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Wissen Sie, wie sich zukünftig Bibliografien, Kataloge und
OPACs bedienen lassen? Wenn wir über die Zukunft von Bibliografien,
Katalogen und OPACs nachdenken, denken wir dann zunächst an
Medienverzeichnisse oder an offene, kommunikative Webportale, die
es jedem ermöglichen, sich nach Art des Web 2.0 an der Erfassung
der bibliografischen Daten zu beteiligen? Wenn wir mediale Internetangebote
des Web 2.0 genauer betrachtet, bieten diese mehr als lediglich
die Verzeichnung von Medien. Es zeigt sich, dass angesichts aktueller
Entwicklungen in Richtung Web 2.0 die Frage neu gestellt werden
sollte, in welcher Form zukünftig mediografische Portale ihren
Nutzen haben könnten. Beispielsweise könnte ein OPAC 2.0
jedem Interessenten einen individuellen Zugang zu einem Informationsraum
offerieren, der sich funktionell ganz den eigenen Bedürfnissen
und Wünschen des Bibliotheksnutzers anpasst und nicht nur Zugang
zu Informationen ermöglicht, sondern auch vollmedialen Zugriff,
inhaltliche Verweisfunktionen, erweiterten Service sowie Kommunikationsfunktionen.
Die Antwort lautet also, dass Archive und Bibliotheken
mehr über mediografische Portale nachdenken sollten und nicht
über Bibliografien, Kataloge und OPACs! Eine darauf folgend
wichtige Frage ist, ob diese Portale sowohl inhaltlich als auch
funktionell nicht nur unseren Archiv- und Bibliotheksnutzern mehr
Service bieten, sondern auch einen höheren Zweck für Archive
und Bibliotheken selbst darstellen?
Die Online-Techniken des Web 2.0 und dessen Portale
offerieren virtuelle Welten und neue Möglichkeiten zum Aktiv-
und Produktivsein, also insgesamt zum Proaktivsein unserer Nutzer.
Die Betrachtung solcher Internetangebote zeigt, dass sich mediografische
Angebote bereits in einer Entwicklung befinden. Doch wenn es eine
solche Entwicklung gibt, muss überlegt werden, wie Archive
und Bibliotheken sich hierbei einbringen können. Somit zeichnet
sich bei diesem Thema eine Brisanz ab. Denn zu bedenken ist, dass
mediografische Daten bereits in Rechercheergebnissen bei Online-Datenbanken,
Internet-Suchmaschinen, Online-Enzyklopädien oder anderen Angeboten
eine Rolle spielen.
Zu beobachten ist zudem, dass immer mehr Archive
und Bibliotheken auf ihren Websites die Möglichkeiten des Web 2.0
integrieren. [Fn
1] Durch welche
Funktionen das Web 2.0 sich definiert, zeigt sich an der folgenden
Auswahl der wohl bekanntesten Websites: Biblionik |
www.biblionik.de, B.I.T. Wiki | www.b-i-t-wiki.de,
BitTorrent | www.bittorrent.com,
Blog.Com | http://blog.com,
CiteULike | www.citeulike.org,
del.icio.us | http://del.icio.us,
Facebook | www.facebook.com,
Flickr | www.flickr.com,
Google AdSense | www.google.com/adsense,
ICQPhone | www.icq.com,
LibraryThing | www.librarything.de,
MySpace | www.myspace.com,
Podcastalley | /www.podcastalley.com,
Mevio | www.mevio.com,
UpComing | http://upcoming.org,
Wikipedia | www.wikipedia.org,
Wikisource | http://de.wikisource.org,
YouTube | http://www.youtube.com.
Sie zeigen, dass das „Soziale Netzwerk“ nicht nur eine
Bedeutung für unsere soziale Daseinsstruktur hat, sondern auch
für die Informationsherstellung und -verarbeitung (Austausch,
Speicherung und Vernetzung von Information und Wissen), da so ein
existenzielles Interesse unserer Informationsgesellschaft bedient
wird. Prämissen unserer Informationsgesellschaft sind lebenslanges
Lernen (Life-Long-Learning), Informationskompetenz (Information-Literacy)
und Informations- bzw. Kommunikationsfähigkeiten (ICT-Skills).
Information ist aus dieser Perspektive betrachtet ein aktives und
Wissen ein bedienendes Element. Wissen ist dementsprechend ein passives
und vorausgesetztes Element. Die Information ist als Vermittler
von Wissen zu verstehen, welches sich wiederum unter zwei Aspekten
betrachten lässt: Um Information zu aktivieren oder neu entstehen
zu lassen, muss einerseits Wissen zur Verfügung stehen, andererseits
ist es ein Orientierungselement, um mit Informationen umzugehen.
