| Stadtbibliothek – Mediathek
in Reims
Zwei Seiten einer Medaille
von Elisabeth Simon (info)
Kennen Sie die Stadt Reims in der Champagne? Ein wunderbarer Landesteil
im Norden Frankreichs, berühmt durch den Vin de Champagne,
den wir als Champagner kennen und doch nicht nur ein historischer
Ort mit Symbolik französischer Geschichte, sondern auch der
unseligen kriegerischen Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich
während der beiden Weltkriege. In Reims sollte der französische
König (Charles der VIII.) einziehen, nachdem Johanna von Orleans
den Sieg über die Engländer für ihren König
errungen hat, deshalb nennt sich die Kathedrale in Reims heute Friedenskirche.
Die Kathedrale von Reims gehört nicht nur zu dem Weltkulturerbe
der UNESCO, sie ist eines der schönsten Baudenkmäler Europas
und eng verbunden mit den französischen Königen, die hier
gesalbt und damit für ihr dynastisches Amt geheiligt waren.
Die Kirche wurde im Ersten Weltkrieg zerstört und danach mit
Hilfe von Spenden vorwiegend aus den Vereinigten Staaten wieder
aufgebaut. Aber nicht nur die Kathedrale weist auf eine vielfältige
Vergangenheit hin – in Reims ist auch ein romanischer Kirchenbau,
den man dem Frankenkönig Clodwig weihte, der sich mit seinem
gesamten Gefolge an dieser Stelle taufen ließ. Dies hatte
tiefgreifende Folgen für die Entwicklung Europas zum so genannten
„christlichen Abendland“.
Reims ist eine historische Stadt mit wunderschönen
Baudenkmälern, berühmt für seine Art Déco-Architektur
und in einer weinseligen Gegend gelegen – also ein idealer
Ort für Touristen. Tourismus kann das kommunale Leben sehr
beeinflussen, sei es, dass nur bestimmte kulturelle Monumente und
Veranstaltungen gefördert werden, weil sie wiederum den Tourismus
fördern, sei es, dass man in dem Ausbau aller touristischen
Attraktionen das beste Mittel für die ökonomische Sicherung
der Kommune sieht. Dabei können jedoch gerade solche Überlegungen
das kommunale Leben und den Zusammenhalt einer Stadt beeinträchtigen.
Es lassen sich Beispiele dafür finden, wie sehr die Stadtgesellschaft
an Bedeutung verliert, wenn Stadt und Landschaften gleichsam vorwiegend
zur Kulisse eines für die Touristen aufgeführten Spektakels
werden.
Wie lebt nun eine Kommune wie Reims? Ist es nur eine
Touristenstadt mit Baudenkmälern? Ist es für die Einwohner
eine reine Wohnstadt oder haben sie eine Beziehung zu ihr und ihrer
Geschichte, die auch die französische Geschichte ist oder wenden
sie sich innerlich gelangweilt ab, wenn die Karawanen der Reisebusse
in schönster Touristenmanier klingelnd um die Ecke biegen.
Wir wissen nicht, welche Beziehung die Bewohner von
Reims zu ihrer Stadt haben und doch gibt es Hinweise für das
Leben dieser Kommune, die uns einige Rückschlüsse erlauben.
Reims besitzt beispielsweise eine der schönsten Stadtbibliotheken
im westlichen Europa. Sie wurde während der französischen
Revolution gegründet, um den Bestand der ehemaligen kirchlichen
Einrichtungen in dieser Stadt aufzunehmen, denn die Revolutionäre,
deren Kämpfe Spuren hinterlassen haben, die heute noch zu finden
sind, haben die Bestände des Adels und der Kirche konfisziert,
um sie dem Volk zur Verfügung zu stellen. Manchmal gab es in
Frankreich schon vor dieser Zeit Stadtbibliotheken, meist frühe
Gründungen von aufgeklärten Wohltätern, aber sehr
oft wurden erste Stadtbibliotheken mit dem Zweck gegründet,
private Bestände aufzunehmen. So fehlte auch in Reims ein Raum
für diese Bestände und noch während des 19. Jahrhunderts
war die Bibliothek im Rathaus untergebracht. Im Ersten Weltkrieg,
1917, wurde die Bibliothek von einer Granate getroffen und brannte
aus. Glücklicherweise waren 100.000 Bände des wertvollen
historischen Bestandes rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden.
