Stand der Bibliothekswissenschaft
in den offenen Diskursraum geben. Selbstverständlich sollte
diese Diskussion andauernd geführt werden. Sie wird aber zu
selten geführt und gern mit dem Argument, man kenne das schon
alles, abgeblockt, bevor man überhaupt in die Nähe eines
Ergebnisses kommt. Also: Fortsetzung folgt – und zwar so lange,
wie notwendig.
Kommentare, Aufsätze, Reflexionen, Anregungen,
etc. bitte an die Redaktion. Für Diskussionen dieser Art bohren
wir die Fixierung auf die Einzelausgaben auf und werden zukünftig
vermehrt auf Preprints setzen, die zeitnah erscheinen.
„Nach der Semantik – Eine
neue linguistische Kehrtwende“
Der konkrete aktuelle Schwerpunkt „Nach der
Semantik – Eine neue linguistische Kehrtwende“ fragt
nach der Notwendigkeit einer Hinwendung zur Semiotik als begrifflichem
Bezugsrahmen für die neue Qualität der automatisierten
Erschließung und Verfügbarmachung z.B. von wissenschaftlichen
Veröffentlichungen. Zunächst führt Katrin Weller
in die Grundidee des Semantic Web ein, um anschließend
auf die Bedeutung von Ontologien als neue Methode der Wissensrepräsentation
hinzuweisen. Noch erscheint die Idee des Semantic Web bei
weitem nicht ausgereift, was nicht zuletzt an der schieren Menge
der zu erschließenden Information sowie dem Mangel an Best
Practice-Erfahrungen liegt. Für die Anreicherung des Semantic
Web blickt die Autorin auf seine Zwischenform, das Social
Semantic Web, welches als eine pragmatische Lösungsstrategie
für die beschriebenen Probleme zu verstehen ist.
Aber auch das Begriffsinstrumentarium der Bibliothekswissenschaft,
das sich am Datenträger Papier orientiert, scheitert gegenüber
der fortschreitenden Digitalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation.
Jakob Voß hinterfragt daher, inwieweit der Dokumentenbegriff
der Bibliothekswissenschaft in diesem Zusammenhang noch angemessen
ist. Eine Sammlung von Daten mag zwar hierfür eine notwendige
Bedingung sein. Hinreichend für die Begriffsdefinition eines
Dokumentes sei allerdings, dass die Daten entsprechend modelliert
und sich in den Formaten wieder finden lassen.
Dass die aktuelle bibliothekswissenschaftliche Debatte
auf Metaphern baut, ist der Ausgangspunkt des Beitrages von Cornelius
Puschmann. Die metaphorische Beschreibung der digitalen Wissenschaftskommunikation
lässt sich dabei als eine Art Platzhalter verstehen, insofern
sie sich mehr oder weniger stark am Datenträger Papier orientiert.
Ihr Gebrauch weist damit auf konzeptionelle Lücken hin, die
es in Zukunft zu füllen gilt.
Zwei Beiträge nähern sich abschließend
dem Schwerpunkt von der bibliothekarischen Praxis an. Dirk Wissens
Ausgangspunkt ist das Dienstleistungsangebot einer wissenschaftlichen
Bibliothek. Er beschreibt, welche Konsequenzen die verteilte Nutzung
von Medien in virtuellen Räumen auf Bibliographien, Kataloge
und OPACs hat. Kristen Radcliff Clark adaptiert das Konzept der
Intertextualität für die Untersuchung und Herausbildung
der Lese- und Schreibfähigkeit von Heranwachsenden und gibt
damit einen Vorgeschmack auf unsere kommende Ausgabe zum Thema „Kinder
und Bibliotheken“.
„Open Access und Geisteswissenschaften“
Der zweite Schwerpunkt lässt sich als direkte
Fortführung der LIBREAS-Ausgabe 14 verstehen und ist selbst
ein Beispiel für die veränderten Publikationsstrukturen
bei webbasierten Diskursen. Er wurde offen auf Preprint-Ebene im
LIBREAS-Weblog geführt (libreas.wordpress.com)
und findet in dieser Ausgabe eine vermutlich nahezu willkürlich
gesetzte Fixierung, die ebenfalls als Einladung zur Weiterführung
des Diskurses gedacht ist. Uwe Jochum, Joachim Eberhardt und Joachim
Losehand diskutieren durchaus mit Verve und nicht zuletzt auf dem
Pflaster einer den Sommer 2009 bestimmenden harten Diskussion um
das Wissenschaftsurheberrecht.
Die darin kollidierenden und mittlerweile auch verschmelzenden
Fragen zielen alle in die Richtung, wie denn der rechtliche und
damit auch der praktische Rahmen für das wissenschaftliche
Publizieren in digitaler Form perspektivisch aussehen soll. Besonders
interessant wird die Problematik, wenn man nicht von einer homogenen
Wissenschaftskommunikation ausgeht, sondern eine Pluralität
der Kommunikationspraxen akzeptiert, die mitunter sogar intradisziplinär
anzutreffen ist. Hier ist der letzte Aufsatz zum Thema noch lange
nicht verfasst.Vermutlich sind die drei vorliegenden mehr als Vorläufer
zu den Diskussionen, die noch kommen werden, zu verstehen. Betrachtet
man, wie sehr bestimmte Begriffe in den letzten Monaten geschärft
wurden, so zeigt sich, dass auch rhetorisch die Netiquette oder
den gesunden Menschenverstand mitunter zuwiderlaufende Debattenbeiträge,
als Ausprägungen einer letztlich doch fruchtbaren Diskussion
ihre Funktion erfüllen: Sie stecken die Grenzen des Sagbaren,
also den Diskursrahmen ab, und ermöglichen damit eine fokussierte
Anschlussdiskussion.
und einiges mehr...
Einen anderen, fast möchte man sagen: waidwunden,
Punkt des Internetrechts demonstriert ein Beispiel aus der schulbibliothekarischen
Blogosphäre. Wie unsicher das Terrain ist, auf dem man sich
beim Publizieren im WWW bewegt, zeigt u.a. auch die Tatsache, dass
wir nach Einholung einer internetrechtlichen Expertise zwei Zitatstellen
in Umschreibungen abwandelten, um eine Angreifbarkeit an dieser
Stelle auszuschließen. Man mag dies als übervorsichtig
werten, aber es hat sich aus nachvollziehbaren Gründen niemand
im Redaktionsteam gefunden, der ein großes Interesse an einem
länger währenden rechtsanwaltlichen Briefwechsel hegt
und mögliche Bildungsreisen an den entsprechenden Verhandlungs-
bzw. Gerichtsstandort, der dank der hiesigen Rechtsordnung irgendwo
zwischen Bad Reichenhall und Greifswald liegen kann, unternehmen
will.
Dazu gibt es in der wohlgeordneten Ausgabe Nummer
15 noch ein Bündel Rezensionen, wobei sich zwei der Besprechungen
mehr oder weniger direkt an den semiotischen Schwerpunkt dieser
Ausgabe anlehnen.
Ansonsten dürfte es wenigstens unserer Stammleserschaft
nicht entgangen sein, dass wir dem Erscheinungsbild eine etwas veränderte
Form gegeben haben. Hierzu und zu allem anderen auch wünschen
wir uns zahlreiche Rückkopplungen und ansonsten hoffentlich
die eine oder andere Erkenntnis bei der Lektüre.
Ihre und Eure LIBREAS. Library Ideas-Redaktion
20. Oktober 2009 |