Und es existiert eine weitere Perspektive, bei der mit der Anreicherung
durch neue Informationen wieder neues Wissen generiert werden kann.
Betrachtet man diese Beziehung zwischen Information
und Wissen systematisch, bietet sich eine Assoziation zu den strukturierten
Verhältnissen zwischen Information und Wissen in Archiven und
Bibliotheken an (Informationsgesellschaft). Wird die Beziehung zwischen
Information und Wissen hingegen nicht systematisch linear oder strukturiert
vernetzt, sondern als offener Raum betrachtet, bietet sich ein Vergleich
mit dem Internet an, in dem theoretisch jede Person und Institution
durch ein Portal eintreten und ihr Wissen als Information im virtuellen
Raum zur Verfügung stellen kann (Wissensgesellschaft).
Verzeichnisse wie z. B. Bibliografien und Kataloge
enthalten bzw. speichern Informationen über Medien, die wiederum
Wissen vermitteln. Um dieses Wissen zugänglich zu machen, wird
die bibliografische Information genutzt. Für den Umgang mit
diesen Verzeichnissen wird wiederum Wissen benötigt, um Informationen
zu erfassen und zu gewinnen – hierbei ließe sich vom
„bibliographischen Wissen“ sprechen. Somit haben Bibliografien,
Kataloge und OPACs einen Informationswert. Doch welchen Bedarf und
Nutzen bedient dieser Informationswert? Gibt es einen Bedarf zur
Weiterentwicklung von mediografischen Information bzw. Daten, an
deren Erfassung sich der Nutzer beteiligen kann? Kann auch zukünftig
ein Nutzen durch das Informationshilfsmittel „Bibliografie,
Katalog und OPAC“ im Gebrauch durch Archive und Bibliotheken
und deren Nutzer gewährleistet werden? In Zeiten digitaler
Medien, elektronischen Publizierens und elektronischer Informationsverbünde,
in denen Online-Techniken des Semantic-Web, des Web 2.0 oder virtuelle
Welten neue Möglichkeiten zum Aktiv- und Produktivsein bieten,
sind diese Fragen nahe liegend.
Das Web 2.0 und die Möglichkeiten der virtuelle
Welten zum Aktiv- und Produktivsein sind schließlich nicht
als neue Version des WWW zu verstehen, vielmehr kennzeichnen sie
innerhalb des WWW eine Entwicklung, welche die Nutzer zum proaktiven
Mitmachen auffordert. Bestimmte Websites bieten einen inhaltlichen
wie materiellen Austausch und die Möglichkeit zur Kommunikation..
Die Grundprinzipien der Websites des Web 2.0 sind: als Einstiegsseite
zu gelten; die Möglichkeit zu bieten, Inhalte zu ergänzen;
nötige Software online und als kostenlosen Service zugänglich
zu machen statt als Ware; offene Schnittstellen zu bieten und ein
Angebot für unterschiedlichste Endgeräte offen zu halten,
sowie die Benutzung durch eine klare und simple Usability zu ermöglichen.
Diese Betrachtung der Proaktivität durch die Nutzer wirft,
bezogen auf OPACs, natürlich wieder neue Fragen im Bezug auf
die Informationsaufbereitung und die Informationsqualität auf.[Fn
2]
Doch eine Zukunft ist nur in offenen Informationsräumen
zu sehen, in die traditionelle bibliografische Informationen mit
entsprechenden Funktionen integriert werden. Ein solcher Informationsraum,
z. B. ein mediografisches Portal, könnte die Form einer Mediografie
oder Wikigrafie haben.
Die Varianten einer Mediografie und einer Wikigrafie
sind derzeit noch Zukunftsbilder, welche im Folgenden, beruhend
auf eine Studie an der Universität Wien[Fn
3], in Form zweier
Szenarien beschrieben werden. Hierdurch sollen normalerweise unternehmensspezifische
Chancen und Risiken aufgeführt und somit Planungsüberlegungen
angeregt werden.[Fn
4] Die folgenden Szenarien können
somit als Grundlage für eine strategisch unternehmerische Planung
für Archive und Bibliotheken dienen.