Nach dem Krieg hat die Carnegie Stiftung der Stadt Reims 200.000
Dollar (mehr als 3 Millionen Francs nach der Währung dieser
Zeit) gestiftet, um eine neue Stadtbibliothek zu errichten. Dieser
Bau war ausdrücklich als Infrastrukturmaßnahme für
die schwer zerstörte Region gedacht.
Die Bibliothek wurde von Max Sainsaulieu (1870-
1953) im Stile des Art Déco ab 1921 erbaut und 1928 durch
den Präsidenten der Republik in Anwesenheit des amerikanischen
Botschafters eröffnet. Sie heißt seitdem Bibliothèque
Carnegie[Fn1]
und ist eine Stadtteilbibliothek der Stadtbibliothek in Reims, bibliothèque
municipale de Reims[Fn2].
Die Flaggen beider Staaten und eine Büste des Stifters Carnegie
schmücken den Eingangsbereich.
Diese Bibliothek im Jugendstil gehört zu den
schönsten Bibliotheksbauten in Europa. Ob sie den Bau der Stadtbibliothek
in Prag (1921) beeinflusst hat, oder ob man in der Tschechischen
Republik, die im gleichen Jahr das erste Bibliotheksgesetz in Europa
erließ, in dieser Epoche zu ähnlichen Lösungen kam,
müsste geklärt werden. Auch die Stadtbibliothek in Prag
ist ein durch seine Klarheit beeindruckender Bau mit Mosaiken und
Glasfenstern und wurde in den letzten Jahren aufwendig restauriert.
Die Stadtbibliothek in Reims ist heute eine historische
Spezialbibliothek, die aber seit 1997 in das Programm réseau
de lecture publique de la Ville de Reims einbezogen ist. Sie
hat konservatorische Aufgaben (missions de conservation du patrimoine
écrit) und ist gleichzeitig eine Öffentliche Bibliothek.
Das heißt, sie hat den Charakter einer französischen
Stadtbibliothek erhalten, die historische und alte Bestände
bewahrt, aber gleichzeitig auch einem interessierten, nicht akademisch
gebildeten Publikum zur Verfügung stellt.
Im Zuge der Erneuerung des Öffentlichen
Bibliothekssystems, die in den 1980er Jahren vom Kulturminister
Jack Lang begonnen wurde, hat auch die Stadt Reims ihr Öffentliches
Bibliothekssystem modernisiert. Im Jahre 1997 wurde das öffentlichen
Bibliothekssystem und die Stadtbibliothek renoviert und um eine
Mediathek in einem eigenen Gebäude erweitert[Fn3]
: Dokumentation, Information und Freizeit sind die Eckpunkte des
nunmehr modernen Programms. Nicht nur in Reims wird daher diese
neue Öffentliche Bibliothek Mediathèque genannt.
Auch, um zu demonstrieren, dass diese Bibliothek alle technischen
Informations- und Kommunikationsmittel für ihre Nutzer zur
Informationsbeschaffung einsetzt und zur Verfügung stellen
will. Aber die Mediathèque Jean Falala ist nicht
nur eine Öffentliche Bibliothek mit dem Angebot moderner Kommunikationsmittel
und -möglichkeiten, sondern auch ein Mittelpunkt moderner Kultur
mit Ausstellungen, Lesungen und vielen Veranstaltungen, die überall
in der Stadt angezeigt sind. Sie ist nicht nur ein Schaufenster,
sondern auch ein Mittelpunkt des modernen Reims, unweit der Kathedrale
und der Bibliothèque Carnegie und damit ein gutes
Zeichen für eine kulturell aufgeschlossene Gemeinde mit großem
Interesse an dem kulturellen Leben in der eigenen Stadt.
Neben diesem Zentrum der Médiathèque
Jean Falala arbeitet eine Zweigstelle, die Médiathèque
Croix Rouge, für die Aus- und Fortbildung[Fn4].
Sie wurde 2003 eröffnet und ist eine Initiative der Stadt,
um die Berufschancen der jüngeren Generation zu verbessern.
