| Biblioblogosphärenklänge
Ergebnisse einer Kurzumfrage
von Ben Kaden (info),
Maxi Kindling (info) und
Manuela Schulz (info)
Liegt es an der Fragestellung, liegt es
an den Bloggern, liegt es an der Zeit? Wir dachten eigentlich, dass
es angesichts des zunehmenden Gewusels um die „Bibliothek
2.0“ und der einsetzenden breiteren Akzeptanz „Sozialer
Software“ im deutschen Bibliothekswesen kurz und spontan der
Umfrage Mattering the Blogosphere, die in der Märzausgabe von
American Libraries erschien und in der amerikanischen Biblioblogosphäre
eine Weile ein größeres Thema war, ein deutsches Gegenstück
zu liefern.
Mag die spärliche Rücklaufquote am eher
„improvisierten“ Charakter unserer Umfrage liegen oder
die E-Mail einfach nur in den Spam-Ordnern verschwunden sein. Vielleicht
ist man im deutschen Bibliothekswesen auch mit Umfragen derart übersättigt,
dass man sofort abblockt, wenn ein angehängter Fragebogen erscheint.
Wir greifen also auf ein geringes Sample(!) an Rücksendungen
zurück, was nun keinen allgemeinen, aber doch tendenziellen
Erkenntniswert mit sich bringt.
Die erste Frage bezog sich auf den aktuellen
Zustand der deutschen Biblioblogosphäre. Wir wollten wissen,
welche Funktion sie aus Sicht der Befragten besitzt.
Mit „Biblioblogosphäre“ wird in Deutschland
sofort der netbib-Weblog assoziiert, der – so eine Antwort
– „für jeden Library Professional Pflicht sein
sollte!“ Dass es darüber hinaus noch eine solche Form
der Blogosphäre in Deutschland gibt, wird mit einem Fragezeichen
versehen. Leitbild ist hier die amerikanische Blogosphäre,
so dass die in der Fragestellung vorgenommene Unterscheidung selbst
hinterfragt wird: Die thematischen Überschneidungen seien so
groß, dass die Abtrennung wenig praktikabel ist.
Übereinstimmung findet sich in den Antworten
dahingehend, dass die Blogosphäre der informellen Kommunikation
und als Netzwerk für Bibliothekare und Fachverwandte dient,
die sich einem gemeinsamen Gegenstand widmen. Sie wird zum Teil
als Ersatz für fachspezifische Newsletter gesehen, weniger
jedoch als Diskussionsplattform, da nach wie vor eine große
Scheu vor dem Veröffentlichen von Kommentaren beobachtet wird.
Die Zielgruppe will anscheinend in erster Linie die Blogs als Newsticker
lesen. Andererseits übernehmen sie auch eine Art Laborfunktion,
da hier Web 2.0-Möglichkeiten, die u.U. auch in der Kommunikation
mit Benutzern eingesetzt werden können, durchprobiert werden.
Zudem dienen sie den Aktiven als Mittel zum autodidaktischen Lernen.
So war es letztlich die Biblioblogosphäre, die den Weg dafür
bereitet hat, dass demnächst Tagclouds und Podcasts in OPACs
und auf Bibliothekswebseiten erscheinen.
In Hinblick auf die allgemeinen Ziele des Bloggens
sind drei Schwerpunkte feststellbar: einerseits bloggt man „für
sich“ als Einzelperson mit dem Ziel einer gewissen fachlichen
Selbstdarstellung. Anderseits wird für die eigene Institution
gebloggt, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass man die Zeichen
und Möglichkeiten der Zeit erkannt hat. Zudem wird für
die Benutzer gebloggt, um ihnen eine neue Form der Kommunikation
mit der Bibliothek zu ermöglichen bzw. diese Kommunikation
zu intensivieren.
Individuelle Gründe sind also Selbstdarstellung, persönlicher
Lerneffekt und auch die Nutzung des Blogs als (Arbeits)Notizbuch,
institutionelle Gründe demnach Imagearbeit und Dienstleistung.
Die Peer-to-Peer-Kommunikation, also das Lernen voneinander
und der Austausch von Nachrichten wurden hier überraschenderweise
nicht explizit genannt.
Frage Zwei zielte auf Entwicklungstendenzen
und -vorstellungen der hiesigen Bibliobloglandschaft.