Die Variante Mediografie
Verzeichnet werden mit einer Mediografie unterschiedlichste
Informationsangebote, wie z.B. Online-Ressourcen und Websites. Ein
Grund hierfür ist, dass immer mehr Bestandsverzeichnisse online
zugänglich sind und immer mehr Autoren ihre Dokumente selbst
ins Netz stellen. Die Mediografie bietet für die Erschließung
einen Zugang zu diesen Dokumenten und für die Nutzer einen
Informationsraum. Der Mediografie fällt hierbei wegen ihrer
Möglichkeit der Informationsvisualisierung eine wichtige Rolle
zu, wie sie z.B. durch Cover-Abbildungen und gescannte Inhaltsverzeichnisse
oder vollmediale Digitalisate bereits existieren. Die Verzeichnung
dieser Digitalisate ließe sich inhaltlich ergänzen durch
weitere virtuelle Nachschlagewerke, wie beispielsweise Adressbücher,
Atlanten, Datenbanken, Lexika oder Wörterbücher.
Der Begriff Mediografie bezieht sich hierbei auf fünf
Aspekte: Auf die Ausweitung der Verzeichniskategorien (Dokumente,
Informationen, Medien, Sammlungen, Websites etc.), auf die Verzeichnung
aller Medientypen (Buch, CD, DVD, Hörfunk, TV etc.), auf die
Vielfalt der Medienformate (Bild, Text, Ton etc.), auf die Inhalte
(allgemeine wie wissenschaftliche Informationen und Medien) und
auf die Internet-Medien (Blog, E-Mail, Podcast, RSS, Twitter, Vodcast
etc.). Durch diese Expansion wird es Primär- und Sekundärdaten
in den verschieden Informationsebenen geben und es werden nicht
mehr nur die konventionellen ISBN- und ISSN-Medien verzeichnet.
Das Medienverzeichnis rückt somit in den Hintergrund.
Es geht um die Verzeichnung von Inhalten und um Verzeichnisanreicherungen
(Abstracts, Bilder, Dokumente, Inhaltsverzeichnisse, Rezensionen
etc.) sowie deren Vermittlung und den Zugriff auf diese. Die Mediografie
ist ein „Inhaltsverzeichnis“, bei dem die Informationsvermittlung
und die dazu gehörige Vermittlung von Informationskompetenz
eine große Rolle spielen und somit den Institutionen eine
neue Chance zur Kommunikation mit den Kunden geboten wird. Sie verzeichnet
zwar alle Medientypen, doch definiert sich die Mediografie durch
die Inhalte, die sie verzeichnet und durch die beschriebenen Kommunikationsfunktionen.
Das multimediale Angebot bietet ein Ineinandergreifen von Bild und
Wort und ist durch crossmediale Verweisfunktionen als eine aufbereitete
Informationsquelle von unzähligen strukturierten Einzelinformationen
zu verstehen. Sie ist interaktiv nutzbar und bietet qualitätsgeprüfte
Links vieler Institutionen. Sie vermittelt nicht nur eine umfangreichere
Verzeichnung aller Medientypen, sondern auch eine Ausweitung der
Verzeichnungsstruktur.
Die Variante Wikigrafie
Der Unterschied zwischen Mediografie und Wikigrafie
ist, dass bei der Wikigrafie jeder sein Wissen persönlich einbringen
kann. Der Nutzer kann zum Anbieter, der Anbieter zum Nutzer werden
und wird zu dieser Aktivität sogar aufgefordert. Der entscheidende
Aspekt bei der Wikigrafie ist die Einbeziehung der Nutzerinteressen
sowie des Nutzerwissens in Form proaktiver Arbeitskraft. Das birgt
Nachteile und Vorteile. Erste Ansätze dieser Einbeziehung der
„Nutzerarbeitskraft“ für die Verzeichnung gibt
es beispielsweise bereits bei der Bibliothek der Pennsylvania Universität
| http://tags.library.upenn.edu,
die ihre Nutzer für die Verschlagwortung durch so genannte
PennTags einbezieht.[Fn
5]
Diese Einbeziehung von Nutzern bietet perspektivisch nicht nur die
Möglichkeit, das Verzeichnis mit zu erfassen, sondern auch
Dokumente und Inhalte durch den Nutzer selbst einbinden und kommentieren
zu lassen. Ein Vorteil der Wikigrafie besteht darin, dass durch
sie Einzelfragen eine größere Chance haben, beantwortet
zu werden, da die Nutzer sich untereinander Antworten geben können,
die in ihrer Masse durch Archive und Bibliotheken nicht beantwortet
hätten werden können. Hier ließen sich von den Nutzern
inhaltliche Schwerpunkte setzen und beispielsweise durch Literaturhinweise
die Erwerbungspraxis durch die Nutzer deutlicher als bisher beeinflussen.
