| Rezension
Ball, Rafael; Tunger, Dirk: Bibliometrische Analysen – Daten,
Fakten und Methoden: Grundwissen Bibliometrie für Wissenschaftler,
Wissenschaftsmanager, Forschungseinrichtungen und Hochschulen.
Jülich: Eigenverlag der Forschungszentrum Jülich GmbH,
2005, 81 S.
ISBN: 3-89336-383-1, Preis: 21 Euro
von Walther Umstätter (info)
Was ist die Zielgruppe dieser Broschüre?
Auf S. 47 werden die „Praktiker“
deutlich hervorgehoben, von denen es dort heißt, dass sie
noch immer der „Digitalen Bibliothek“ hinterherlaufen.
Und es ist durchaus richtig, dass die internationale Theorie der
Bibliothekswissenschaft mit Bibliometrie, Szientometrie, Entwicklungen
in der Semiotik, Wissensorganisation etc. der deutschen Bibliothekspraxis
in erheblichem Maße vorauseilt. Insofern ist es zu begrüßen,
dass diese Zeilen als „erhellende Lektüre“ für
„die nicht Statistiker oder Bibliometriker“ (S.7) gedacht
sind. Der Text selbst ist ein schöner Beleg dafür, dass
sich die Erkenntnism der Bedeutung von Bibliometrie bzw. Szientometrie,
um die es hier eigentlich geht, langsam durchsetzt. Dieser Durchbruch
war allerdings bisher mühsam, obwohl man ihn längst hätte
erwarten müssen, wenn man bedenkt, wie teuer Wissenschaft ist.
Viele Aus- bzw. Vorhersagen in
der Szientometrie waren bislang allerdings nicht selten grob fehlerhaft
oder andernfalls höchst unscharf. Hierfür liefert die
Abbildung 2 (S. 28) ein schönes Beispiel, wenn dort, nach „Horx“,
Interdisziplinarität höchst schematisch durch die Relationen
von Wissenstiefe und Wissensbreite dargestellt wird, ohne dass beide
Parameter als messbare Größen angegeben werden. Bibliometrie
ohne statistische Grundkenntnisse ist per definitionem zum Scheitern
verurteilt. Nicht weniger wichtig sind aber auch bibliothekarische
und wissenschaftstheoretische Grundlagen. Schon allein die Tatsache,
dass viele Annahmen der Wissenschaftsforschung noch immer auf Vorstellungen
der klassischen papierzentrierten Bibliothek und auf Thomas Kuhns
Beobachtungen [Fn1]
aus der Little Science beruhen, macht deutlich, wie weit
viele Laien auf diesem Gebiet von der heutigen Realität noch
entfernt sind.
Eine der ersten Erkenntnisse von Bibliometrikern
und Szientometrikern ist daher immer wieder, dass zu viele Laien
ohne ausreichende statistische und bibliothekarische Grundkenntnisse
auf diesem Gebiet publizieren. Dieser Gefahr ist das vorliegende
Heftchen an einigen Stellen auch nicht entgangen, wenn es den Eindruck
zu vermitteln versucht, die Bibliothekspraktiker oder auch die Wissenschaftsmanager
könnten auch ohne die notwendige Grundausrüstung in dieser
Wissenschaft sinnvoll voranschreiten.
Dass Versuche dieser Art zum Scheitern
verurteilt sind, belegt u.a. das Beispiel auf S. 28 bzw. 30, wo
– durchaus berechtigt – die Messbarkeit von Interdisziplinarität
im Sinne von Braun und Schubert [Fn2]
bezweifelt wird. Dass die Bibliometrie allerdings seit 1935 im Bradford’s
Law of Scattering ein erstaunlich gutes Instrument zur Bestimmung
von Interdisziplinarität besitzt, sollte nicht verkannt werden.
Dass „Havemann (2002)“ und
andere Autoren ohne Initiale genannt, aber nicht mit Quelle zitiert
werden, ist nicht nur unwissenschaftlich, es ist ärgerlich,
denn es führt sozusagen die Zitationsanalyse in einer Schrift
über Bibliometrie ad absurdum.
Es ist auch zu kritisieren, dass am Beispiel
„Ultramicrotomy“ versucht wird, bibliometrische Trendforschung
zu demonstrieren. Denn so fragwürdig die Definition des Begriffes
Trend für sich schon ist, so klar ist es, dass im Science Citation
Index die Recherche anders verläuft als bei der Datenbank Medlars.
Hier kommt es also zu einem gravierenden methodischen Fehler. Dass
Ultramicrotomy bei PubMed wenig mit Materialforschung zu
tun hat, lässt sich im MeSH Thesaurus unter „technique
of using a microtome to cut thin or ultrathin sections of tissues“
leicht erkennen. Mit diesem medizinisch relevanten Deskriptor werden
also Dokumente geindext, die diese Technik einsetzen. Zwangsläufig
kommt es damit zu einem dieser typischen Fehlschlüsse, für
die die Szientometrie so bekannt ist. Denn die Annahme, dass die
Werte im SCI niedriger liegen, weil dort „die Hürde der
referierten Zeitschriften zu nehmen“ sei, ist für den
Kenner dieser Materie schlicht abwegig.
Die Broschüre ist von der Aufmachung,
vom Inhalt und vom Umfang her am ehesten im Rahmen einer promotion
action zur Verbreitung szientometrischen Gedankenguts zu sehen.
Dafür ist sie grafisch, farblich und mit kurzen Texten geeignet.
In diesem Sinne ist ihr Erscheinen auch zu begrüßen.
Sie birgt allerdings die Gefahr, den Eindruck zu erwecken, dass
man ein Fachgebiet als Praktiker so nebenher einsetzen und nutzen
kann, das an bibliothekarischen Ausbildungseinrichtungen schon seit
einigen Jahrzehnten gelehrt wird, und dort wegen der erforderlichen
statistischen Kenntnisse nicht immer beliebt war. Umso wichtiger
ist es aber, darauf hinzuweisen, wie notwendig es ist, diesen Wissenschaftszweig
professionell auszubauen.
Man sollte gerade bei diesem Grundwissen
deutlich darauf hinweisen, dass man auch in der Biblio- und Szientometrie
nicht auf halbem Wege stehen bleiben darf, wenn man Halbwissen verhindern
will, das nicht selten gefährlicher, weil einseitiger ist,
als kein Wissen. Aber aller Anfang ist schwer, und diesen Anfang
kann das Heftchen von Ball und Tunger erleichtern helfen.
Fußnoten
[Fn 1]
Kuhn, Thomas Samuel (1967): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.
Frankfurt am Main: Suhrkamp (zurück)
[Fn 2]
Vgl. auch Glänzel, W., & Schubert, A. (2003). A new classification
scheme of science fields and subfields designed for scientometric
evaluation purposes. In: Scientometrics, 56(3), 357-367. (zurück)

|