Eine Entwicklung scheint die Institutionalisierung
dieser Medienform zu sein. So wird vermutet, dass Blogs irgendwann
an die Stelle von Fachzeitschriften treten können, da sie schneller
und flexibler sind und andererseits den nun mit Bloggen Beschäftigten
die Zeit zum Verfassen von Zeitschriftenartikeln fehlt. Wissenschaftliche
Zeitschriften dürften von dieser Entwicklung jedoch weniger
betroffen sein.
Dadurch, dass für die Generation der jetzt Studierenden
das Web 2.0 und damit auch Weblogs zum Alltagsmedium gehören,
wird der Anteil derer, die „bibliobloggen“, in Zukunft
sehr zunehmen.
Schließlich wird eine Diversifikation der Blogosphäre
angenommen: Neben den „Hubs“ der großen Gemeinschaftsblogs
wird es viele Blogs zu spezifischen Gesichtspunkten des Bibliothekswesens
geben. Zunehmen wird auch die Zahl der Projektblogs, d. h. also
der zeitlich begrenzt gepflegten Blogs, die die Entstehung von Dissertationen
oder Monographien begleiten.
Mit der dritten Frage wollten wir die persönliche
Motivation der Blogger ermitteln.
Zur Motivation zählt zunächst grundsätzlich
die Freude am Schreiben, an der Kommunikation und der Nutzung von
neuen Kommunikationsmöglichkeiten, daneben die Chance, selbst
Themen in die Blogosphäre einzuspeisen und damit in gewisser
Weise auf das Agenda Setting einzuwirken. Die Unkompliziertheit,
Geschwindigkeit und Selbstbestimmtheit des Mediums werden in diesem
Zusammenhang als Vorzug gegenüber klassischen Publikationsmitteln
gewertet.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Notizbucheffekt:
Blogs werden als Möglichkeit gesehen, bestimmte Aspekte besser
festzuhalten und zu verarbeiten. Sie sind zudem – im Unterschied
zum papiernen Notizbuch – volltextretrievalfähig.
Verwandt mit dem Notizbucheffekt ist der Tagebucheffekt:
Blogs dienen der Dokumentation der eigenen Lernkurve und begünstigen,
da sie in gewisser Weise zur Reflexion zwingen, die Erinnerung.
Dabei wird der persönliche Nutzen z. T. über die Effekte,
die sich aus der öffentlichen Sichtbarkeit ergeben, gestellt.
Andererseits ergibt sich aus einem Blog auch eine Art fachliches
Portfolio bzw. „Kompetenz-Profil“.
Mancher bloggt für sich allein, aber
die meisten bloggen dennoch öffentlich einsehbar. So ging es
uns bei Frage vier um die Leserschaft bzw. Zielgruppe.
Diese wird als „unterschiedlich“, „temporär“
bzw. „sehr heterogen“ bezeichnet. Eine konkrete „Zielgruppe“
hat keiner der Antwortenden benannt – der Schwerpunkt liegt
auf der Fachöffentlichkeit. Dazu kommt die interessierte allgemeine
Öffentlichkeit und an Schnittstellen Leser mit anderen Kerninteressen
bzw. Fachhintergründen (Informatik, Web 2.0, Wissensgesellschaft,
Informationskompetenz...) sowie schlicht Kurzzeitleser, die über
eine der Suchmaschinen zufällig auf einen Beitrag stoßen.
Thematisch enger begrenzte Blogs bedienen z. T. auch
hauptsächlich einem dem Blogger persönlich bekannten Kreis
von ebenfalls an diesem Thema Interessierten. Hier scheint es nicht
unwahrscheinlich, dass sich perspektivisch kleine Fachzirkel, die
sich jeweils über ihre eigenen Blogs verständigen, entwickeln.
Bei persönlichen Blogs gilt jedoch häufig,
dass der Blogger selbst die eigene Zielgruppe darstellt, d. h. externe
Leser zwar gern mitlesen dürfen, man die Texte jedoch nicht
primär für sie, sondern für sich selbst schreibt.
Nach dem, was der Blogosphäre fehlt,
fragten wir als Fünftes.
Bemängelt wurde der z. T. exklusive Charakter
der Blogosphäre, die es Späteinsteigern u. U. nicht leicht
macht, wahrgenommen zu werden. Zudem besteht der Wunsch nach Außenwahrnehmung
des Bibliothekswesens und seiner Themen. Auch wird der Wunsch nach
mehr „Dissenz“ bzw. konträren Meinungen geäußert.