Außerdem ließen sich in Wikigrafien einzelne
OPACs verschiedener Institutionen als Mikrosammlung zusammenfassen.
Dies kann das Problem lösen, dass der Recherchierende (gleich
ob Auskunftspersonal oder Nutzer) gar nicht weiß, zu welchem
Autor oder zu welchem Thema es ein noch unveröffentlichtes
Literaturverzeichnis gibt oder woran gerade zeitgleich, aber noch
unveröffentlicht geforscht wird. Es ist davon auszugehen, dass
sich mit einer solchen Wikigrafie ein enormer Rechercheaufwand auffangen
und ein aktueller Forschungsaustausch ermöglichen ließe.
Ein weiterer Vorteil der Wikigrafie kann in der Einbeziehung semantischer
Verknüpfungen gesehen werden. Diese könnten nicht nur
durch automatisierte Prozesse entstehen, wie sie derzeit bezüglich
des Semantic Web diskutiert werden, sondern auch durch Verknüpfungen,
die durch Nutzerwissen intellektuell erzeugt werden, indem beispielsweise
Links gesetzt oder inhaltliche Supplemente wie Abstracts, Anmerkungen,
Inhaltsverzeichnisse etc. eingefügt werden.
Eine Wikigrafie ermöglicht somit einerseits,
dass eine größere Datenmenge verzeichnet werden kann,
als dies allein durch das Personal von Archiven und Bibliotheken
möglich wäre. Andererseits beinhaltet dies auch die Gefahr
einer größeren Ungenauigkeit der verzeichneten Daten
im Vergleich zu Bibliografien, Katalogen und OPACs bzw. Mediografien.
Doch zu bedenken ist auch, dass sich die Inhalte durch Selbstregulierung
verbessern lassen und dies möglicherweise zur Folge hat, dass
sogar genauer verzeichnet wird. Unter dem Blickwinkel der Aktualisierung,
können die Einträge als qualitätsvoller bezeichnet
werden, da sich die Aktualität durch den Zugang mittels Wiki-Technologie
erheblich erhöhen ließe. Dieser Vorteil ließe sich
unter Umständen auch bei der bibliographischen Arbeit von Bibliotheken
nutzen, die keine Beteiligung von Nutzern zulassen wollen.
Die angebotenen Inhalte der Wikigrafie orientieren
sich somit zukünftig stärker an den allgemein vorhandenen
Interessen und dem Wissen der Nutzer. Der Nutzer erfüllt die
Rolle des Datenerfassers bzw. -erstellers, Kritikers, Lektors bzw.
Rezensenten.
Sollten zu einem Schriftsteller oder einem Thema keine
Grunddaten verzeichnet sein, könnten Rechercheanfragen als
Eckdaten automatisch über ein Webformular erfasst werden. Existieren
stattdessen Daten zur Fragestellung des Nutzers, erhält er
ein Rechercheergebnis. Diese frei erfassten Daten können nach
Prüfung durch eine entsprechende Institution als korrekter
Grunddatensatz zertifiziert werden. Durch die Möglichkeit der
Beteiligung von Anwendern an der Erfassung wird die inhaltliche
Qualität mediografischer Einträge nicht sinken, da es
auch eine Ebene gesicherter Informationen geben wird. So wird dieses
skizzierte mediografische Literaturportal eine auf Wiki-Technologie
basierende Erfassungsebene haben müssen.