Zu der Bibliothèque municipale de Reims gehören
noch vier weitere Stadtteilbibliotheken (bibliothèques
des quartiers), drei Bücherbusse sowie die Médiathèque
du Conservatoire National de Région de Musique et de Danse
und die Bibliothek und Dokumentation des Musée des beaux-arts
de Reims.
Das Bibliothekssystem ist also vergleichbar mit einem
modernen, auf die Kommune bezogenes, verschiedene Bereiche umfassendes
Bibliothekssystem, wie wir es auch in vielen deutschen Städten
finden. Es ist erstaunlich, dass die Kommune es nicht dabei bewenden
ließ, den Einwohnern ein außerordentlich traditionsreiches
Umfeld zu bewahren, sondern gleichsam als zeitgenössische Brücke
zu mehreren Bibliotheksgebäuden als öffentliche Orte ein
reiches kulturelles Angebot und den Zugang zu Informationen weltweit
anzubieten.
Nun ist die Zielsetzung der Öffentlichen
Bibliothek als Kulturzentrum nicht neu in Frankreich, das ja mit
dem offiziellen Namen la lecture publique wie in anderen Institutionen
immer die kulturelle und öffentliche Arbeit als Zielsetzung
der Bibliotheksarbeit gesehen hat. Dieses wird vom Neubau der Nationalbibliothek
in Paris Tolbiac[Fn5]
ebenso verfolgt, die ein Kulturprogramm anbietet und mit diesen
Aktivitäten auch in anderen Ländern vertritt. So äußerte
sich etwa die Direktorin Rosa Regasder N.B. in Madrid in einem Interview:
„Mon aspiration a été de propulser la BNE à
la place qui lui revenait en tant que premier centre culturel d’
Espagne“[Fn6].
Es wäre eine Untersuchung wert, inwieweit diese
erste aus dem Bürgersinn der Stadt und mit Hilfe eines der
größten Stifter des internationalen Bibliothekswesens,
Andrew Carnegie, gegründete Bibliothek die Weiterentwicklung
des Öffentlichen Bibliothekswesens als Hort der Öffentlichkeit
in der Kommune beeinflusst hat. Dies lässt sich schwer nachweisen,
aber oft und durch alle Zeiten hindurch haben solche Traditionen
bewusst oder unbewusst die Menschen beeinflusst. Das Bibliotheksnetz
ist offensichtlich aber ein Grundbaustein des Bürgersinns in
einer Stadt, die mit einem 100jährigen Weihnachtsmarkt und
einem Fest zu Ehren der Johanna von Orleans in die Region ausstrahlt.
In den letzten 20 Jahren wurde gerade im Hinblick auf die Midlands
in Großbritannien der Ausdruck a community in despair
erfunden – eine verzweifelte Kommune. Solche Kommunen, die
wir heute europaweit finden, sind geprägt von sozialen und
auch „kulturellen“ Krisen und suchen händeringend
nach Lösungsmöglichkeiten.
Reims liegt in der Champagne: Die lukrativen
Erwerbszweige „Tourismus“ und „Champagner“
mögen nicht wenig zum ökonomischen Funktionieren der Kommune
beigetragen haben. Die Identitätsbildung einer Stadtgemeinschaft
setzt jedoch mehr als das voraus. Und hier wirkt die Öffentliche
Bibliothek als wichtiger und integraler Bestandteil dieser Kommune.
Und zwar in der Verkörperung aller möglichen Schattierungen:
in der Überlieferung und Bewahrung des kulturellen Erbes, im
Zugang zur modernen Kunst und Kultur und im Angebot für Aus-
und Fortbildung.
Fußnoten
[Fn 1]
www.bm-reims.fr/masc25/default.asp?instance=reims
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[Fn
2]
www.bm-reims.fr
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[Fn
3]
www.bm-reims.fr/masc25/default.asp?instance=reims
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[Fn
4]
www.bm-reims.fr/masc25/default.asp?instance=reims
(zurück)
[Fn
5]
Bibliothèque nationale de France: programme des manifestations
culturelles octobre- decémbre 2006 hrsg. von les amis de
la BNF. URL-www.bnf.fr
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[Fn
6]
Chronique de la bibliothéque
nationale de France Nr. 36 automne 2006.Interview mit Rosa Regas
von Matie Noele Darmois. (zurück)
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