In Ansätzen zwar z. T. schon vorhanden aber noch nicht befriedigend
entwickelt, ist die Anknüpfung an das internationale Geschehen.
Ebenfalls als wünschenswert wird eine stärkere Einbindung
der Biblioblogosphäre in das Bibliothekswesen an sich gesehen,
bisher ist trotz aller Offenheit objektiv nur ein sehr kleiner Teil
von Bibliothekaren und Bibliotheks- und Informationswissenschaftlern
in der Fachblogosphäre aktiv. Schön wäre es, wenn
diese Aktivisten und/oder das Blogprinzip auch in Führungspositionen
im Bibliothekswesen vorstoßen könnten.
Ideal wäre es, wenn die Biblioblogosphäre
in den Bibliotheken so selbstverständlich wäre wie der
Bibliotheksdienst oder BuB.
Schließlich wollten wir wissen, welche
Rolle die deutsche Biblioblogosphäre bei der hiesigen Entwicklung
der so genannten „Bibliothek 2.0“ bzw. bei der Debatte
zu diesem Konzept spielt.
Im Ergebnis steht, dass die deutsche Biblioblogosphäre
nicht nur ein Teil der „Bibliothek 2.0“ ist, sondern
hierzulande nahezu deckungsgleich mit der Debatte gesehen wird.
Außerhalb der Blogs gibt es demzufolge fast keine Diskussion
bzw. werden die wenigen Beiträge, die in Fachzeitschriften
zum Thema erscheinen, überwiegend von den Bloggern selbst verfasst.
Dies kann sich relativieren, wenn Blogs als Kommunikations- und
Publikationsformen im hiesigen Bibliothekswesen bzw. der deutschen
Bibliothekswissenschaft „gängiger“ geworden sind.
Zudem sind sie Interaktionsinstrumente, die den Bibliotheksbenutzer
nicht mehr nur als „Kunde“, sondern „Mitgestalter“
der Bibliothek agieren lassen.
So bleibt am Ende der deutliche Appell eines der Befragten,
sich selbst an der Blogosphäre zu beteiligen: „Mindestens
lesend und kommentierend, am Besten allerdings gleich mit einem
eigenen Blog. Versuch macht klug.“
Und selbst wenn man nicht in die manchmal in der Tat
etwas undifferenziert wirkende Euphorie um die „Bibliothek
2.0“ und die Implementierung „Sozialer Software“
in Bibliotheken einstimmen mag, so gibt es unserer Meinung nach
keinen besseren Ort bzw. kein besseres Werkzeug, als die Biblioblogosphäre
selbst. Die Auswertung der Kurzumfrage hat dieses Verständnis
überwiegend bestätigt. Denn das Alternativszenario zweier
Parallelwelten, bei denen sich in der einen all die „Bibliothek-
und Web 2.0“-Enthusiasten sammeln und in der anderen die Verweigerer
konzentrieren, wird sicherlich keine Seite als anstrebenswert empfinden.
Man mag auch nicht immer eine Gegensätzlichkeit des „So
oder So“, des „Drin oder Draußen“, des „Modern
oder Antiquiert“ als Denk- und Argumentationsgrundlage sehen,
sondern die Vielfalt auch in diesem Zusammenhang annehmen. Daran
merkt man vielleicht, dass beides geht: Blog und Zeitschrift, Bestandserhaltung
und Nutzer, eBook und Hardcover-Band, Blogosphäre und Café-Runde.
Denn es geht eigentlich weniger um grundsätzliche Veränderungen,
sondern um Abstimmung und Anpassung. Was wir brauchen – und
dafür bietet die Biblioblogosphäre theoretisch exzellente
Möglichkeiten – sind Formen der Koordination und Überschaubarmachung
dieser Vielfalt. Denn das Entweder-Oder-Denken entspringt vorwiegend
aus einer Überforderung und dient als Notlösung des Gehirns,
in einer unübersichtlichen Situation schnell Übersicht
und Ordnung schaffen zu können.
Jedoch sollten sowohl Bibliothekswesen wie auch Bibliothekswissenschaft
souverän genug sein, etwas weniger archaisches als diese Schematisierung
und stattdessen etwas mehr Differenz, Heterogenität und Vielfalt
Bejahendes als Grundparadigma anzunehmen bzw. zu entwickeln. Und
mehr noch als die Fachzeitschriften, die eher diskursbündelnd
vorgehen, bietet die Blogosphäre eine hervorragende Möglichkeit,
einen diskursiven Pluralismus zu entfalten.
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