Eine Wikigrafie wäre somit ein allgemein zugänglicher
und ein durch Wissen anzureichender Informationsraum. Die Frage
ist nur, an welcher Stelle Abgleicharbeit notwendig wird bzw. sogar
geleistet werden muss, um diese Informationsquellen handhabbar und
übersichtlich zu gestalten. Hier müssen ein Monitoring
und begleitende Regularien eingesetzt werden. Die bisherigen Kooperationsformen
der Archive und Bibliotheken sind bereits so ausgefeilt, dass es
sich diesbezüglich bei der Realisierung einer Wikigrafie lohnt,
auf das Fachwissen dieser Institutionen aufzubauen. Würden
sich ein Archiv oder eine Bibliothek für eine Wikigrafie entscheiden
und Nutzern, ungeachtet aller qualitativen Bedenken, die Beteiligung
an der Verzeichnung von Medien, als eine Art demokratischen Akt
ermöglichen, drängen sich Negativbeispiele aus der freien
Wirtschaft auf. In ähnlichen Versprechen der Demokratisierung
werden bereits Aufgaben einfach an Kunden ausgelagert und dann gestrichen
oder als gesondert zu zahlender Service eingerichtet. Es besteht
die Gefahr, dass aus Kostengründen aus einer Beteiligung von
Nutzern mit der Zeit eine Pflicht der Nutzer wird, unbezahlt etwas
beizutragen. Dies kann nicht nur in Möbelhäusern passieren,
in denen der Kunde die Arbeit eines Tischlers aufgedrängt wird,
dies passiert bereits in Online-Buchhandlungen, beim Online-Fahrkartenkauf
und diversen anderen Web-Angeboten; und dies kann bei einer zu naiven
Herangehensweise auch bei einer Wikigrafie geschehen.
Alternative Varianten
Doch kann es neben der Mediografie oder Wikigrafie
weitere Alternativen geben. Eine noch undefinierte Variante wäre
beispielsweise, die beschriebenen Vorteile der Mediografie und der
Wikigrafie auszuschöpfen und deren Nachteile zu überbrücken,
indem eine auf Wiki-Technologie basierende Ebene innerhalb der Mediografie
realisiert wird. Hier kann der Anwender selbst Supplemente inhaltlicher
Beschreibungen und Bewertungen zu den Dokumenten und Informationen
erstellen. Es gäbe eine weitere Ebene mit der von den Archiven
und Bibliotheken qualitätsgeprüfte Inhalte erfasst werden,
welche auf einem festgelegten archivarischen bzw. bibliothekarischen
Qualitätsstandard gründen.
Weitere Alternativen wären beispielsweise eine
Chrono-Grafie (eine Bibliografie, die in chronologischer Reihenfolge
die Daten verzeichnet), eine Bio-Mediografie (die auf biographische
Daten verweist), eine analytische Mediografie (die nicht nur verzeichnet,
sondern auch kommentiert und beurteilt). Möglich wäre
auch eine Multimedia-Grafie mit Hör- und Sehbeispielen, ein
Geo-Mediografie, die Standorte bestimmter Medien und Sammlungen
verzeichnet z. B. über Informationsdienste wie GoogleEarth
(http://earth.google.de) oder WorldWind (http://worldwind.arc.nasa.gov)
oder eine Lexiko-Mediografie, die neben der Medienbeschreibung und
-verzeichnung als Informationsquelle fungiert wie ein Adressbuch
oder Lexikon bzw. Wörterbuch. Darüber hinaus sollte über
Varianten eines Cyberspace-ähnlichen virtuellen Bibliotheksraums
wie bei SecondLife spekuliert werden, in dem der Image-Katalog eine
interessante Rolle spielt und der Nutzer als Avatar wieder konventionell
aber virtuell blättern und lesen kann, wie in traditionellen
Verzeichnissen: Mögliche Alternativen ließen sich unter
diesem Aspekt z. B. als Avatar-Grafie, Cyber-Grafie, E-Science-Grafie,
Grid-Grafie, Metagrafie2.0, SecondLife-Grafie, Virtuelle-Grafie
oder dergleichen bezeichnen.
Fazit
Die beiden beschriebenen Szenarien einer Mediografie
und Wikigrafie bieten eine orientierende Basis für Entscheidungen
im Rahmen der strategischen Überlegungen.. Mit den beiden Varianten
und der Entwicklung von der bibliografischen zur mediografischen
Information sollten mögliche Momente in einem gegenwärtigen
Prozess der Veränderungen beschrieben werden. Damit stellt
sich für Archive und Bibliotheken nicht die Frage, ob sie eine
dieser Modellvarianten umsetzen, sondern wie sie den Anschluss an
diesen Veränderungsprozess nicht verpassen und welche Maßnahmen
hierzu zu ergreifen sind. Institutionen, die sich einem solchen
Portalprojekt verpflichten, muss aber auch bewusst sein, dass dies
nicht nur Potenzial bedeutet, sondern auch Auswirkungen auf ihre
Aufgaben hat. So muss die Beteiligung an einem solchen Literaturportal
zu einer längerfristigen Profilaufgabe werden, um einen Nutzwert
für die Institution und ihre Nutzer zu erzielen. Somit wird
sich die mediografische Funktion solcher Projekte in das unternehmerische
Leitbild der Institutionen übertragen und als kooperative Strategie
formuliert werden müssen.
Archive und Bibliotheken werden in Zukunft Alternativen
zu ihrem bisherigen mediografischen Werk und OPACs konzipieren müssen.
Gegebene Standards der Datenerfassung erweisen sich so als sehr
wertvoll, da sie die Basis zur Konvertierung von Daten und zur Kooperation
unter den Institutionen mit neuen Systemen bilden. Diese Standards
müssen fortlaufend definiert werden. Die Unterscheidbarkeit
von Bibliografien, Datenbanken und OPACs oder Suchdienst bzw. Informationsportal
oder -raum wird für die Nutzung zukünftig obsolet. Wichtig
ist, dass diese Informationen öffentlich zur Verfügung
stehen und sich den zukünftigen Informationsspeichern und -wegen
anpassen, um nicht an Wert zu verlieren. Auch eine heute definierte
Mediografie oder Wikigrafie kann nur eine Beschreibung auf dem Weg
in die Zukunft sein.
Solange der Archiv- bzw. Bibliotheksnutzer Zugang
zu Informationen und Medien erhält, ist das wichtigste Ziel
erreicht. Der Nutzer dieser Informationen wird erst mal nicht fragen,
wer diese Daten zur Verfügung stellt. Und wenn Archive und
Bibliotheken den Anschluss bei der Entwicklung eines proaktiven
Literaturportals in Form einer Mediografie oder Wikigrafie verpassen,
die für diese Institutionen nur durch eine Kooperation untereinander
und mit Partnern möglich ist, wird es andere geben, die ein
solches Projekt initiieren. Es steht weniger die Frage im Vordergrund,
ob Archive und Bibliotheken sich öffnen und sich an andere
Firmen, Institutionen, Personen, Vereine oder gar Branchen wenden,
um eine Projektbeteiligung anzubieten, sondern eher, ob und wann
sie sich dieser Aufgabe stellen. Archive und Bibliotheken haben
eine gesellschaftliche Verantwortung für die Bereitstellung
mediografischer Informationen und den sich dahinter befindlichen
Dokumenten und Medien. Denn auch wenn herkömmliche Bibliografien
und OPACs ausgedient haben, bedarf es weiterhin unabhängiger
und öffentlich zugänglicher sowie qualitätsvoll aufbereiteter
mediografischer Informationen zur zielgerichteten Vermittlung von
Informationen und Wissen.

Fußnoten
[Fn 1] Vgl. Figge, Friedrich
/ Kropf, Katrin: Chancen und Risiken der Bibliothek 2.0: Vom Bestandsnutzer
zum Bestandsmitgestalter, in: Bibliotheksdienst, 41 (2007), 2, S.
139-149 <http://eprints.rclis.org/archive/00008778/01/Figge_Kropf.pdf;
15.01.2008> (zurück)
[Fn 2] Vgl.
Rittberger, M.: Informationsqualität In: , R.; Seeger, Th.
und Strauch, D.: Grundlagen der praktischen Information und
Dokumentation, Müchen, 2004, S. 315 ff. (zurück)
[Fn3]Vgl.
Wissen, D.: Zukunft der Bibliografie – Bibliographie der Zukunft,
Berlin, 2007 (zurück)
[Fn4] Vgl. Mißler-Behr,
M.: Methoden der Szenario-Erstellung – In: Gausemeier, J.
[Hrsg.]: Die Szenario-Technik – Werkzeug für den Umgang
mit einer multiplen Zukunft, Paderborn, 1995, S. 44 ff.
(zurück)
[Fn5] Vgl.
Figge, F. und Kropf, K.: Chancen und Risiken der Bibliothek 2.0:
Vom Bestandsnutzer zum Bestandsgestalter. In: Bibliotheksdienst,
Jg. 41, Heft 2, Berlin, 2007, S. 139.
(zurück)

Dirk Wissen ist Direktor der Stadt-
und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder).
Er studierte Bibliothekswissenschaft und Germanistik in Hamburg,
Berlin und Wien. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Lese- und Literaturförderung
sowie die Vermittlung von Informations-, und Medienkompetenz, Kooperationen
mit Bildungs- und Kulturpartnern und Veranstaltungs- und Öffentlichkeitsarbeit.
Aktuelles Projekt ist die Koordination und Moderation der Fernsehsendung
„Wissen trifft... – Das Kulturgespräch an der Oder”,
eine Literaturvermittelnde Kulturveranstaltung.
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